Gegen alle Zeit von Tom Finnek

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Gegen alle Zeit“,, 541 Seiten.ISBN 3-431-03843-3.

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Kurzgefasst:

Ein stinkender Keller voll Schlafender, ein fluchender Mann mit Dreispitz und Holzbein – Henry Ingram traut seinen Augen nicht, als er nach einem heftigen Rausch zu sich kommt. Nur langsam begreift er das Unglaubliche: Er wurde um dreihundert Jahre in der Zeit zurückversetzt, mitten hinein ins London des 18. Jahrhunderts, ein London der Kleinganoven und Diebe. Als er mit der resoluten Hure Edgworth Bess den Räuberhauptmann Jack Sheppard aus dem Gefängnis befreit, wird er schließlich selbst zum gejagten Gesetzesbrecher, und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Das meint Histo-Couch.de: „London 1724 – eine Welt voller Gauner, Huren und Gesetzloser“98Treffer

Rezension von Bettina Weiß

Das kann nicht sein, nein, ganz und gar nicht, oder vielleicht doch? Henry Ingram ist Schauspieler der Gegenwart und gerade hat er als Captain Macheath in der Bettleroper gespielt. Nach der erfolgreichen Premiere gingen die Schauspieler wie üblich feiern. Und doch endete diese Nacht alles andere als üblich: Nicht nur, dass Henry mit einem granatenmäßigen Kater erwacht, er hat auch keinerlei Erinnerung an den vergangenen Abend. Nur schemenhafte Erinnerungsfetzen ziehen durch sein vernebeltes Hirn. Henry liegt in einem stinkenden Keller, mittendrin steht ein fluchender Mann mit Holzbein und Dreispitz. Das kann doch nur eine Täuschung oder ein übler Scherz seiner Kollegen sein. Nach und nach kommt Henry zu sich und erkennt das Unglaubliche: Es ist kein böser Scherz, sondern er ist in London im Jahre 1724, also vor knapp 300 Jahren, erwacht. Auf seinem Weg durch das nur vage bekannte London trifft Henry auf bekannte Gestalten aus dem Premierenstück. Da ist der gerissene Gauner Blueskin, dessen Mutter den berüchtigten Ginshop betreibt und in deren Keller Henry erwacht ist. Da ist die faszinierende, aber auch listige Hure Edgworth Bess, die auf Henry einen besonderen Reiz ausübt. Und allen voran der berühmte Räuberhauptmann Jack Sheppard, der gerade im berüchtigten Newgate Gefängnis sitzt und dringend befreit werden muss. Henry bleibt nichts anderes übrig, als sich den Gesetzlosen anzuschließen. Und kaum ist Jack aus dem Gefängnis befreit, gerät Henry ins Visier des zwielichtigen Diebesfänger Jonathan Wild und muss um sein Leben fürchten. Wie kann Henry verhindern, selbst gehängt zu werden und wieder in seine Zeit zurückkehren?

Facettenreiche Charaktere bilden die Grundlage einer faszinierenden Geschichte

Der Roman lebt von den Geschichten und Erlebnissen der kleinen Leute. Huren, Diebe, Kleinganoven und manch andere liebenswerte Personen, aber auch gefährliche Kriminelle bevölkern die Handlung. Henry trifft auf seinem Weg durch London nicht nur auf die Gestalten aus dem Theaterstück, sondern auch auf den Komponisten und Texter. Sie muss er zusammenführen, damit das Theaterstück überhaupt entstehen kann und er eine Chance auf Rückkehr in die Gegenwart hat. Denn die Bettleroper ist der Schlüssel zu allem Geschehen. Die Protagonisten des Romans sind detailreich mit Tiefe und Affekt gezeichnet. Sie alle haben Ecken und Kanten und erscheinen dadurch so real und menschlich. Die Protagonisten werden zu liebenswerten, komischen, absonderlichen oder verachtenswerten Gefährten, die durch die Handlung führen und deren Schicksal einen nicht mehr loslässt.

