„Es braucht immer die fiktionale Kreativität des Autors“ Stefan Rothbart

Die Histo-Couch im Interview mit Stefan Rothbart über Napoleon, Österreicher und seine Arbeit beim Film

Histo-Couch: Das Thema Ihres Romans „Die letzte Festung“ ist die Belagerung von Graz, ehemalig Grätz, im Jahr 1809. Im Nachwort erzählen Sie, dass die Belagerung eher stiefmütterlich behandelt wird. Wie erklären Sie sich das?

Stefan Rothbart: Der Grazer Schloßberg ist ein Zeichen für verschwindende Geschichte. Wo die Historie nicht sichtbar präsent ist, dort gerät sie auch in den Köpfen der Menschen oftmals in Vergessenheit. Die Belagerung und Major Hackher sind natürlich den meisten Grazern ein Begriff, aber über die Steiermark hinaus ist die Bekanntheit gering, weil das historische Objekt, die Festung, heute fehlt. Warum die Belagerung von Graz bislang nur eine Randnotiz der Napoleonischen Kriege war, hat auch viel damit zu tun, dass bisher eine militärhistorische Sicht überwog. Die eigentliche Bedeutung ist eine psychologische. Ich vergleiche das gerne immer mit dem Fußball. Wenn Österreich gegen Deutschland spielt, dann gewinnt Deutschland, das ist jedem Österreicher klar. Aber damals 1978 in Córdoba, da haben wir (Österreicher, Anm. d. Red.) Deutschland mit 2:3 besiegt und dieser Sieg muss bis heute zur Ehrenrettung des österreichischen Fußballs herhalten. Ähnlich war es auch damals 1809 mit Frankreich. Österreich hat alle entscheidenden Schlachten verloren, aber „eine“ Festung konnte man halten. Für die Zeitgenossen hat die Belagerung in Graz auf ähnliche Wiese für die Ehrenrettung herhalten müssen und hat den Widerstandswillen der Bevölkerung aufrechterhalten.

Histo-Couch: Sie sind in Graz geboren und haben dort auch studiert. Wann und wie sind Sie zum ersten Mal auf die Geschichte um Major Hackher gestoßen?

Stefan Rothbart: Aufmerksam wurde ich auf die Geschichte, als ich damals beim Film angefangen habe. Ich suchte aufregende heimische Geschichten und mir war sofort klar, dass die Belagerung von 1809 großes Potenzial hatte. Der Schlossberg ist ja symbolisch dafür, wie Gras über die Geschichte wächst. Was einst für eine mächtige Festung über Graz aufragte, ist den Bewohnerinnen und Bewohnern kaum bewusst und auch nicht, wie dieses Bollwerk über Jahrhunderte die Geschichte der Stadt geprägt hat. Grund, warum ich diese Geschichte schreiben wollte, war aber die zentrale Heldenfigur des Major Hackher. Er war ein zwiespältiger und zweifelhafter Held, über den wir kaum etwas wissen. Von seinen Zeitgenossen wurde er verehrt, von der Nachwelt legendarisiert und von den Nazis instrumentalisiert. Wie war dieser Mensch wirklich und was muss ihn damals während der Belagerung bewegt haben? Meine Recherchen lassen darauf schließen, dass er ein ziemlich sturer Hund gewesen sein muss, der auch von starkem Selbstzweifel geplagt wurde. Die Interpretation so einer zerrissenen konfliktbeladenen Figur macht eine Geschichte erst richtig interessant. Anfänglich war die Idee, die Geschichte in einem Drehbuch zu verarbeiten. Es gab auch Gespräche mit Filmproduzenten. Letztendlich wäre aber der Aufwand vermutlich zu hoch gewesen. Da bot es sich an, die Geschichte alternativ als Roman zu verfassen.

Histo-Couch: Ihr Roman „Wahrscheinlichkeit des Krieges“ spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs, „Die letzte Festung“ ist in den Napoleonischen Kriegen angesiedelt. Was reizt Sie daran, militärische Geschichte romanhaft aufzuarbeiten?

