Riemenschneider von Tilman Röhrig
Buchvorstellung und Rezension
Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel „Riemenschneider“, , 624 Seiten. ISBN 3-492-05055-7.
Kurzgefasst:
Wochenlang schon war Tilman Riemenschneider nach ihr auf der Suche gewesen: seiner Eva. Es war ein bedeutender Auftrag für die Stadt: die Skulpturen des ersten Menschenpaars vor dem Eingang der Marienkapelle. Doch nun geht der Bildschnitzer zu weit: eine Bäuerin, die ihm Modell steht – nackt! Im Würzburg des Jahres 1492 ein Skandal. Dabei ahnt noch niemand, welch viel gewaltigeres Beben die Stadt in den nächsten Jahren erwartet. Dass Reformation und Bauernkriege die bestehende Ordnung in ihren Grundfesten erschüttern werden. Auch Meister Riemenschneider, der einmal als einer der größten Künstler der deutschen Renaissance in die Geschichte eingehen wird, ist dem Sturm der Ereignisse schutzlos ausgeliefert. Er muss um sein Leben kämpfen, das so aussichtsreich begann – und in dem seine Eva eine schicksalhafte Rolle spielt.
Das meint Histo-Couch.de: „Ein handfester Skandal!“
von Dirk Jaehner
Die Geschichte beginnt mit der Erschaffung von Adam und Eva. Buchstäblich. Aber keine Bibelnacherzählung ist es, auch keine Jugendbeschreibungen des Titelhelden. Es ist handfester: Tilman Riemenschneider hat den Auftrag, das erste Menschenpaar als Figuren für ein Kirchenportal aus Stein zu meißeln und sucht nun die Vorlage für die Eva. Im Würzburg des Jahres 1492 ein Skandal. Allein, dass Riemenschneider menschliche Abbilder schaffen will und keine göttlichen Bildnisse. Viel schlimmer wiegt jedoch, dass er eine Freiwillige braucht. Als Modell. Sie muss seinen ästhetischen Vorstellungen entsprechen – was seine eigene Frau ausschließt – und sie muss bereit sein, sich ihm nackt zu zeigen.
Das ist die erste Episode aus dem Leben des Bildhauers Tilman Riemenschneider, wie sein Namensvetter Tilman Röhrig ihn in seinem über 620 Seiten starken opulenten historischen Roman schildert. Es folgen noch viele weitere Episoden und immer steht das Verhältnis zwischen ihm und seinem Eva-Modell Magdalena im Zentrum der Erzählungen. Als sie ihren Ehemann durch die Blutzapfen, die brutalen Geldeintreiber des Bischofs, verliert, kommt sie als Magd mit ihrem Sohn in den Haushalt des gefragten Bildschnitzers. Aus der gegenseitigen Zuneigung darf mehr werden, denn als Stadtrat und späterer Bürgermeister von Würzburg kann Riemenschneider seine Magd nicht heiraten. Die Standesunterschiede sind zu groß.
Der menschliche Faktor
Röhrig hält sich nicht mit weitschweifigen, detailverliebten Beschreibungen von Menschen, Situationen oder Örtlichkeiten auf. Er erschafft die Zeit des 15. Und frühen 16. Jahrhunderts durch die Beschreibung von Ereignissen und menschlichen Beziehungen. Die menschliche Seite des berühmten Künstlers entspricht in Röhrigs Sicht fast schon dem gängigen Klischee: Die Kunst geht vor, die Familie – insgesamt vier Frauen, von den ersten beiden insgesamt sechs Kinder – steht immer hinter den Verpflichtungen des Künstlers und des Stadtrates zurück. Beispiel: Die älteste Tochter Getrud muss ihren Vater erst mit der Nase darauf stoßen, dass sie im heiratsfähigen Alter ist. Dennoch geht die Hochzeit der Tochter ein wenig unter im Werkstattalltag, ebenso wie ihr weiteres Leben.
