Das Haupt der Welt von Rebecca Gablé

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „Das Haupt der Welt“,, 864 Seiten.ISBN 3-431-03883-2.

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Kurzgefasst:

Brandenburg 929: Beim blutigen Sturm durch das deutsche Heer unter König Heinrich I. wird der slawische Fürstensohn Tugomir gefangen genommen. Er und seine Schwester werden nach Magdeburg verschleppt, und bald schon macht sich Tugomir einen Namen als Heiler. Er rettet Heinrichs Sohn Otto das Leben und wird dessen Leibarzt und Lehrer seiner Söhne. Doch noch immer ist er Geisel und Gefangener zwischen zwei Welten. Als sich nach Ottos Krönung die Widersacher formieren, um den König zu stürzen, wendet er sich mit einer ungewöhnlichen Bitte an Tugomir, den Mann, der Freund und Feind zugleich ist …

Das meint Histo-Couch.de: „Der steinige Weg Ottos, der Grosse zu werden“90Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Beim Sturm auf Brandenburg im Jahr 929 unter König Heinrich I. werden von seinem Sohn Otto auch der slawische Fürstensohn Tugomir und dessen Schwester Dragomira gefangen genommen. Otto findet Gefallen an Dragomira und behandelt sie nicht wie eine Gefangene, und auch Tugomir hat Glück und wird gut behandelt. Gerade als sich bei Otto und auch bei König Heinrich Schmerzen einstellen, zeigt es sich, dass Tugomir heilerische Fähigkeiten besitzt, was ihm eine Art Ausnahmestellung am Hof verschafft. Doch immer wieder wiest er darauf hin, dass sein slawisches Volk der Heveller unterdrückt wird und er nicht bereit ist, gegenüber den Sachsen klein beizugeben.

Als feststeht, dass Otto heiraten soll, wird die unstandesgemässe und zudem schwangere Dragomira in ein Kloster abgeschoben und Otto schließlich mit Editha verheiratet, eine Prinzessin aus Wessex, die zudem ihre lebefreudige Schwester Egvina mitbringt, die sofort Gefallen bei Thankmar findet, Ottos älterem Bruder aus einer früheren Ehe König Heinrichs. Zwar ist Thankmar der ältere Bruder, doch bestimmt König Heinrich Otto als seinen Nachfolger, was Thankmar zunächst auch nichts ausmacht, sieht er doch in Otto mehr Führungsstärken als bei sich selbst.

Doch formieren sich um das fränkische Reich zahlreiche Gegner gegen Otto, und er muss versuchen, an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen, und wie sich herausstellt, auch gegen seine eigene Familie. Denn nicht nur Thankmar wendet sich gegen ihn, sondern auch sein jüngerer Bruder Henning, der von seiner Mutter angestachelt wird, die Krone zu erobern. Otto wehrt sich gegen alle Feinde und versucht, auch Tugomir auf seine Seite zu bringen, der inzwischen die Tochter seines grössten Feindes geheiratet hat. Als über Otto alle Fronten zusammenzubrechen drohen, kann ihm nur noch ein Wunder helfen.

Familienfehde

Mit ihrem neuen Roman widmet sich die Erfolgsautorin Rebecca Gablé nicht den englischen Waringhams, sondern bleibet in deutschen Landen. Die Geschichte König Ottos I., der später einmal Otto der Große sein wird, ist das Thema ihres Romans Das Haupt der Welt, in der sie auf gut 850 Seiten ein Panoramabild der deutschen Lande im 10. Jahrhundert malt. Dabei beginnt sie auf der Brandenburg im Jahr 929. Ottos Vater Heinrich I. ist König, Otto soll unangefochten sein Nachfolger werfen, und die Franken und Sachsen kämpfen gegen die Slawen, darunter auch die Heveller, deren Anführer, Prinz Tugomir, bei der Schlacht gefangen genommen wird.

Obwohl man bei all den Völkern, die es in dieser mittelalterlichen Zeit gab, leicht den Überblick verlieren kann, zumal es sie heutzutage unter diesen Namen größtenteils gar nicht mehr gibt oder sie woanders als damals zu finden sind, schafft es die Autorin, immer den Überblick zu behalten und den Leser auch nicht unnötig zu verwirren. Hilfreich hierbei ist auch die Karte, die dem Roman vorangestellt bzw. nachgestellt ist und wohin mal der Orientierung halber immer wieder gerne zurückblättert. Auch dies ist ein Teil der Erzählkunst der Autorin, die den Leser nicht mit unbekannten Begriffen, Namen und Völkern allein lässt.

