Sei ganz still von Sebastian Thiel

Buchvorstellungund Rezension

Sei ganz still von Sebastian Thiel

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Sei ganz still“,, 277 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Im Sommer des Jahres 1938 brodelt die Stimmung im Deutschen Reich. Hitler verlangt nach mehr Lebensraum im Osten, das Volk stimmt blind vor Euphorie ein. Nur der Schläger, Trinker und Polizist Friedrich Wolf bekommt von alldem nichts mit. Eingesperrt im Strafgefangenenlager schuftet er unter schlimmsten Bedingungen, bis ein mysteriöser SS-Arzt ihn herausholt und ihn beauftragt, ein ganz bestimmtes Mädchen in der Düsseldorfer Unterwelt ausfindig zu machen. Eine Jagd beginnt, die Wolf an seine Grenzen bringt. Und bald schon wird aus dem Jäger ein Gejagter ...

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Noir-Krimi, der dem Genre zur Ehre gereicht“80

Rezension von Jörg Kijanski

Oberwachtmeister Friedrich Wolf war der beste Ermittler der Düsseldorfer Polizei, fiel jedoch durch seinen zweifelhaften Lebenswandel in Ungnade und landete im Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Sechs Monate ist er nun bereits dort und vom harten Arbeitsalltag sowie den Schikanen der mitunter sadistisch veranlagten Wärter gezeichnet. Überraschend erhält er eines Tages Besuch von SS-Arzt Ernst Kampa, der ihm ein Angebot macht, welches Wolf nicht ausschlagen kann. Kampas Verlobte Charlotte soll bei einem Brandunfall ums Leben gekommen sein, doch nachdem die auffällige Rothaarige angeblich im Düsseldorfer Rotlichtmilieu gesehen wurde, kommen Kampa Zweifel und so lässt er ihr vermeintliches Grab öffnen. Darin befindet sich zwar ein verkohlter Leichnam, der aber erkennbar zu einer Greisin gehört. Wolf soll in sein altes Revier zurück und Charlotte finden, im Gegenzug winken Freiheit und Geld. Wolf hat keine Wahl, dafür aber schon bald jede Menge Ärger am Hals&

Interessanter Plot mit überraschenden Wendungen

Nach Wunderwaffe und Uranprojekt erscheint mit Sei ganz still bereits der dritte zeithistorische Krimi des jungen und arbeitseifrigen Autors Sebastian Thiel. Mit dem bösen Wolf wird eine zwielichtige Hauptfigur ins Rennen geschickt, denn sein Leben besteht aus Alkohol, Schlägereien und Huren und so führt ihn sein erster Weg in der neu gefundenen Freiheit auch gleich zu seiner geliebten Helene, einer Hure, die inzwischen zur Puffmutter aufgestiegen ist. Diese bittet er, sich nach Charlotte umzusehen, was prompt zu gewaltigem Ärger führt. So gibt es ein Wiedersehen mit einem der großen Gegenspieler Helenes und mit Major Fritsch, dem einstigen Vorgesetzten von Wolf, dem dieser seinen Lageraufenthalt zu verdanken hat. In Zeiten, wo menschliches Mitgefühl ohnehin nicht viel zählt, ist Gewalt offenbar keine Schande.

Fritsches Gelenke knackten, er hob die Hände zum Faustkampf. „Dann zeigen Sie mal, was Sie drauf haben!“

Wolf nickte, zog seine Pistole. „Sie waren ein großartiger Lehrer.“

Zwei Schüsse krachten im Raum. Sofort sackte Fritsch zusammen und hielt sich den Oberschenkel. Kein Schrei, kein Wehklagen, nur seine gepresste Atmung erfüllte den Raum.

„Sie haben mir beigebracht, dass man einer Prügelei immer aus dem Weg gehen sollte, wenn es auch andere Wege gibt.“

Auf dem Buchcover steht Ein Noir-Krimi und genau diesen bekommt man geboten. Dass es in der Düsseldorfer Unterwelt rau zugeht, vermag nicht zu überraschen und so sind nicht nur Trinkgelage, sondern auch Schlägereien an der Tagesordnung; nicht selten ist Wolf mittendrin. Dies mag nicht jedem Leser gefallen, aber immerhin hält der Inhalt, was der Cover-Hinweis verspricht. Eine düstere Grundstimmung prägt den gesamten Roman, der auf jeder Seite eine geballte Portion Hoffnungslosigkeit versprüht. Im Jahr 1938, in dem die Handlung spielt, nicht wirklich überraschend, denn die Nationalsozialisten haben das Land fest im Griff und beginnen dieses nun von unliebsamen Elementen zu säubern.

Der Junge hatte keine Ahnung, wovon die beiden redeten. Es stimmte wohl, die Dummen hatten es am besten auf dieser Welt. Sie konnten einfach nur dasitzen und das Schauspiel begaffen. Wenn sie auch nichts vom Sieg wussten, so blieb ihnen wenigstens die Schmach einer Niederlage erspart.