Ganz anders die Schilderung des Künstleralltags. Dort bekommt die Figur Riemenschneider seine Seele. Wie er Holz oder Stein betrachtet, in den unbehauenen Stücken die Figuren sieht, wie er seine Werkzeuge ansetzt und benutzt, all das beschreibt Röhrig mit soviel Einfühlungsvermögen, dass der Leser bei der Schilderung des Aufbaus des Marienaltars in der Herrgottskirche in Creglingen mitfiebert und Gänsehaut bekommt, wenn am Schluss die Berechnungen für das noch heute zu bestaunende „;Lichtwunder“; (alljährlich am 15. August) aufgehen.
Abschweifungen
Schwäche zeigt Röhrig immer dann, wenn er sich von der Riemenschneider-Geschichte entfernt – weil der Spannungsbogen sinkt. Berühmte Namen tauchen auf – Martin Luther, Götz von Berlichingen, Florian Geyer, Georg Truchsess von Waldburg-Zeil – und werden in ein großes Geschichtsbild mit Reformation, Bauernaufstand und Kaiserwahl eingebettet. Als Leser erwartet man, dass die einzelnen Geschichten irgendetwas miteinander zu tun haben. Aber Röhrig lässt sich mit der Zusammenführung viel, manchmal zu viel Zeit. Martin Luthers Auftauchen steht beispielsweise in fast keinem direkten Zusammenhang mit Riemenschneider. In einer einzigen – von Röhrig erfundenen – Episode treffen beide aufeinander und Riemenschneider ist nicht glücklich über die Kommentare Luthers zu seinen Werken: „;Sie sind zu schön, sie blenden so sehr, dass wir Gott nicht mehr sehen“;, zieht er über sie her. Und Götzendienst und Abgötterei nennt er sie auch. Dennoch lässt Röhrig auch im Luther-Handlungsstrang seine Fähigkeit zur Schilderung menschlicher Regungen aufscheinen, wenn er nämlich Luthers „;Erleuchtung“; beschreibt. Nur etwa zweieinhalb Seiten lang, aber so eindringlich, dass man bereit ist, für Luthers Überzeugung einzustehen.
Der Bauernaufstand nimmt breiteren Raum neben der Riemenschneider-Geschichte ein, weil der Bildhauer ein Betroffener ist. Dennoch wählt Röhrig den langen Weg der Schilderung und beginnt bei den Ursprüngen des Aufruhrs, den Bundschuh-Versammlungen. Besonders die ersten Treffen haben so gar nichts mit Riemenschneider zu tun, die Brüche zwischen den Erzählsträngen sind groß. Zusätzlich wird Ritter Götz von Berlichingen eingeführt, der immerhin durch seine robuste Lebensart das komische Element des Romans ist. Wenn hier die Parallelhandlungen zusammengeführt werden – der Taschendieb und Spielmann Hans Bermeter, Magdalenas Sohn Florian und Riemenschneiders zweite Tochter Katharina haben hier eine Rolle zu spielen – hat das unmittelbare Auswirkungen auf Riemenschneiders Hauptgeschäft: Der Bauernaufstand wird zerschlagen, Riemenschneider wie alle Würzburger Ratsherren gefoltert und eingekerkert. Als wieder freikommt, kann er nicht mehr arbeiten. Ob man tatsächlich Riemenschneiders Hände gebrochen hat, ist nicht belegt. Röhrig interpretiert die ausbleibenden Arbeiten so, als habe die Folter ihm zwar nicht die Hände genommen, aber jenes Gefühl, das den Figuren den so oft gerühmten „;Blick nach innen“; gab. Am Ende stirbt der einstmals große Meister bei einem Besuch eines seiner Weinberge friedlich auf einer Bank unter einem Baum, seinen Enkel und seine langjährige Magd, die ihm nach dem Tod seiner vierten Frau eine Gefährtin geblieben ist, ganz in der Nähe.
