„Ich will meine Leser unterhalten“

Gerd Friederich im Interview mit der Histo-Couch über seine Romane, Bilder und schwäbische Mundart

Histo-Couch: Herr Friederich, Ihr Roman „Sichelhenke“ ist bereits Ihr dritter Roman, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Woher kommt ihr Interesse für diese Zeit?

Gerd Friederich: Die Aufklärung um 1800 ist der Quellhorizont für alles, was die neuere Geschichte ausmacht. Im 19. Jahrhundert nehmen nahezu alle gegenwärtigen Erfolge und Probleme in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur ihren Ausgangspunkt. Wer verstehen will, warum z. B. die Autoindustrie im Süden Deutschlands zuhause ist oder die Lebensfreude im Rheinland besonders blüht, warum die Dorfmusik geblasen und die Akademikermusik gefidelt wird, warum Handballvereine meist in evangelischen und Fußballvereine meist in katholischen Gemeinden gegründet wurden, der findet Antworten im 19. Jahrhundert.

Histo-Couch: „Sichelhenke“ ist der zweite Roman, der in Enzheim spielt und in dem das selbe „Ermittlerteam“ auftritt wie bereits in „Kälberstrick“. Beruhen diese Kriminalfälle auf wahren Begebenheiten?

Gerd Friederich: Nein, Handlungen und Personen sind frei erfunden, aber welche Tötungsdelikte zur Romanzeit häufig vorkamen sowie was die Polizei damals aufklären konnte und was nicht, das habe ich genau recherchiert, ebenso den Alltag, den man damals bewältigen musste. Alle Ereignisse wie z. B. Thronjubiläum, Gründung von Gesangs-, Turn- und Sparvereinen, Konflikte mit weltlicher und kirchlicher Obrigkeit, Streit um sortenreinen Weinanbau, Angst vor Tollwut und Missernten, besondere Wetterkapriolen usw. stimmen auf Jahr und Tag genau.

Histo-Couch: Wie lange recherchieren Sie für einen Roman, und woher nehmen Sie Ihre Quellen?

Gerd Friederich: Je nach Roman brauche ich mal mehr, mal weniger Zeit. Für den „Schwabenbomber“ habe ich 46, für den „Dorfschulmeister“ 40 Jahre lang recherchiert, weil ich die meisten Informationen aus handschriftlichen Schriftstücken und alten Bildern in Archiven entnehmen musste. Zu beiden Themen gibt es zu wenig Literatur. Darum haben beide Romane auch einen historischen Anhang. Für die übrigen Bücher habe ich 1 bis 2 Jahre lang vor allem Fachliteratur und alte Tageszeitungen ausgewertet.

Histo-Couch: Gibt es für die Figuren des Schultheiß, des Pfarrers und des Lehrers historische oder private Vorbilder?

Gerd Friederich: Ja, es gibt im 19. Jahrhundert viele gemalte und geschilderte Charakterbilder. Davon habe ich mich anregen lassen und viele Persönlichkeitsmerkmale für meine drei Romanfiguren in einem großen Zettelkasten zusammengetragen, vom damaligen Aussehen über die alte Kleidung bis hin zu gewissen zeittypischen Macken und Schrullen. Weil jedoch der menschliche Charakter über die Jahrhunderte unverändert blieb, muss ich mich bezüglich der großen Gefühle wie Liebe, Hass, Macht, Gewalt, Rache, Mord, Abenteuerlust, Herrschsucht und Angeberei nicht in der Literatur schlau machen. Da setze ich mich am liebsten in einen Park und schaue meinen Zeitgenossen zu. Und schon wird aus einem historisch gewandeten älteren Herrn mit Wampe und Imponiergehabe eine köstliche Type ums Jahr 1850.

Histo-Couch: Auf dem Cover Ihres letzten Romans „Sichelhenke“ ist ein Paar in einer Situation abgebildet, die tatsächlich 1:1 im Roman wiederzufinden ist. Was war eher da – das Bild oder die Szene in Ihrem Kopf?

Gerd Friederich: Das Bild, weil ich mich gern von Bildern leiten lasse. Wenn ich mir meine Romanhelden mit allen Charaktereigenschaften und Attributen ausgedacht habe, male ich sie meist. Ich suche immer passende Bilder, denke immer in Bildern, darum könnte man jede Szene meiner Romane ohne große Probleme auf der Bühne aufführen oder verfilmen.

Histo-Couch: Gibt es eine Ihrer Romanfiguren, mit der Sie sich selber identifizieren können? Wie viel Gerd Friederich steckt in dem Roman?

