„Ich empfinde mich auch als Hüter der deutschen Sprache.“

Carsten Jaehner traf Tilman Röhrig vor seiner Premierenlesung des „Sonnenfürsten“ in den Gärten des Schlosses Augustusburg in Brühl. Sie schlenderten durch den Park und führten ihr Interview auf einer lauschigen Parkbank in der Abendsonne wie weiland Kurfürst Clemens August höchstpersönlich.

Histo-Couch: Herr Röhrig, vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben zu einem Interview in diesem wunderschönen Garten von Schloss Augustusburg. Ihr Buch beschreibt einen Mordanschlag auf einen Freund von Fürstbischof Clemens August. Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?

Tilman Röhrig: Bei meinem Weg durch die deutsche Geschichte waren Barock und Rokoko dran, und ich habe immer gedacht: Das muss doch nicht immer Ludwig XIV. oder das absolutistische Frankreich sein. Clemens August aus Kurköln bot sich einfach an. Er versuchte ständig, dem französischen Sonnenkönig und der höfischen Pracht in Versailles nachzueifern, und es ist ihm letztlich immer misslungen. Er ist eine literarische Figur, die geeignet ist, durch die Risse und Brüche seiner Biografie dann auch mal hinter die Kulissen des Rokoko sehen zu können. Das Rokoko ist ja eine Zeit, die wir als verspielt und schön kennen, wenn man genauer hinsieht, ist es gar nicht mehr verspielt, gar nicht mehr schön. Das zeigt dann auch die Story, eine einzige große Intrige. Das lässt sich gut erzählen.

Histo-Couch: Das Buch basiert auf einer realen Begebenheit. Wie viel an Ihrem Roman ist real und wie viel ist hinzugedacht?

Tilman Röhrig: Zunächst einmal nehme ich die Geschichte so, wie sie sich tatsächlich abgespielt hat. Hinzu kommen die historischen und auch erfundenen Figuren, hinzu kommen Gefühle. Ich erwecke meine Figuren zum Leben. Sie sind Geschöpfe meiner Interpretation. Ich erzähle mehr als in den mir zugänglichen Quellen steht, das ist aber auch Resultat von festgehaltenen Erfahrungen, aus Beschreibungen, Äußerungen und Handlungen, aus denen ich den einzelnen Charakter dann baue.

Histo-Couch: Sie beschreiben das Leben bei Hofe sehr bunt und mit sehr viel Liebe zum Detail, wie beispielsweise auch Hofschranzen, die sich nicht den kleinsten Augenaufschlag gönnen. Wie sehr genießen Sie es, sich in diesen köstlichen Details zu verlieren?

Tilman Röhrig: Ja, das genieße ich sehr. Aber ich denke mal, das Köstliche kommt erst, nachdem ich alles weiß. Zunächst einmal muss ich sehr vieles in mich aufsaugen, auch von diesen Kleinigkeiten, die dort am Hof passieren, um nachher über sie verfügen zu können. Sie können nicht einfach nur so ein bisschen anrecherchieren und denken, das ist jetzt das Heitere. Dann wird es nicht heiter. Heiter wird es erst, wenn man völlig, wie selbstverständlich, über ein riesiges Reservoir verfügt, um dann ein bisschen davon zu erzählen. Dann bereitet es auch Freude.

Histo-Couch: Sie legen Ihren Figuren eine Sprache mit sehr viel Delikatesse in dem Mund. Woher nehmen Sie diese Formulierungen?

