„Vielleicht bin ich ein Träumer“

Histo-Couch im Interview mit Lea Korte über Religionen, ihre Wahlheimat Spanien und das Schreiben als Traumberuf

Histo-Couch: Frau Korte, was halten Sie von historischen Romanen?

Lea Korte: Ich liebe sie! Schon bevor ich angefangen habe, historische Romane zu schreiben, habe ich sie verschlungen, und seit ich sie schreibe, kann ich immer behaupten, sie zu lesen sei Teil meiner Arbeit – und finde das herrlich.
Am liebsten mag ich die historischen Romane, die wirklich auch Historie transportieren, die mir also ein Bild dessen vermitteln, was zu dieser Zeit geschah und damit ein Stück weit sogar in der Lage sind, Geschichtsunterricht zu „ersetzen“. Ich denke, man hat als Autor historischer Romane den Vorteil, die Geschichte eines Landes, einer Epoche, einer bestimmten Person wieder neu aufleben und lebendig machen zu können. Und damit hat der Leser nicht nur spannendes Lesevergnügen, sondern er kann zugleich auch noch etwas lernen.

Histo-Couch: Mit „Die Maurin“ legen Sie auf den ersten Blick ein Werk mit einem Titel vor, der von vielen inzwischen verächtlich in eine „Die ....in“-Schublade gepresst wird. Haben Sie keine Angst, dass Ihr Roman dadurch verkannt und zuwenig beachtet werden könnte?

Lea Korte: Diese Frage ist für mich sehr schwer zu beantworten. Ja, ich bin in der Tat eine der historischen Autoren, die sehr viel Wert darauf legen, nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sondern auch Geschichte an sich zu erzählen, eben das, was ich vorher gesagt habe, auch umzusetzen: Ich will Vergangenes neu aufleben lassen, dem Leser eine Epoche näher bringen (wie in „Die Maurin“) oder eine historische Person (wie in „Die Nonne mit dem Schwert). Und ja, ich habe ein bisschen Angst, dass die Leser, die an Geschichte und speziell an der Reconquista interessiert sind, nicht auf den ersten Blick sehen, dass sie hier solche Hintergrundinformationen finden werden, zumal ich genau hierauf auch schon von einigen Lesern angesprochen worden bin. Aber schon wenn der Leser das Buch aufschlägt, sieht er die “dramatis personae„, wie das so schön heißt, dass es in dem Buch um fiktive und historische Figuren geht, fact und fiction also, und im Anhang findet sich eine Liste mit weiterführender Literatur, Stammbäume des christlichen und maurischen Herrscherhauses – und auf meiner Webseite und dem dazugehörigen Blog stelle ich ständig neue historische Hintergrundinformationen ein und auch Fotos, Anekdoten aus der Zeit.
Aber “verächtlich„ …Ich verachte kein Buch von keinem meiner Kollegen und schon gar nicht im Segment des Historischen Romans. Ich finde, wir alle haben eine Berechtigung, wir alle haben unsere Leser, wir alle arbeiten hart – und von den Kollegen, die ich näher kenne, weiß ich genau, dass sie hart und gründlich recherchieren und ihr Handwerk kennen. Und Zahra ist nun einmal eine “Maurin„ – und um ihr Maurensein geht es, und um die Konflikte, in die sie stürzt.

Histo-Couch: In “Die Maurin„ nehmen Sie nicht nur eine historische Entwicklung auf, Sie sprechen auch Themen an, die derzeit hochaktuell und von einiger Brisanz sind. Ist dies ein Zufall?

Lea Korte: Nein, das ist allerdings kein Zufall. Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen und die daraus resultierenden Auseinandersetzungen sind ein Thema, das mich nicht erst seit dem 11. September beschäftigt. Palästina, Israel, Afghanistan und Kopftuchverbote “von oben„ gehören da ebenso dazu wie “bestimmte„ Kommentare, die man auf der Straße aufschnappt. In Al-Andalus war sicher auch nicht immer alles friedlich und problemlos, aber in Punkto Toleranz könnten wir heute viel von den Mauren lernen. Und diese Toleranz und das friedliche Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen war nicht nur einfach “angenehm„, sondern überdies auch für alle Seiten förderlich. Man befruchtete sich gegenseitig mit seinem Gedankengut, seinem Wissen und Können – und das Ergebnis war eine Hochkultur, die vieles hatte, was ich mir heute zurückwünschen würde!

