Letzte Welten

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2005, Titel: 'Afterlands', Originalausgabe

Couch-Wertung:

50
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Carsten Jaehner
Halbjähriges Ende einer Nordpol-Expedition

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jan 2009

Kurzgefasst:

Die historische "Polaris"-Expedition des US-Militärs von 1872 an den Nordpol: Durch ein Unglück im Packeis werden neunzehn Menschen vom Schiff getrennt und treiben auf einer Eisscholle gen Süden. In der Dunkelheit des polaren Winters entstehen zwischen den Crewmitgliedern unterschiedlichster Nationalität Spannungen, es kommt zu einer Meuterei. Bald weht auf der einen Hälfte der Scholle eine deutsche Fahne, auf der anderen das US-Banner. Die "Grenze" wird von Bewaffneten bewacht. Roland Kruger, der Bootsmaat, gerät zwischen die Fronten. Wenig hilft ihm seine Liebe zu Tukulito, der Eskimofrau, die mit ihrem Kind Punnie das Schicksal der Gruppe teilt. Als das Eis schmilzt, scheinen die Schiffbrüchigen verloren...

 

Im Jahr 1872 bricht eine Expedition auf der USS Polaris ins Nordmeer auf, um zum Nordpol zu gelangen. Unter Captain Charles Francis Hall kommt man dem Nordpol näher als je zuvor eine Expedition. Hall selbst verstarb bei der Rückfahrt plötzlich, und im Winter des Jahreswechsel wurde die USS Polaris zwischen Eisschollen eingequetscht. Neunzehn Menschen verliessen das Schiff und wurden auf einer riesigen Eisscholle mit wenigen Vorräten und Waffen vom eingekeilten Schiff abgetrieben.

Unter der Führung von George Emery Tyson treibt die Gruppe die Baffin Bay zwischen Grönland und Nordamerika hindurch. Mit dabei sind ach einige Eskimos, die Seerobben jagen und somit die zur Neige gehenden Nahrungsvorräte ergänzen. Tukulito ist die Eskimofrau, deren Mann Ebierbing Robben jagt, und ihre gemeinsame Tochter Punnie ist ebenfalls auf der Scholle gestrandet.

Bald schon kommt es zu Spannungen unter den Seemännern, und es entstehen zwei Lager auf der Eisscholle, die bald mit Waffen voneinander bewacht werden. Der Bootsmaat Roland Kruger steht bald zwischen beiden Lagern und wird von beiden Lagern des Diebstahls bezichtigt. Erst nach einem halben Jahr können die Menschen Ende April 1873 von einem Forschungsschiff gerettet werden.

Ein halbes Jahr auf einer abtreibenden Eisscholle

Was als eine erfolgversprechende Polarmeer-Expedition begann, endet für neunzehn Menschen in einem halbjährigen Albtraum - sie treiben auf einer Eisscholle ab und müssen für sich selbst sorgen, bei tiefsten Temperaturen weit unter Null, mangelnder Nahrung, Spannungen unter den Mitgliedern, kaum vorhandener Hygiene und Kompetenzgerangel. Ausreichend Stoff für einen spannenden Abenteuerroman, beruhend auf der tatsächlichen wahren Begebenheit. Doch leider kann der Autor Steven Heighton die Spannung in seinem Roman "Letzte Welten" nicht immer hochhalten.

Nach einigen Kapiteln auf der Polaris findet der Löwenanteil des Romans tatsächlich auf der abgebrochenen und natürlich, da man gen Süden driftet, langsam kleiner werdenden Eisscholle ab. Es haben sich zwei Lager gebildet, mit einer deutschen und einer amerikanischen Flagge, um die Lager auch zu verdeutlichen. Da es Männer, Kinder und nur eine Frau gibt, die zudem Inuit ist, entstehen zwangsläufig Befindlichkeiten, die auf Herkunft, gesellschaftlicher Stellung, Offiziersrang und der allgemeinen Natur begründet sind. Der ranghöchste Offizier Tyson schafft es nur schwerlich, sich auch als solcher durchzusetzen. Probleme gibt es vor allem, weil sich irgendwann herausstellt, dass ein teil der Vorräte gestohlen wurde, und niemand weiß, wer es war und wo die Vorräte versteckt sind. Jeder verdächtigt jeden, und so kann es keinen Frieden geben, Misstrauen überall.

