Das verlorene Kind - Kaspar Hauser von Regine Kölpin

Buchvorstellungund Rezension

Das verlorene Kind - Kaspar Hauser von Regine Kölpin

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Das verlorene Kind - Kaspar Hauser“,, 313 Seiten.ISBN 3839219353.

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Kurzgefasst:

1812. Kaspar kommt als Findelkind in eine arme Köhlerfamilie. Nach dem Tod der Eltern ist er dem Sohn des Köhlers, Emil, im Weg. Der Stiefbruder setzt Kaspar vor einem Herrenhaus aus, wo der Junge aufgezogen und versteckt wird. Da man ihm nach dem Leben trachtet, schafft man ihn an einen anderen Ort. Eines Tages kann er entkommen und begegnet Emil wieder. Der will sich Kaspars nun endgültig entledigen. Was keiner ahnt: Auch von anderer Seite ist Kaspars Leben in Gefahr.

Das meint Histo-Couch.de: „So könnte es gewesen sein“90Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

In einer Kapelle mitten im Wald findet im Jahr 1812 die arme, hochschwangere Köhlersfrau Maria einen Säugling. Sie nimmt das Kind mit, sehr zum Verdruss ihres Mannes, der schon jetzt seine Familie kaum satt bekommt. Auch der älteste Sohn der Familie, Emil, ist über den Neuzugang nicht begeistert. Als Maria kurze Zeit später nach einer schweren Frühgeburt stirbt, ist Emil versucht, den Eindringling Kaspar dafür verantwortlich zu machen. Doch er hat seiner Mutter versprochen, sich um das Kind zu kümmern. Erst nach dem Tod des Vaters beschließt Emil, seine eigenen Wege zu gehen und Kaspar seinem Schicksal zu überlassen. Er bringt in just in das Haus, von dem er einst als Säugling heimlich weg gebracht worden war, um ihm das Leben zu retten. Kaspar wird versteckt und aufgezogen, ist jedoch seines Lebens nicht sicher, da seine Existenz politische Folgen haben könnte. Kaspar wird erneut an einen anderen Ort gebracht. Der Junge ist jedoch beseelt vom Wunsch, sich seinem Ziehbruder Emil anzuschließen, dem er seit seiner frühesten Kindheit in großer Liebe zugetan ist. Als Kaspar ausreißt und Emil erneut begegnet, kann er nicht erkennen, dass der geliebte Ziehbruder für ihn nichts als Verachtung empfindet und sich wünscht, den unerwünschten Findling so bald wie möglich für immer los zu werden. Doch ist es nicht nur Emil, der den Tod Kaspars wünscht – so ist der junge Mann seines Lebens nicht mehr sicher.

Feinfühlige Darstellung

Vieles über den Findling Kaspar Hauser und dessen Schicksal ist bis heute im Dunkeln geblieben. Zwar taucht die Figur immer mal wieder in der Literatur auf, doch bleibt Hauser eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Das hat sich die Autorin Regine Kölpin zunutze gemacht. Sie hat die Teile von Hauser Biographie, über die keine gesicherten Fakten vorliegen, feinfühlig aufgebaut und legt den Leserinnen und Lesern eine Variante vor, die den Gedanken frei setzen: So könnte es gewesen sein. Ohne jegliche Verklärung der Jugend des Findlings – aber auch ohne seine Herkunft in einen geheimnisvollen Zauber zu hüllen – macht die Autorin aus Kaspar Hauser das, was er wohl war: Eine tragische Figur, der durch ihre Geschichte ein glückliches Leben vorenthalten blieb. Der unwissende Junge, dessen einziges Trachte dem Nacheifern des Ziehbruders galt, wird zu einem gebildeten jungen Mann, der seine ursprünglichen Gefühle für den Ziehbruder niemals überwinden kann. Wohl auch deshalb, weil ihm die Bezugspersonen in seinem Leben mehr oder weniger verwehrt waren und er nur in Emil jemanden hatte, zu dem er aufsehen und dem er nachkommen wollte.

Geschickter Aufbau

Regine Kölpin setzt klar Kaspar Hauser ins Zentrum ihres Romans, vergisst aber dabei die Nebenfiguren nicht. Sie baut die Geschichte geschickt auf: Schon nach wenigen Zeilen ist der Leser gefesselt und verfolgt mit Spannung, was mit dem Baby geschieht, das mitten in der Nacht in der Waldkapelle ausgesetzt wird. Sehr schön sind die Gedanken und Beweggründe der einzelnen Figuren dargestellt, ob sie nun edel oder weniger schön sind. Alle Personen handeln schlüssig und nachvollziehbar, was wohl unter anderem den Reiz des Romans ausmacht. Zu keinem Zeitpunkt kommt das Gefühl auf, dass hier entweder schwarz-weiß gemalt wird, oder aber ein unglaublicher Held stilisiert wird, der keinerlei Bezug zur Realität mehr hat. Auch Kaspar Hauser selbst ist ein ungestümer Charakter, der durchaus seine Schwächen hat, die ihn letztlich auch das Leben kosten werden. Dass die Autorin viele Passagen der historischen Romanbiographie fiktiv dazu bauen musste, ist nicht spürbar. Die Fiktion verwebt sich mit den historischen Fakten und wird zu einem stimmigen Gesamtbild. Ja, man wünschte sich gar – obwohl wohl fast jeder das Schicksal Kaspar Hausers kennt sie würde die Geschichte umschreiben und dem Findling späte Genugtuung gönnen, in dem sie ihn den Mordanschlag überleben lässt.

Mit einer sprachlichen wie erzählerischen Intensität widmet sich Regine Kölpin dem Schicksal Kaspar Hausers auf eine Weise, die in den Gedanken des Lesers noch lange nachklingen kann. Dass dadurch der Wunsch nach mehr Lesestoff aus dieser Feder geweckt wird, versteht sich von selbst.

Ihre Meinung zu »Regine Kölpin: Das verlorene Kind - Kaspar Hauser«

qwertz zu »Regine Kölpin: Das verlorene Kind - Kaspar Hauser«15.01.2017
Leider hat die Autorin eine Geschichte geschrieben, die mit den Fakten und auch den naheliegenden Schlussfolgerungen daraus wenig bis nichts zu tun hat. Insofern stellt sich mir die Frage, weshalb sie ihren eigentlich gut geschriebenen Roman dadurch entwertet, dass sie ihren Hauptcharakter partout mit dem echten Kaspar Hauser identifiziert. Bei dessen vermutlichem Schicksal kann sich einem der Magen umdrehen, und dieser, wie gesagt, durchaus gute Roman kam mir dagegen wie der reine Kitsch vor. Schade.
Ihr Kommentar zu Das verlorene Kind - Kaspar Hauser

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