Tilman Röhrig: Irgendwann lebe ich als Autor so sehr mit diesen Figuren und in der Zeit, dass die Sprache wie von selbst kommt. Ich verfüge als Autor natürlich über eine reiche Palette von der Gossensprache bis zur Hofsprache. Und ich versuche immer, mit dem Sprachstil auch der Zeit gerecht zu werden. Wobei dies kompliziert ist. Ich habe natürlich nicht naturgetreu diese Sprache oder das Sprachgebaren nachahmen können, das hätte keiner mehr verstanden. Das hätte jeder affektiert gefunden. Das heißt also, ich deute etwas an, und man hat plötzlich das Gefühl, okay, wir sind in der höfischen Sprache und in Wirklichkeit kehre ich schon wieder zurück zu meiner Erzählweise heute.
Auf der anderen Seite bin ich auch Hüter der deutschen Sprache, zumindest empfinde ich mich so, und das sollten wir Schriftsteller doch alle sein, oder? Ich halte nichts vom Fraternisieren mit der Sprache der heutigen Zeit, mit der Sprache, die uns heute von den Medien oft so gleichförmig vorgegeben wird. Sprache verkümmert sehr, und ist doch so reichhaltig. Da möchte ich meinen Leserinnen und Lesern zum Beispiel auch mal die zeitgenössische Sprache aus dem Rokoko ein wenig nahe bringen.

Histo-Couch: Brauchen Sie lange, bis Sie eine bestimmte Szene ausgefeilt haben? Fangen Sie ein Buch immer vorne an und hören hinten auf? Schreiben Sie chronologisch?

Tilman Röhrig: Ich schreibe fast immer chronologisch. Ich brauche sehr lange für jede einzelne Szene, das Schreiben geht bei mir sehr langsam voran. Allerdings korrigiere ich wenig, sondern ich schreibe langsam, und dann weiß ich am Ende des Tages, wenn ich zwei, drei Seiten habe, dass dies auch meine Seiten sind.

Histo-Couch: Wie lange brauchen Sie für einen Roman? Für den „Sonnenfürsten“?

Tilman Röhrig: Zweieinhalb Jahre.

Histo-Couch: Mit Recherchen?

Tilman Röhrig: Mit Recherchen. Für die Recherchen brauchte ich ungefähr ein Jahr.

Histo-Couch: Waren Sie auch hier im Schloss Augustusburg für Recherchen, und fahren Sie immer an die Orte ihrer Handlungen?

Tilman Röhrig: Ja, ich fahre immer hin und schau mir alles an. Ob es nun Island oder Grönland ist, ich habe ja mal über Erik den Roten geschrieben. Oder für den Caravaggio, meinen letzten Roman, da bin ich bis nach Malta gefahren.

Histo-Couch: Haben Sie für den „Sonnenfürsten“ auch etwas gelernt?

Tilman Röhrig: Zu meinen Recherchen gehört, dass ich Tätigkeiten ausprobiere, oft sogar richtig lerne, Für den „Riemenschneider“ habe ich Holzschnitzen und Steinbildhauen gelernt, für den Caravaggio mich mit Ölmalerei beschäftigt, ausprobiert, wie Farben angemischt werden, sonst kann ich nicht plastisch darüber schreiben. Allerdings: Fürst kann man nicht lernen, für den Sonnenfürsten habe ich „Schlösser“ gelernt. (lacht) Geheimgänge und all so etwas.

Histo-Couch: Der Sonnenfürst hat Musik geliebt und selbst Gambe gespielt. Mögen Sie auch Musik und spielen Sie ein Instrument?

Tilman Röhrig: Ich mag Musik sehr, höre viel Musik, bin, wenn Sie so wollen ein Fan von Radiokonzerten oder besonderen Interpretationen. Die Musikepoche wechselt dabei allerdings, die Musikrichtung auch.
Für den Roman habe ich viel Musik aus der damaligen Zeit recherchiert, versucht sie passend zu den Stimmungen oder Charakteren und Anlässen im Roman auszuwählen. Ich selbst …(lächelt) Ich musste als Kind Klavier spielen und habe aufgehört, als ich Mozart mit Metronom spielen musste. Und wie alle Kinder, habe ich natürlich Blockflöte gelernt, als Pfarrerssohn blieb mir erst recht nichts anderes übrig! Das gehörte dazu damals: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“-

Histo-Couch: Und da hat es Sie nicht an die Orgel getrieben?

