Die Seelenfotografin von Charlotte Freise

Buchvorstellung und Rezension

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Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel „Die Seelenfotografin“, , 320 Seiten. ISBN 3-499-25512-X.

Kurzgefasst:

Berlin in der Gründerzeit: Ein Nervenleiden zwingt die schöne, hochbegabte Isabel in den Rollstuhl. Die junge Frau blüht auf, als sie den Wanderfotografen Ruven kennenlernt. Die beiden fühlen sich seelenverwandt. Doch dann verschlechtert sich Isabels Gesundheitszustand. Fieberhaft beginnt sie an einer Erfindung zu arbeiten, durch die sie auch nach dem Tod weiterleben könnte: die Seelenplatte – ein fotografisches Verfahren, das nicht nur das Bild eines Menschen einfängt …

Das meint Histo-Couch.de: „Düster, bedrückend und erschreckend: Ein Einblick in die Psychiatrie des späten 19. Jahrhunderts“

von Rita Dell'Agnese

Lässt sich die Seele fotografieren? Wer diesen Gedanken nun überzeugt von sich weist, könnte nach der Lektüre von Die Seelenfotografin ins Grübeln geraten. Denn Isabel, ausnehmend intelligent und von einem unglaublichen Forscherdrang durchdrungen, glaubt daran. Doch die junge Frau ist Gefangene eines schwachen Körpers, der mehr und mehr verfällt. In einer psychiatrischen Klinik muss sie Schlimmes durchmachen. Sie ist dem ehrgeizigen Doktor Greipel, der ihr körperliches Leiden als Unzulänglichkeit der Seele diagnostiziert, hilflos ausgeliefert. Als Isabel dem Wanderfotografen Ruven begegnet, scheint sie im feinfühligen Mann einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Doch während sie Ruven gekonnt in ein Netz einspinnt, versucht sich dieser gegen die Einflüsse durch die junge Frau zu wehren. Er ahnt, dass Isabel ihm zum Verhängnis werden kann. Dennoch kann er sich ihrem Zauber kaum entziehen.

Ausgefeilte Charaktere

Das Zusammenspiel der einzelnen Charaktere ist bis ins letzte Detail fein aufeinander abgestimmt. Charlotte Freise hat jeden einzelnen Protagonisten gekonnt in Szene gesetzt, hat ihm lebhafte Charakterzüge verliehen und ihn mit Ängsten, Hoffnungen und intensiven Gefühlen ausgestattet. Dass sie dies vor dem Hintergrund der erschreckenden Machenschaften in einer psychiatrischen Klinik tut, überzieht das an sich schon bedrückende Bild mit einem düsteren Schleier. Dabei verzichtet sie ganz und gar auf Effekthascherei. Schnörkellos – stellenweise fast gefühllos – schildert die Autorin, was in der Klinik mit den Patienten geschieht. Und genau diese Mischung aus direktem Hinsehen und einer sachlichen Distanz macht die Sache erschreckend realistisch.

Man sehnt sich nach lieblichen Momenten

Mit Die Seelenfotografin nimmt Charlotte Freise ihre Leser so sehr gefangen, dass man sich manchmal beinahe selbst in der Klinik eingesperrt wähnt. Oder aber als Teil einer ärmlichen Bevölkerungsschicht, die in düsteren Wohnungen, feuchten Hinterhöfen und beengten Verhältnissen lebt. Denn dies ist das zweite Bild, das die Autorin vermittelt: eine bedrückende Enge und Perspektivlosigkeit. Und darin immer wieder Charaktere wie die alleinerziehende Elfi, die oft wie ein Farbtupfer aus dem dunklen Grau hervor sticht. Ja, man sehnt sich da und dort nach lieblichen Momenten, um Atem zu schöpfen und Kraft für die nächsten Zeilen zu tanken.

Spiel mit Spannung und Länge

Charlotte Freise beherrscht ihr Metier. Das wird unter anderem durch ihren Umgang mit Spannung und Längen deutlich. Längen, die nie so lang sind, dass man den Roman zur Seite legen möchte. Aber doch, dass man in Versuchung gerät, sich aus der Geschichte heraus zu lösen und auf Distanz zu gehen. Geschickt fängt die Autorin solche Momente auf, holt den Leser wieder ganz zurück ins Geschehen und konfrontiert ihn mit Situationen, denen man sich nicht mehr entziehen kann. Es ist stellenweise ein Spiel, ähnlich jenem, das eine Katze mit der Maus spielt. Ein Spiel, bei dem die Maus keine Chance hat, sich zu entziehen.

Psychothriller der leisen Art

Trotz den heftigen Momenten legt Charlotte Freise nicht einfach einen in den Vergangenheit spielenden Thriller vor, sondern einen ausgereiften Psychothriller der leisen Art. Denn ihre Sprache, wie auch die Bilder, die sie zeichnet, werden kaum je wirklich laut und schrill. Dafür bleiben sie nachhaltig und eindringlich.

