„Schlachten aus der Opferperspektive zu beschreiben verlangt einem sehr viel ab.“

Iris Kammerer spricht mit der Histo-Couch über ihren aktuellen Roman „Varus“ (Historikus im Juni 2009), über das Beschreiben von Schlachten und weshalb sie das Fach Geschichte in der Schule immer „sterbenslangweilig“ fand.

Histo-Couch: Frau Kammerer, Sie haben bis jetzt fünf Bücher veröffentlicht. Wie geht es Ihnen, wenn Sie eines Ihrer Bücher zur Hand nehmen? 

Iris Kammerer: Gut. Es ist schön zu wissen, das Buch geschrieben zu haben. Und dass es jemand für wert befunden hat, es auch zu drucken.

Histo-Couch: Wenn Sie in Ihren Büchern lesen, stoßen Sie da manchmal auch auf Stellen, von denen Sie sagen: Das hätte ich jetzt anders geschrieben?

Iris Kammerer: Natürlich. Man entwickelt sich weiter. Es ist aber noch nie passiert, dass ich zu den Passagen später nicht mehr stehen konnte. Hingegen passiert es mir hin und wieder bei Lesungen, dass ich Sätze spontan umstelle. Besonders dann, wenn sie Hinweise enthalten zu Stellen, die ich bei der Lesung nicht berücksichtige.

Histo-Couch: Mit „Varus“ widmen Sie sich einer bisher weniger häufig vorkommenden Zeit in historischen Romanen. Was hat Sie zu diesem Buch bewegt?

Iris Kammerer: Der weiße Fleck auf meiner Landkarte. Bevor ich „Varus“ schrieb, hatte ich drei Bücher veröffentlicht, die unmittelbar nach der Schlacht im Teutoburger Wald spielen. Dabei habe ich immer gesagt, dass ich eines Tages auch ein Buch über Varus schreiben möchte. Mein Agent meinte: Wieso nicht jetzt!

Histo-Couch: Sie schreiben den Roman aus der Sicht von Varus. Wieso nicht aus jener von Arminius?

Iris Kammerer: Varus hat im Prinzip keine eigene Perspektive. Grundsätzlich ist es aber für Leser eindrücklicher, die Sicht der Opfer zu erfahren. Die Siegerpose ist schwierig nachzuvollziehen, es besteht auch immer die Gefahr, ein heroisches Bild zu vermitteln. Zudem sind die meisten Romane, die dieses Thema bisher behandeln, aus der Sicht von Arminius beziehungsweise aus der der Germanen geschrieben.

Histo-Couch: In „Varus“ beschreiben Sie Schlachten sehr detailliert. Dies, obwohl Aufzeichnungen darüber fehlen. Ist es schwierig, einen möglichst stimmigen und logischen Ablauf der Ereignisse zu konstruieren?

Iris Kammerer: Im Laufe der Zeit habe ich viel über die damalige Kampftechnik gelernt. Zudem konnte ich mit Leuten sprechen, die solche Kampfszenen nachspielen und sich – obwohl es mit stumpfen Waffen geschieht – dabei auch immer mal wieder verletzen. Außerdem habe ich mich mit posttraumatischen Schilderungen von Leuten, die Krieg und Verletzungen erlebten, befasst. Und ich habe mit Leuten gesprochen, die intensiv Kampfsport betreiben. Das alles hat einen guten Boden für die Schilderungen ergeben. Aber es ist natürlich zwangsläufig auch sehr viel Fantasie mit im Spiel.

Histo-Couch: Wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Schlachten beschreiben müssen?

Iris Kammerer: Der schönste Moment war jener, an dem ich die Fahnen vom Tisch hatte. Diese Szenen sind nichts, was ich mit Vergnügen schreibe. Besonders aus der Opferperspektive verlangen sie einem viel ab.

Histo-Couch: Noch immer gibt es verschiedene Theorien darüber, wo die Varus-Schlacht tatsächlich stattgefunden hat. Haben Sie alle in Frage kommenden Orte besucht?