Stefan Rothbart: Tatsächlich ist es weniger der „militärische“ Aspekt, der mich reizt, sondern vielmehr ein sozialer. Es geht um Menschen in Krisensituationen, wie sie sich verhalten, was sie durchmachen und wie es ihr Leben und Handeln prägt. Auch in „Wahrscheinlichkeit des Krieges“ geht es um den sozial-historischen Aspekt, der hinter dem 1. Weltkrieg steckt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Werte und Moralvorstellungen werden durch militärische Ereignisse oft am deutlichsten auf die Probe gestellt und hinterfragt. An diesen sozialen Bruchlinien werden menschliche Verhaltensmuster und gesellschaftliche Mechanismen und Konditionierungen besonders deutlich sichtbar. In „1809 – Die letzte Festung“ ging es mir genau darum, zu zeigen, wie Menschen unter dem Druck einer solchen Belagerung agieren. Letztendlich kann uns das auch viel über Konflikte in unserer Gegenwart erzählen.

Histo-Couch: Die Napoleonischen Kriege erfreuen sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit, sowohl bei Romanen als auch bei Filmen – Steven Spielberg soll angeblich nach einer Idee von Stanley Kubrick eine Mini-Serie über Napoleon planen. Was glauben Sie, woher kommt die Faszination für den Corporal, der sich in den Wirren der Revolution und ihren Nachwehen bis zum Kaiser aufschwingen konnte?

Stefan Rothbart: Ich denke, dass die gesamte Napoleonische Epoche eine Zeit enormer sozialer Umwälzungen war, die bis heute nachwirken. Die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat den Menschen eine neue Vorstellung ihres eigenen Potenzials gegeben und sie aus der Unmündigkeit herausgeführt. Es ist aber auch die Zeit, in der der Nationalismus und der Klassenkampf ihren Ursprung haben. Napoleon selbst steht für einen kleinen Mann, der es bis ganz nach oben bringen kann. Er verkörpert das Selbstverständnis dieser neuen Zeit. Quasi ein frühes Beispiel von: „vom Tellerwäscher zum Millionär“.

Die Faszination Napoleon liegt letztendlich darin, wie ein einzelner Mensch seine gesellschaftlichen Schranken sprengt und scheinbar über seine Grenzen hinauswächst, Unvorstellbares erreicht und letztendlich grandios scheitert. Und ich glaube, es ist die Tragik des Scheiterns, die uns am meisten fasziniert, weil darin das Menschliche liegt.

Histo-Couch: Haben Sie bereits ein neues Romanprojekt geplant? Dürfen Sie uns schon verraten, worum es geht?

Stefan Rothbart: Aktuell arbeite ich an drei weiteren historischen Romanen, die 2018 und 2019 erscheinen sollen. So viel kann ich verraten, es wird eine Fortsetzung von „Wahrscheinlichkeit des Krieges“ geben, die im Österreich der Zwischenkriegszeit und vor dem 2. Weltkrieg spielen wird, einen Roman über die Odyssee eines k&k Kriegsschiffes, und einen über die Spione der Habsburger.

Histo-Couch: Sie sind studierter Historiker, schreiben aber gleichzeitig auch Romane. Viele Ihrer Kollegen tendieren stark in einer der beiden Richtungen. Was ist Ihnen wichtiger? Historische Korrektheit oder Unterhaltung für den Leser?

Stefan Rothbart: Historische Korrektheit ist mir sehr wichtig, wobei es bei einem Roman immer darauf ankommt, ob die Geschichte funktioniert und unterhaltend ist. Fiktive Elemente sind daher im Roman auch immer notwendig. Es macht außerdem einen großen Unterschied, ob ich für einen historischen Roman, oder ein Sachbuch recherchiere. Man sucht beim Roman die Geschichte hinter der Geschichte. Den historischen Angelpunkt, wo man eine spannende Story festmachen kann. Es steht Authentizität im Vordergrund, aber nicht historische Genauigkeit. Würde man versuchen, einen historischen Roman nach den Maßstäben der wissenschaftlichen Geschichtsforschung zu schreiben, käme wahrscheinlich kein sehr spannendes Ergebnis heraus. Daher braucht es auch immer die Interpretation, die fiktionale Kreativität des Autors. Je genauer man aber als Autor die historischen Fakten kennt, desto eher wird man in der Lage sein, dem Roman eine authentische Historizität einzuhauchen.