Tilman Röhrig: Nein, nein, Orgel habe ich nie gespielt, als das anstand, da war ich schon verliebt in irgendwen, so dass wir uns eher hinter der Orgel versteckt haben.

Histo-Couch: Wie behalten Sie bei so vielen verschiedenen Personen und so vielen Parteien mit so langen komplizierten Namen den Überblick? Machen Sie sich ein Plan oder haben Sie alles im Kopf?

Tilman Röhrig: Ich mache mir NOCH keinen Plan, im Moment geht es noch so.

Histo-Couch: Haben Sie eine Lieblingsfigur in diesem Roman? Oder in einem anderen Roman?

Tilman Röhrig: Ja, ich verliebe mich an sich in jede meiner Frauen. (lacht) Ich glaube, wenn die alle vorbeikämen aus meinen Romanen, ich würde jede kennen.

Histo-Couch: Gibt es bei Ihnen eine Figur, die sehr viel von Tilman Röhrig hat? In diesem Roman oder in einem anderen?

Tilman Röhrig: Ja, Tilman Riemenschneider. Das ist jemand, mit dem ich mich sehr eng verbunden fühle.

Histo-Couch: Was nicht nur am Vornamen liegt?

Tilman Röhrig: Das liegt nicht nur am Vornamen. Er ist ein Künstler, der es in seiner Zeit sehr schwer hatte und der sehr viel Wunderbares geschaffen hat. Riemenschneider liegt mir schon sehr nahe. Obwohl, das gilt eigentlich für jedes Buch, dass ich mich immer in meinen Figuren wiederfinde, oft in mehreren. Selbst in dem Suchen von Clemens August nach Schutz und Geborgenheit kann ich mich wieder finden – oder in diesem Gefühl von Alleinsein-Müssen. Ich verteile mich stets auf meine Romanfiguren.

Histo-Couch: Wenn man auf der Histo-Couch die Kommentare zu Ihren Romanen liest, dann kann man zumindest bei einem darauf schließen, dass es auch Schullektüre ist, das ist „In dreihundert Jahren vielleicht“. Wussten Sie das?

Tilman Röhrig: Ja, sicher, ich weiß das. Ich bekomme ja stets die Auszüge, wenn in irgendeinem Schulbuch etwas abgedruckt wird. Und es gibt bestimmt um die hundert, hundertfünfzig verschiedene Schulbücher in denen ein Abschnitt aus ´In dreihundert Jahren vielleicht’ abgedruckt wurde.

Histo-Couch: Glauben Sie, dass man durch Romane Kinder und Jugendliche für Geschichte interessieren kann?

Tilman Röhrig: Ja, ich hoffe es. Alles, was sie beispielsweise z.B. in „In dreihundert Jahren vielleicht“ lesen, so erzählen oder schreiben es mir die Jugendlichen, ist für sie oft sehr eindringlich, dass sie davon berührt sind. Und dies hinterlässt Spuren, wie jede Berührung. Ich denke, das Lesen kann vielleicht Einfluss haben, mehr als man oft vermutet.

Histo-Couch: Können Sie sich vorstellen, zum „Sonnenkönig“ eine Fortsetzung zu schreiben? Er hat ja noch sein halbes Leben vor sich.

Tilman Röhrig: Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, ich könnte drei Romane verfassen. Aber ich bin kein „Serienschreiber“. Ich glaube nicht, dass da noch eine Fortsetzung kommt. Ich habe andere Pläne.

Histo-Couch: Machen Sie gerne Lesungen, und können Sie sich vorstellen, auch ein eigenes Buch einzulesen?

Tilman Röhrig: Ich habe den „Caravaggio“ als Hörbuch selbst eingelesen. Ich mache sehr gerne Lesungen, ich bin auch heute aufgeregt, weil es ja nun mal die Premiere für den „Sonnenfürsten“ ist. Für mich sind Lesungen so etwas wie literarische Darbietungen. Eigentlich fast schon Aufführungen.

