Der Raub der Stephanskrone von Beate Maly

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Der Raub der Stephanskrone“,, 400 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Österreich-Ungarn im 15. Jahrhundert. Sie ist die letzte Hoffnung für die ungarische Krone: Helene, die Kammerfrau der Königin Elisabeth. Als der König stirbt und die hochschwangere Königin vor dem aufständischen Adel fliehen muss, nimmt Helene die heilige Stephanskrone – die kostbare Insignie der ungarischen Könige – an sich. Eine gefährliche Reise durch das Land beginnt. Helenes Ziel: Die Donaustadt Komorn, in der Elisabeth sie erwartet, um ihren neugeborenen Sohn zum neuen Herrscher zu krönen. Kann Helene die Hoffnungen ihrer Königin erfüllen und ihr die Krone bringen? 

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Klappentext, der mehr verspricht, als der Roman halten kann“62

Rezension von Yvonne Schulze

Im Jahr 1437 kommt die junge ungarische Witwe Helene Szekeles mit ihrem kleinen Sohn nach Wien in das Haus des Domprobstes Andreas Plank, um mit dessen Sekretär Johann Kottanner eine arrangierte Ehe einzugehen und Kinderfrau am herzoglichen Hof zu werden. Helene, die bereits eine unglückliche Ehe hinter sich hat, ist alles andere als begeistert. Doch der Wille einer Frau zählt nichts in dieser Zeit, sie hat sich zu fügen. Fügen muss sich auch Johann Kottanner, der auf Befehl seines Dienstherrn die Ehe mit Helene eingehen soll. Plank erhofft sich, durch Helenes Dienst bei Hofe Einfluss auf die Herzogin nehmen zu können. Helene steigt bald zur Kammerfrau und Vertrauten der Herzogin und späteren Königin Elisabeth auf und ihr Leben bewegt sich fortan zwischen Hofburg und heimischem Herd und in diesem Rahmen bewegt sich zum Großteil auch die Handlung dieses Buches.

Moment mal! Stand im Klappentext nicht etwas ganz anderes? War da nicht von einer gefährlichen Reise Helenes die Rede? Und von einer Königskrone, die geraubt und bis aufs Blut verteidigt werden muss? Wurde dem Leser nicht ein großes Abenteuer versprochen? Jeder Leser, der mit dieser Erwartungshaltung zu diesem Buch greift, muss sich bis Seite 347 gedulden, um dann auf wenigen Seiten in einer arg konstruierten und im Zeitraffer erzählten Kurzfassung den titelgebenden Raub der Stephanskrone zu erleben. Im Vergleich dazu wird an anderer Stelle des Romans auf fast genauso vielen Seiten sehr detailfreudig Helenes Niederkunft beschrieben, so dass sich der Leser zeitweise in einem der einschlägigen Hebammenromane zu befinden glaubt.

Während der Raub der ungarischen Stephanskrone durch Helene Kottanner historisch belegt ist, weiß man allerdings heute kaum, wie sie das im Detail bewerkstelligt hat, so dass die Autorin hier ihrer Fantasie freien Lauf lassen konnte. Wenig ist über die reale Helene Kottanner und ihre geheime Mission bekannt. Hinweise geben lediglich Helenes eigene Aufzeichnungen, bei denen Historiker aber vermuten, dass sie geschönt und ausgeschmückt wurden und somit als aussagefähiges Quellenmaterial eher ausscheiden.   

Interessante Protagonistin, schwache Nebencharaktere

Bei den Figuren in diesem Roman handelt es sich zwar zum Großteil um historisch belegte Personen, sie bleiben aber letztendlich nur Abziehbilder ihrer realen Vorbilder. Besonders deutlich wird das bei Königin Elisabeth. Die Tochter von Kaiser Sigismund und Gattin des Herzogs und späteren Königs Albrecht II. von Habsburg galt als eine energische und kluge Frau, die auch politisch aktiv war. Beate Maly zeichnet diese bemerkenswerte Frau jedoch als Spätpubertierende, deren Stimmungen zwischen Trotz, Hysterie und Sentimentalität schwanken und die Romanfigur Elisabeth insgesamt als ziemlich unreifes Wesen erscheinen lassen. 