Wahre Begebenheit

Stevfen Heighton erzählt im Wechsel durch Tagebucheinträge von Tyson, Tagebucheinträgen von Kruger und einer neutralen Erzählung die Geschichte, doch durch diese Stückelung lässt er auch einiges aus, wie ein detaillierteres Weihnachtsfest auf der Scholle, und so stockt die Erzählung bisweilen. Mal gibt es mehrere Einträge an einem Tag, mal wieder zwei Wochen gar nichts, und man fragt sich unweigerlich, was denn in dieser Zeit wohl passiert sein mag, und ob in dieser Zeit alles, auch in seinen Spannungen, so weitergegangen ist wie zuvor. Einige Schicksale der Männer auf der Eisscholle werden nahezu komplett ausgespart, und so mag man nicht recht warm mit der Geschichte werden, die so doch recht zerfasert daherkommt.

Die erzählerische Distanz, die der Autor aufbaut, lässt den Leser nicht wirklich am Geschehen teilhaben. Mit ein weiterer Grund dafür ist die Art und Weise, wie der gesamte Roman erzählt wird. Es gibt eine ausgezeichnete wörtliche Rede mit Anführungszeichen, alles ist in einem Text geschrieben. So vermischen sich tatsächlich vorhandene wörtliche Rede und Erzähltext, was teilweise sehr verwirrend ist, zudem ist man sich nicht immer sicher, um wen es gerade geht. Hier hat sich der Autor für das Verständnis einen Bärendienst erwiesen und versteht es nicht, den Leser durchgehend mit Spannung für die Geschichte zu interessieren. Die Rettung selber nimmt erstaunlich wenig Raum ein, als sei sie als letztliches Ziel der Expedition völlig unwichtig.

Nicht überzeugend, wenig Spannung

Ist die Rettung endlich geglückt, stellt der Leser erstaunt fest, dass er noch ein gutes Drittel des Romans vor sich hat. Hier erzählt Heighton, wie es Tyson, Kruger und der Eskimo-Frau Tukulito nach der Expedition weiter ergangen ist. Während Tukulito und ihr Mann sich wohl getrennt haben, ist Kruger nach Mexiko gegangen und Tyson wird durch die Lande gereicht und hält Vorträge über die Expedition. Hier gerät die Erzählung intensiver und mit mehr Zusammenhang als auf der Eisscholle, und das Ende ist zumindest ein versöhnlicher Abschluß.

Insgesamt kann der Roman jedoch nicht überzeugen. Hier wurde viel Potenzial an Spannung verschenkt, gerade im letzten Teil fragt man sich des öfteren, was das mit dem Erlebnis auf der Eisscholle zu tun hat. Es ist eigentlich eine komplett neue Erzählung, in der nur selten auf das halbe Jahr im Nordmeer Bezug genommen wird und daher für einen Arktis-Roman bestenfalls überraschend ist. Heightons Erzählweise ist anstrengend, bisweilen sogar zäh und liest sich nicht einfach mal eben so, hier ist wahrlich Ausdauer und Durchstehungsvermögen gefragt. Wer sich an diesen Roman wagt, sollte Geduld mitbringen.

Ein paar Stiche, Zeitungsmeldungen und eine Karte mit dem Weg, den die Eisscholle genommen hat, zu Beginn des Romans ergänzen den Roman. Auf einem Stich wird die gesamte Gruppe der Eisscholle aufgezeigt, hier wäre es wünschenswert gewesen, zu wissen, wer auf dem Bild wer ist, doch leider fehlen hier die Namen, wie generell ein Namensregister wünschenswert gewesen wäre. Immerhin gibt es ein paar kurze Nachbemerkungen, wenngleich nicht zu allen Teilnehmern der Expedition, die eine weitere Ergänzung des Romans darstellen. Hier wurde aus einem potenziell spannenden Abenteuer-Expeditionsroman schwere Kost gemacht. Schade.

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