Das Marzipanmädchen von Lena Johannson
Buchvorstellung und Rezension
Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel „Das Marzipanmädchen“, , 448 Seiten. ISBN 3-426-63766-9.
Kurzgefasst:
Lübeck im Jahre 1870. Marie Kröger, 16 Jahre alt, hat nur einen Traum: Sie will einmal Tänzerin werden. Doch als ihr älterer Bruder ums Leben kommt, soll sie die väterliche Konditorei übernehmen. Schweren Herzens fügt sich Marie dem Willen des schwerkranken Vaters und muss sich nun nicht nur den Respekt der Angestellten erkämpfen, sondern auch das Vertrauen der Kunden gewinnen – zu denen auch der russische Zar gehört. Hilfe erhofft sie sich von einem geheimnisvollen Marzipanrezept, das sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie befindet. Nur Marie weiß, wo ihr verstorbener Bruder es aufbewahrte. Kann dieses Rezept Marie und die Konditorei vor dem Ruin retten?
Das meint Histo-Couch.de: „Ein gut gezeichnetes Bild der wirtschaftlichen Entwicklung im ausgehenden 19. Jahrhundert!“
von Rita Dell'Agnese
Nach dem unerwarteten Tod ihres Bruders muss die blutjunge Marie Kröger ihrem Traum – Ballerina zu werden – entsagen und das väterliche Geschäft übernehmen, eine Süssbäckerei. Zunächst scheint es, als ob sich Marie nach und nach dem ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters entzieht und die Führung des Unternehmens dem Geschäftsleiter Achim Oeverbeck überlässt. Erst als sie erfährt, dass die Qualität des Krögerschen Marzipans – einst Stärke des Unternehmens – stark nachgelassen hat, besinnt sie sich auf ihre neue Aufgabe.
Sehr zum Missfallen Oeverbecks, der die junge Frau immer mal wieder drängt, ihm das geheime Familienrezept für das Marzipan zu überlassen. Marie fasst sich ein Herz und reist, allen Widerständen zum Trotz, nach St. Petersburg an den Zarenhof, um Aufträge für den Betrieb zu sichern. Auf der Fahrt kommt sie dem Weinhändler Thomas Hansen näher, sie lernt aber auch den zurückhaltenden Sohn eins Fischkonservenfabrikanten kennen. Beide Männer machen der selbstbewussten Marie den Hof, wobei Thomas Hansen stets eine rätselhafte Distanz wahrt. Auch Achim Oeverbeck möchte seine Chefin, die ihm nach einem Eklat im Betrieb alle Befugnisse entzieht, heiraten. Doch Marie, deren Liebe dem freiheitsliebenden Thomas gehört, winkt ab. Sie hat sich ganz dem väterlichen Betrieb verschrieben und unternimmt alles, um auch in Krisenzeiten keine Leute entlassen zu müssen und die Zustände in den Elendsquartieren von Lübeck zu verbessern.
Auf dem Sterbebett fordert ihr Vater sie auf, Christian Andresen zu heiraten, obwohl sie sich nach wie vor nach Thomas verzehrt …Der befreundete Arzt, dem sie ihr Herz ausschüttet, rät ihr: „;Wenn der, den du liebst, nicht bei dir ist, liebe den, der bei dir ist ...“ Marie muss sich entscheiden.
Grundlage für den Wohlstand
Die Geschichte von Marie liest sich spannend und eingängig. Lena Johannson verzichtet darauf, ihre Protagonistin mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auszustatten, sondern zeichnet ein Bild von einer selbstbewussten Tochter aus bürgerlichem Hause, die ihre Schwächen und Eitelkeiten ebenso erlebt wie ihre Stärken. Nichts Übernatürliches ist die Grundlage für das unübertreffliche Marzipan aus der Bäckerei Kröger, sondern ein Familienrezept, das über Generationen hinweg geheim gehalten worden ist. Wer sich mit der Wirtschaft früherer Jahrhunderte beschäftigt, kann mühelos nachvollziehen, wie wichtig die Geheimhaltung des Rezeptes für den Unternehmenserfolg war. Oft war es nur diese Geheimhaltung, die den Wohlstand ganzer Regionen sicherte. Mit ein paar wenigen Sätzen entzaubert Lena Johansson schließlich das Geheimnis um das Marzipan und stellt klar, was den einmaligen Geschmack ausmacht. Doch ist es wohl genau diese Entzauberung, die dem Buch seine Tiefe gibt. Bevor noch eine mystische Verklärtheit den Blick aufs Wesentliche trüben könnte, lenkt Lena Johannson auf den richtigen Weg zurück.