Uraufführung auf der Bühne des Lebens

Diese Vielfalt ist auch in der Sprache zu finden. Auch in diesem zweiten Roman der Trilogie kommt einem Theaterstück eine ganz wesentliche Bedeutung zu. Dies ist sprachlich an vielen Stellen zu spüren. Die Geschehnisse scheinen auch hier wie auf der Bühne des Lebens uraufgeführt zu werden und von Treue und Hinterlist, Freundschaft und Verrat, Liebe und Hass zu erzählen. Die einzelnen Teile des Romans werden durch Zitate aus dem Theaterstück und Illustrationen eingeleitet und schaffen so eine enge Verbindung zwischen der Romanhandlung und der aus den Legenden um Jack Sheppard geborenen Bettleroper. Der Leser zieht mit Henry, Bess und Blueskin durch London, feiert mit ihnen und verfolgt sie auf der Flucht vor dem Diebesfänger und auf der Suche nach der Wahrheit hinter den Geschehnissen.

Rundum gelungenes Buch

In jedem Teil des Romans steht eine anderen Persönlichkeit im Mittelpunkt, so dass sich aus den einzelnen Teilen ein wunderbares Ganzes ergibt und der Leser die Geschehnisse aus verschiedenen Sichtweisen erzählt bekommt. Der fabelhaft gelungene Roman wird auch durch die Gestaltung des Buches stimmig ergänzt. Im vorderen Einband befindet sich eine Abbildung eines zeitgenössischen Stichs und im hinteren Einband ist ein Stadtplan Londons von Wenceslaus Hollar abgedruckt, so dass der Leser die Wege der Protagonisten verfolgen kann. Des weiteren finden sich im Anhang Anmerkungen und Übersetzungen.

Insgesamt ist dies ein hervorragend gelungener Roman, der den Leser in ein bisher unbekanntes London entführt, in dem die Menschen auf der dunklen Seite des Lebens eine Hauptrolle erhalten und diese wunderbar ausfüllen. Auch wenn beinahe 60 Jahre nach dem Großen Brand die Elendsviertel wie eh und je vorhanden sind, in denen Alkohol, Armut und Verbrechen regieren, gelingt es dem Autor zu zeigen, dass auch hier Menschlichkeit, Liebe, Vertrauen und Freundschaft ihren Platz haben. Man wird fabelhaft unterhalten und kann sich auf weitere Bücher des Autors freuen. Die Fortsetzung der Trilogie, die unter dem Titel Vor dem Abgrund im November 2013 erscheinen wird, ist bereits vorgemerkt.