Zeit

Gablé lässt sich Zeit, die handelnden Figuren einzuführen und tut dies auch anhand der komplizierten Geschichte Drumherum. Wer da warum gegen wen kämpft und eine Allianz mit wem anderen bildet, wer sein Fähnchen nach dem Wind dreht und wer wen mit wem betrügt, das alles wird logisch und nachvollziehbar erzählt und erklärt, zumal es in diesen Zeiten durchaus vorkommen konnte, dass die Machtverhältnisse am folgenden Tag schon wieder ganz anders aussahen. Ein kleiner Schwerthieb hier, eine unerwartete Hochzeit dort, eine Geburt drüben, und schon ist alles verschoben. Ottos Familie bildet da keine Ausnahme, im Gegenteil. Gerade Ottos Mutter Mathildis, die lieber Ottos jüngeren Bruder Henning auf den Thron holen würde, spinnt im Hintergrund eine Intrige nach der anderen.

Nachdem König Heinrich gestorben ist und Otto sein Nachfolger geworden ist, scheinen sich die Machtverhältnisse zunächst zu klären, da alle Fürsten zu ihm kommen müssen, um ihm den Treueeid zu leisten. Doch mancher Eid hält nicht länger als bis zum Rückweg zur Tür, und so hat Otto es nicht leicht, sein Reich zusammenzuhalten. Wer Freund ist und wer Feind, das ist nicht immer leicht zu ergründen.

Buntes Spektrum an Charakteren

Neben Otto hat Gablé mit Tugomir, dem Prinzen der Slawen, eine zweite Hauptfigur installiert und deren Weg der Leser mit Spannung verfolgt. Der Bezwinger der Slawen ist Gero, Graf der Ostmark, ein brutaler Fürst, nicht nur gegen seine Feinde, sondern auch gegen seine eigene Familie, und so hat er von Beginn an Tugomir zum Feind, und beide können sich nicht ausstehen, nicht einmal, als Gero gezwungen ist, Tugomir als Heiler wegen der schweren Krankheit seiner Tochter aufzusuchen. Dass sich Tugomir dabei in seine Tochter Alveradis verliebt und umgekehrt, ist so mit das schlimmste was passieren, aber gottseidank erfährt Gero erst sehr spät davon.

Überhaupt hat Gablé ein buntes Spektrum an Charakteren aufzubieten. Neben Otto und Tugomir, die beide versuchen, Freund und Feind zugleich zu sein und ihre Stellung als Herrscher und Gefangener klar zu behalten, stechen vor allem Thankmar und Egvina hervor, die Schwägerin von Otto. Thankmar ist zunächst Sympathieträger, doch entwickelt er sich auch langsam zum Gegner Ottos und macht damit die grösste Wandlung im Roman durch. Egvina ist eine lebenslustige, lebefreudige Dame, die amourösen Abenteuern nicht abgeneigt ist und für ordentlich Schwung in der Familie sorgt.

Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Charakter ist Henning, Ottos jüngerer Bruder und nervig wie ein Floh im Pelz. Immer wieder versucht er, Otto zu stürzen und durch Intrigen zu beseitigen, und immer wieder scheitert er und wird von Otto mehr oder weniger begnadigt. Das ist bisweilen sogar nervig, aber da es sich ja nicht um fiktive Figuren, sondern um reale Geschehnisse handelt, kann man ja die Geschichte nicht umschreiben, nur damit man diese lästige Laus los wird. Allerdings findet Rebecca Gablé auch keine überzeugende Begründung dafür, warum Otto Henning nicht einfach wie auch immer endgültig aus dem Weg räumt, was sein gutes Recht wäre.

Über grosse Strecken spannend und packend

Insgesamt ist Das Haupt der Welt ein spannender, bisweilen packender Roman, den man streckenweise nicht aus der Hand legen kann. Das zahlreiche Personal wird nach und nach eingeführt und logisch aufgebaut, die Handlungsstränge werden sinnvoll miteinander verwoben, wenngleich man das Gefühl nicht los wird, dass ein ganz grosser, den kompletten Roman umspannender Bogen eigentlich fehlt und man nicht weiß, wohin der Roman am Ende hinführen will. Dennoch schafft die Autorin ein sinnvolles Ende, wobei durchaus Raum wäre für eine Fortsetzung, denn Otto fehlt noch der Titel „der Grosse“, den er ja schon zu Lebzeiten bekam, und die historische Schlacht vom Lechfeld will auch noch irgendwann geschlagen werden.