Einblick in Klassen-Unterschiede
So erfolgreich Marie mit ihrem Marzipan ist, so stark ist auch ihr soziales Gewissen entwickelt. Sie nimmt den Leser mehrfach mit in die Abgründe des Lübecker Armenviertels. Sie beschönigt nichts, sonder lässt zu, dass die Klassenunterschiede Marie – und damit dem Leser – in aller Deutlichkeit bewusst werden. Und, obwohl sich Marie längst schon außerhalb ihrer eigenen Firma für die Arbeiter einsetzt, gibt es keine Möglichkeit, diese Unterschiede zu beseitigen. Denn Marie muss zwangsläufig an der Selbstgefälligkeit der Unternehmer scheitern. Alles andere hätte der Geschichte geschadet. Lena Johannson bewegt sich während der ganzen Zeit nämlich auf dem schmalen Grat zwischen Nachvollziehbarkeit und Fantasiewelt. Es gelingt ihr, diesen Grat niemals zu verlassen, sondern glaubwürdig den Kampf von Marie für bessere soziale Zustände aufzuzeigen. Vieles kann sie bewirken, obwohl sie als Frau weder Stimmrecht hat noch die uneingeschränkte Anerkennung der ausschließlich männlichen Unternehmerschaft genießt. Weil Marie als zukunftsorientierte Geschäftsfrau mehr als einmal Klippen umschifft, wird ihr Respekt gezollt und doch bleibt sie Außenseiterin, die, wenn es hart auf hart geht, verlieren muss.
Verzicht auf Kitsch
Streng genommen ist „;Das Marzipanmädchen“ eine Liebesgeschichte. Aber eine, die ohne Kitsch und fast ohne die inzwischen nahezu inflationären Erotikszenen auskommt. Die Autorin schärft den Blick des Lesers für das feine Gefüge des Wirtschaftslebens Ende des 19. Jahrhunderts. Sie bestückt eine eingängige Entwicklungsgeschichte mit Protagonisten, die alle menschlichen Gefühle durchleben. Und sie verzichtet nicht nur auf Kitsch, sondern auch darauf, schwarz-weiß zu malen. Marie entscheidet nicht immer richtig, wenn auch für den Leser immer nachvollziehbar. Hier ist allerdings die einzige Schwäche des Buches auszumachen: Der wirtschaftliche Erfolg der Bäckerei Kröger wird in etwas gar zu rosigen Farben geschildert.
„;Das Marzipanmädchen“ ist ein ausgesprochen gut konzipiertes und gelungenes Debüt einer Autorin, die wohl noch verschiedentlich aufhorchen lässt. Und es ist – auch wenn der Titel das vermuten lässt – kein ausgesprochener Frauenroman.
Ihre Meinung zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen«
- Heike Stelzner zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen« 08.05.2011
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Vor zwei Jahren besuchte ich die Stadt Lübeck mit meinem Sohn(damals 9). Er fand die Stadt "zauberhaft". Seiner Meinung kann ich mich nur anschließen.
Damals kaufte ich mir das Buch "Das Marzipanmädchen".
Das Buch ist sehr einfühlsam geschrieben. Ich lese es immer wieder gerne.
Mich interessiert sehr, ob es die Familie Kröger wirklich gab. Eine Antwort auf diese Frage habe ich leider noch nicht gefunden.
Vielleicht gibt es eine Antwort in Lübeck?
- Eleonora zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen« 11.07.2010
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Ich habe Lena Johannsons Roman "Das Marzipanmädchen" wirklich gerne gelesen, man könnte auch sagen verschlungen. Ihren flüssigen und einfachen Schreibstil habe ich als angenehm empfunden. Auch die Protagonistin hat Lena Johannson ausgesprochen gut gewählt. So konnte ich mich mühelos in Marie hineinversetzen und mich mit ihr freuen und leiden. Besonders hervorzuheben sind des Weiteren die gelungenen Beschreibungen Lübecks und der Marzipanherstellung. Die größte Schwäche des Buches liegt für mich im teils vorhersehbaren Handlungsverlauf. Wer actiongeladene Romane inklusive knisternder Spannung sucht, ist mit diesem Buch also definitiv nicht gut bedient. Ein zweiter Punkt, der mich leicht gestört hat, war folgender: Es gab kein Nachwort, aus dem hervorging, ob es tatsächlich eine Marie Kröger gegeben hat, ob die Konditorei mal Andresen hieß usw... Ich würde dieses Buch jedem empfehlen, der einen schönen historischen Roman mit zentraler Liebesgeschichte für ein entspanntes Lesevergnügen sucht!
