„;Einen Roman zu schreiben heißt einem Traum zu folgen“;

Exklusiv für die Histo-Couch, in einem allerersten deutschen Interview, spricht Tim Willocks über Recherchen, historische Waffen und die Bedeutung des Namens Tannhäuser.

Tim Willocks, Autor vieler Drehbücher und einiger erfolgreicher Thriller, erobert mit seinem neuen Roman „;Das Sakrament“; nun auch die Leserschaft historischer Romane.

Dieses Interview liegt in drei Versionen vor: in der gekürzten deutschen Version, in der ungekürzten deutschen Version und in der englischen Originalversion . Entscheiden Sie, welche Version Sie am liebsten lesen möchten. Hier können Sie die gekürzte deutsche Version lesen. Viel Spaß!

Histo-Couch: Erzählen Sie uns ein wenig von sich. Sie sind in England aufgewachsen?

Tim Willocks: Ich stamme aus einem Gebirgsstädtchen in den Pennines in Nord-England. Ich habe eine Schwester und zwei Brüder, alle jünger als ich. Mein Vater war Maurer (inzwischen ist er Rentner), meine Mutter arbeitete zu Hause. Ich besuchte katholische Privatschulen, zunächst bei den Schwestern der Hl. Familie von Bordeaux’ und dann bei den Xaverianern, ein Schulorden, der auf die Jesuiten zurückgeht. Studiert habe ich Psychologie und Medizin in London, wo ich 1983 auch promovierte. Danach arbeitete ich bis 2003 als Arzt und Psychiater.

Histo-Couch: Wie steht es mit Hobbies und Interessen außerhalb der Arbeit?

Tim Willocks: Seit 20 Jahren beschäftige ich mich mit Shotokan Karate, bis heute trainiere ich mindestens vier Stunden pro Woche. Ich gehe gern spazieren und klettere auch, oft in den Kerry Mountains in Irland. Dabei fühle ich mich so richtig frei, weit weg von Menschen. Dort empfinde ich auch ein tiefes Gefühl der Ewigkeit.

Ich spiele ein wenig Gitarre und reite gern, bin aber für beides nicht wirklich begabt. Ich mag Filme, besonders ältere Western. Mich fasziniert die Verbindung zwischen Mensch und Landschaft, den einzelnen Charakteren und der Weite des Raums. Ich bewundere Regisseure wie Leone, Kubrick, Visconti, Peckinpah, Michael Mann, Kurosawa.

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Histo-Couch: „;Das Sakrament“; ist Ihr erster historischer Roman. Bisher haben Sie Thriller geschrieben. Wie kamen Sie zum historischen Roman?

Tim Willocks: Ich habe schon sehr viel geschrieben, Drehbücher vor allem, insgesamt achtzehn. Diese sind in allen Genres angesiedelt, Krimi, Tragödien, Komödien, Thriller und auch historische Liebesgeschichten. Es war also nicht wirklich ein großer Sprung für mich zum historischen Roman.

Das Wichtigste für mich sind die Charaktere. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie fühlen, denken, woran sie leiden, was und wen sie lieben, wie sie sich entscheiden. Was sie ausmacht, was sie bestimmt in ihrem eigenen Leben, zu einer bestimmten Zeit, zu einem Zeitpunkt. Im Vordergrund steht zunächst das Leben des Einzelnen, aber ich versuche das ins Allgemeine, ins Größere übertragbar zu machen. Wie uns Homer und Shakespeare, aber auch Wagner, Tolstoi oder Kubrick zeigen, um nur einige wenige zu nennen, übersteigt das Dramatische an sich jedes Genre, jeden Ort, jede Form und letztlich auch die Zeit. Ich konzentriere mich also in allererster Linie auf das Drama, auf Emotionen und Konflikte von Charakteren in einer sehr lebendigen Welt.

