Zebulon von Rudolph Wurlitzer

Buchvorstellungund Rezension

Zebulon von Rudolph Wurlitzer

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „The Drop Edge of Yonder“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 308 Seiten.ISBN 3701715963.Übersetzung ins Deutsche von Rudolf Hermstein.

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Kurzgefasst:

Amerika, MItte des 19. Jahrhunderts. Zebulon Shook heißt der Held dieses Western ohne Helden: Nachdem er Lobo Bill im Kampf um eine Frau, halb Irin, halb Indianerin, erschießt, verlässt der abgebrannte Trapper und Fellhändler seine Hütte am Gila-Fluss in New Mexico und zieht Richtung Westen. Sein Weg führt ihn durch ein Land, wo kein Gesetz herrscht und Amerika noch nicht begonnen hat. In einem Bordell trifft er seinen Stiefbruder Hatchet Jack wieder, verliert beim Poker gegen die trickreiche und schöne Hure Delilah, fängt sich eine Kugel ein, und als er tags darauf erwacht, weiß er nicht, ob er noch lebt oder nur ein Geist ist unter Geistern. Auf der Suche nach seinem Vater macht er sich auf nach Kalifornien, wo der Goldrausch Exzesse von Gier und Gewalt feiert, trifft in einer Opiumhöhle Delilah wieder und wird als notorischer Outlaw von den Kräften von Recht und Ordnung gejagt. Schließlich stößt er an die letzte Grenze, wo die Welt endet und etwas anderes beginnt.

Das meint Histo-Couch.de: „Deliriöse Irrfahrt durch einen irrwitzig Wilden Westen“85Treffer

Rezension von Michael Drewniok

Seit 1848 steht auch der (nicht ganz so) Wilde Westen der USA ganz im Zeichen des Goldrausches. Die Gier nach dem schnellen Reichtum lockt so viele Menschen dorthin, wo das edle Metall gefunden wird, dass bisher lukrative Verdienstquellen versiegen, weil niemand sich mehr für das angebotene Gut interessiert.

Damit endet für Zebulon Shook seine Zeit als Trapper in den Bergen von Colorado. Als auch noch seine Mutter stirbt, hält ihn nichts mehr in seiner Heimat. Auch Zebulon will sich als Goldsucher versuchen; ihn zieht es nach Kalifornien, wo auf dem Gelände von Fort Sutter besonders reiche Vorkommen ausgebeutet werden.

Schon die Reise nach Kalifornien ist ein gefährliches Abenteuer, wenn man von der Ostküste startet. Zebulon ist ohnehin angeschlagen; während einer Saloon-Schießerei bekam er – womöglich vom eigenen Bruder Hatchet Jack – eine Kugel ab, die direkt am Herz sitzt und ihn jederzeit töten kann. Zudem suchen seltsame Visionen Zebulon heim; womöglich ist er längst tot und steckt in einem Zwischenreich fest, das dem irdischen Leben nur gleicht.

Zebulon ist Pechvogel und Glückskind zugleich. Immer wieder gerät er in lebensbedrohliche Situation, aus denen er sich gerade noch retten kann. Dabei hinterlässt er unfreiwillig eine breite Spur aus den Leichen derer, denen das Schicksal weniger hold war. Auf Zebulons Kopf wird eine hohe Belohnung ausgesetzt, die sich selbsternannte Kopfgeldjäger verdienen wollen, dabei jedoch ebenfalls auf der Strecke bleiben. In Begleitung der schönen, aber mysteriösen Delilah und immer wieder bedroht oder gerettet von Hatchet Jack, irrt Zebulon in zunehmender Verwirrung durch ein Land, das sich in ein Irrenhaus verwandelt hat – oder ist es das Fegefeuer ...?

