Trümmerkind von Mechtild Borrmann

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Trümmerkind“,, 304 Seiten.ISBN 3-426-28137-6.

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Kurzgefasst:

1946 /1947. Der kleine Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel – das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …

Das meint Histo-Couch.de: „Faszinierende Zeitgeschichte und Familiendrama“90Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

April 1945. In der Uckermark liegt Gut Anquist, auf dem Familienoberhaupt Heinrich mit seiner Tochter Clara sowie der Schwiegertochter mit deren beiden Kindern und einigen Hausangestellten lebt. Aber wie lange noch? Die Russen sind auf dem Vormarsch, der Krieg ist verloren. Die Lage spitzt sich täglich zu.

Januar 1947. Der Winter ist eisig, Lebensmittel sind knapp, viele Menschen erfrieren. Agnes Dietz versucht im Zimmer eines ausgebombten Hauses in Hamburg verzweifelt, mit ihren Kindern Hanno und Wiebke zu überleben. Sie klopft Steine, arbeitet als Näherin, doch selbst mit den Lebensmittelkarten reicht es nicht. Ständig fehlt es zudem an Brennholz und so ist es der fünfzehnjährige Sohn, der mit teils gefährlichen Aktionen nach Gegenständen sucht, die sich irgendwie auf dem Schwarzmarkt zu Geld machen lassen. In einem Trümmerkeller findet er nicht nur ein Holzregal, sondern auch die Leiche einer Frau. Als er Wiebke das Holz in den Bollerwagen legt, steht neben seiner Schwester ein kleiner Junge. Sehr gut gekleidet, doch offenbar ganz allein. Man entscheidet, den Kleinen bei sich aufzunehmen. Das apathische Kind spricht nicht und so nennt man es fortan Joost. Erst viele Jahre später erfährt Joost, dass er ein Findelkind ist und will herausfinden, wer er wirklich ist.

Köln, 1992. Anna Meerbaums Exmann Thomas betreut nach der Wiedervereinigung einen Klienten, der auf Rückgabe seines Eigentums in Sachsen klagt. Daher fragt er Anna, ob ihre Mutter nicht auch Ansprüche anmelden wolle, schließlich gehöre ihr ein altes Gutshaus in der Uckermark. Doch Annas Mutter will davon nichts wissen, sie blockt seit jeher sämtliche Fragen nach der Vergangenheit ihrer Familie ab. Anna beginnt zu recherchieren und löst damit eine Lawine aus …

Detaillierte und brillante Geschichtsstunde

Mechthild Borrmann genießt in Krimikreisen höchste Anerkennung und bereichert mit ihren Romanen seit vielen Jahren das Genre. Auch in ihrem neuesten Werk Trümmerkind bleibt sie ihrem Erfolgsrezept treu und erzählt eine Geschichte in mehreren Erzählsträngen und aus verschiedenen Perspektiven. Dabei bietet die Autorin ein breitgefächertes Repertoire an Themen, welche sie mit beeindruckender Genauigkeit auf gerade einmal 300 Seiten unterbringt. Nicht wenige namhafte Autoren würden bei dem Versuch scheitern, die Fülle an Informationen derart passgenau auf 500 oder noch mehr Seiten zu platzieren, geschweige denn in dieser Kürze. Doch Mechtild Borrmann ist eine furiose Könnerin ihres Metiers.

Mit hohem Einfühlungsvermögen schildert sie die Vorfälle in den letzten Kriegsmonaten auf Gut Anquist. Dann stehen die Soldaten der Roten Armee tatsächlich vor der Tür, für die einstigen Großgrundbesitzer beginnt eine brutale und demütigende Zeit. Ebenso anschaulich werden die Monate im Hamburger Kältewinter 1947 aufgezeigt. Hier geht es der Familie Dietz schlecht. Man kommt kaum über die Runden und was aus Gustav geworden ist, bleibt unklar und belastet die Familie. Besonders Hanno glaubt fest an die Rückkehr des Vaters, der seit Dezember 1942 offiziell als vermisst gilt. Die Geschehnisse in Köln, Jahrzehnte später spielend, sind kaum weniger intensiv. Die alkoholkranke Mutter will mit ihrer Tochter Anna partout nicht über ihre Vergangenheit reden. So macht sich diese auf in die Uckermark und erfährt dort Neuigkeiten, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen. Plötzlich passt nichts mehr zusammen, ihr ganzes Leben scheint auf Lügen aufgebaut, während die Mutter in grenzenlosem Selbstmitleid und absoluter Verdrängung versinkt. Die große Schuldfrage nach Kriegsende – hier ist sie omnipräsent.