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Histo-Couch: Die deutschen Werbeanzeigen für Ihr Buch bringen Sie mit Ken Follett in Verbindung. Hatte er Einfluss auf Ihr Werk?

Tim Willocks: Ich habe Ken Follett nie kennen gelernt, noch kenne ich seine Romane. Wir haben allerdings den gleichen Agenten, Albert Zuckerman, der auch das Writers House in New York begründet hat. Mr. Zuckerman, der wusste, wie lange ich schon an meiner Romanidee herumbastelte, hat mich kurzerhand eingeladen, in seinem Landhaus im Staat New York zu arbeiten. Das hatte sicher Einfluss auf den Roman, der größte wohl unbewusst. Einen direkten Einfluss hatte Al Zuckerman, der ein sehr großes Verständnis für Autoren mitbringt, für ihre Schwierigkeiten und Emotionen und noch dazu enorme Erfahrung hat, sie in ihrer Arbeit an großen und kompliziert gebauten Romanen zu unterstützen. Ich kann ihn nur jedem Autor, der sein Buch bei einem Verlag unterbringen möchte, empfehlen.

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Histo-Couch: Der Originaltitel Ihres Buchs lautet „;The Religion“;, der deutsche Titel „;Das Sakrament“;. Was halten Sie von diesem Titel?

Tim Willocks: Mir gefällt „;Das Sakrament“; sehr gut. Es klingt selbstbewusst und kraftvoll, was ich vom Originaltitel auch erhofft habe. Ich weiß nicht, warum Verlage Titel ändern, ich verlasse mich auf ihr Urteil. Auf jeden Fall haben sie ein ungewöhnlich schönes Buch daraus gemacht. Zu meinem Bedauern verstehe ich kein Deutsch, aber ich nehme an, dass die Übersetzung nicht leicht war. Die Johanniter, der Orden, von dem mein Buch handelt, nannten sich ja selbst „;Die Religion“; und sprachen von ihrem Orden stets als „;Unsere Heilige Religion“;. Das ist also ein Grund für den englischen Titel.

Ein zweite Bedeutung bezieht sich auf Krieg, Christentum, Islam und, ganz, ganz wichtig, die Liebe. Ich kann mir vorstellen, dass der deutsche Titel eben diese Assoziationen auch weckt. Am allerwichtigsten aber ist es, dass die Leser ein reiches und unvergessliches Leseerlebnis haben.

Histo-Couch: Waren Sie auch in Malta und Sizilien für Recherchen zu dem Roman? Wenn ja, wie lange waren Sie dort?

Willocks: Ja, tatsächlich habe ich Lauf einiger Jahre immer wieder Wochen auf Malta und Sizilien, in Istanbul, Jerusalem und Rom verbracht. Ich nehme an, dass jeder Autor seine eigene Art hat, Material zu sammeln. Ich suche vor allem Atmosphäre an den Orten, an denen meine Handlungen spielen, ich mache mir nicht unbedingt viele Notizen. Ich weiß nie im Voraus, welche Details ich brauche, ehe ich nicht die Szene schreibe. So versuche ich, die Steine unter meinen Füßen zu spüren, die Verschiedenheit des Lichts aufzunehmen und die Landschaft um mich herum, mir vorzustellen, wie ein Leben in dieser Umgebung aussehen würde und zwar nicht im Jetzt, sondern früher. Ich kann sagen, dass ich auf solchen Reisen ein Gefühl und eine Vorstellung des Wunders gelernt habe, der Ehrfurcht vor der Welt, die uns die moderne Welt gestohlen hat. Vielleicht sogar ein Gespür für das Göttliche.

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Histo-Couch: Der historische Hintergrund Ihres Romans ist die Große Belagerung Maltas 1565. Haben Sie historische Persönlichkeiten in Ihren Roman übernommen? Oder Ihre Charaktere nach historischen Persönlichkeiten geformt?