Ihre Meinung zu »Tom Finnek: Gegen alle Zeit«

Lamella zu »Tom Finnek: Gegen alle Zeit«16.05.2013
Eine wunderbare und gelungene Mischung aus historischem Roman, Krimi, Abenteuerschmöker und Liebesgeschichte, alles gewürzt mit feiner Ironie und Augenzwinkern. Eine pralle Erzählung über die dunkle Seite Londons: mitten hinein ins Leben der Huren, Gauner, Verrückten und (Lebens-)Künstler. Sehr spannend und unterhaltsam.
win_fried zu »Tom Finnek: Gegen alle Zeit«08.04.2012
Der zweite London-Roman von Tom Finnek hat mir mindestens so gut gefallen wie "Unter der Asche". Wieder etwas sehr Besonderes und Überraschendes. Nicht nur die Perspektivwechsel, die der Geschichte einen besonderen Reiz geben, sondern auch das Hin und Her zwischen Historie und Zeitreise, zwischen Künstlern und Gaunern, die uns zu vielen erstaunlichen Orten und Personen führt. Super!
dumassa zu »Tom Finnek: Gegen alle Zeit«21.02.2012
Eine wunderbare Mischung aus Historischem Roman, Zeitreisengeschichte, Histo-Krimi und eigenwilliger Liebesgeschichte. Der Wechsel der Perspektiven und die sehr liebevolle und konfliktreiche Zeichnung der Figuren (zumeist Gauner und Huren) macht das Buch zu einem tollen Schmöker, der sehr gut unterhält und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Gelungen!
Marlene zu »Tom Finnek: Gegen alle Zeit«11.12.2011
Der Schauspieler Henry Ingram erwacht nach der Premierenfeier der "Bettleroper" mit einem üblen Kater und traut seinem Verstand nicht mehr: Er ist plötzlich von all den Huren und Gaunern umgeben, die er aus dem Stück kennt; allerdings als reale Personen. Nach und nach dämmert es ihm, dass er in der Zeit zurückversetzt wurde, ins Jahr 1724. In die Zeit, in der die "Bettleroper" entstand. Während er noch versucht, das zu verarbeiten, wird er von den Ereignissen mitgerissen. Er begegnet der resoluten und beeindruckenden Hure Edgworth Bess und hilft ihr, den Räuberhauptmann Jack Sheppard aus dem Londoner Newgate-Gefängnis zu befreien. Damit wird Henry selbst zum Gesetzlosen und gerät ins Visier des skrupellosen Diebesfängers Jonathan Wild. Doch auch Bess hat Geheimnisse und ist auf der Suche - nach einem ehemaligen Liebhaber, dem sie nach dem Leben trachtet. Wenn er nicht gerade umgebracht worden wäre ...
Eigentlich sind Zeitreisen-Romane nicht mein Lieblingsgenre, doch weil "Unter der Asche" vom selben Autor mir so gut gefallen hat, habe ich "Gegen alle Zeit" gelesen und geradezu verschlungen. Der Roman ist nicht nur spannend und sehr schön erzählt, sondern dabei auch originell und wendungsreich. Besonders zu loben ist auch die tolle Ausstattung des Buches mit Stadtansicht, Stadtplan und vielen ganzseitigen Illustrationen. Sehr liebevoll gemacht.
Bratmax zu »Tom Finnek: Gegen alle Zeit«02.12.2011
GEGEN ALLE ZEIT, der zweite Roman des Autors als Tom Finnek, spielt mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem großen Brand von London, den der Autor in UNTER DER ASCHE sehr gut behandelt hat. Der Leser wird Geoff wieder treffen, den er (wenn er UNTER DER ASCHE gelesen hat) schon kennt. Die Herangehensweise an das frühe 18.Jahrhundert ist diesmal komplett anders, aber keinen Deut weniger spannend.

Henry Ingram, der sich nach seinem Operndebüt aus Liebskummer ins Koma soff, wacht auf und ist im Jahr 1724. Schon beginnnen die Verkettungen und Henry lernt die größten Unterweldgestalten Londons kennen, erlebt Verrat und Freundschaft. Mehr kann man zum Inhalt nicht sagen ohne zu viel zu verraten.

Der Schreibstil von Tom Finnek ist wieder sehr flüssig zu lesen, man kann gar nicht mehr aufhören. Man fühlt sich regelrecht ins Jahr 1724 zurückversetzt (genau wie Henry Ingram). Das Tolle ist,dass man nicht nur was über Adel und König erfährt, in GEGEN ALLE ZEIT stehen eher die "Leute unten in der Gesellschaft" im Mittelpunkt, wobei es faszinierend ist wie viel Reales eingebaut worden ist.

Ein absolutes Zusatz-Highlight ist die Gestaltung des Buches:

Am Anfang jedes Teils findet man tolle Graphiken,vorne und hinten im Buch sind eine Panoramaansicht Londons und Stadtplan der wichtigen Handlungsorte. Desweiteren gibt es einen ausführlicher Anhang mit vielen Infos, nach Seitenzahlen geordnet, so kann man sofort nachschauen wenn was einen interessiert. Am Anfang gibt es auch ein Personenregister-

Insgesamt kann ich sagen, dass ich hier einen meiner Histos-des-Jahres gelesen habe. Selten hat mich ein Buch so gefesselt, so interessiert. Tom Finnek gehört nach zwei so tollen Romanen zu meinen absoluten Lieblingsautoren.
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