Von mir gibt es 85 Grad.
- Birthe zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen« 27.04.2009
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Ich finde, dass die Autorin das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt abgeschlossen hat. Ich sehe den Roman weniger als Familiensaga; er handelt ausschließlich von Marie und ihrem Wirken für die Marzipanmanufaktur Kröger. Mit der Übergabe der Konditorei an ihren Sohn und den Rückzug ins Privatleben war ihr eigentliches Lebenswerk getan. Prolog und Epilog deuten lediglich an, dass das durch ihren Einsatz und Optimus geschaffene Fundament stark genug war, das Unternehmen durch Kriegszeiten und Weltwirtschaftskrise hindurch zu tragen. Hätte Lena Johannson weitergeschrieben, wäre ihrem Roman alle Leichtigkeit genommen und hielten wir nun wahrscheinlich ein von politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen geprägtes 1000-Seiten-Werk in Händen, in dem die Liebe zum Konditorenhandwerk eher eine untergeordnete Rolle gespielt hätte.
- Gudrun Winderlich zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen« 31.03.2009
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Ein überaus spannendes und stilsicher geschriebenes Buch. Wer in Lübeck lebt und die Geschichte des Niederegger Marzipans kennt, entdeckt viele Gemeinsamkeiten - aber aufgrund der guten örtlichen Beschreibungen ist es gerade für "Einheimische" interessant. Auch ich hätte gern gewusst, wie Marie die Kriegswirren überstanden hat. Für mich als Krimifan eine schöne Abwechslung, weil alles so positiv und happyendig ist.
- Mandy zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen« 11.07.2008
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Mir hat dieses Buch auch sehr gut gefallen. Die Personen werden sehr liebevoll dargestellt und auch die Prozedur der Marzipanherstellung wird wunderbar schmackhaft erklärt.
Was mich leicht gestört hat, war die Idealisierung der Marie. Sie ist schon fast ZU gut um wahr zu sein.
Allerdings fand ich die beinahe verpasste große Liebe dann doch sehr realistisch. Schließlich könnte es jedem von uns so gehen oder ergangen sein.
Aber auch ich fand das Ende doch sehr aprupt. Ich hätte es schöner gefunden, zu erfahren, wie die Marzipan-herstellung den 2. Weltkrieg überlebt hat.
Ein Thema das hier leider kompett übergangen wurde.
Trotzallem ein sehr lesenswerter Roman mit einer sich selbst treuen "Heldin".
- HelgaR zu »Lena Johannson: Das Marzipanmädchen« 05.06.2008
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Die Personen sind alle sehr liebevoll gezeichnet und man erfährt viel über Marzipan, man kann es förmlich riechen und schmecken. Auch das Leben in Lübeck ist sehr interessant dargestellt, leider gibt es auch viel Armut, die einem in der ganzen Geschichte nicht verborgen bleibt und gegen die Marie auch ankämpft.
Eine wunderschöne Familiengeschichte, die sich über 78 Jahre, von 1870 bis 1948 erstreckt, wobei aber nur über 40 Jahre geschrieben wird. 1910 endet dann die Geschichte ganz abrupt auf den letzten 8 Seiten, die übrigen 38 Jahre sind leider unter den Tisch gefallen und man erfährt nur mehr von einem Tag im Jahr 1948, der im Prolog und im Epilog ganz kurz abgehandelt wird.
Das finde ich sehr schade, da man beim Lesen plötzlich das Gefühl hat, die Seiten sind ausgegangen und man nicht mehr erfährt, was eigentlich in den 38 Jahren passiert. Auch Figuren, die den Hauptanteil der Geschichte ausgemacht haben, verschwinden plötzlich von der Bildfläche und man erfährt nicht, was aus ihnen geworden ist. Darüber bin ich sehr enttäuscht, wo es doch eine so schöne Familiensaga ist, die sich auch sehr flüssig lesen lässt.
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