Gablé schafft für den Leser ein saftiges Mittelalter und malt eine authentische Kulisse, in die man sich von der ersten Seite an leicht hineindenken kann. Kleinere Handlungsschwächen werden schnell und leicht überbrückt, und unterm Strich kann man froh sein, wenn die eigene Familie nicht so zerfahren und machtbesessen ist wie die hier beschriebenen. Gablé beschreibt intensiv und mit einer feinen Prise Humor, besonders dann, wenn es um die Nordgötter und den Christengott, wegen seiner hauptsächlichen Existenz in der Bibel auch „Buchgott“ genannt, geht.

Empfehlenswert sind vor allem auch die historischen Anmerkungen der Autorin im Anhang, die so einiges aus dem Roman ins rechte Licht rücken, vor allem was die Quellenlage um die Ottonen angeht. Der Anhang sollte aber tatsächlich erst nach der Lektüre des Romane gelesen werden, da sonst zu viel aus der Handlung verraten werden könnte. Warum allerdings der Verlag den Titel Das Haupt der Welt gewählt hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben, denn er erschliesst sich nicht wirklich aus der Handlung.

Es geht also viel hin und her in dem Roman, aber die Autorin behält den Überblick und beschert dem geneigten Leser intensive Lesestunden, einen aufregenden Blick in das 10. Jahrhundert und im schlimmsten Fall eine Sehnenscheidenentzündung in der Hand vom Festhalten des aufwändig aufgemachten Buches. Ein Genuss für Histo-Fans, bei dem man bedenkenlos zugreifen kann.

