Die Schwierigen von Franz Winter

Buchvorstellungund Rezension

Die Schwierigen von Franz Winter

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Die Schwierigen“,, 300 Seiten.ISBN 3992001873.

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Kurzgefasst:

In den 30 Jahren von 1889 bis 1919 bewegt sich die aristokratische, die bürgerliche, die ländliche Gesellschaft der k. u. k. Monarchie langsam, aber unaufhaltsam einem Abgrund entgegen, den sie in ihrer Verblendung weder sehen kann noch will. Es sind die hocharistokratischen Familiengeschichten der Bühls, der Freudenbergs, der Altenwyls, der Hechingens, der Neuhoffs, die Geschichten ihrer Diener und Zofen, ihrer Sekretäre und Verwalter und schließlich die Geschichten von Offizieren und Soldaten. Die streng nach Klassen getrennten Passagiere der KuK Europa lieben, hassen, verleumden, verraten und morden so hemmungslos, und in der 1. Klasse so selbstverliebt und rücksichtslos im Ausnützen ihrer Privilegien, dass sie nicht wahrnehmen, wie ihr Luxusliner auf den Eisberg aus Nationalismus und sinnloser Ehr-, Stolz- und Bündnistreue zusteuert, unmanövrierbar geworden und somit dem unabwendbaren Untergang geweiht.

Das meint Histo-Couch.de: „Rein in den Untergang“75

Rezension von Jörg Kijanski

Österreich: Das Ende des Ersten Weltkrieges markierte nicht nur eine gravierende Zäsur für Europa, sondern auch das Ende der rund 650-jährigen Geschichte der Habsburger. Wie vor allem der Adel auf den Großen Krieg zusteuerte, ohne diese Entwicklung wahrzunehmen, geschweige denn zu verhindern, ist das zentrale Thema in Franz Winters neuem Roman Die Schwierigen. Am Beispiel der fiktiven Familie des Baron Johann Bühl erlebt der Leser zunächst collageartige Einblicke in das Leben der „besseren Gesellschaft“. Doch die Maske hält nicht lange, denn bereits am Hochzeitstag der Tochter wird der Baron vom Liebhaber seiner Gattin Leonore zum Duell gefordert. Dies lehnt er zunächst entrüstet ab, nur um am nächsten Morgen seiner Gemahlin mitteilen zu können, dass er die Familienehre wieder hergestellt habe. Leonore will die Trennung, doch zunächst entflieht der Baron, denn seine Farm in Mocambique will besucht werden. Großwildjagd steht an, so auch am Heiligen Abend, an dem extra aus der Steiermark ein Weihnachtsbaum eingeschifft wird. Es geht zur Krokodiljagd, doch nicht ein kolossaler Alligator wird dem Baron zum tödlichen Verhängnis, sondern eine Gewehrkugel. Die Auflösung folgt etliche Romanseiten später und der Leser stellt mit (oder ohne) Erstaunen fest, dass – wie überall – selbst in den erlauchten Kreisen betrogen und gemordet wird. Den Unterschied allein machen allgegenwärtige Musik- und Tanzvergnügen sowie üppige Diners und hochgestelzte Sprachanwandlungen („Reiche ER mir...“). Man ist halt was Besseres.

„Frühling in Wien. Dort oben war er vor den Thronfolger geladen worden: tot, erschossen, krepiert, elendiglich verreckt wie Millionen Menschen inzwischen, Soldaten, Zivilgesellschaften ganzer Völker, sinnlos in den Tod getrieben und hingeschlachtet von blindwütigen Metzgern. Aber sie hören nicht auf, sie werden auch am heutigen Tag ihre Todesbefehle weiter ausgeben, dem Tag, an dem Amerika Deutschland den Krieg erklärt hat.“

Später wird der Sohn des Barons, Hans Karl genannt Kari, eine erfolgreiche Karriere machen und beim Militär selbst Kaiser und Thronfolger kennen lernen. Er stürzt sich in den Weltkrieg, kommt dreimal soeben mit dem Leben davon und erkennt erst dank einer Erklärung des Kaisers im November 1918 und eines Textes von Stefan Zweig, welch furiosem Irrtum er in seiner adeligen Traumwelt erlegen war. Für Millionen Tote und Versehrte des Krieges kommt diese Erkenntnis indes zu spät.

Schreibstil zunächst gewöhnungsbedürftig

Der Erzählstil des Autors ist anfangs gewöhnungsbedürftig, zumal die Zeitsprünge recht groß sind. Nach einer gewissen Anlaufzeit wird aber dann ein „roter Faden“ erkennbar, wobei sich die adeligen Vergnügungen (Beschäftigung mit hoher Musik und Literatur, kombiniert mit feinstem Essen und den eingangs erwähnten Verfehlungen) gerne wiederholen. Was man heute womöglich als Realitätsverlust bezeichnen würde ist allgegenwärtig, bezeichnend ist eine Szene, in der Leopold von Altenwyl seine Tochter inkognito auf eine Volksschule schicken will, damit diese das echte Leben kennen lernt. Diese fragt sodann erstaunt, was das denn sei, das Volk?

„Fünfzehn Staaten, und ein jeder dieser Staaten mit seiner eigenen Verfassung, seiner eigenen Regierung, seinem eigenen Parlament und, sehr wichtig, seiner eigenen Sprache, und alle unter dem Dach von Groß-Österreich, in dessen übergeordneter Verwaltung das für alle gültige Finanzwesen, das Justizwesen, das Verkehrswesen und die Armee liegen eben die Vereinigten Staaten von Groß-Österreich! – Nur so werden wir überleben und nur so kann dieses Riesenreich, diese große du vielfältige Völkergemeinschaft zusammengehalten werden, glauben Sie nicht, Bühl?“

„Davon bin ich zutiefst überzeugt, Kaiserliche Hoheit, aber ich wagte nicht zu hoffen, dass ein so großer und mehr als sinnfälliger Plan von unserer künftigen Majestät verwirklicht werden würde.“

Sprachlich ist der Autor in einer gelungenen Kombination aus österreichischer Sprache und aristokratischen Spitzen unterwegs, die allerdings an einigen Stellen eine Übersetzung hätte vertragen können. Darüber hinaus glänzt das Werk mit herrlich langen Schachtelsätzen, die sich des Öfteren über eine halbe Seite hinstrecken. Die Schwierigen ist ein unkonventionell erzählter Roman mit zahlreichen Ausflügen in die Bereiche der Hochkultur. Wer sich auf dieses Lesevergnügen einlassen möchte, dem sei vorab eine Leseprobe empfohlen.

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