Wahrheiten
Namen, Orte, Ereignisse, Kunstwerke – über weite Strecken stimmen Röhrigs Angaben mit den historischen Tatsachen überein. Seine eigene Erfindung ist Magdalena Lebart, jene junge Bäuerin, die ihm am Anfang für seine Eva Modell steht und fortan nicht aus seinem Leben weicht. Auch sind hier und da Episoden erfunden, um Verhältnisse deutlich zu machen und Gespräche und Sätze den handelnden Personen in den Mund gelegt. So aber schafft Röhrig das große, opulente, lebendige Bild jener Zeit, die in Europa am Anfang großer Umwälzungen stand. Es gelingt ihm jedoch nicht, die Handlungsstränge frühzeitig zu verdichten, um so die innere Spannung beizubehalten oder zu erhöhen und die Verbindungen im richtigen Verhältnis zur Hauptfigur Riemenschneider zu zeichnen.
Ihre Meinung zu »Tilman Röhrig: Riemenschneider«
- Marillion zu »Tilman Röhrig: Riemenschneider« 26.08.2009
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Eine gute, detailverliebte Geschichte mit recht ausführlich geschildertem geschichtlichen Hintergrund... Auch die Schilderung des Lebensalltags des Bildhauers, durchaus gelungen...Manko ganz klar: die vielen "Nebenschauplätze" und nur teilweise im Zusammenhang mit der eigentlichen Geschichte stehenden Handlungsstränge. So wirkt das Buch stellenweise etwas langatmig - weniger wäre da mehr gewesen...
- Geli zu »Tilman Röhrig: Riemenschneider« 09.02.2008
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Wieder einmal lässt Tilman Röhrig die Menschen einer bewegten Epoche zu Wort kommen, inbesondere den Bildschnitzer Tilman Riemenschneider, Bürger der Stadt Würzburg und Magdalena, "seine Eva", eine Magd aus einfachen Verhältnissen, die ihm für die Darstellung der Eva am Portal des Würzburger Domes Modell saß (so Röhrig!).
Das Schicksal des Bürgers Riemenschneider, der in den Rat gewählt wird, ist eng mit dem Schicksal der Stadt verknüpft, an der die Wirren der Bauernkriege und das Ringen zwischen Leibeigenen und Landadel macht nicht halt vor den Mauern der Stadt.
Aber Röhrig erspart uns plakative und billige Einseitigkeit und überlässt das Urteil über die Menschen, die er als Menschen ihrer Zeit schildert, uns Lesern. Und gerade dadurch macht er es uns schwer, sie zu verurteilen.
Bestens recherchiert, kunstgeschichtlich kenntnisreich und wunderschön geschrieben! Tilman Röhrig lässt sich Zeit mit den Figuren, lässt den Menschen, die er darstellt, auch den schlechten, ihre Würde und schafft dadurch glaubhafte Figuren. Einfach ein fantastisches Buch!
(Kleine Anmerkung: Das Cover ziert Cranachs Venus, nur die Reliefstreifen sind von Riemenschneider)
- annelein zu »Tilman Röhrig: Riemenschneider« 29.12.2007
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Ich habe das Buch zu Weihnachten bekommen und schon fast ausgelesen.
Ich finde es nicht "schwergängig". Ein Leben in einer solchen Zeit zu führen kann nicht leicht gewesen sein, egal ob Bürger, Bauer oder Edelmann. Röhring gibt ein sehr gutes Portrait dieser Zeiten des Umbruchs, aus der Gotik in die Renaissance, aus dem Mittelalter in eine modernere Zeit.
Ausserdem finde ich Bücher, die das Leben von Künstlern oder auch Kaisern o.ä. in romanhafte Form bringen sehr interessant. Allerdings müssen sie sehr gut recherchiert sein.
- Lili zu »Tilman Röhrig: Riemenschneider« 20.12.2007
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Dass i diesem Roman jede Menge Arbeit und ein tiefes Wissen um die Zeitumstände, stecken, merkt man bei jedem Satz. Der Autor will das Leben und die Nöte Riemenschneiders lebendig machen, und das gelingt ihm gut. Der Künstler war seiner zeit voraus - und musste sich ihr doch fügen, weil die Köpfe der anderen noch nicht so weit waren. Allerdings hätte es mir besser gefallen, wenn der Roman trotz aller Bedeutsamkeit nicht so schwergängig, sondern ein wenig leichtfüßiger zu lesen gewesen wäre.
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