Die Seelenfotografin bewegt sich weitab vom geläufigen Schema eines historischen Romans. Es ist ein Roman, dem man Zeit einräumen muss und dem man eine gesunde Distanz entgegen setzen muss. Sonst könnten sich die einzelnen Szenen durchaus auch stellenweise belastend auf das Gemüt auswirken. Wer sich auf die Geschichte einlassen mag, wird aber eine erzählerische Rarität in Händen halten, die zu lesen sich durchaus lohnt.

 

Ihre Meinung zu »Charlotte Freise: Die Seelenfotografin«

brenda_wolf zu »Charlotte Freise: Die Seelenfotografin« 06.01.2011
Wie ich inzwischen erfahren habe, ist dies bereits der zweite Roman von Karla Schmidt, den sie diesmal allerdings unter dem Pseudonym Charlotte Freise veröffentlich hat. Ihren Debütroman - ein Thriller - "Das Kind auf der Treppe" habe ich leider noch nicht gelesen, werde dies aber bestimmt bald nachholen.

"Die Seelenfotografin" ist ein historischer Roman der in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Schauplatz ist Berlin. Pferdekutschen bevölkern das Bild. Ruven arbeitet auf einem Rummel als Angestellter eines Fotografen, einem ziemlich schmierigen Kerl. Bing hatte ihn vor Jahren aus dem Waisenhaus geholt. Ruven fehlt jegliche Erinnerung an die Kindheit. Für seinen Meister muss er nun Frauen in eindeutigen Positionen ablichten. Eine Aufgabe, die er innerlich ablehnt. Eines Tages bietet ihn Dr. Karl Greipel einen Job in seiner Psychiatrischen Klinik an. Er soll dort Aufnahmen von Patienten machen. Die Fotos sollen den seelischen Zustand der Patienten einfangen und sichtbar machen. Ruven nutzt diese Chance und nimmt den Job unter falschen Namen an. Aber um seinem Leben eine endgültige Wende zu geben muss er seinen Meister bestehlen. Er flieht mit der Fotoausrüstung und der Kasse, mit dem Ziel fortan ein anständiges Leben führen.

In Dr. Greipels Klink lernt er die junge hochintelligente Isabel kennen, die wegen eines nervlichen Leidens im Rollstuhl sitzt. Ruven ist fasziniert von ihrer Persönlichkeit. Aber auch Peter, ein Junge aus der Nachbarschaft, liebt Isabel. Er sieht sich als ihr Beschützer.

Im weiteren Verlauf der Geschichte lernen wir auch Peters Mutter Elfi kennen, die Ruven zur Untermiete aufnimmt.. Ruven, der im Umgang mit Frauen total unerfahren ist, trägt sich mit dem Gedanken Elfi zu heiraten, kann sich jedoch nicht wirklich dazu entschließen, ihr einen Antrag zu machen, denn da ist ja auch noch Isabel.

Die Personen sind wunderbar charakterisiert. Karla Schmidt ist es gelungen faszinierend lebendige Figuren zu schaffen. Besonders gefällt mit Isabel. Sie ist facettenreich angelegt, ein eigenwilliges Mädchen. Sie weiß, was sie will und versteht sich darauf ihre Interessen durchzusetzen, nicht zuletzt indem sie Menschen manipuliert, deshalb wirkt sie im Verlauf der Geschichte nicht immer sympathisch. Aber ich mag Personen, deren Verhalten und Handlungsweise unberechenbar sind, sie machen eine Geschichte erst interessant. Aber auch Ruven kommt sehr gut gezeichnet rüber, auch in seiner Brust leben mehrere Seelen. Überhaupt gibt es außer Bing - seine Figur ist durchgehend unsympathisch gezeichnet - keine Person, die nur schwarz oder nur weiß dargestellt wird.

Dr. Greibels Experimente mit der Elektrizität haben mich total geschockt, mir blieb beim Lesen schier die Luft weg. Aber es war eben eine andere Zeit. Die Geschichte insgesamt gibt sehr viele Rätsel, die sich alle erst zum Schluss auflösen. Und so verbirgt auch Isabels Tante Anna, bei der sie aufwächst, weil ihre Familie ums Leben kam, ein Geheimnis.

Das Buch hat mich intensiv beschäftigt und ich habe es sehr gerne gelesen. Genauso soll ein gutes Buch ja sein. Die Sprache ist wunderschön bildhaft, die Atmosphäre geradezu spürbar, man kann sich die Personen und Schauplätze deutlich vorstellen. Der Spannungsbogen wird von der ersten bis zur letzten Seite gehalten. Das Buch ist keine Sekunde langweilig. Es bietet emotional eine ganze Palette an Gefühlen, ist spannend, feinfühlig, traurig, mutig, fies- eben die ganze Skala. Kurz gesagt: Es lässt nicht kalt.

Fazit: ein wundervoller facettenreicher Roman in einer bildhaften Sprache. Mit tollen Charakteren.

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