Histo-Couch: Sind Sie sehr nervös, wenn ein Buch neu herauskommt?

Tilman Röhrig: Ich bin immer aufgeregt. Es ist jedes Mal wieder wie ein Baby, das man zur Taufe trägt. Es ist ein Stück meiner Seele in jedem Buch. Ich habe mich über zwei Jahre damit beschäftigt, da ist es immer aufregend, wie es angenommen wird.

Histo-Couch: Lesen Sie Kritiken?

Tilman Röhrig: Wenn sie gut sind …(lacht)

Histo-Couch: Und schlechte Kritiken? Die vergessen Sie dann?

Tilman Röhrig: Nein, ich ärgere mich. Obwohl ich jetzt über 40 Jahre in diesem Beruf bin, stehe ich da noch nicht drüber.

Histo-Couch: Warum auch …Können Sie denn Kritik annehmen, was da drin steht? Wenn sie berechtigt ist?

Tilman Röhrig: Jaaa, ich versuche es. Aber weil es ja kein intensives Gespräch ist, gelingt es mir nur ganz selten. Es dauert so lange, bis ein Buch von mir abgegeben wird – mit so vielen Recherchen, Reisen, Gesprächen, dass ich meiner immer sicher bin. Ich stehe da mit meiner sicheren Meinung gegen die vielleicht sichere Meinung eines anderen. Und da frage ich mich dann oft, ist die Kritik wirklich berechtigt? Hat der Kritiker auch das gelesen, was mir zur Verfügung stand? Ich nehme gerne Anregungen mit, aber oft wird, wenn man genauer hinsieht, auch nur etwas nachgeplappert.

Histo-Couch: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, hier einen Tag in Schloss Augustburg gelebt zu haben, zu Clemens Augusts Zeiten, hätten Sie das gerne gemacht?

Tilman Röhrig: Einen Tag, ja. Ich werde oft gefragt, ob ich nicht lieber in der Zeit von Robin Hood oder Friedrich dem Staufer oder der Zeit der Medici oder weiß Gott wem gelebt haben wollte. Einen einzigen Tag schon, aber nicht eine Woche, nicht einen Monat, schon gar kein Jahr. Ich selbst lebe schon lieber in meiner Zeit, alles andere ist eine spannende Reise in fremde Welten.

Histo-Couch: Dürfen oder wollen Sie uns etwas über Ihre künftigen Projekte verraten?

Tilman Röhrig: Zunächst muss mein Mut sich ausruhen. Und für jeden neuen Roman braucht es neuen Mut und Kraft. Natürlich habe ich schon Pläne. Ich verfolge mit all meinen Büchern seit Jahren einen großen Plan: Ich schreibe Bücher über Eckpunkte und Scheidewege europäisch-deutscher Geschichte, das heißt angefangen bei Hannibal bis hin zur Wiege des deutschen Nationalismus. Ich habe vier große Pläne, was ich als nächstes schreiben will, aber ich möchte noch nichts von dem verraten. Ich habe zu gute Ideen und schreibe zu langsam, als dass man sie nicht aufgreifen könnte. Das nächste Thema wird bald genannt, aber ich will da meinem Agenten nicht vorgreifen, weil wir noch in Verhandlungen sind.

Histo-Couch: Machen Sie jetzt erst einmal eine längere Pause, wenn ein neues Buch herausgekommen ist, oder geht es direkt weiter?

Tilman Röhrig: Nein, es geht direkt weiter. Gut, ich lese und recherchiere jetzt sicherlich den ganzen Herbst hindurch, aber dann geht`s mit dem Schreiben schon wieder los.

Histo-Couch: Vielen Dank für das Interview!

Tilman Röhrig: Sehr gerne!

Bilder (3): privat