„Seit ich sie vor fünfzig Jahren da habe liegen sehen, versuche ich sie zu vergessen. So wie all die anderen. Die Verkohlten auf den Straßen, das Schreien und Weinen, die Flammen, die Frau Weiser mit ihrer Tochter vor dem Bunkereingang, die alte Brücker, wie sie am Mantel eines Toten zerrt. Und dann die tote Frau. Später habe ich manchmal gedacht, vielleicht hätte ich zur Polizei gehen müssen. Aber ich durfte da nicht sein, in diesem Keller. Ich hatte Angst, dass sie mich einsperren. Plündern war verboten. Und wenn die mich eingesperrt hätten .. da wär niemanden geholfen gewesen.“

Inhaltlich soll nicht mehr verraten werden, aber wie letztlich die Erzählstränge zusammenfließen, wie nach Jahrzehnten einige Morde ihrer nicht mehr für möglich gehaltenen Aufklärung plötzlich entgegen sehen, ist beeindruckend. Dass man die genannten Lebenssituationen beinahe körperlich spüren kann – die Angst vor den Russen, die eisige Kälte in Hamburg, die ständigen Lügengebilde – ist der besondere Verdienst einer Autorin, die auch sprachlich überzeugt, den Leser bis zur letzten Seite fesselt. Wie beim Häuten einer Zwiebel wird Schicht für Schicht offengelegt, das Grauen hält schleichend Einzug in das Leben der zahlreichen Figuren, die vom großen Weltgeschehen direkt betroffen sind. Zeitgeschichtlich informativ, voller Empathie, großartige Charakterstudien. Keine Frage, Mechtild Borrmann gehört zu den derzeit interessantesten Autorinnen; auch jenseits des Krimigenres.

Ihre Meinung zu »Mechtild Borrmann: Trümmerkind«

Katharina Krakow zu »Mechtild Borrmann: Trümmerkind«06.01.2017
Trümmerkind kombiniert perfekt Historisches mit Fiktion. Selten, habe ich so mitgefiebert oder eine Figur so unsympathisch gefunden. Hier darf der Lese in eine Epoche abtauchen die geprägt war von Sorgen, Ängsten aber auch von kleinen Wundern.
Die Handlungsstränge laufen perfekt zusammen und ergeben ein rundes Bild. Die Figuren sind toll angelegt. Ich habe das Buch nicht weg legen können.
Katharina Krakow zu »Mechtild Borrmann: Trümmerkind«06.01.2017
Trümmerkind kombiniert perfekt Historisches mit Fiktion. Selten, habe ich so mitgefiebert oder eine Figur so unsympathisch gefunden. Hier darf der Lese in eine Epoche abtauchen die geprägt war von Sorgen, Ängsten aber auch von kleinen Wundern.
Die Handlungsstränge laufen perfekt zusammen und ergeben ein rundes Bild. Die Figuren sind toll angelegt. Ich habe das Buch nicht weg legen können.
Sagota zu »Mechtild Borrmann: Trümmerkind«05.01.2017
Vorausschicken will ich, dass "Trümmerkind" von Mechtild Borrmann (erschienen bei Droemer-Knaur, 2016, gebunden) mein 3. Buch ist, das ich von dieser herausragenden Autorin lese: "Der Geiger" hat mir bereits sehr gefallen, aber "Trümmerkind" hat meine Erwartungen noch bei Weitem übertreffen können:

Durch die klare, brillant formulierte und sehr gut zu lesende Sprache der Autorin ist man bereits nach wenigen Zeilen an der Seite der Protagonisten im Jahrhundertwinter Hamburg's des Jahres 1946/47...

Der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen und mit unterschiedlichen Personen, die inhaltlich alle miteinander zu tun haben und teils miteinander verwandt sind:
Da ist Heinrich Anquist, Tochter Clara, Sohn Ferdinand und dessen Frau Isabell sowie die Kinder Margareta und Konrad auf Gut Anquist in Templin (Uckermark) 1945 - kurz vor Kriegsende; Agnes Dietz mit Sohn Hanno und Tochter Wiebke in Hamburg, die eines Tages bei 'Überlebensstreifzügen' durch das zerbombte Hamburg einen kleinen Jungen (3) mit nach Hause bringen, den sie fortan Joost nennen und ihn - so gut es möglich ist - mit "durchfüttern": Ein sehr menschlicher Akt inmitten der Verzweiflung, der Not, des Elends, der Kälte, des Hungers, denen viele Menschen anheimfallen und die sehr transparent dargestellt werden. Eine für heutige Verhältnisse grauenhafte, harte Zeit, von der mancher Leser noch evtl. von den Eltern oder Großeltern hörten: Lebensmittelkarten, Schwarzmarkt, kaum Essen oder Brennmaterial..., Kinder wie Hanno (15), die wie Erwachsene helfen, dass die Familie überlebt. Besonders Hanno in der Übernahme der väterlichen Verantwortung für Mutter und Schwester (und in Abwesenheit des Vaters) schnürt einem das Herz zu, wenn man ihn, den intelligenten Jugendlichen, bei seinen Streifzügen mit Freund Peter begleitet - immer in Sorge, dass er erwischt wird, da Plünderungen verboten (aber an der Tagesordnung) waren. Auch die Mutter, Agnes ist eine starke Frau und bringt ihre Kinder und den kleinen Joost mit Näharbeiten durch.

