„Geschichten sind manchmal wie Weine und brauchen Zeit“ 

Die Histo-Couch im Interview mit Eva Wahrburg über Rosen im Winter, Jane Eyre und David Hume

Histo-Couch: In Ihrem Roman „Der Dornengarten“ spielen christliche Werte eine Rolle, inwieweit trifft dies auch auf Ihr eigenes Leben zu?

Eva Wahrburg: Ich bin in Tschenstochau, der Stadt der Schwarzen Madonna geboren, die als Polens Wahrzeichen des Katholizismus gilt, und auch bis in meine Jugendzeit hinein haben meine Eltern darauf bestanden, dass ich sonntags die Messe besuche. Insofern haben traditionelle christliche Werte durchaus meinen eigenen Wertekanon geprägt. So wie Maria habe ich aber auch festgestellt, dass alles, das überliefert und weiter gereicht wird, nicht fraglos übernommen werden darf, weil es sonst verknöchert. Ich denke vielmehr, dass jeder Mensch zu seiner eigenen Interpretation von Glauben finden muss, so wie Maria es am Ende tut.

Histo-Couch: Sie lassen Maria ihre Geschichte selbst erzählen, wie viel von Maria von Eschweih steckt auch von Ihnen selbst in der Geschichte oder ist „Der Dornengarten“ reine Fiktion?

Eva Wahrburg: Die Idee zum „Dornengarten“ wurde vor Jahren geboren, als ich mitten im frostigen Dezember hinter dem Holzschuppen im Garten eine noch blühende Rose gefunden habe. Das Bild hat mich fasziniert, bis ich drauf kam, warum – weil ich es als Metapher für meine eigene Kindheit und Jugend aufgefasst habe. Ich war damals schüchtern und habe darunter gelitten, wegen meines Akzents, den ich erst mit zwölf abgelegt habe, als „Ausländerkind“ zu gelten, mich so von anderen zu unterscheiden. Als Kind wünscht man sich nicht, anders zu sein. Als ich nun die Rose fand, kam mir die Idee zu einer Kurzgeschichte über einen Menschen, der inmitten emotionaler Kälte und Isolation aufwächst und später mit seinen Traumata konfrontiert wird, indem er lernen muss, die Distanz zu anderen Menschen wieder aufzuheben, lieben und vertrauen zu lernen. Aber natürlich handelt es sich um eine literarische Umsetzung eines Gefühls und einer Erfahrung, die teilweise sehr metaphorisch und abstrahiert ausgefallen ist. Man könnte vielleicht sagen, ich bin in der Form im „Dornengarten“ enthalten wie die Trauben im Wein enthalten sind.

Histo-Couch: Gab oder gibt es ein literarisches Vorbild zu Ihrer Geschichte?

Eva Wahrburg: Ein Vorbild als solches gab es nicht. Es gibt so viele großartige Bücher. Allerdings habe ich im Nachhinein gewisse Ähnlichkeiten zu „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte festgestellt, einem Klassiker, der zu meinen absoluten Favoriten zählt. Zum einen spielt der „Dornengarten“ ebenfalls im 19. Jahrhundert, zum anderen entwickelt Jane Eyre genau wie Maria nach einer schwierigen und entbehrungsreichen Jugend Gefühle für einen Mann, der von seiner Vergangenheit heimgesucht wird. Beide Beziehungen könnte man als gefährlich bezeichnen.

Histo-Couch: „Der Dornengarten“ ist Ihr erster Roman, wie lange haben Sie von der Idee bis zum Buch benötigt und warum ausgerechnet mit einem historischen Hintergrund?

Eva Wahrburg: Der Hintergrund ist historisch, weil eine geistige Isolation, wie die Marias, die in ihrem Fall schon extreme Blüten treibt, in heutiger Zeit kaum denkbar wäre. Außerdem aber auch, weil ich denke, dass man in früheren Zeiten ohne die Reizüberflutung von heute intensiver gelebt und gefühlt hat. Das Leben war nicht abstrakt, sondern alles hatte einen unmittelbaren Bezug. Es gab keine Schalter, ohne Feuer gab es ganz einfach keine Wärme und kein Licht, dafür war man auch sehr unmittelbar den Menschen ausgeliefert, mit denen man lebte, es gab kein Entkommen.

Von der Idee zum Buch dauerte es ungefähr zwölf Jahre. Wobei ich natürlich nicht so lange an dem Text geschrieben habe. Vielmehr habe ich damals drei bis vier Versionen verfasst und vor zwei, drei Jahren ebenso viele noch einmal. In der Zwischenzeit habe ich an anderen Texten gearbeitet und gelernt, wie man Romane schreibt. Die lange Reifezeit war aber nötig. Geschichten sind manchmal wie Weine und brauchen Zeit. Beispielsweise die philosophischen Ansätze des Aufklärers David Hume habe ich erst sehr spät eingefügt, und gerade diese geben der Frage, wie die menschliche Wahrnehmung funktioniert und ob ein Mensch sich wahrhaft ändern kann, die nötige Dimension und Tiefe.

Histo-Couch: Wie kommt man auf den Gedanken ausgerechnet Gedankengut eines schottischen Philosophen in die eigene Geschichte einfließen zu lassen? Es ist ja nun nicht unbedingt so, dass einem David Hume oft begegnen würde.