Tim Willocks: Es gibt einige historische Persönlichkeiten im Roman, La Valette, Oliver Starkey, Michele Ghisleri, Le Mas vor allem. Ich war sehr vorsichtig, dass ich mir bei ihnen nicht zu große Freiheiten herausnehme. Es ist aber so, dass ihre politischen Taten breit dokumentiert sind, ihr private Leben aber kaum. Ich sagte mir schließlich, dass auch Shakespeare freizügig mit Cäsar oder Heinrich V. verfahren ist – er hat ja das Meiste einfach erfunden – aber trotzdem fühlte ich mich bei meinen erfundenen Personen am wohlsten. Und sie nehmen auch den größten Teil des Romans ein.

„;Geformt“; ist zu stark, aber ich versicherte mir immer wieder, dass Tannhäuser sicher weit gereist war, abenteuerlustig wie Männer wie Blaise Montluc oder Hernan Cortes, und es gab auf jeden Fall viele Verbindungen zwischen Christen und Moslems, tatsächlich mehr, als ich zunächst gedacht hatte. Die Person von Dr. John Dee bot einige Ideen für meinen Petrus Grubenius und die Malerin Artemisia Gentileschi beeinflusste die Gestalt von Carla. In Sabato Savi finden sich Züge verschiedenster historischer Persönlichkeiten, „;Moshe Mosseri“; geht auf jemanden zurück, den es wirklich gab. Die Karriere des Inquisitors Alexandrini war zu einem guten Teil das Vorbild für die von Ludovico.

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Histo-Couch: Sie beschreiben zahlreiche Kämpfe mit historischen Waffen sehr ausführlich. Interessieren Sie sich dafür? Ist es ein Hobby?

Tim Willocks: Mich faszinieren Kampftechniken aller Zeiten, international. Ich übe allerdings nur eine aus, Shotokan Karate. Ich habe Freunde, die mit mittelalterlichen Waffen umgehen können und ich habe mich auch eine Menge Einzelheiten zur Kampftechnik des 16. Jahrhunderts angesehen. Viele Re-Enactment-Gruppen betreiben das sehr ernsthaft und einige angesehene Waffensammlungen, wie zum Beispiel das Royal Armouries- Museum in Leeds, haben auch erstklassige Kämpfer. Es ist schon recht überraschend, einen Mann in voller Rüstung Radschlagen zu sehen oder einen Salto machen.

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Histo-Couch: Wie kamen Sie auf diesen äußerst interessanten, aber fast gänzlich unbekannten historischen Hintergrund?

Tim Willocks: Ich bin immer sehr aufmerksam, wenn es darum geht, eventuelle Themen für echte dramatische Situationen oder Konstellationen aufzuspüren, Konstellationen, bei denen ich extreme Gefühle und Erfahrungen von Menschen erkunden kann. Als ich beispielsweise in einer psychologischen Zeitschrift einen Artikel über einen Gefängnisaufstand in New Mexico las, regte mich das an, den Roman „;Green River Rising“; zu schreiben. (Erschienen in Deutschland unter dem Titel „;Die Gefangenen von Green River“;, Anm. der Red.)
Auf die Belagerung von Malta dagegen stieß ich, als ich in den frühen neunziger Jahren das Stück „;Der Jude von Malta“; des englischen Dramatikers Christopher Marlowe für meine kleine Theatertruppe, Kurtz, produzierte. Das Stück ist ja, grob gesprochen, um die Zeit jener Belagerung angesiedelt und das veranlasste mich in der Folgezeit dazu, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Ich wusste sofort, dass das genau der Hintergrund war, zu dem ich einfach eine Geschichte schreiben musste, aber es vergingen noch viele Jahre, ehe ich tatsächlich damit begann.

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Histo-Couch: Das ist Ihr erster historischer Roman. Werden Sie weitere schreiben? Wird „;Das Sakrament“; einen zweiten Band bekommen?