Gerd Friederich: Ich achte bewusst auf Leichtigkeit im Stil und im Lesefluss, denn ich will meine Leser unterhalten. Aber zwischen den Sätzen verstecke ich viele eigene Wahrheiten und Weisheiten. Die wichtigste: Kein Mensch ist aus einem Guss, sondern in jedem von uns steckt ein Bündel von Eigenschaften, die sich teilweise sogar widersprechen, sodass wir zuweilen anders reagieren, als wir selber wollen. In jeder der drei Hauptfiguren, Schultheiß, Pfarrer und Lehrer, steckt also ein Stück von mir.

Histo-Couch: Gerade der Schultheiß versucht ja deutlich, zwischen schwäbisch und seinem amtshochdeutsch zu unterscheiden. Wie schwierig ist es, den mündlichen schwäbischen Dialekt in sinnvolle Schriftform umzusetzen?

Gerd Friederich: Mundart – ja oder nein? Das ist das Hauptproblem von „Kälberstrick“ und „Sichelhenke“. In „Sichelhenke“ steht auf Seite 10: „Siedichs Donderwetter! Was stinkt denn da so gottserbärmlich?“ Eigentlich müsste es heißen: „Siadichs Dondrweddr! Was schtenkt au do so gottserbärmlich!“ Ich habe das Schwäbische schon stark vereinfacht (siehe meine Erklärung in „Sichelhenke“, Seite 213), denn lautgetreue Mundarttexte zu lesen fällt sogar dem Schwaben schwer. Eigentlich wollte ich eine Enzheim-Trilogie schreiben, also einen dritten Roman mit dem Ermittlertrio Schultheiß-Pfarrer-Lehrer veröffentlichen. Aber ich zögere sehr, weil die wörtliche Rede zwar originell rüberkommt, solche Bücher jedoch oft als seichte Lektüre abgetan oder in vielen Buchhandlungen in eine entlegene Ecke zu Heimatgeschichten, Reiseführern und Landkarten gesteckt werden. Umso mehr war ich überrascht, dass der „Kälberstrick“ in einem Jahr drei Auflagen erreichte, in über zwanzig Tageszeitungen als Fortsetzungsroman veröffentlicht und fast ausschließlich sehr gut rezensiert wurde, gerade auch in Norddeutschland und in der Schweiz.

Histo-Couch: Also wird es etwas mit einem dritten Roman? Oder mit einem vierten, fünften …

Gerd Friederich: Es wird zumindest einen dritten Roman in dieser Enzheim-Reihe geben. Aber ob der wieder schwäbische Einsprengsel hat, weiß ich noch nicht. Denn derzeit verfahre ich zweigleisig: schwäbische Fassung (wie „Kälberstrick“ und „Sichelhenke“) und hochdeutsche. Bereits jetzt stelle ich fest, dass das zwei verschiedene Paar Schuhe ergibt, Stiefel und Salonschleicher. Am Schluss werde ich sehen, welche Fassung pfiffiger ist.

Histo-Couch: Was sind Ihre nächsten Pläne?

Gerd Friederich: Ich bin ein Stereoschreiber, also arbeite ich immer an zwei bis drei Büchern gleichzeitig, so wie ich meist zwei bis drei Bilder gleichzeitig male. Mein „Dorfschulmeister“, der die Schulgeschichte aus der Sicht eines Lehrers beschreibt, war ja ein großer Erfolg. Immer wieder wurde und werde ich noch gefragt, ob ich nicht auch die Geschichte der Lehrerinnen in Romanform bearbeiten könnte. Das ist schon lange meine Absicht. Seit über zwanzig Jahren recherchiere ich zu dem Thema. Man hat nämlich im 19. Jahrhundert den Frauen allgemein und besonders den Lehrerinnen übel mitgespielt. „Fräulein Lehrerin“ wird das Buch heißen, denn das war damals die amtliche Anrede, weil Lehrerinnen früher nicht heiraten durften. Und dann bereite ich einen weiteren Roman vor, der nach 1945 spielen wird.

Histo-Couch: Können Sie nicht-schwäbische Leser beruhigen, dass Sie den Roman trotzdem verstehen?

