Die Aschauer

Erschienen: Januar 1987

Bibliographische Angaben

  • Rosenheimer, 1987, Titel: 'Die Aschauer', Originalausgabe

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Birgit Stöckel
80 Jahre aus der Geschichte Aschaus im Chiemgau

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Feb 2014

Der Klappentext zu Die Aschauer von Carl Oskar Renner zeigt deutlich, dass gute Klappentexte offenbar gar nicht so einfach zu schreiben sind. Oft nehmen sie entweder zu viel vorweg oder sie sind so knapp gefasst, dass sie dem Buch nicht gerecht werden. Hier trifft letzteres zu. Der Kampf der beiden Mädchen Resei und Marei Pertl um einen Gesellenbrief sowie die Liebesgeschichten zwischen Resei und dem Bannrichter zu Prien Florian Grießbeck und zwischen Marei und dem Forstpraktikanten Georg Pilgrim sowie die jeweiligen Hochzeiten sind nach fünfzig Seiten abgehandelt.

Renner spannt seinen Bogen viel weiter und beschränkt sich nicht auf die Lebens- und Liebesgeschichte dieser zwei Frauen. Er erzählt von einem ganzen Ort, einer ganzen Gegend und das über 83 Jahre lang. Marei und Resei sind zwar zunächst die zentralen Figuren, doch beschränkt sich Renner nicht auf diese beiden, sondern spinnt den Faden bis hin zur Enkelgeneration weiter. Er gewährt Einblicke in die verschiedensten Bereiche des alltäglichen Lebens und berichtet von gutbürgerlichen Verhältnissen ebenso wie von ärmlichen, von der Eisengewinnung und dem Niedergang derselben, von Forstwirtschaft, rechtlichen Belangen, der Beeinflussung durch die Politik und insbesondere durch Napoleon, von dem Herrschergeschlecht der von Preysings und von den Nonnen auf Frauenchiemsee.

Lokalkolorit und dialektische Einfärbung

83 Jahre auf gerade einmal 330 Seiten abzuhandeln ist natürlich nicht leicht und gelingt auch nur, weil Renner episodenhaft berichtet, sozusagen Schlaglichter wirft und nicht den ganzen Zeitraum in aller Ausführlichkeit erzählt. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, denn die Kapitelüberschriften enthalten keine Jahreszahlen, so dass der Leser nur durch im Text erwähnte Zeitangaben erfährt, ob ein Zeitsprung stattgefunden hat und wenn ja, wie viele Jahre dieser umfasst. Wenn man sich darauf allerdings einlässt, dann ergibt sich nach und nach aus den einzelnen Episoden ein umfassendes Bild dieser acht Jahrzehnte.

Ein großer Pluspunkt ist das Lokalkolorit. Kenner des Chiemgau und der Rosenheimer Umgebung kommen auf ihre Kosten, denn es macht Spaß, bekannte Orte aus einem anderen Blickwinkel und zu einer anderen Zeit kennenzulernen und es ist faszinierend zu lesen, wie lange die Leute damals für Strecken brauchten, die man heute mit dem Auto in 30-40 Minuten zurücklegt. Zusätzlich lässt Renner immer wieder Dialekt einfließen - nicht so stark, dass Nicht-Bayern den Text nicht verstehen würden, aber genug, um dem Ganzen eine besondere Note zu verleihen. Für die unbekannteren Ausdrücke gibt es ein Glossar mit Erläuterungen. Das ist besonders bei den Feiertagen sehr hilfreich, um einordnen zu können, wann die Ereignisse stattfinden. Zusammen mit der humorvollen Erzählweise wiegt das die teilweise sperrige Sprache auf.

Die Charaktere bleiben Fremde

Das große Manko dieses Romans ist allerdings die sehr neutrale Perspektive. Renner beschreibt die Geschehnisse ohne Wertung und Kommentare, er blickt auch nicht in die Köpfe seiner Protagonisten, lässt sie nur in Dialogen und durch ihre Handlungen sagen, was sie denken und fühlen. Inneneinsichten fehlen fast komplett. Dadurch bleibt der Leser ein unbeteiligter Beobachter, kann nur schwer eine Verbindung zu den Figuren aufbauen und sich nicht mit ihnen identifizieren.

Die Aschauer findet seinen Großteil der Leser vermutlich unter denen, die Aschau und das Chiemgau kennen, auch wenn es sicherlich auch für diejenigen geeignet ist, die sich nicht scheuen, neue Gegenden in vergangenen Zeiten kennenzulernen. Die teilweise sperrige Sprache und die neutrale Erzählweise mit fehlender Inneneinsicht in die Protagonisten werden allerdings verhindern, dass dieser Roman ein breiteres Publikum findet.

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