Tim Willocks: Ich plane tatsächlich eine Trilogie – also noch zwei Bände – über Tannhäuser und Carla. Aber es gibt noch weitere Pläne zu anderen Geschichten. Sollte ich alt genug werden, würde ich gern noch eine Trilogie über die 1930er und 40er in Europa schreiben. Und dann gibt es da noch eine Idee für eine Geschichte, die in um 1870 in Australien spielt, die ich sehr gern ausarbeiten würde.

Histo-Couch: Und woran arbeiten Sie gerade jetzt?

Tim Willocks: Zur Zeit arbeite ich tatsächlich am zweiten Band der Tannhäuser-Geschichte, sie wird 1572 und in Paris spielen.

Histo-Couch: Sie haben schon Drehbücher geschrieben. Können Sie sich vorstellen, ein Drehbuch für „;Das Sakrament“; zu verfassen? Und können Sie sich schon einen Schauspieler für die Hauptrolle vorstellen?

Tim Willocks: In einer idealen Welt könnte man einen ganz wundervollen Film aus „;Das Sakrament“; machen, obwohl selbst ein Drei-Stunden-Opus eine stark gekürzte Fassung des Buchs erfordern würde. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, das Drehbuch selber zu schreiben, obwohl mir die Erfahrung und besseres Wissen dazu raten würden, lieber einen weiteren Roman zu schreiben. Ich müsste jetzt sehr weit ausholen, um zu erklären, warum ein solcher Film nur unter großen Schwierigkeiten würde finanziert und produziert werden können, selbst wenn er nur eine schwache Ähnlichkeit mit der Handlung des Buchs hätte.
Tatsächlich versucht Al Zuckerman die Filmrecht zu verkaufen, wer weiß, was noch daraus wird? Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf.

Was die Besetzung betrifft, so denke ich nie an bestimmte Schauspieler, wenn ich einen Charakter entwerfe, weil die Ausstrahlung und das Können eines Schauspielers die Entwicklung einer Figur beeinträchtigen. Um ein offensichtliches Beispiel zu nehmen, wenn man sich Eastwood vorstellt, dann darf die Romanfigur nicht viel zu sprechen haben und muss auf eine bestimmte Weise reagieren, man selber will aber, dass sie viel sagt und ganz anders handelt.

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Histo-Couch: Der Name Ihres Helden, Matthias Tannhäuser geht auf die deutsche Tannhäuser-Sage zurück. Die Sage entstand über hundert Jahre bevor die Türken begannen, Malta zu erobern. Hat die Tannhäuser-Sage Ihren Roman beeinflusst?

Tim Willocks: Ja, der Name hatte einen großen Einfluss auf meine Geschichte, aber ich sage „;der Name“; und weniger die Sage. Mattias sagt an einer Stelle im Roman eben zu diesem Thema: „;Ein Name hat eine ganz eigene Macht“; und genauso kommt es. Jeder von uns hat eine ganz eigene Beziehung zu so etwas wie Namen. Für viele Leser, wenigstens die englischsprachigen, wird der Name Tannhäuser neu sein oder aber nur geringe Bedeutung haben. Um eure Frage beantworten zu können, werde ich euch erzählen, wie ich zu diesem Namen stehe.

Schon in einem sehr frühen Stadium, noch im Entwurf, wünschte ich mir den Namen Tannhäuser für meinen Helden. Dennoch zögerte ich sehr lange, bevor ich es wagte, ihn zu benutzen. Für mich persönlich ist es einer der großartigsten Namen, die man je geschaffen hat, das war der Grund, warum ich zögerte.

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Histo-Couch: Vielen Dank für dieses besonders ausführliche Interview. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit Ihrem neuen Roman und auch weiterhin alles Gute!

Die Fragen stellte Katharina Lewald in Zusammenarbeit mit Carsten Jaehner.
Vielen Dank an Dr. Sabine Heißler für die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche.

Gestalterische Aufbereitung von Katharina Lewald.