Alias Grace von Margaret Atwood

Buchvorstellungund Rezension

Alias Grace von Margaret Atwood

Originalausgabe erschienen 1996unter dem Titel „Alias Grace“,deutsche Ausgabe erstmals 1998, 624 Seiten.ISBN 383330572X.Übersetzung ins Deutsche von Brigitte Walitzek.

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Kurzgefasst:

Toronto, 1843: Das junge Dienstmädchen Grace wird mit sechzehn des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern schuldig gesprochen. In letzter Sekunde wandelt das Gericht ihr Todesurteil in eine lebenslange Gefängnisstrafe um. Sie verbringt Jahre hinter Gittern, bis man sie schließlich entlässt. Im Haushalt des Anstaltdirektors begegnet sie dem Nervenarzt Simon, der ihrer Geschichte auf den Grund gehen will: Ist Grace eine gemeingefährliche Verbrecherin oder unschuldig?

Das meint Histo-Couch.de: „Krimi versus Gesellschaftsepos in hoher Qualität“85Treffer

Rezension von Eva Schuster

Toronto, 1843: Die sechzehnjährige Dienstmagd Grace Marks wird gemeinsam mit ihrem angeblichen Geliebten James McDermott des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern angeklagt. Die Haushälterin Nancy Montgomery und deren Geliebter Thomas Kinnear wurden tot im Haus aufgefunden, Grace und der Stallbursche James werden auf ihrer Flucht gefasst. Zunächst werden beide zum Tode verurteilt, dann aber wird nur McDermott gehängt, Grace dagegen erhält mildernde Umstände und eine lebenslange Haftstrafe.

Die Presse stürzt sich auf die schöne wie rätselhafte junge Frau, die von fehlenden Erinnerungen zur Tat spricht. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt kommt sie in Gefängnis. Hier erledigt sie kleine Arbeiten, unter anderem als Dienerin für den Anstaltsdirektor. Nach sechzehn Jahren trifft sie auf den jungen Arzt Dr. Simon Jordan, der am Fall Grace Marks sehr interessiert ist.

Dr. Jordan sieht in der undurchschaubaren Grace Marks eine Herausforderung und führt regelmäßig lange Gespräche mit ihr. Sein Ziel ist nicht nur, ihre Schuldfrage zu klären, sondern auch ihren Geisteszustand zu ergründen. Hat Grace wirklich nur auf Anraten ihres Anwalts das Geständnis unterschrieben oder ist sie eine berechnende Mörderin? Nach und nach erzählt Grace ihre bewegende Lebensgeschichte …

Aus dem Leben einer Dienerin

Grace Marks, die Mitte des 19. Jahrhunderts wegen Doppelmordes verurteilt wurde, ist bis heute eine vor allem in Kanada höchst umstrittene Figur. Margaret Atwood schenkt den Lesern mit ihrem Roman Alias Grace eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser faszinierenden Frauengestalt, über die nicht viel bekannt ist. Aus Zeitungsartikeln, den Gerichtsakten und Aussagen von Zeitzeugen strickt sie ein mit Phantasie angereichertes Porträt einer sehr interessanten Frau, deren Schuldfrage ähnlich die einer Lizzie Borden aus Neuengland nach wie vor die Geister scheidet.

Wie konnte eine blutjunge, bis dahin als fleißig und anständig bekannte Dienstmagd in einen Doppelmord verwickelt werden? Dieser Frage geht Dr. Simon Jordan nach, ein fiktiver Vorläufer Sigmund Freuds, und gewinnt durch seine freundliche, sympathische Art ihr Vertrauen. Grace erzählt ihm und damit dem Leser ihre Lebensgeschichte, die detaillierte Einblicke in das Leben der Frauen und vor allem der armen Gesellschaftsschichten Mitte des 19. Jahrhunderts bietet. Grace Marks wanderte mit ihren Eltern und den jüngeren Geschwistern als Kind aus Irland aus. Von frühester Kindheit an war ihr Leben geprägt von Schwierigkeiten und Entbehrungen, angefangen vom qualvollen Tod der Mutter auf einer Schiffsreise bis hin zum trinksüchtigen Vater, der weder die Miete zahlt, noch die Kinder versorgt. Grace soll mit ihrer Anstellung als Dienstmagd bereits als knapp Dreizehnjährige den Lebensunterhalt der Familie bestreiten. Trotz der harten Arbeit in den verschiedenen Häusern bedeutet diese Stellung für Grace aber auch eine Flucht vor dem gewalttätigen Vater, auch wenn es ihr leid tut, die Geschwister zurückzulassen. Zu den bewegendsten Szenen vor der Mordtat gehört die Freundschaft mit dem siebzehnjährigen Dienstmädchen Mary Whitney, die beste und vielleicht sogar einzige Freundin, die Grace jemals haben sollte. Die Freundschaft zu Mary gibt ihr Kraft und umso schrecklicher ist deren früher Tod.