So stößt Wolf im Laufe seiner Recherchen auf ein medizinisches Programm, welches zur Ausrottung lebensunwerten Lebens beitragen soll. Doch zunächst ahnt Wolf nicht, wer hier auf welcher Seite steht. Die Gesetze zur Erhaltung des reinen Volksblutes, die Euthanasie und die systematische Vernichtung von Volksschädlingen bilden den zeithistorischen Hintergrund des Romans, der – selbstredend – noch düsterer und beklemmender ist, wie manch ausweglos erscheinende Lage, in die sich Wolf begibt. 

Ihre Meinung zu »Sebastian Thiel: Sei ganz still«

Igelmanu66 zu »Sebastian Thiel: Sei ganz still«23.11.2015
»Häftlinge, die andere Insassen verrieten - ein Terrorregime, das jeden Widerstand auslöschte, indem sich niemand mehr sicher sein konnte. Das Reich hatte es wahrlich weit gebracht. Und das Schlimmste war, ihn hatte es eigentlich nicht mal sonderlich interessiert. Zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, bis auch er die volle Dosis der mächtigen Obrigkeit zu spüren bekam.«

Deutsches Reich, 1938. Noch vor einem halben Jahr stand Friedrich Wolf selber auf der Seite des Gesetzes, war er Oberwachtmeister mit einer hohen Verhaftungsquote und großem Bekanntheitsgrad, wobei Letzterer vor allem aus seinem Hang zu Alkohol, Prostituierten und Schlägereien resultierte und ihn am Ende in ein Strafgefangenenlager, eben auf die andere Seite, brachte. Dort schuftet er unter schlimmsten Bedingungen, erleidet Hunger, Kälte und Folter und hat schon fast mit seinem Leben abgeschlossen, als ihm der SS-Arzt Ernst Kampa mit einem Spezialauftrag die Chance zur Rehabilitation gibt...
»Also hörte ich mich um. Ich suchte nach dem verschlagensten, korruptesten Soldaten oder Polizisten, der sich mit Ungeziefer und Abschaum im Milieu umgibt.« »Und so kamen Sie auf mich.« »Exakt.«
Dr. Kampa sucht seine Verlobte, ihre Spur führt ins Rotlichtmilieu und womöglich wurde sie Opfer eines Verbrechens. Wolf, der sich in diesen Kreisen bestens auskennt, macht sich an die Arbeit, nicht im Entferntesten ahnend, worauf er sich da eingelassen hat...

Meine Güte, war das spannend! Ich liebe ja Krimis, die gleichzeitig eine ordentliche Portion Zeitgeschichte beinhalten - und dieser hier ist ein besonders tolles Exemplar! Das Buch zeigt in sehr eindringlichen Schilderungen einige der furchtbaren Facetten des Naziregimes. Angefangen bei den Grausamkeiten des Strafgefangenenlagers, in dem täglich Menschen sterben und täglich neue Häftlinge - die meisten von ihnen "politische" - ankommen. Weiter über die allerorts herrschende Angst, die dafür sorgt, dass jeder jeden bespitzelt und verrät, hin zu dem besonders dunklen und menschenverachtenden Thema des "unwerten Lebens". Der Leser muss sich auf Abschnitte gefasst machen, die teils sehr blutig sind und teils im Innersten erschüttern und betroffen machen, selbst wenn es sich um Dinge handelt, von denen man (natürlich) schon gehört oder gelesen hat.

Der Ermittler ist noch mal eine Klasse für sich. Im Grunde ist er ein Anti-Held, ein Schläger, ein Trinker. Jemand, der erst dann beginnt nachzudenken, wenn er selber betroffen ist. Jemand, bei dem man überlegt, ob man ihn überhaupt sympathisch finden darf. Höchst aggressiv sind seine Gedankengänge, in denen man aber auch die Spuren eines erlebten Traumas ausmachen kann. Kein einfacher Charakter, aber sehr interessant. Zumal ein solcher Charakter die Spannung weiter erhöht, denn man fragt sich bei ihm (im Gegensatz zu einem "richtigen Helden") immer wieder, wie er sich wohl entscheiden, welche Seite er einnehmen wird.

Die Handlung selbst sorgt ebenfalls dafür, dass es spannend bleibt. Ständig fragt man sich, wer nun eigentlich gut und wer böse ist. Wer jetzt eigentlich wen jagt und/oder bespitzelt und wem man überhaupt glauben kann. Mal ist man überrascht, mal schockiert. Und zum rasanten Ende hin fast schon atemlos.

Fazit: Spannend und schockierend. Große Klasse!