Ihre Meinung zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«

Annette Walther zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«03.12.2016
Zu Beginn mal ein Hinweis auf die in der Rezension gestellte Frage , warum der Titel "Das Haupt der Welt "vom Verlag gewählt wurde !---> Schon Widukind von Corvey nannte Otto " totius orbis caput", das „Haupt der ganzen Welt“.
Ich kann das Buch nur weiterempfehlen , es war spannend und vor allem der Teil der slawischen Geschichte war für mich sehr spannend !
Horst Dieter Fischer zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«10.11.2016
Das Buch ist gut und spannend. Ich habe es nur zum Schlafen aus der Hand gelegt. Die historischen Daten sind gut eingeflossen. Frage:Wann kommt die Fortsetzung. Ich warte mit ungeduld darauf. Sie sollten die Serie fortsetzen. Meiner Meinung nach gibt es über diesenThemenbereich zuwenigeBücher. Historisches Material gibt es in Hülle und Fülle. Am können und Wissen von Frau Gableliegt es sicher nicht
Helmut Pachl zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«27.04.2016
Wenn der Titel etwas zum Inhalt des Buches aussagen und das Bild der Reichskrone das noch unterstreichen sollen, heißt die Beurteilung: Thema verfehlt!
Es behandelt die Zeit Ottos I. dis zu seiner Krönung als Deutscher König, von der Kaiserwürde ist er am Ende des Buches noch weit entfernt.
Titel und Abbild der Krone, die es damals vermutlich noch nicht gab, sind reißerisch um den Verkauf anzuheizen. Ich hatte geglaubt, dass R. Gablé das nicht nötig hätte.
Tadeusbe zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«21.05.2015
Nach den umfangreichen und zweifellos guten Werken um die fiktive englische Adelsfamilie der Waringhams, zur wohltuenden Abwechslung ein Roman über die deutsche Geschichte des Frühmittelalters, dazu noch aus einer Gegend die einem aus geographischen Gründen näher liegt als Old England.
Soweit so positiv.Leider läßt das" Haupt der Welt" jegliche Spannung, jeden Überraschungsmoment außen vor.Die Geschichte plätschert, trotz dramatischer Ereignisse so vor sich hin.Die Figuren bleiben plakativ und ihre Handlungen voraussehbar.Die Tatsache, das viele der damaligen Ereignisse , Gründe für bestimmte Handlungen, Ansichten usw. im Dunkel der Geschichte liegen und das Bekannte nur subjektiv wahr genommen werden kann, bietet die Möglichkeit gut durchdachte und den realen Ereignissen weitestgehend entsprechende Handlungstränge zu generieren.Leider ist die gesamte Geschichte leicht vorhersehbar, die Funktion als Heiler für die Hauptfigur Tugomir erscheint mir in Anbetracht der Tatsache, das es schon einige Mittelalterromane mit heilenden Personen gibt, arg inflationär und zu konstruiert.Einen wirklichen Zugang zu den Figuren zu bekommen ist mir nicht gelungen.Durchgelesen habe ich das Buch nur aus Interesse an den geschichtlichen Hintergründen, die Brandenburg, das heutige Sachsen-Anhalt und den Berliner Raum betreffen.
Einige der vorhergehenden Kommentatoren kritisieren die Beschreibung der Bettszenen.Ich fand sie absolut harmlos und gemessen an dem von der heutigen Zeit andersartigen Umgang mit Nacktheit und Sexualität im Mittelalter durchaus berechtigt.Es gibt eine Menge guter Romane über das Mittelalter, dieser gehört eher ins gediegene Mittelfeld, ein noch unbekannter Autor hätte damit wohl Schiffbruch erlitten
Hexenweib89 zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«07.05.2015
Endlich, endlich ein Roman, der es geschafft hat, mir auch einmal die Welt des mittelalterlichen deutschen Sprachraums näher zu bringen. Darauf hatte ich lange gewartet - und wer sonst hätte das auch schaffen können? Wieder findet man, was Rebecca Gablé's Romane so einzigartig macht: Farbenfrohe, menschliche, realistisch und zum Greifen nah gezeichnete Charaktere in einer mit großartiger Detailverliebtheit recherchierten und dem Leser zugänglich gemachten Handlung. Mystisch-religiöse Elemente haben mich an 'Hiobs Brüder' erinnert; die Perspektive eines Heilkundigen ist bei Gablé eher ungewohnt, nichtsdestotrotz gewohnt faszinierend und überzeugend gezeichnet.
Bleibt mir nur, zu hoffen, dass es nicht der letzte Roman war, der auf dem Kontinent spielt!
Catie zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«16.04.2015
Mit Verlaub, ich kann nicht feststellen, dass es in einem anderen Gablé-Roman nicht mindestens ebenso hoch hergeht (man denke an Julians und Janets Gewaltakt im "Spiel der Könige"...) Ich finde, sie wahrt sich in diesem Punkt eine gesunde Natürlichkeit- trotz aller Phantasien und sogenannter "Ausschmückungen". Es scheint mir nicht so, als sei sie bei diesem Thema auf besonderen "Zeitgeist" angewiesen.
Aber genug des Vorspiels ;P
Ich fand es interessant, auch einmal eine Roman von R.G. zu lesen, der nicht in England spielt, auch wenn ich jetzt, wo ich das "Haupt der Welt" gelesen habe, zu glauben meine, dass sie sich dort am Wohlsten fühlt. Bevor es mich ins Mittelalter zog, hatte ich eine Vorliebe für Slawen, außerdem bin ich ein Ostkind. Deswegen fiel es mir leicht, mich mit den beiden slawischen Hauptfiguren zu identifizieren, gegen Ende drohte mir die Geschichte aber zu entgleiten. Sicher nicht spannungsmäßig, aber ich steckte irgendwie nicht mehr mitten drin. Ich weiß nicht wieso, vielleicht lag es auch an mir. Schließlich kam es mir zu Beginn vom "König der Purpurnen Stadt" so vor, als spiele das Ganze im 18. Jahrhundert.
Jedenfalls kann ich auch dieses Buch nur empfehlen, es ist informativ, stellenweise amüsant, zeigt aber ebenso die Abgründe, deren die menschliche Seele fähig ist- das bewehrte Gablé'sche Erfolgsrezept.
Hans Hoffmann zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«16.03.2015
Als Fan von Rebecca Gablé lese ich z.Zt. " Das Haupt der Welt". Was mich an diesem Buch sind die Ausschmückungen der Sexszenen die Frau Gablé in den vorhergehenden Büchern tunlichst vermieden werden.
Ich bin nicht prüde, aber diese art zu schreiben sollte sie anderen überlassen.
Frau Gablé sollte nicht dem vermeintlichen Zeitgeist hinterher laufen.
tvinnefossen zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«18.07.2014
Momentan stecke ich mitten drin in diesem wirklich gelungener Roman aus der Frühgeschichte meiner Heimat. Was mich bei Frau Gablé aber immer wieder stört, ist, daß sie Probleme mit der Verneinung zu haben scheint. In diesem wie in anderen Büchern Frau Gablés bin ich des Öfteren verwirrt, weil das was dort steht, nicht das ist was die Autorin offensichtlich meinte.

