Parrot und Olivier in Amerika

  • Fischer
  • Erschienen: Januar 2010
  • 1
  • Fischer, 2010, Titel: 'Parrot and Olivier in America', Originalausgabe
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Almut Oetjen
841001

Histo-Couch Rezension vonOkt 2010

Doppeltes Aufeinandertreffen von Kulturen

Kurzgefasst:

Parrot und Olivier sind zwei Schiffbrüchige des Lebens: Olivier ist adliger Franzose und auf der Flucht vor der Revolution. Parrot ist der buntscheckige Sohn eines englischen Kupferstechers und Falschmünzers, ein Stimmenimitator, den es einmal um den Globus jagt, bis er schließlich Frankreich erreicht. Ein zwielichtiger, einarmiger Marquis spannt sie zusammen: Olivier soll die Gefängnisse der neuen Demokratie von Amerika studieren und Parrot ihm als Kopist, Wächter und Spion folgen

 

Olivier-Jean-Baptiste de Clarel de Garmont ist Mitglied einer bedrohten Art, der Aristokratie im Frankreich nach der Revolution. Parrot, so genannt wegen seiner Haare, der Sohn eines englischen Wanderdruckers, flieht von England nach Frankreich, als sein Vater der Geldfälschung überführt und inhaftiert wird. Er tritt in die Dienste der Garmonts. Oliviers Mutter ist überzeugt, das im Niedergang befindliche und gefährliche Frankreich sei nichts für ihren lieben Sohn. Deshalb wird Olivier nach Amerika geschickt, wo er das Gefängnissystem studieren soll. Begleitet wird er von Parrot, vorgeblich als Diener, tatsächlich als der Mutter Bericht erstattendem Spion. Die Männer hassen sich leidenschaftlich, umso mehr, als Olivier in Amerika feststellen muss, dass er an Geld nur über die Unterschrift Parrots gelangt. Parrot und Olivier durchstehen einige Diskussionen und Abenteuer, in deren Verlauf sie zu Freunden werden.

Auf Spuren Alexis de Tocquevilles

Der Australier Peter Carey ist zweifacher Gewinner des Booker Prize, für Oscar und Lucind" (1988) und Die wahre Geschichte von Ned Kelly (2001). Er schickt in seinem neuen Roman zwei unterschiedliche Charaktere von der Alten in die Neue Welt und blickt satirisch auf das Amerika des neunzehnten Jahrhunderts. Während ihrer gemeinsamen Unternehmung diskutieren die beiden Männer über Gott und die Welt, am liebsten jedoch über die Vorzüge und Nachteile der Demokratie sowie die Kunst. Die Argumente Oliviers sind zumeist nicht Ergebnis seines Denkens, sondern entstammen Alexis de Tocquevilles Buch Demokratie in Amerika, dessen Titel offensichtliches Vorbild für Careys Parrot und Olivier in Amerika war. Olivier teilt auch ein paar biographische Merkmale und Ansichten mit seinem berühmten Landsmann. So übernimmt er dessen Vorstellung, der Schaukelstuhl sei ein Bild für die Rastlosigkeit der Amerikaner. Olivier wächst wie Tocqueville im Frankreich nach der Revolution auf und fährt wie dieser als Erwachsener nach Amerika, um das dortige Gefängnissystem zu studieren. Olivier folgt Tocqueville auch in dessen kritischen Ansichten über Amerika, das für ihn durch die obsessive Verfolgung der Anhäufung von materiellem Reichtum und das Desinteresse an einer Entwicklung zur Hochkultur bestimmt ist.

Oliviers Überzeugung, in einer demokratischen Gesellschaft könne es keine Kunst geben, ist ein weiteres Highlight der Streitgespräche. Sein Argument, eine ästhetische Bildung sei Voraussetzung dafür, Kunst erkennen zu können, fehle diese Voraussetzung, würde nur für den Markt und damit die Masse produziert, eine Masse, die Selbstgefälligkeit und Ignoranz zu Kriterien für die Kunstbewertung erhebe und deshalb leicht manipulierbar sei, weist natürlich wie vieles im Roman über die Geschichte selbst hinaus. Die Diskussionen sind weitab davon, als trocken bezeichnet werden zu können.

Dickens'sche Aufregungen in der Neuen Welt

Careys Roman ist hoch ambitioniert und scheint in seinem Einfallsreichtum unerschöpflich. Parrot, das wird besonders im Abriss seiner Lebensgeschichte deutlich, könnte eine Figur von Dickens sein. Auch einige der erzählerischen Einfälle erinnern an Dickens, wie der Aufenthalt Parrots in einem unterirdischen New Yorker Gefängnis oder die Beschreibung eines großen Feuers.

Carey erzählt eine Geschichte von zwei intelligenten Männern aus unterschiedlichen Klassen, die mit einer je eigenen durch die soziale Herkunft bestimmten Sprache ausgestattet sind. Die Beziehung beider ist anfangs geprägt durch Vorurteile, Hass und Misstrauen. Sie entwickelt sich in überwiegend komischer Weise zu einer Freundschaft, deren Emotionen nicht immer nachvollziehbar sind.
Gelegentlich sind die Erlebnisse dramatisch und haarsträubend, bisweilen sehr komisch, so, wenn Olivier Parrot einen Brief an seine Mutter diktiert, in dem er ihr schildert, wie er mit Parrots Freundin geschlafen hat.

Eine ausgewogene Redezeit ist gewährleistet

Die Erzählung wechselt kapitelweise zwischen beiden Männern. Jedem sind 14 Kapitel zugewiesen, und trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft ist die "Redezeit" ausgewogen aufgeteilt, wie es sich für Medien in einer Demokratie gehört: beide bekommen um 270 Seiten Platz.

Es ist immer wieder faszinierend, wie eindeutig und mit welchem Detailreichtum sich erwachsene Romanfiguren an ihre Kindheit erinnern - so auch Parrot und Olivier. Ist diese Faszination überwunden, erwartet die Leser und Leserinnen ein epischer Gesang für zwei sehr unterschiedliche Stimmen, an dem man außerordentlichen Gefallen finden kann.

 

Parrot und Olivier in Amerika

Peter Carey, Fischer

Parrot und Olivier in Amerika

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