Visionen eines wirklich wilden Westens

Dass dieser Roman ungewöhnlich (= schwer in die von der Werbung bevorzugte „Schublade“ zu schieben) ist, verdeutlicht früh ein Lobhudel-Zitat, das es auf das Cover der Taschenbuch-Ausgabe geschafft hat, obwohl – oder gerade weil – sein Sinn dunkel bleibt: „Zebulon ist der Western, den man immer sehen wollte, aber nie lesen durfte.“ Beide Aussagen sind bereits für sich alleingenommen falsch, denn sehen kann man einen Western, der die Atmosphäre dieses Buches kongenial aufgreift, schon seit 1995. Regisseur und Drehbuchautor Jim Jarmusch drehte ihn unter dem Titel Dead Man und zeigte Johnny Depp, der als Revolverheld wider Willen und mit einer Kugel im Herzen durch eine zunehmend den Bezug zur Realität verlierende Handlung in den Tod taumelt. (Dass man ein Buch wie dieses „nie lesen durfte“, ist schlichter Unfug.)

Die Dead-Man-Story klingt sehr bekannt, wenn man Zebulon gelesen hat, was kein Wunder ist, denn Jarmusch bediente sich – mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers – bei einem nie veröffentlichten Drehbuch, das niemand anderer als Rudolph Wurlitzer bereits in den 1970er Jahren geschrieben hatte. Regisseure wie Sam Peckinpah – für den Wurlitzer das Script zum Filmklassiker Pat Garrett and Billy the Kid (1973; dt. Pat Garrett jagt Billy the Kid) geschrieben hatte – oder Hal Ashby (Harold and Maude, 1971) waren für eine Verfilmung im Gespräch, die nie finanziert werden konnte. Zum Roman schrieb Wurlitzer seine Vorlage erst Jahre nach dem Film Dead Man um. Als The Drop Edge of Yonder erschien er 2008.

Die Story kann ihre Entstehungszeit nicht verhehlen, die 1970er Jahre waren zumindest aus künstlerischer Sicht „psychodelisch“. Rauschmittel bzw. -gifte galten als Bereiter des Weges, das Bewusstsein zu „erweitern“, sodass Blicke über den Tellerrand des dreidimensionalen Real-Universums möglich wurden. Dort existierte es in den Falten fremder Dimensionen womöglich außer- bzw. überirdische Intelligenzen, mit denen man in Kontakt treten konnte – Hypothesen, die sich in Gewissheiten verwandelten, wenn man lange und intensiv genug den genannten Mitteln und Giften zusprach.

Hölle auf Erden

Der Wilde Westen des 19. Jahrhunderts ist kein Umfeld, in dem man Psychodelisches oder Spirituelles erwarten würde. Tatsächlich scheint es kaum eine Ära der Menschheitsgeschichte zu geben, in der die Realität stärker im Vordergrund stand. Es galt einen ganzen Kontinent zu „erobern“, d. h. seine Reichtümer an sich zu reißen und gleichzeitig die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Die hässlichen Folgen wurden lange ausgeblendet, nachdem dieser Westen verschwunden und zum Mythos mutiert war, der glanzvoll ausgeschmückt wurde: Die Ureinwohner hatte man ausgerottet, die wenigen Überlebenden zusammengetrieben, territorial und gesellschaftlich an den Rand gedrängt.

Immer wieder schildert Wurlitzer Szenen exzessiver Umweltzerstörung. Vor allem die Goldsucher verheeren die Natur, von der nur umgepflügte Ödnis bleibt, die durch planlos wuchernde, Giftrauch und Abwässer speiende Boom-Städte vervollständigt wird. Zwar gibt es noch „Indianer“, aber dies sind geschlagene, entwurzelte Elendsgestalten, denen jegliche Bürgerrechte verwehrt bleiben. Man darf sie und andere Minderheiten – Chinesen, „Neger“, Mexikaner – ungestraft schurigeln und sogar töten, was aus reiner Mordlust ständig geschieht.

Aber auch die „weißen“ Eroberer Amerikas liegen miteinander im Krieg. Der persönliche Vorteil ist das oberste Gebot, die notfalls gewalttätige Niederhaltung jener, die ein Stück vom Kuchen fordern, geduldeter Alltag. Zebulon ist ein Kaleidoskop absurder, blutiger, drastischer Ereignisse, die enorme Opfer fordern, was an den auslösenden Missständen rein gar nichts ändert, den Leser jedoch anrührt, weil Wurlitzer im Ton quasi dokumentarisch bleibt, wenn er den allgegenwärtigen Tod bzw. Mord nüchtern schildert.