Die fiktive Helene ist definitiv die stärkste Figur dieses Romans – jedenfalls in der ersten Hälfte. Sie ist kein unbedarftes Mädchen vom Lande, das in die große Stadt kommt, sondern sie ist eine verwitwete, durch die Ehe mit einem gewalttätigen Gatten traumatisierte junge Frau. So ist es mehr als verständlich, dass sie ihrem zweiten, wiederum aufgezwungenen Ehemann Johann mit Ablehnung und Misstrauen entgegentritt. Helene ist gerade in der ersten Hälfte des Romans nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, ihre Sperrigkeit bewirkt eher das Gegenteil. Das macht sie als Figur aber umso interessanter, weil es der Leser hier zur Abwechslung mal nicht mit einer jener genretypischen unfehlbaren Heldinnen zu tun bekommt, sondern mit einer jungen Frau, die vom Leben gezeichnet ist und durchaus auch negative Charaktereigenschaften hat. Der gutmütige und stets verständnisvolle Johann dagegen ist auf Dauer langweilig und verblasst neben Helene. Doch je mehr sich Johann und Helene im Laufe der Handlung annähern, umso mehr verliert auch Helene ihre Ecken und Kanten und wird immer mehr zum klassischen Typ der starken Frau vor historischer Kulisse samt Heiligenschein.

Der Raub der Stephanskrone ist leichter Lesestoff ohne wirklichen Tiefgang für den Durchschnittsleser, der Wert auf unkomplizierte und in erster Linie unterhaltende Histo-Schmöker legt, deren Handlung man problemlos folgen kann und die keine Ansprüche an den Leser stellen. Dazu trägt hier auch bei, dass sich die in die Handlung eingestreuten historischen Fakten in Grenzen halten und quasi nur am Rande eine Rolle spielen und bei denen sich die Autorin bewusst auch so manche Freiheit erlaubt hat, denn sie möchte nach eigener Aussage den Leser vorrangig unterhalten, wobei historische Korrektheit ihrer Meinung nach eher störend wäre. So lässt sie ihre Akteure dann auch über Straßen und Plätze laufen, die es im spätmittelalterlichen Wien gar nicht gab und die eher dem heutigen Stadtbild Wiens entsprechen. Sie verwendet   konsequent heutige Straßennamen, obwohl diese teilweise erst Jahrhunderte später entstanden sind. Eine genauere Beschreibung der damaligen Hofburg vermeidet die Autorin vorsichtshalber gleich ganz. Hier hätte man gerade von einer Autorin, die ihre eigene Heimatstadt als Setting für ihren Roman wählt, etwas mehr Sorgfalt erwarten dürfen, aber der historisch interessierte Leser, der auf solche Details Wert legt, gehört – wie schon erwähnt – nicht zur Zielgruppe der Autorin. 

Schlussendlich bleibt zu sagen, dass hier mal wieder ein vielversprechendes Thema an einer enttäuschenden Umsetzung scheitert, vom völlig irreführenden Klappentext ganz zu schweigen. 

Ihre Meinung zu »Beate Maly: Der Raub der Stephanskrone«

Theres zu »Beate Maly: Der Raub der Stephanskrone«03.05.2017
Eine Frage zur Rezension von Yvonne Schultze. Hier findet sich folgende Aussage: "Wenig ist über die reale Helene Kottanner und ihre geheime Mission bekannt. Hinweise geben lediglich Helenes eigene Aufzeichnungen, bei denen Historiker aber vermuten, dass sie geschönt und ausgeschmückt wurden und somit als aussagefähiges Quellenmaterial eher ausscheiden." Mich würde sehr interessieren, welche Historikerinnen und Historiker hier gemeint sind?
Erm zu »Beate Maly: Der Raub der Stephanskrone«25.11.2016
Bereits der Buchtitel ist insofern problematisch, als er auf zwei ganz unterschiedliche Lesergruppen ausgerichtet ist. Allerdings dürfte das Buch weder die Erwartungen der einen Gruppe erfüllen, die bereits über das historische Geschehnis, das unter der Bezeichnung "Raub der Stephanskrone" in die Geschichte eingegangen ist, Kenntnis hat, noch die der anderen Gruppe, die sich einen historischen Kriminalroman oder einen Kriminalroman mit historischen Feeling erwartet. Sowohl mit Blick auf die hier dargestellte historischen Geschehnisse kann dieses Buch überzeugen, und ein Krimi ist es eindeutig auch nicht.

Hinzu kommt noch, dass das Buch denselben Titel hat wie ein historisches Fachbuch aus den 1990er Jahren, das ebenfalls am Buchmarkt, z. B. bei Amazon zu finden ist. Da geht es zwar auch um den titelgebenden "Raub der Stephanskrone", dieser aber ist hier nur eine Episode innerhalb eines Machtkampfes, der von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die Geschichte des ungarischen und des böhmischen Königreiches sowie der "Erblande" der Herzöge von Österreich bestimmte. Ein umfangreiches, anspruchsvolles, aber auch durchaus kritisches Buch, zwar anstrengend zu lesen, aber wer wirklich etwas über den historischen "Raub der Stephanskrone" erfahren will, ist hier zweifellos besser aufgehoben, als bei Beate Malys "Raub der Stephanskrone".