Und da ist Anna Meerbaum, eine Lehrerin Mitte 30, deren Mutter Clara auf Gut Anquist aufwuchs, die Tochter jedoch immer ausbremst, wenn diese aus dieser Zeit etwas von der Mutter erfahren möchte. Daher beschließt Anna Anfang der 90er Jahre, das Gut in Templin zu besuchen. Durch Josef, einst Knecht auf dem Gut, erfährt sie erstmals in ihrem Leben von Verwandten: Von Ferdinand, Isabell, Margareta und dem kleinen Konrad; wieder zu Hause, stellt sie ihre Mutter zur Rede.... Weshalb weigert sich diese strikt, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen? Aus welchem Grund lädt sie ihrer Tochter schon seit deren Kindheit Schuldgefühle auf?

Im Verlaufe der Handlung, die äußerst spannend zu lesen ist und es schier unmöglich ist, diese Geschichte aus der Nachkriegszeit - und damit ein Stück Zeitgeschichte - beiseite zu legen, tauchen Fotos auf, die Anna Rätsel aufgeben - und nicht nur ihr... Sie setzt sich eines Tages mit Joost Dietz in Verbindung, der seinerseits 24 Jahre lang glaubte, dass Gustav und Agnes Dietz seine leiblichen Eltern seien; Er versteht sich sehr gut mit Hanno, der ihm ein Bruder war und beide sprechen sehr viel später über den Tag, an dem Joost von Wiebke entdeckt wurde; für mich ist dieses Zitat eines der aussagekräftigsten Sätze des Romans:

"Das war eine andere Zeit, (könnte er, Hanno, noch sagen), da denkt man nicht über Tage und Wochen hinaus, sondern nur daran, ob es am Abend etwas zu essen gibt und ob im Ofen ein Feuer brennt. Da muss man die Dinge vergessen. Sonst ist man verloren." (Seite 223)


Eben diese Stimmung ist auf jeder Seite spürbar, nacherlebbar und in meisterhafter, brillant erzählter Sprache von Mechtild Borrmann umgesetzt.

Das letzte Drittel des Romans nimmt dann nochmals an Fahrt und Dramatik auf; es ist kaum möglich, den Roman aus der Hand zu legen, zumal es um "Trümmermorde" in Hamburg geht, wobei der Leser durchaus eigene Schlüsse ziehen kann, wer an den grauenvollen Taten beteiligt sein könnte... Mich beschlich beim Lesen mehr und mehr das untrügliche Gefühl, dass sich dies genau so - oder ganz ähnlich wirklich abgespielt haben könnte - und zwar nicht nur ein einziges Mal!

Fazit:

Ein Roman aus den letzten Kriegstagen und der Nachkriegszeit, der erschüttert, der die Realität der damaligen Zeit projeziert, in der menschliche Verhaltensweisen außer Kraft gesetzt wurden, egoistische Motive auch Gewaltbereitschaft schürten. Er lässt den Leser etwas sprach- und fassungslos zurück: Für mich ist "Trümmerkind" durch die klare, fesselnd geschriebene und prägnante Sprache, die Bilder erstehen lässt und den Leser in jene Zeit zurückkatapultiert, ein literarisches Meisterwerk auf 300 Seiten mit großer atmosphärischer Dichte und überzeugenden Protagonisten.

Ein Roman über Verbrechen in Kriegs- und Nachkriegszeiten, Familiendramen, Identitätssuche, Schuldgefühle, Verantwortung und Schuld, aber auch Flucht, Vertreibung, Enteignung, Entrechtung von Gutsbesitzern im ehemaligen Ostpreußen, Böhmen und Mähren, der seinesgleichen sucht! Eine ganz klare Leseempfehlung von mir sowie 5 * und volle Punktzahl auf der "Histo-Couch" von mir mit herzlichem Dank an die Autorin und den Droemer-Knaur Verlag! Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman von Mechtild Borrmann!
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