Die Reise zum Ich – oder ins Nichts

Zebulon Shook ist gleichermaßen Täter wie staunender, überforderter Zeuge. Als Opfer der neuen Zeit hat er die Basis seiner Existenz als „Mountain Man“ verloren. Es misslingt ihm sich anzupassen; weil er ist, wie er ist, eckt er an, trifft verhängnisvolle Entscheidungen oder wird von Ereignissen mitgerissen, die objektiv betrachtet tatsächlich sinnlos sind. Ein eindrucksvolles Beispiel bietet jene bizarre, jeglichen Realitätsbezug leugnende Episode, in der „Kommodore“ Cornelius Vanderbilt mit William Walker, dem „Präsidenten“ von Nicaragua, streitet: Der eine ist ein skrupelloser Geschäftsmann, der den anderen – einen Söldner, der die Herrschaft gewaltsam an sich gerissen hat – vertreiben und demütigen will, während ein Bürgerkrieg, dessen Opfer die Streithähne völlig gleichgültig lassen, Nicaragua verheert.

Ausgerechnet Zebulon, der eigentlich nur seinen Platz in der Welt sucht, gilt schließlich als größter Verbrecher seiner Zeit, was er einem Sensations-„Journalisten“ verdankt, der seine Taten aufbauscht oder erfindet. Aus Zebulon Shook wird ein Gejagter, dem man bequemerweise sämtliche Untaten in die Schuhe schieben kann. Das ist nicht einmal Zebulons größte Sorge. Sogar er kommt allmählich zu dem Schluss, dass etwas nicht stimmt. Mehrfach erhält er Fingerzeige darauf, dass er längst tot ist, aber zwischen der Realität und dem Jenseits in einer Art Zwischenwelt feststeckt. Außerdem argwöhnt Zebulon, dass er seine Odyssee nicht zum ersten Mal unternimmt, denn verräterische Déjà-vus mehren sich, je länger er durch Amerika zieht.

Zebulon muss seinen Weg bis zum bitteren Ende gehen. Offensichtlich gilt es alle Plagen zu ertragen, um Läuterung oder Erlösung zu finden. Wenn sich Zebulons Lebenskreis schließt, ist er zum Ausgangspunkt seiner Irrfahrt zurückgekehrt, hat alles verloren, was er besaß, und musste erleben, wie jeder Mensch, den er kannte, elend starb oder ihn verließ. Erst als er sein Glas bis zur bitteren Neige geleert hat, endet sein Passionsweg. Zebulon verschwindet; wenn er Glück hat, sind seine Leiden vorüber, ansonsten erwartet ihn ein weiterer Gang durch die Schleife, die sein Aufenthalt in der Zwischenwelt darstellt.

Das ist harter Tobak bzw. „richtige“ Literatur, die wenig mit einem Unterhaltungs-Western zu tun hat und ihre Leser deshalb irritiert. Genau das ist Wurlitzers Absicht, der gleichermaßen klassische Kritiker vor die Köpfe stößt, indem er Elemente des Trivialromans einsetzt und groteske Übertreibungen in Sachen Mord und Totschlag keineswegs ausklammert. Man muss sich auf diese seltsame Reise einlassen, die durchaus faszinieren kann, auch wenn oder gerade weil Wurlitzer einfallsstark mehr Fragen stellt, als (plausible) Antworten zu geben.

