Ein königliches Theater von Marco Malvaldi

Buchvorstellungund Rezension

Ein königliches Theater von Marco Malvaldi

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Buchi nella sabbia“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 256 Seiten.ISBN 3-492-06010-2.Übersetzung ins Deutsche von Luis Ruby.

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Kurzgefasst:

Pisa, 1900: Zu Ehren von König Vittorio Emanuele III. soll Puccinis »Tosca« uraufgeführt werden. Doch die neue Oper enthält einigen politischen Sprengstoff, und ausgerechnet Ruggero Balestrieri, ein berüchtigter Anarchist, soll den Cavaradossi singen. Als dieser in der Premiere nicht nur zum Schein, sondern tatsächlich mit einem Gewehr exekutiert wird, droht eine Revolte. Ein Mord in der Gegenwart des Königs! Es gibt nur einen Mann, der Licht in das Dunkel der Ermittlungsarbeiten bringen kann: Ernesto Ragazzoni, seines Zeichens Dichter, Übersetzer und Journalist aus Rom, dessen Humor sich selbst bei der Aufklärung einer so ernsten Sache wie Mord als durchaus hilfreich erweist ...

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Mord auf offener Bühne“87Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Pisa, 1901. König Vittorio Emaunele III. wird in der Stadt erwartet, um einer Aufführung der neuesten Oper aus der Feder des Komponisten Giacomo Puccini beizuwohnen, „Tosca“. Puccini kann leider nicht kommen um selbst zu dirigieren, aber man hat eine hochkarätige Truppe an Solisten zusammengestellt, um die Oper zu präsentieren.

Zu dieser Truppe gehört auch Startenor Ruggero Balestrieri, ein berüchtigter Anarchist und in der Rolle des Malers Cavaradossi soll er auf der Bühne erschossen werden. Leider wird er am Ende der Aufführung tatsächlich erschossen, vor den Augen des Königs und des Publikums, und so beginnt der Dichter und Journalist Ernesto Ragazzoni mit der Aufklärung der Todesumstände.

Denn nur wenig später verschwindet die Leiche spurlos aus dem Theater, und Verdächtige gibt es im Hause genug. Ehemalige und jetzige Konkurrenten, politische Gegner und Befürworter, neidische Kollegen, derzeitige Kollegen die Opfer des selbstherrlichen Spottes Balestrieris waren – die Liste ist voll und nimmt kein Ende. Schließlich will man selbst den nicht anwesenden Puccini persönlich verhaften. Ein Wettlauf gegen ein Ultimatum politischer Ultras beginnt. Wer von den Verdächtigen ist besonders verdächtig und eines Mordes fähig?

Reichlich Verdächtige

Marco Malvaldi ist Vertreter einer neuen, frechen Generation italiensicher Autoren, die im Krimi-Genre zuhause sind und gelegentlich auch mal einen in der Vergangenheit spielen lassen. In diesem Fall spielt der Roman im Jahr 1901, im toskanischen Pisa. Giacomo Puccini hat Anfang 1900 seine neue Oper „Tosca“ in Rom uraufgeführt, seitdem füllt sie die Opernhäuser in Italien und sogar auch schon in London und in Buenos Aires. Nun, ein Jahr nach der Uraufführung, soll die Oper in Pisa gegeben werden, aber nicht von einem festen Ensemble, sondern von einem freien, reisenden Ensemble, in der damaligen Zeit keine Besonderheit. Man kannte sich untereinander, man mochte sich oder auch nicht, aber immer war das Ziel eine erfolgreiche (vor allem finanziell) Aufführung der neuesten Werke der bekanntesten Komponisten, zu denen Puccini neben dem greisen Verdi zu dieser Zeit zählte.

Puccini selbst wird die Aufführung nicht dirigieren, obwohl er in der Toscana, in Torre del Lago an der Küste lebt, derzeit aber unterwegs ist und somit nicht zur Verfügung steht. Das macht ihn in den Augen eines übereifrigen Polizeibeamten besonders verdächtig, einen Anschlag auf den König zu planen, da er schon des Öfteren mit Sozialisten sympathisiert hat. Eine wahnwitzige Theorie, aber ist sie das wirklich?