Eva Wahrburg: Die größte Frage, die von der Geschichte gestellt und beantwortet wird, ist ob ein Mensch sich wahrhaft ändern kann. Außerdem geht es daneben um menschliche Wahrnehmung, wie objektiv diese letztlich ist. Um diesen Themen eine zusätzliche Dimension und Tiefe zu geben, habe ich angefangen, nach Philosophen zu suchen, die sich vor 1824 mit diesen Problemen befasst haben. Glücklicherweise stieß ich dabei auf Hume, der schon im 18. Jahrhundert erforscht hat, wie der menschliche Geist arbeitet. Hume hat nebenbei übrigens auch behauptet, dass es Gott gar nicht gibt, oder wenn ja, dass wir ihn dann auf keinen Fall verstehen könnten womit er sich zu jener Zeit sehr unbeliebt gemacht hat.

Histo-Couch: Wer oder was hat Sie dazu bewogen mit dem Schreiben zu beginnen?

Eva Wahrburg: Der Auslöser war jene vereiste Rose hinterm Holzschuppen. Warum ich aber seither immer weitergemacht habe, kann ich gar nicht beantworten. Vielleicht erlaubt es mir, mich auf eine Art auszudrücken, die mir sonst fehlen würde.

Histo-Couch: War es schwierig für Sie einen Verlag für Ihr Buch zu finden?

Eva Wahrburg: Ich habe noch mit keinem meiner Texte Erfolg bei Literaturagenten gehabt. Aber als ich nach so vielen Jahren zum ersten Mal Verlage direkt anschrieb, antworteten gleich zwei; die zwei kleinsten, die ich angeschrieben hatte.

Histo-Couch: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit dem Verlag gestaltet? Durften Sie zum Beispiel das Cover selbst bestimmen oder hatten Mitspracherecht?

Eva Wahrburg: Schwer zu sagen, wie viel Mitspracherecht ich tatsächlich hatte, weil mir dieser Punkt sehr wichtig war und ich sehr viele Vorschläge gemacht und Anregungen gegeben habe, bis das Cover so geworden ist, wie es jetzt ist. Denn ich finde es so sehr schön und sehr passend.

Histo-Couch: Was bedeutet Kritik für Sie und wie gehen Sie damit um, wenn Sie eine schlechte Kritik für Ihr Buch lesen?

Eva Wahrburg: Es wäre gelogen zu behaupten, dass mir eine negative Kritik nichts ausmacht. Als Autor schöpft man aus sich selbst, da ist eine Kritik am Buch automatisch eine Kritik an der eigenen Person, am eigenen Stil, an der eigenen Weltsicht. Wobei man ohne Kritik auch nicht wachsen kann. Nur ist es mir natürlich lieber, wenn diese von den Testlesern oder vom Lektor im Vorfeld kommt, wenn ich noch etwas am Text ändern kann. Wenn das Buch einmal gedruckt ist, nützt die beste Kritik nichts mehr, und ich kann sie höchstens noch für das nächste Buch verwenden.

Wobei ich bisher großes Glück hatte, da die öffentlichen Kritiken bislang überaus positiv sind. Wenn auch oft eine leichte Überraschung mitschwingt. Oft lese ich Bewertungen wie: „anders“ oder „für einen Historischen Roman ungewöhnlich“. Ich denke, es liegt daran, dass ich sonst amerikanische Literatur lese und daher nicht in Genrebegriffen denke, die in den Staaten einfach keine Rolle spielen, solange das Buch gut ist. Ich wollte keinen Historischen Roman als solches schreiben, sondern brauchte nur eine äußere Form für meine Art von Wahrheit, für die existenziellen Fragen, die ich mir stelle. Es ging mir in erster Linie darum, das richtige Umfeld für die geistige Entwicklung meiner Protagonisten zu finden, also die richtige Kulisse für sie zu schaffen. Marias Erzählstimme war mir am wichtigsten, da diese die Textur der Geschichte darstellt. Ich wollte zeigen, wie sich ihr Denken nach und nach verändert. Dagegen waren mir die Kleider, die sie trägt, oder auch die politische Situation im Hintergrund weniger wichtig, auch wenn ich sie natürlich recherchiert habe, weil sie zu der damaligen Welt gehören.

Histo-Couch: Lesen Sie selbst viele Bücher? Und wenn ja, in welchem Buch würden sie eine Zeitlang leben wollen.

Eva Wahrburg: Ich lese tatsächlich viel, meistens amerikanische Literatur, die ich auch studiert habe. Wenn ich dürfte, würde ich allerdings gern einen Ausflug in die Nebel des Morgens von der deutschen Autorin Viola Alvarez machen, um dort ihren Hagen von Tronje kennen zu lernen. Er verkörpert die Art zwiegespaltenen Held, wie ich sie liebe. Wie auch mein Herwegh.

Histo-Couch: Gibt es bereits weitere Pläne für ein Buch und wenn ja können oder dürfen Sie schon etwas darüber erzählen?

Eva Wahrburg: Es gibt nicht nur schon Pläne, sondern auch schon eineinhalb Versionen eines neuen Romans. Der Arbeitstitel lautet Blaubart und die Geschichte ist von dem düsteren Märchen inspiriert, in dem eine junge Ehefrau alle Räume des Schlosses ihres neuen Mannes öffnen darf – bis auf einen. Ich bin bei diesem Märchen hängen geblieben, weil sich schon Carl Gustav Jung damit auseinander gesetzt hat. Blaubart illustriert für ihn den verborgenen Schatten, den wir alle in unserer Psyche tragen. Meine Heldin ist in dem Fall keine junge Adlige, sondern eine Magd, und mein Schloss ist kein Palast, sondern eine halb verfallene Burg in Siebenbürgen – aber ansonsten geht es auch in meiner Geschichte um verschlossene Türen und unaussprechliche Geheimnisse, um das, was wir selbst vor uns verborgen halten.

Das Interview führte Karin Speck.

Fotos (1): Copyright bei Daniela Möllenhoff