»Wenn die Kraft zum Kampfe um die eigene Gesundheit nicht mehr vorhanden ist, endet das Recht zum Leben in dieser Gesellschaft.« (Adolf Hitler, "Mein Kampf")
Sagota zu »Sebastian Thiel: Sei ganz still«13.09.2015
"Die Jagd beginnt! Im Sommer des Jahres 1938 brodelt die Stimmung im Deutschen Reich. Hitler verlangt nach mehr Lebensraum im Osten, das Volk stimmt blind vor Euphorie ein. Nur der Schläger, Trinker und Polizist Friedrich Wolf bekommt von alldem nichts mit.
Eingesperrt im Strafgefangenenlager schuftet er unter schlimmsten Bedingungen, bis ein mysteriöser SS-Arzt ihn herausholt und ihn beauftragt, ein ganz bestimmtes Mädchen in der Düsseldorfer Unterwelt ausfindig zu machen. Eine Jagd beginnt, die Wolf an seine Grenzen bringt. Und bald schon wird aus dem Jäger ein Gejagter..."(Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:
Dieser Krimi, der einen großen Anteil an historischen nationalsozialistischen Inhalten hat (Eugenik, Euthanasie), ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu lesen, aber auch erschütternd, da es um die von Hitler erlassenen "Rassengesetze" und deren Ausführung geht und um die Vernichtung "unwerten Lebens"; will heißen, Menschen mit einer Behinderung oder Erkrankung (auch Kindern) jegliches Recht auf Leben abzuerkennen - und sie grausam und mit kriminellen Experimenten zu ermorden. Dies allein ist schon das Lesen wert, aber der Ex-Polizist Wolf - nach außen hin gewalttätig, versoffen und der Unterwelt, besonders Prostituierten sehr zugetan, dennoch mit einem Herz im Leibe ausgestattet und selbst gewalt-traumatisiert, der sich auf Geheiß eines Karrieristen aus der SS dem Aufspüren von Charlotte widmet, die "Verlobte" des Offiziers, ist der Einzige, der mittels seinen Kontakten den Verbleib von Charlotte aufdecken kann. Allerdings weiß Wolf bald nicht mehr, wen er als Freund und wen als Feind bezeichnen muss: Diesen Aspekt hat S. Thiel sehr gut spürbar gemacht, der zeitlich genau die Atmosphäre beleuchtete, die politisch 1938 geherrscht haben muss: NS-Spitzel gab es überall, jeder Andersdenkende oder Nicht-Arische wurde inhaftiert, später deportiert und millionenfach ermordet. So ist auch der Teil der Bevölkerung mehr als bedroht, der durch seine Behinderung oder Erkrankung "die völkische Gesundheit" gefährden könnte - und daher Zwangssterilisation und Schlimmeres erleidet. Ein sehr dunkles Kapitel deutscher Geschichte, die sich hier auftut - und die der erschütterte Leser ins Auge blickt: In der Krimi-Couch wurden Sebastian Thiel ungenaue Recherchen unterstellt, da "T4" zeitlich 4 Jahre später lief (ein Programm zur Tötung der Delinquenten). Dies vermag ich nicht zu beurteilen, jedoch ist dies für mich auch unerheblich: Eine Geschichte, die klarmacht, mit welcher Kriminalität hier gegen die Schwächsten vorgegangen wurde - mit brutalsten Mitteln und weniger an der Volksgesundheit interessiert als an der "Arbeitsverwendung". Dieses Selektionsverfahren zeigte sich ja millionenfach leider auch im Holocaust.


Fazit:
Ein sehr lesenswertes Kapitel deutscher NS-Geschichte, spannend und stilistisch klar und flüssig geschrieben, ein spannender Kriminalfall mit einem stimmigen Plot. Erschreckend und bis heute empörend, dass lt. einer Dokumentation (TV) einem Schreibtischtäter und hohen Verwaltungsleiter im Naziregime, Hans Globke, nachweislich Mitverfasser der "Nürnberger Rassegesetze", einen (hohen) Stuhl bei Adenauer fand - als Staatssekretär!Von mir 5 Sterne und 96° auf der Krimi-Couch.
Chris zu »Sebastian Thiel: Sei ganz still«22.04.2015
Sebastian Thiel versucht in seinem Buch das große Thema der Euthanasie in der NS Zeit und die damit verbundene perverse Unmenschlichkeit dem Leser näher zu bringen. Als Stilmittel greift er auf die Figur des ehemaligen Polizisten Wolf zurück. Ob dies eine gelungene Wahl war, ist sicherlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Mir persönlich war "der Wolf" halbwegs sympathisch und auch seine tiefgreifende Beziehung zum Rotlichtmilieu war für mich eher eines der Highlites des Romans.
Die Befreiung von in Krankenhäusern zur Ermordung untergebrachten Kindern hat man bereits an anderer Stelle gelesen.
Was mich aber besonders gestört hat, war die Tatsache, dass Hr. Thiel unglaublich schlecht recherchiert hat. Da erkennt der frisch aus dem KZ entlassene Wolf auf einen Blick eine Pistole, die erst während seiner Haft in Dienst genommen wurde. Die "Aktion T4" wird einfach mal um einige Jahre vorverlegt usw usw usw.
Ich habe mich viel und oft geärgert, da hier die Geschichte verfälscht dargestellt wird.
Der sicherlich gute Wille des Autors erhält somit einen schalen Beigeschmack. Sehr schade!!!
Ihr Kommentar zu Sei ganz still

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