Die Tänzerin

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2009, Titel: 'An Invitation to Dance', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Carsten Jaehner
Bemerkenswerte Einladung zum Tanz

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Dez 2010

Kurzgefasst:

Die klassische Femme fatale. Sie verzauberte einen ganzen Kontinent und wusste die Reichen und Mächtigen um den Finger zu wickeln: Lola Montez (1821-1861). Zu ihrer Zeit war Lola Montez in ganz Europa für ihre Tanzkunst, noch mehr jedoch für ihre Skandale bekannt. Bayernkönig Ludwig I. und der Komponist Franz Liszt waren ihr verfallen, unzählige Liebhaber erlagen ihrem Charme.

 

Eliza Gilbert ist ein irisches Mädchen, das bis zum Alter von fünf Jahren in Indien lebt. Ihr Vater ist Diplomat und stirbt kurz nach der Ankunft. Man schreibt das Jahr 1826, und Eliza wird von ihrer Mutter allein zurück nach Schottland geschickt, wo sie bei nahen Verwandten aufwächst. Sie wird nach Bath geschickt, wo sie in einem Internat für Höhere Töchter unterrichtet wird und entfremdet sich immer mehr von ihrer Mutter. Diese besucht sie gelegentlich und scheint neben ihrem Mann einen neuen Liebhaber gefunden zu haben, den Offizier Thomas James.

Eliza mag ihn zunächst nicht, doch man kommt sich näher, und schließlich flüchtet die Tochter mit dem Liebhaber ihrer Mutter und die beiden heiraten im Jahr 1837, Eliza ist da gerade 16 Jahre alt. Sie gehen nach Indien, doch schon 1839 trennt sie sich von ihrem Mann, ein Skandal in dieser Zeit, der sie für den Rest ihres Lebens verfolgen wird. Sie lernt in London spanische Tänze, was sie in Spanien selber vertieft, und bei ihrer Rückkehr nach London wird sie zur gefeierten Tänzerin Lola Montez aus Sevilla, die sich von reichen Herren aushalten lässt.

Ihre Karriere als Tänzerin, die sie um die ganze Welt führen wird, nimmt ihren Lauf, doch daneben wird sie nicht glücklich. Immer wieder scheitern Beziehungen zu Männern, auch wenn diese Berühmtheiten wie Alexandre Dumas, Franz Liszt oder König Ludwig I. von Bayern sind. Immer ihre ungeliebte Mutter und ihre immer noch nicht geschiedene Ehe im Nacken, flüchtet sie vor ihren Männern, ihren Gläubigern und vor sich selbst.

Ein buntes und eindrucksvolles Leben

An Invitation to Dance, "Eine Einladung zum Tanz" heißt der zweite Roman der Britin Marion Urch und der erste, der von ihr auf deutsch erschienen ist. Darin erzählt sie eindrucksvoll das Leben ihrer Landsmännin Eliza Gilbert, die später als Tänzerin Lola Montez weltberühmt und -berüchtigt wurde. Der Roman ist in vier größere Abschnitte unterteilt und die einzelnen Kapitel mit verschiedenen Modestoffen betitelt. Die ersten drei Abschnitte sind aus Lolas Ich-Perspektive beschrieben, der letzte hingegen aus neutraler Erzählposition.

Der erste Abschnitt beginnt mit Elizas Kindheit, und dementsprechend ist auch die Sprache noch nicht so ausgefeilt. Es gibt einige Erzähllücken, und manchmal bekommt man als Leser das Gefühl, dass da doch einiges durcheinander erzählt wird und ein wenig unsortiert ist. Gleichwohl passt das ins Bild, ist doch ein Hauptaspekt derjenige mit der Mutter, die ihre Tochter mit Gleichmut und ohne Liebe behandelt. Dennoch gibt es keine Erzähllücken, und die eher einfache Sprache ist dennoch eindrücklich.

Sprachliche und persönliche Entwicklung

Im weiteren Verlauf, wenn Eliza ihrer Mutter den Liebhaber ausspannt und schon bald nach der Hochzeit bemerkt, dass es wohl doch nicht das war, was sie sich vorgestellt hat, wird auch die Sprache erwachsener. Marion Urch entwickelt ihre Sprache parallel zu Eliza, und das liest sich sehr flüssig und bisweilen sogar packend. Sie versteht es, den Leser mitleiden und mitfiebern zu lassen und den Leser neben den Konflikten mit wenigen Sätzen in die vielen wechselnden Orte zu versetzen und somit Stimmungen in Eliza und den verschiedenen Personen einzufangen. Einzig der teilweise recht detaillierten Liebesbeschreibungen hätte es in diesem Umfang nicht unbedingt gebraucht.

Eliza, die sich später Lola nennt, gerät von einer Männerbekanntschaft zur nächsten, erst ungewollt, später geplant, und sie stumpft dabei immer mehr ab. Die Beschreibungen der Charaktere ist treffend und lassen den Leser über Indien, Frankreich, England, Russland, Bayern, Australien und Amerika eine Leben mitleben, dass heutzutage unmöglich erscheint und es für die damalige Zeit erst recht gewesen sein muss. Die Einbettung Lolas Leben in tatsächliche historische Ereignisse wie zu der Zeit, als sie die Geliebte König Ludwigs I. von Bayern war, machen die Erzählung noch eindrücklicher. Gerade dieser Abschnitt dürfte einigen Lesern bekannt sein, der Rest allerdings eher nicht. So ergibt sich allerdings ein beeidruckendes Gesamtbild Lolas.

Insgesamt ist Die Tänzerin das Porträt einer historischen, unglücklichen Frau, die ihr Leben gelebt hat und die sprichwörtlich nichts ausgelassen hat. Marion Urchs Erzählstil ist packend, und durch die verschiedenen Orte, wo sich Lola aufgehalten hat, gibt es ein kompaktes Bild der Welt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die 430 Seiten des Romans vergehen wie im Flug, und man ist geneigt, sich mehr mit dieser interessanten Person zu beschäftigen. Ein gelungener Roman ohne nennenswerte Schwächen, der dem Leser sowohl Exotik als auch Gewohntes präsentiert. Diese Art von einem bunten und abwechslungsreichen und dennoch dichten historischem Roman würde man gern öfter in den Händen halten.

 

Die Tänzerin

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