Erst gestern laß ich im "Haupt der Welt":

"Kein schöner Gedanke, oder?"

Antwort: "Nein"

Aus dem folgenden Text geht aber hervor. Das die Befragte der These der Frage aber zustimmte, sie also mit "Richtig" oder "Ja" hätte antworten müssen. Da Frau Gablé ihren Figuren ziemlich oft verneinende Fragen in den Mund legt, finde ich den fehlerhaften Umgang mit den Antworten doch recht ärgerlich....

Dies ist für mich der Einzige Schatten auf den Werken Frau Gablés, die ich bisher las - und das waren einige.
Mephistopheles zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«12.06.2014
Mir hat das Buch im Großen und Ganzen sehr gut gefallen, auch wenn ich dem englischen Mittelalter doch ein bisschen mehr zugetan bin!
Gestört hat mich eigentlich nur, wie hier schon einmal erwähnt, die Ähnlichkeit zu "Das zweite Königreich". Ist irgendwie das gleiche Muster. Sohn aus Adelsfamilie reist (nicht ganz freiwillig) in Feindesland, hasst anfangs alles dort, verliebt sich aber dann in eine Frau aus diesem Land, usw. Ansonsten hat mir "Das Haupt der Welt" sehr unterhalten!
Stefan83 zu »Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt«03.04.2014
So schön das Dasein als Vielleser und bibliophiler Sammler auch ist – es hat auch seine Schattenseiten. Im Wust der zahlreichen vielversprechend tönenden Novitäten schaffen es irgendwann nur noch wenige Titel, den Puls der Erwartung etwas höher schlagen zu lassen und uns den Veröffentlichungstermin als lang herbeigesehntes Ereignis zu kredenzen. Dies liegt nicht unbedingt am satten Leser, sondern an der so großen Menge hervorragender Bücher. (Ob es mehr sind als früher, ist fraglich. Wahrscheinlich haben sich einfach die Möglichkeiten, sie zu entdecken, verbessert) Und die werden, statt wie früher geduldig mit der Angel gefischt, inzwischen von mir in Schleppnetzen nach Hause gebracht, wo sie in Stapeln getürmt um meine knapp bemessene Lesezeit buhlen. Das hat zur Folge, dass nur wenige Novitäten sogleich gelesen werden. Aber es gibt Ausnahmen. Und die Romane aus der Feder der deutschen Schriftstellerin Rebecca Gablé gehören in diese Kategorie. Als sich mir also an meinem Geburtstag in der Geschenktüte „Das Haupt der Welt“ entgegen reckte, ward mal wieder jegliche Leseplanung über den Haufen geworfen, ist doch ein Ausflug in Gablés Geschichten in der Vergangenheit stets ein lohnenswerter gewesen. Aber auch diesmal?

„Das Haupt der Welt“ ist insofern schon ein bemerkenswerter Roman, da Rebecca Gablé erstmals ihrem üblichen Betätigungsfeld, dem englischen Mittelalter, den Rücken gekehrt hat, um sich stattdessen der deutschen Geschichte zuzuwenden. Dies ist, auch wenn viele Leser dies bereits länger gefordert haben, sicherlich ein Wagnis seitens der Autorin, welche die „Sicherheit“ des Schauplatzes Englands für eine Epoche preisgibt, die, und das ist eigentlich das merkwürdige, den meisten deutschen Lesern vielleicht sogar weit weniger bekannt ist. Im Mittelpunkt des wieder einmal in Umfang und Erzählung epischen Romans steht nämlich Otto I., später genannt „der Große“, der in vielen Geschichtsbüchern als Begründer des Deutschen Reiches angesehen wird. Eine Rolle, die er, auch von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda missbraucht, so nie verkörperte, denn wie Gablé im Nachwort treffend bemerkt: Eine nationale Identität in dem Sinne hat es zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise gegeben. Das einzig „Deutsche“ am riesigen Reich Ottos war die Sprache. Und selbst hier hatten und haben bis heute die Bewohner, je nach Herkunft, so ihre Probleme einander zu verstehen.