Etwa in der Mitte des Romans kommt Grace schließlich zu Nancy Montgomery. Die Haushälterin ist generell freundlich zu Grace, dabei aber auch stets eifersüchtig, weil sie fürchtet, dass die hübsche Dienstmagd ihrem Herrn Thomas Kinnear gefallen könnte. Die naive Grace begreift erst allmählich, dass Nancy nicht nur die Haushälterin von Kinnear ist, sondern auch seine Geliebte. Thomas Kinnear erscheint sowohl Grace als auch dem Leser sympathisch. Grace geht aber auf Distanz, als sie merkt, in welchem Verhältnis Kinnear und Nancy zueinander stehen, da sie weder Auslöser für Eifersucht sein möchte, noch die nächste Bedienstete, die der Hausherr sich erwählt. Ab hier entwickelt sich auch eine gewisse Spannung, da der Mord in greifbare Nähe rückt. Grace behauptet, sie können sich nicht an die Geschehnisse erinnern, was breite Teile der Öffentlichkeit lediglich für einen Schachzug halten. Auch der Leser muss abwägen, ob er ihr Glauben schenkt oder nicht, in jedem Fall fiebert er ihrer Sichtweise entgegen.

Eintauchen ins 19. Jahrhundert

Gleichzeitig entsteht in dem Roman ein faszinierendes Sittenporträt der Zeit. Der Alltag Mitte des 19. Jahrhunderts wird lebendig. Die Geschichte zeigt das Leben von Gefängnisinsassen inklusive einer nüchternen Auflistung drakonischer Strafen wie sechs Hiebe mit der neunschwänzigen Katze für „Lachen und Reden“. Graces Schilderungen führen durch die finstersten Gossen, vorbei an Straßen voller verwahrloster Dirnen und hungriger Kinder, aber auch in die feinen Stuben, zu den Teestunden der vornehmen Schichten. Sehr authentisch wirken die Schilderungen vor allem durch Graces Tonfall. Sie reiht oft lange Sätze mit „und“ aneinander, ganz wie es ein wirklicher Erzähler, der spontan spricht, machen würde, immer wieder flechtet sie auch Zitate ihrer geliebten Mary Whitney ein, die sich ihr eingeprägt haben und die zur Situation passen. Grace spricht nüchtern und abgeklärt, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus der Erfahrung all ihres Leides heraus. Auch das wirkt realistisch, viel mehr, als wenn sie sich dramatisch in den schlimmen Ereignissen ergehen würde. Grace ist eindeutig ein Kind ihrer Zeit, gezeichnet durch die Vergangenheit, nicht kalt, aber wohlwissend, dass sie die Dinge nicht ändern kann.

Geduld ist gefordert

Zu den gewöhnungsbedürftigen Aspekten des Romans zählt der häufige Perspektivenwechsel. Ein großer Teil der Handlung wird auch der Perspektive von Grace erzählt. Des weiteren werden immer wieder Briefwechsel zwischen Dr. Jordan und Kollegen über den Fall eingestreut und es gibt viele Szenen mit einem personalen Erzähler, der sich auf Dr. Jordan konzentriert. Da der Roman ohnehin schon sehr komplex ist und die Handlung nur gemächlich voranschreitet, wird dem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangt. Der Roman eignet sich gewiss nicht als schnelle Lektüre für zwischendurch, nicht allein wegen des Umfangs. Es ist definitiv ein Werk für geduldige Leser, die langsame Entwicklungen schätzen und nicht auf einen rasanten Krimi aus sind. Was dem Werk ein wenig abgeht, sind echte Höhepunkte in der Handlung. Der Weg ist das Ziel, vor allem gibt es am Ende keine spektakuläre Wendung, was die Morde angeht. Margaret Atwood hat es sich nicht zur Aufgabe gemacht, die Schuldfrage endgültig zu klären, dem Leser bleibt sein eigener Schluss überlassen – das mag manch einen Leser vielleicht ein wenig enttäuschen.

Unterm Strich liefert Margaret Atwood einen hervorragenden Historienroman ab, der auf einem authentischen Kriminalfall beruht. Die Hauptfigur Grace Marks erscheint als vielschichtige und faszinierende Frau, deren Schicksal den Leser fesselt. Geduldige Leser, die keine überraschenden Wendungen erwarten, werden ausgezeichnet unterhalten.

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