Histo-Couch: Sie haben Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Wann kam für Sie der Impuls, als Schriftsteller tätig zu werden?

Stefan Rothbart: Nun, ich habe mich vor meinem Studium schon mehrere Jahre mit Film beschäftigt und Geschichten geschrieben. Von daher war die fiktionale Beschäftigung mit der Historie immer ein Thema und durch die wissenschaftliche Arbeit an der Universität wurden mir sicherlich andere Zugänge eröffnet. Ich denke der Impuls, tatsächlich historische Romane zu schreiben war, als ich Erkannte, dass viele Einsichten und Erkenntnisse besser in Romanform verständlich werden, als in wissenschaftlichen Publikationen. Tatsächlich aber gibt es ganz wenige Autoren, die historische Romane über Österreich schreiben, dabei finde ich, dass gerade die reiche und wechselhafte Vergangenheit rund um Habsburger und Co. sehr viel Stoff für gute Geschichten hergeben. Mich interessiert vor allem, die unbekannten und vergessenen Geschichten wiederzuentdecken und mit neuem Leben zu versehen. Der Reiz liegt in der Wiederentdeckung der Vergangenheit und in der kritischen Reflexion darüber, was die Geschichte uns für die Gegenwart lehrt. Und natürlich soll ein guter Roman auch Unterhaltung bieten und eine leichte unterschwellige Beschäftigung mit der Historie ermöglichen.

Histo-Couch: Neben Ihrer Tätigkeit als Autor sind Sie auch Filmemacher. In welchem Metier fühlen Sie sich mehr zu Hause?

Stefan Rothbart: Aktuell mehr bei der Schriftstellerei. Das hat aber viel damit zu tun, welche Geschichten mich gerade interessieren. Im Film ist man durch Kosten und Produktionsbedingungen, gerade in Österreich, kreativ sehr eingeschränkt. Die Schriftstellerei eröffnet da wesentlich mehr Möglichkeiten, seine Vorstellungen umzusetzen. Aktuell arbeite ich aber auch an zwei historischen Filmprojekten.

Histo-Couch: Wie viel Zeit haben Sie mit der Recherche für „1809 – Die letzte Festung“ verbracht?

Stefan Rothbart: Ich habe etwa 2-3 Jahre recherchiert und dann ungefähr ein Jahr für das Schreiben benötigt. Das war hauptsächlich Archivarbeit, wobei ich natürlich nicht jeden Tag im Archiv gesessen bin, sondern das so gut es ging mit meiner beruflichen Tätigkeit vereinbart habe. Historisch ist aber die Belagerung von 1809 recht gut dokumentiert und aufgearbeitet, sodass es zahlreiche Aufzeichnungen von damals noch gibt, womit ich die Geschehnisse rekonstruieren konnte. Viel Zeit hat eigentlich die Charakterentwicklung in Anspruch genommen.

Histo-Couch: Wenn Sie gerade nicht an einem neuen Buch oder einem neuen Film arbeiten – was machen Sie in Ihrer Freizeit gerne?

Stefan Rothbart: Tatsächlich geht besteht ein großer Teil meiner Freizeit aus Recherche, nicht nur für das Schreiben, sondern auch für meine universitäre und politische Arbeit, da ich sonst auch noch berufstätig bin. Aber sollte ich abseits von all dem wirklich einmal etwas anders machen, dann versuche ich regelmäßig Sport zu betreiben, zu lesen, zu reisen und möglichst regelmäßig zu meditieren.

Histo-Couch: In Ihrem ersten Roman sind Sie in der Neuzeit unterwegs gewesen. Können Sie sich auch vorstellen, sich mit einer ganz anderen historischen Epoche zu beschäftigen, zum Beispiel mit dem Mittelalter?

Stefan Rothbart: Durchaus. Ich habe z. B. die Idee eines Romans über die Entstehung des Grazer Schloßbergs im 11. Jahrhundert im Hinterkopf. Es wird aber noch ein paar Jahre dauern. Aber als Historiker bin ich eher auf Neuere Geschichte und Zeitgeschichte spezialisiert und das wird vermutlich auch im Großen und Ganzen die Zeitspanne sein, in denen sich meine historischen Romane bewegen werden.

Das Interview führte Christina Wohlgemuth.

Foto (1): Copyright bei Chris Plach.