Nichtsdestotrotz: Otto I. ist eine interessante Figur und eine noch interessantere Wahl für einen Roman, zumal sich Frau Gablé auf die ersten Jahre seiner Regentschaft konzentriert, was die Möglichkeiten in der Erzählung der Geschichte etwas limitiert. Ein Grund, weshalb auch hier wieder jemand anders die Rolle des Hauptprotagonisten verkörpert, der jedoch, uns das ist neu für Gablé, diesmal keine fiktive Figur ist, sondern wirklich gelebt haben soll.

Die Brandenburg im kalten Winter 929. Tugomir, slawischer Fürstensohn der Heveller, steht kurz vor dem Ende seiner Ausbildung zum Tempel-Priester, als die Belagerung durch den deutschen König Heinrich I. und dessen Sohn Otto ein blutiges Ende findet. Die Festung an der Havel fällt, und Prinz Tugomir und seine Schwester Dragomira werden als Geiseln nach Magdeburg verschleppt. Während sich letztere schnell an die Sachsen gewöhnt und sogar bald ein Kind von Otto erwartet, leidet Tugomir unter dem Verlust von Freiheit und Heimat. So rettet er zwar Otto – widerwillig – das Leben und macht sich einen Namen als Heiler am Hof, doch er bleibt gefangen zwischen zwei Welten. Ein Umstand, der sich noch verschlimmert, als er sich in die Tochter seines größten Feindes verliebt und fortan seines Lebens nicht mehr sicher ist. Geschützt wird Tugomir dabei zumeist von Ottos Halbbruder Thankmar, mit dem ihm eine ungewöhnliche Freundschaft verbindet. Doch die Zeiten unter Ottos Regentschaft sind stürmisch und das Reich von allen Seiten bedroht. Und auch in der eigenen Familie gibt es Widerstand gegen den König der Ostfranken.

Als sich Ottos Gegner schließlich für seinen geplanten Sturz formieren, wendet sich dieser mit einer ungewöhnlichen Bitte an Tugomir – den Mann, der Freund und Feind zugleich ist und dem sich jetzt die einmalige Chance bietet: Das deutsche Reich, den großen Widersacher der slawischen Völker, zu Fall zu bringen. Wie wird er sich entscheiden?
So verheißungsvoll für eine gut erzählte Geschichte diese Ausgangslage auch ist – Gablé kopiert sich hier dennoch ein bisschen selbst, sind doch die Erfahrungen und der Lebenslauf des Hauptprotagonisten Cædmon in „Das zweite Königreich“ denen Tugomirs nicht unähnlich. Beide sind weitestgehend allein unter Feinden, beide fernab der eigentlichen Heimat. Und beide werden irgendwann vor die Wahl zwischen eben dieser und dem neu gefundenen Zuhause gestellt. Der einzige Unterschied dabei: Tugomir tut sich wesentlich schwerer, das sächsische Exil zu ertragen und weigert sich beharrlich Freundschaften mit den sächsischen Feinden zu schließen. Eine durchaus nachvollziehbare Einstellung angesichts dessen, was mit dem Rest seines Volkes nach Einnahme der Brandenburg passiert ist. Dennoch ist es gerade diese Zurückhaltung und der (vor allem zu Beginn) gänzliche Mangel an Freundlichkeit, welcher es dem Leser schwer macht, Sympathie für den slawischen Prinz zu entwickeln, der partout jeder ihm dargebotenen Hand entgegenspuckt.

Überhaupt tut sich Gablé hier überraschend schwer damit, einen schnellen Einstieg in die Geschichte zu gewährleisten und eine Brücke zwischen dem Jetzt und dem frühen Mittelalter zu bauen. Ungewöhnlich für eine Autorin, welche mich sonst bereits nach wenigen Seiten vollkommen in den Bann gezogen hat. Ob Robin of Waringham oder eben der bereits genannte Cædmon, die Lebendigkeit der Figuren, ihr Freud und ihr Leid, nahm sogleich automatisch gefangen. „Das Haupt der Welt“ kommt da wesentlich schwerer und schleppender in Fahrt und besonders Tugomir bleibt dem Leser seltsam fremd. Ob das dem ungewohnten Setting zuzuschreiben ist oder vielleicht gar der Tatsache, dass Gablé selbst nicht so wirklich mit ihrem „Helden“ warum geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Fakt ist jedenfalls: Der Roman lässt bereits an dieser Stelle das gewisse und vor allem gewohnte Herzblut vermissen, das die Vorgänger zu solchen Pageturnern hat werden lassen.