Gerd Friederich: Offensichtlich verstehen auch Nichtschwaben sowohl den „Kälberstrick“ als auch die „Sichelhenke“, denn im Ruhrgebiet und in Berlin habe ich eine große Lesergemeinde. Ich schreibe ja nur ein gemäßigtes Honoratiorenschwäbisch. Außerdem spricht von den drei Ermittlern nur der Schultheiß schwäbisch. Die wörtliche Rede von Pfarrer und Lehrer und fast der ganze übrige Text sind hochdeutsch. Die schwäbischen Sätze machen nur einen geringen Prozentsatz am ganzen Roman aus. Und die wenigen schwäbelnden Stellen kann man sich zusammenreimen, weil ich das Schwäbische extra so gefasst habe, dass man sich meist nur die fehlenden Vokale oder Endungen dazudenken muss. Oder man schlägt im kleinen Wörterbüchle am Schluss des Romans nach. Und meine übrigen Romane sind sowieso mundartfrei.

Histo-Couch: Sie haben erwähnt, dass Sie 46 Jahre für Ihren Roman „Schwabenbomber“ recherchiert haben, der nach dem Ersten Weltkrieg spielt. Wie kam es dazu?

Gerd Friederich: 1965, ich war gerade im Erststudium in Würzburg, bekam ich von meinem Geschichtsprofessor den Auftrag, im Archiv herauszusuchen, wann und wie die Nazis nach dem Ersten Weltkrieg in Württemberg und insbesondere in Stuttgart in Erscheinung getreten sind. Von 1918 bis 1923 tauchten in diversen Schriftstücken immer wieder die Begriffe „Schwabenkomitee“ und „Großschwaben“ auf. Ich habe mir die Akten angeschaut, war sofort elektrisiert, dass man damals einen hochmodernen demokratischen Staat nach Schweizer Vorbild bei uns im Südwesten gründen wollte. Baden-Württemberg wurde ja erst 1952 aus den ehemaligen Ländern Baden, Hohenzollern und Württemberg gebildet. Und dann habe ich halt 46 Jahre gebraucht, um all die verstreut herumliegenden Überbleibsel zu sammeln und eine passende Erzählform zu finden. Gerade rechtzeitig zum 60jährigen Landesjubliäum von Baden-Württemberg wurde mein Roman „Schwabenbomber“ fertig. Weil es so wenig Literatur über die faszinierende und fast vergessene Großschwaben-Bewegung gibt, habe ich im Buchanhang einige historische Hinweise gegeben und sechs Sitzungen des „Schwabenkomitees“ nacherzählt und in die Romanhandlung eingestreut.

Histo-Couch: Was lesen Sie selbst gerne, wenn Sie nicht gerade recherchieren?

Gerd Friederich: Früher las ich mit Vorliebe Krimis (ich habe eine große Sammlung, fast alles von Simenon), heute lese ich querbeet, oft mehrere Sachen gleichzeitig, so wie beim Malen und Schreiben auch, je nach Tageszeit und Stimmung. Gerade wühle ich mich durch „Die Maske“ (Siegfried Lenz), „Gute Tage“ (Roger Willemsen), „Göttermythen“ (Vera Zingsem) und „Die Sündenheilerin“ (Melanie Metzenthin).

Histo-Couch: Sie schreiben historische Romane und malen auch Bilder. Inspirieren Sie sich wechselseitig, oder machen Sie das unabhängig voneinander?

Gerd Friederich: Malen und schreiben ist für mich ein und derselbe Prozess. Es ist ein ständiger Dialog mit Texten und Bildern, ein gedanklicher Reinigungsprozess. Darum arbeite ich an mehreren Manuskripten und Bildern gleichzeitig. Und wenn ich male oder schreibe, dann übermale, verbessere, korrigiere ich ständig. Direkt neben meinem Schreibtisch steht die Staffelei, dazwischen ein Drehstuhl. Eine Drehung, schon bin ich beim Farbauftrag. Noch eine Drehung, wieder gefällt mir eine Textpassage nicht. Seit acht Jahren arbeite ich an einem Buch „Wahrheiten und Weisheiten“, das vielleicht in zehn Jahren fertig ist und meine Arbeitsweise verdeutlicht. Es wird eine Zusammenschau von eigenen Bildern und dazugehörenden Aphorismen und Lebensweisheiten.

Histo-Couch: Gibt es etwas typisch Schwäbisches, das die Schwaben von anderen unterscheidet?