Das damalige Theaterwesen

Während der Aufführung der „Tosca“ wird der Sänger des Malers Cavaradossi, Ruggero Balestrieri, erschossen. Verwirrend genug, denn Cavaradossi wird tatsächlich erschossen, aber das soll ja nur gespielt werden. Doch der Sänger, ein recht unbeliebter Tenor, steht nicht wieder auf, und man stellt fest, dass er tatsächlich erschossen wurde. In Anwesenheit des Königs mehr als ein Affront, und Verdächtige finden sich genug. Die Polizei rückt an, die Zuschauer werden nach und nach entlassen, und die Reihe der Verdächtigen scheint kein Ende zu nehmen. Neben eifersüchtigen Kollegen sind dies die vier Statisten, die den Maler Cavaradossi auf der Bühne erschiessen sollten, der Impresario des Hauses, dessen viel jüngere Frau, von der viele nicht wissen, dass sie seine Frau ist, da sie die zudem die Sängerin der Tosca ist, und somit weitere Eifersüchteleien vorprogrammiert sind. Hinzu kommen der Dirigent der Oper, Renato Maria Malpassi, oft mehr Dompteur als Maestro, bedingt durch die Zicken mancher seiner künstlerischen Mitarbeiter, und weitere Bedinestete des Theaters, mehr oder weniger wichtig und befreundet oder auch nicht mit dem unfreiwillig Dahingeschiedenen Hauptdarsteller.

Ulrico Dalmasso ist Hauptmann beim Korps der königlichen Wache und Vorgesetzter von Leutnant Gianfilippo Pellerey, die mithilfe des Journalisten Ernesto Ragazzoni versuchen, so schnell wie möglich Licht in das Bühnendunkel zu bringen. Besonders verwirrt sind die Beamten zum einen vom plötzlichen Verschwinden der Leiche Balestrieris, zum anderen von der gegenseitigen Unfähigkeit, dass dies überhaupt passieren konnte.

Frische und freche Sprache

Die Sprache Marco Malvaldis ist frisch und frech und nicht unbedingt etwas für „seriöse“ Histo-Roman-Leser. Sie strotzt vor lockeren Sprüchen und Ironie, und dies mag vielleicht zu einem Mordfall, noch dazu in Anwesenheit des Königs, nicht passen wollen. Allerdings passt die Sprache zum Theater, speziell zur Oper, wo ja angeblich gelogen und betrogen und verschwiegen und geschwiegen wird, dass sich die Balken biegen. Wenn der Leser sich darauf einlässt, wird er sich bestimmt amüsieren können, muss aber in Kauf nehmen, dass sich doch einige Modernismen einschleichen und sich der Sprachstil bisweilen selbst überschlägt.

Interessant dürfte allerdings der historische Part sein, den der Leser für sich aus dem Roman herausfiltern kann. Neben den brisanten politischen Verhältnissen – wenn schon Puccini selbst trotz Abwesenheit als Drahtzieher hinter dem Anschlag vermutet wird – sind dies die Verhältnisse auf dem Theater und vor allem dahinter, die Produktion eines nicht-festen Ensembles und deren Traditionen und dazu ist der Roman noch gespickt mit zahlreichen Anekdoten auf und neben der Bühne, die, wie man im launigen Nachwort nachlesen kann, tatsächlich alle geschehen sind, nur teilweise in anderen Zusammenhängen und anderen Bühnenwerken, aber dies wird genau erläutert.

Der Maestro als Verdächtiger in Abwesenheit

Überhaupt kann das Nachwort empfohlen werden, zudem gibt es eine Danksagung und ein Inhaltsverzeichnis (das vorne im Buch sinnvoller angebracht gewesen wäre als hinten). Ein chronologisches Personenverzeichnis nach der Reihenfolge ihres Auftretens, wie es am Theater auch oft üblich ist, steht dem Roman voran und so kann man immer noch einmal nachlesen, mit wem man es denn da wieder neues zu tun hat, wenn einen die italienischen wohlklingenden Namen mal wieder aus dem Konzept bringen. Der Originaltitel Buchi nella sabbia, übersetzt ungefähr „Löcher im Sand“ würde vielleicht eher mit „Sand im Getriebe“ übersetzt werden können, und davon gibt es auf dem Theater, jedenfalls dem beschriebenen, jede Menge.

Die Aufklärung des Mordes geschieht neben all dem Theater tatsächlich und klingt am Ende recht einfach, wenn man ein bisschen aufgepasst hat. Insgesamt ist Ein königliches Theater ein launiger Beitrag Italiens zur Theaterkultur und gibt dem deutschen Leser einen Eindruck, wie es wohl auf dem Gebiet der Oper hinter den Kulissen zugehen mag. Natürlich trieft der Roman vor Klischees, aber sicher sein, ob es nicht so ist, oder zumindest ein bißchen, das kann man sich nie. Der Roman ist nicht nur etwas für Theaterfreunden, sondern auch für solche, die es vielleicht einmal werden sollen. Nach Das Nest der Nachtigall ist Ein königliches Theater Malvaldis zweiter „historischer“ Kriminalroman, der sich nach kulinarischen Genüssen nun den theatralischen widmet. Wir warten gerne auf Malvaldis nächsten Ausflug ins Italien der Jahrhundertwende, wenn wieder so launig gemordet wird.

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