Dabei lässt sich der Autorin sonst nicht wirklich viel vorwerfen. Der bildgewaltige Erzählstil überzeugt einmal mehr und der historische Hintergrund, wieder sorgfältig recherchiert, regt zur Auseinandersetzung mit dieser Epoche der deutschen Geschichte an. So werde ich als gebürtiger Westfale dem ein oder anderen Ort meiner Heimat nun sicherlich mehr Aufmerksamkeit schenken bzw. diesen auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Aber das alles, nun ja, reicht mir irgendwie nicht. Vielleicht auch weil Rebecca Gablé die Messlatte durch ihr bisheriges Werk derart hoch gelegt hat, dass damit halt eine gewisse Erwartungshaltung einhergeht. „Das Haupt der Welt“ kommt zu schwer in Gang, die Figuren sehr hölzern daher. Gerade ihr Geschick, die historischen Persönlichkeiten mit Ecken, Kanten und vor allem mit Charisma zu füllen, habe ich doch schmerzlich vermisst. Die meisten, wie z.B. Ottos jüngerer Bruder Henning, genannt „Hasenfuß“, wirken unausgearbeitet, eindimensional. Einziger Lichtblick ist da Halbbruder Thankmar, der mich in seinen Ausschweifungen und dem hitzigen Temperament an Raymond of Waringham erinnert hat und welcher der Handlung, die sonst eher gemächlich dahinschreitet, ordentlich Feuer verleiht.

Woran es letztlich haargenau im Einzelnen liegt, warum der Funke nicht richtig übergesprungen ist – ich vermag es nicht zu sagen. Möglicherweise würde ich diesen Roman, wäre er der Feder eines bis dahin nicht bekannten Autors entsprungen, auch nicht derart pingelig beurteilen. So fehlt halt einfach das gewisse Etwas, dieser typische Schuss Gablé, der die meisten anderen ihrer Werke zu so großartigen und vor allem bewegenden Leseerlebnissen gemacht hat. Fast scheint es so, als hätte Gablé dies selbst gemerkt und versucht durch neue Elemente wettzumachen, womit sie aber gerade das Gegenteil erreicht. Waren sonst die Liebesgeschichten immer durchaus stilvoll mit der Geschichte verzahnt, wandelt hier die Autorin nun auf Folletts Spuren. Explizite Beschreibungen von Bettszenen verstören mich zwar genauso wenig wie ich sie grundsätzlich in jeglicher Literatur ablehne, so lange es passt – aber ein Gablé-Roman hatte das einfach nie nötig. Warum also jetzt die ständigen Einblicke in den menschlichen Genitalbereich?

Bevor ich Gefahr laufe, allzu kritisch zu erscheinen: „Das Haupt der Welt“ ist immer noch ein richtig guter historischer Roman, der in vielen Bereichen der Konkurrenz auch weiterhin davonläuft. Doch diese Liebe zum Detail, diese Leidenschaft für jede noch so kleine Figur im großen Konstrukt der Handlung, sie wird doch schmerzlich vermisst. Wo mich sonst z.B. Tode unheimlich bewegt und gerührt haben, verfolgte ich in diesem Roman die Schicksale eher aus der Distanz. Das Ableben wird nicht als Verlust empfunden, nur mit einem Nicken zur Kenntnis genommen. Auch weil die Schwarz-Weiß gezeichneten Protagonisten selbst kaum der richtigen Trauer fähig sind und man dadurch das Gefühl bekommt, dass einfach keine Zeit da ist, dass die Geschichte schnell ihrem Ende entgegen getrieben werden muss. Und gerade das Verweilen im Mittelalter, das alltägliche Leben, die kleinen Dinge am Rand des Weges, haben die Gablé-Bücher immer so hervorragend gemacht.

Müsste ich „Das Haupt der Welt“ mit einem Wort beschreiben, es wäre wohl „mühselig“. Bezogen nicht auf die Lektüre selbst, sondern auf den Prozess der Entstehung, da ich das Gefühl nicht loswerde, dass Rebecca Gablé hier einfach nicht richtig mit ganzem Herzen dabei gewesen ist. Das wünsche ich mir für eine mögliche Fortsetzung (das Ende deutet eine solche zumindest an), auf die ich mich auch sicher nicht weniger freuen werde, ändert mein Jammern auf hohem Niveau doch nichts an der Tatsache, dass diese Autorin im Genre weiterhin ihresgleichen sucht.

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