Gerd Friederich: (lacht.) O verreck, sagt der Schwabe, wenn er auf dem falschen Fuß erwischt wird, sich über etwas wundert oder etwas befürchtet. Ja, die Frage hab ich befürchtet. Denn ganz Deutschland behauptet zu wissen, wie wir Schwaben sind: sparsam, tölpelhaft, maulfaul, philosophisch usw. Nur wir selber wissen es nicht. Dabei wollen viele bei uns studieren, bei uns leben und arbeiten. Denn hier sind die Tüftlerschmieden und boomenden Weltmarktführer Tür an Tür, hier ist die Demokratie erfunden worden sowie nahezu alles, was man bis heute an Schul- und Bildungseinrichtungen kennt. Nur machen wir Schwaben nicht viel her und überlassen gern den Bayern das Maulaufreißen. Jetzt im Ernst, ich weiß zweierlei sicher: Erstens sind Badener und Württemberger von allem Anfang an Abkommen ein und desselben Stammes (Alemannen), im Lauf der Geschichte von rivalisierenden Fürstenhäusern malträtiert und zu politischen Ränkespielen missbraucht. Wir haben nur wenige große Städte, denn noch heute zeugt eine Unzahl kleiner Residenzstädtchen von verflossener fürstlicher Hinterwelthistorie. Aber gerade das macht unser Land heute so erholsam, so nahrhaft und so behaglich. Zweitens ist jeder Mensch ein unverwechselbares Unikat, mit rivalisierenden Eigenschaften ausgestattet. Also gibt es kaum etwas typisch Schwäbisches. Rund jeder Vierte der hier lebt, hat einen Migrationshintergrund. Und das war schon immer so. Vieles von dem, was uns Schwaben im Essen, in Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft heilig ist, haben uns Fremde gebracht oder hier für uns gemacht. Die Spätzle (italienisch spazzeto, das Teiggeschnetzelte) und die Maultaschen stammen aus Italien und Südtirol, den Wein und die Straßen haben uns die Römer hinterlassen, die Kirchen und Klöster sind von irischen Mönchen und die Künste von französischen und italienischen Baumeistern inspiriert. Wenn ich mich in anderen Ländern umschaue, ist’s genauso. Alles, was als typisch für eine Region herausgestellt wird, ist meist eine Mischung aus Einheimischem und Hinzugebrachtem. Aber wer mehr über uns Schwaben wissen will, dem empfehle ich fünf pfiffige, humorvolle Bücher: Thaddäus Troll: „Deutschland deine Schwaben“, Klaus Koziol: „Badener und Württemberger“, Anton Hunger: „Gebrauchsanweisung für Schwaben“, Gerhard Vescovi: „Hippokrates im Heckengäu“ und Christoph Sonntag: „Deutschland deine SchwaBadener“.

Histo-Couch: Wie ist es, ein selbst geschriebenes Buch fertig verlegt gedruckt in den Händen zu halten?

Gerd Friederich: Das überwiegende Gefühl bei mir ist Erleichterung. Endlich ist ein weiteres Projekt fertig, und ich kann mit ganzer Kraft ein anderes Vorhaben zu Ende bringen und mich auf ein weiteres einlassen. Ich schreibe seit über 40 Jahren, da reißt mich ein neues Buch nicht mehr vom Hocker.

Histo-Couch: Würden Sie selber Hörbuchfassungen Ihrer Romane einsprechen?

Gerd Friederich: Natürlich, gern sogar, weil ich Hörbücher liebe, mir oft einen Roman stereo aneigne: Buch und Ton zugleich. Wie ich schon andeutete, sind meine Bücher immer wie Drehbücher aufgebaut. Deshalb würde mich ein hörspielartiges Hörbuch besonders reizen. Ich denke auch über E-Books nach, denn da steckt noch viel unentdecktes Potential drin. Man könnte den Text mit zeitgenössischen Bildern und Musik aus jener Zeit anreichern, vielleicht auch ausgesuchte historische Dokumente dazutun. Gerade bei historischen Romanen würde man dem Leser damit sehr überraschende, interessante und informative Einblicke in die Vergangenheit bieten.

Histo-Couch: Gibt es ein Buch, das nicht von Ihnen ist, das Sie aber gerne selber geschrieben hätten?

Gerd Friederich: (lacht.) Viele, sehr viele sogar. Zum Beispiel Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder Ludwig Thomas „Lausbubengeschichte“. Auch „Die Bienenzüchterin“ von Sue Monk Kidd, „Der Drachenläufer“ von Khaled Hosseini und „Die Teerose“ von Jennifer Donnelly gehören dazu. Aber jetzt höre ich auf, sonst müsste ich noch hundert Titel aufzählen, alte und neue.

Das Interview führte Carsten Jaehner.

Foto (1): privat