Iris Kammerer: Nein, dazu gibt es zu viele Theorien. Meine Präferenz ist Kalkriese. Es gibt einiges, das dafür spricht, dass sich die Schlacht hier ereignet haben könnte. Natürlich gibt es auch Argumente dagegen, aber ich gehe davon aus, dass es der Ort sein könnte. Diese Gegend habe ich natürlich besucht, auch wenn sie heute ganz anders aussieht als zur Zeit der Varus-Schlacht. Ich bin den Betreibern des Museums deshalb dankbar für das Zeitfenster, das sie durch Freilegung des damaligen Bodenniveaus geschaffen haben. Denn das ermöglichte es mir, ein Bild davon zu bekommen, welche Vegetation einst hier anzutreffen war.

Histo-Couch: Wenn Sie über die Römerzeit schrieben, konnten Sie sich da mit der Lebensart jener Menschen identifizieren?

Iris Kammerer: Es gibt Vieles am Leben der Römer, das mir fremd ist. Ich schreibe darüber und lasse die Menschen so handeln, doch denke ich mir dabei oft, ich selber würde nie so handeln. Eine Merkwürdigkeit finde ich etwa das ständige Feilschen mit den Göttern: Hilfst du mir, so schlachte ich dir ein Huhn. Diese Vorstellung ist mir sehr fremd.

Histo-Couch: Geschichte ist ja auch ein Schulfach. Wie ging es Ihnen als Schülerin mit diesem Fach?

Iris Kammerer: Es kam tödliche Langeweile auf. In der Schule wurden immer die falschen Zeiten behandelt. Alles, was Frühzeit und Mittelalter betrifft, wurde stark komprimiert und in wenigen Schulstunden abgehandelt. Dann kam die Französische Revolution und die wurde endlos ausgedehnt. Die Industrialisierung wurde dann wieder fast vollständig ausgeblendet, dafür haben wir das Dritte Reich in aller Ausführlichkeit und jahrelang besprochen. So war der Geschichtsunterricht für mich irgendwann nur noch sterbenslangweilig.

Histo-Couch: Sie leben eine ganze Weile mit Ihren Romanfiguren. Wie geht es Ihnen, wenn diese oder der ganze Roman später kritisiert werden?

Iris Kammerer: Die Geschmäcker sind nun einmal verschieden. Man kann es auch als Autorin nicht jedem recht machen. Mühe habe ich damit, wenn jemand schreibt, dass die Figuren nicht sympathisch seien. Ich finde Sympathie völlig irrelevant. Sie müssen vor allem interessant sein. Mir persönlich sind Figuren am liebsten, die Fehler haben und auch einmal falsch handeln.

Histo-Couch: Wo schreiben Sie?

Iris Kammerer: Meistens zu Hause am PC. Vieles entwickle ich aber unterwegs, so etwa beim Sport. Da kann es schon einmal vorkommen, dass ich mich mit meinen Figuren unterhalte. Ich wiederhole die Szenen dann oft so lange im Kopf, dass ich sie auswendig kenne und später niederschreiben kann.

Histo-Couch: Schriftstellerei gilt meist als brotlose Kunst. Wieso haben Sie sich gerade für diesen Beruf entschieden?

Iris Kammerer: Es ist schwierig, die Geschichten zum Schweigen zu bringen, die in einem plappern. Wenn ich es nicht zumindest versuchen würde, sie niederzuschreiben, wäre das, wie wenn ich sie abwürgen würde. Viele Geschichten entwickeln sich ja aus einem Dialog, den ich mit meinen Figuren führe.

Histo-Couch: Also würden Sie diesen Weg wieder beschreiten?

Iris Kammerer: Mit meiner heutigen Erfahrung? Ich würde ihn wohl an manchen Stellen etwas anders gehen, aber ja, ich würde ihn wieder gehen.

Histo-Couch: Vier Romane aus der Römerzeit, einer aus dem Mittelalter – In welcher Epoche wird Ihr nächstes Projekt angesiedelt sein?

Iris Kammerer: Der nächste Roman spielt im Mittelalter – der übernächste voraussichtlich auch. Schauplatz des nächsten Romans wird Köln sein, dies in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Der Dom spielt darin natürlich eine Rolle. Erscheinen wird der neue Roman im späten Frühjahr 2010.

Histo-Couch: Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellten Rita Dell’Agnese und Carsten Jaehner.
Gestalterische Aufbereitung von Katharina Lewald.