Ihre Meinung zu »Rudolph Wurlitzer: Zebulon«

Camenzind zu »Rudolph Wurlitzer: Zebulon«05.04.2018
Brutal, gefühllos, spannungslos.
Was soll dieses Buch? Unterhalten, einen Einblick in den "Wilden Westen" geben, Cormack Mc Carthy nachschreiben? Dann doch gleich lieber "Die Straße" lesen oder "No Country for old men".
Keine gute Unterhaltung, nichts historisches, keine Gedankenanstöße, nur eine Aneinanderreihung von Leben oder Sterben. Ich war nach den ersten Seiten regelrecht angewidert von diesem Buch und es wurde dann leider nicht besser.
Kann leider nichts Gutes über dieses Buch schreiben. Würde mich aber freuen, wenn es eine positive Rezension gibt. Vielleicht habe ich etwas übersehen.
Mimi zu »Rudolph Wurlitzer: Zebulon«01.02.2016
* * * Inhalt: * * *

Ist Zebulon Shook ein Geist, lebt er noch oder hat er womöglich niemals existiert? Tatsache ist, egal welche der drei Möglichkeiten zutrifft, er ist wahrlich kein Held und kann sich nicht mit Lorbeeren schmücken.

Schläft mit den Frauen anderer Männer, trinkt mehr als gut für ihn wäre und zieht auch noch einen Fluch auf sich – wer kann da mithalten? Kein Wunder, dass er im ganzen Lande gesucht wird.

Auch mit der Liebe hat er es nicht so, womöglich ist jedoch der Fluch daran Schuld. Wer weiß das schon?

* * * Meine Meinung: * * *

Einigen mag die Zusammenfassung des Buches rätselhaft erscheinen und nur wenig aufschlussreich. Doch tatsächlich spiegelt dies den Inhalt von “Zebulon” sehr gut wider. Denn dies ist keine einfache Geschichte und noch weniger ist sie zu verstehen. Als Leser schlängelt man sich von einem Abschnitt zum nächsten, ohne überhaupt zu wissen worum es eigentlich geht.

Tatsache ist allerdings, das Buch dreht sich um Zebulon Shook! Dieser Held (der eigentlich überhaupt kein Held ist, eher ein Looser) schafft es bereits nach den ersten Seiten absolut unsympathisch zu werden. Nachdem er zuvor sehr gastfreundlich wirkte, da er während eines Schneesturms einem Trapper und seiner Geliebten Unterschlupf gewährte, wendet sich das Blatt doch sehr rasant. Plötzlich “vögelt” er die vergebene Frau, wird von dem Mann erwischt, bringt diesen um und wird daraufhin von der Frau verflucht, die dann ebenfalls stirbt. Und dies passiert alles in genau 6 Seiten!

Jetzt mag der ein oder andere denken: “Was für ein toller Anfang, da verspricht das Buch doch sehr wild zu werden!” Ich nehme euch die Illusion direkt und kann euch versprechen, dass dies tatsächlich nur die ersten sechs Seiten waren. Danach könnt ihr “Zebulon” getrost wieder ins Regal stellen und werdet weder Zeit verschwendet haben, noch werdet ihr beim Lesen etwas verpasst haben.

Die darauffolgenden (fast 300!) Seiten füllen sich mit Inhalt, die man nach spätestens fünf Minuten wieder vergessen hat oder die man niemals verstanden hat. Zebulon Shook reist wahllos durch die Gegend, auf der Suche nach einer Frau, nach Geld und nach sich selbst. Keines dieser Dinge findet er, am wenigsten sich.

Und dabei steht die ganze Zeit die Frage im Raum: “Lebt Zebulon überhaupt noch oder ist er schon tot?” Es hätte mich daher auch nicht gewundert, wenn am Ende des Buches gestanden hätte, dass Zebulon alles nur geträumt hat. Das wäre wahrscheinlich sogar noch das Beste an dem Buch gewesen und hätte auch erklärt, warum der gesamte Inhalt ziemlich wirr ist. Träume sind eben nicht ganz realistisch.

* * * Fazit: * * *

Den Kauf dieses Buches kann man sich getrost sparen, denn überteuert ist es auch noch. Wäre die Handlung wenigstens einigermaßen verständlich, wäre es vielleicht sein Geld wert. Selten habe ich so ein schlechtes Buch gelesen!
Ihr Kommentar zu Zebulon

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