Ist schon der Titel irreführend, so wird dies durch den Klappentext noch verschärft, der vor allem eine Einstufung des Buches als historischen Roman betont. Wobei hier immerhin das Reißerische im für Beate Maly typischen "Schreibstil" ganz gut trifft. Nachdem ich nach diesem Buch noch zwei weitere Bücher von Maly zugemutet habe

(Für die, die sich jetzt die Frage stellen, warum ich mir nach dem "Raub der Stephanskrone" noch weitere Bücher von ihr angetan habe, eine Antwort: Ich wollte mir ein Bild von ihr als Schriftstellerin machen und sie nicht aufgrund eines einzigen Buches, das vielleicht nur die schief gegangene Ausnahme ist, beurteilen.)

Zutreffender ist dagegen das Cover, das eine leicht bekleidete Frauenfigur vor einer auf den Stephansdom stilisierten Stadtansicht von Wien zeigt. Mit Blick auf andere Buchcover wird nicht nur klar, dass die Autorin Beate Maly von ihrem Verlag als "Marke" verlegt wird, sondern es verweist auch auf einen leichten, seichten Frauenroman mit einer (städtischen) Heimatromankulisse, und das ist "Der Raub der Stephanskrone" tatsächlich. "Das Hilfstschapperl des Kronenräubers" oder "Das Mädchen des Kronenräubers" oder "Die schönäugige Helene" wären als Titel wohl zutreffender gewesen.

Mit tatsächlicher Geschichte hat dieser Roman außer ein paar Namen und den Bezug zu einem historischen Geschehnis, das hier allerdings auf einen unnützen Coup mit viel billiger Action und ein wenig primitiven Slapstick reduziert ist, nichts gemein. (Die namensgebenden Personen haben übrigens mit Malys Figuren nicht die geringste Ähnlichkeit, und beim Dompropst Andreas kommt noch hinzu, dass er zum Zeitpunkt der Handlung gar nicht mehr am Leben war. Da die Autorin im Nachwort nicht darauf eingeht, ist davon auszugehen, dass sie das nicht gewusst hat, es also ein grober historischer Fehler und keine beabsichtigte Veränderung der belegten Fakten war.)

Ebenso stellt sich für mich die Frage, warum dieser Roman großteils in Wien spielt und nicht an den Schauplätzen, die historisch belegt sind. Die Darstellung der Stadt Wien, die sie dafür als Schauplatz gewählt hat, ist eindeutig Gegenwart und vermag nicht einmal als Kulisse in einem Schmierenstück zu überzeugen. Da hätte Maly wohl gut getan, ihre Handlung doch an den Originalschauplätzen spielen zu lassen, auch wenn sie diese noch weniger kennt, als Wien.

Historisch sind der Autorin gibt es zwar keine Kartoffeln, aber dafür eine ganze Reihe von vergleichbaren und wesentlich schwererern Fehlern. So werden hier bereits die Jesuiten erwähnt, obwohl dieser Orden noch gar nicht gegründet war.

Insofern ist die Frage berechtigt, warum sich Beate Maly unbedingt an einem historischen Stoff versuchen musse, fehlt es ihr eindeutig an jeglichen historischen Hintergrundwissen. Im 20. Jahrhundert wäre sie für diesen Roman, der ein historischer Roman sein soll, "belächelt" worden.

Persönlich sehr ärgerlich ist dann noch das Frauenbild, das bedenkenlos den 1950er Jahren huldigt. In erster Linie geht es darum, dass zwei etwas aufmüpfige Frauen, die eine als Tussi oder andere wegen schwerer Traumata "gezähmt" werden müssen. Dies erfolgt über den Sexualakt, der bei der fügsamen Frau (Helene, Misshandlung durch den fiktive gewalttätige erste Ehemann mit Duldung von Vater und den Soproner Bürgern ist wohl als Entschuldigung für ihr bisserl Aufmüpfungsein erfunden) mit K.O.-Tropfen, wenn gleich versehentlich, von dem für sie bestimmten Ehermann erreicht wird. Als sie die Ehe mit ihm schließlich doch ablehnen könnte, muss sie froh, dass er so gnädig ist, sie doch zu nehmen, da sie nun von ihm schwanger ist. Das wird letztlich als Happyend verkauft.
Die machthungrige und brutale Elisabeth-Tussi dagen, die sich einbildet, sie wäre eine Königin (und dabei weiß sie nicht einmal, wie sie sich in der Öffentlichkeit benimmt) dagegen braucht lediglich den starken, vitalen Mann, der es ihr sexuell richtet (und ihr den Sohn macht), dann ist sie endlich das handzahme Weibchen ...

Fazit: billige Frauen- und Heimatgeschichte, in der kein Zweifel gelassen wird, dass die Bestimmung der Frau die Küche und die Kinder sind, wobei Sex zwar nur angedeutet ist, aber die Frauen auf diesen reduziert werden. Somit ein Buch, das ich niemand empfehlen kann.
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