Histo-Couch: Frau Korte, wie stehen Sie zum Thema Islam?

Lea Korte: Ich bin getaufte Christin, aber mit den Jahren habe ich immer mehr mein eigenes Bild von dem entwickelt, was hinter dem Leben stehen könnte, und vielleicht hat mir das auch das ein Stück weit den Blick für andere Religionen geöffnet. Ich finde, der Islam ist eine sehr interessante Religion, die vieles hat, was mich anzieht. Das Gleiche gilt auch für das Judentum und das Christentum. Aber mir geht es eigentlich nicht um EINE Religion, sondern um den Frieden zwischen den drei Religionen. Und, ganz ehrlich: Ich glaube, Gott ist es ziemlich egal, ob wir den dreifaltigen Gott, Allah oder ha Schem anbeten. Was “ihm„ aber sicher nicht egal sein wird, ist, wenn wir einander nicht achten und tolerieren.

Histo-Couch: Was löste “Die Maurin„ für Reaktionen aus? Wurde das Buch in Kontext mit aktuellen Ereignissen gesetzt?

Lea Korte: Das Buch ist ja erst sehr kurz auf dem Markt, noch kein Monat, um genau zu sein. Ich denke, da ist noch zu früh, um solche Reaktion zu bekommen. Aber ich würde mir wünschen, dass es auch Diskussionen auslöst oder zumindest zum Nachdenken anregt.

Histo-Couch: Als Erzählerin bleiben Sie in “Die Maurin„ weitgehend neutral. Sie stellen sowohl die Gräueltaten und den Fanatismus wie auch die Angst und Verzweiflung beider Seiten sehr anschaulich dar. Fiel es Ihnen schwer, nicht in die eine oder andere Richtung zu kippen?

Lea Korte: Nun ja, ein bisschen mehr ist meine Sympathie vielleicht schon bei den Mauren, aber im Großen und Ganzen war es mir wichtig zu zeigen, dass es auf beiden Seiten Menschen gab, die es verdienen, dass man sie achtet, weil sie sich für friedliche Lösungen und ein friedliches und toleranteres Miteinander einsetzten. Es gibt nicht DEN Christen und auch nicht DEN Muslimen. Es gibt – für mich – nur den Menschen, der dahintersteht. Und Menschen(!) gab es auf beiden Seiten.

Histo-Couch: Haben Sie bei Ihren Recherchen manchmal bedauert, dass es nicht zu einem Miteinander der beiden Kulturen gekommen ist? Wie viel ist von der Maurischen Herrschaft in Granada überhaupt noch zu spüren?

Lea Korte: Ehrlich gesagt, ja. Vielleicht bin ich ein Träumer, aber mich zieht die Idee des friedlichen und toleranten Miteinander der drei großen Religionen sehr an. Als die Mauren 711 die Iberische Halbinsel eroberten und die Westgoten von dort vertrieben, zeigten sie sich tolerant gegen Juden und Christen. Der Grund hierfür liegt in der islamischen Rechtssprechung: Dort gibt es einen Begriff – dhimmi – nach dem Monotheisten wie die Juden und die Christen geduldet und von Seiten des Staates geschützt werden. (Monotheisten sind Angehörige einer Religion, die nur einen allumfassenden Gott verehrt und anerkennt.) Diejenigen, die ihre heiligen Bücher bereits in der vorislamischen Zeit besessen haben (also vor 610 n. Chr), wie die Christen mit dem Evangelium und die Juden mit der Tora, sind “Schriftbesitzer„. Nach ihrer Unterwerfung standen sie deswegen unter islamischem Schutz. Kein Wunder also, dass die Juden das Jahr 711 als den Beginn ihres “Goldenen Zeitalters„ auf der Iberischen Halbinsel bezeichneten – und ich denke, auch für alle anderen waren die Zeiten von Al-Andalus überwiegend gute Zeiten.

Zu spüren von den Maurischen Herrschaft ist in Granada und überhaupt in Andalusien oder auch in Spanien eigentlich nur noch sehr wenig, wie ich finde. Ich höre jetzt schon den einen oder anderen aufschreien: aber die Alhambra, aber die Mezquita von Cordoba, aber der Alcazar von Sevilla ...
Nehmen wir ruhig einmal die Moschee von Cordoba. Mich hat ihr Besuch vor allem betroffen gemacht: Da sieht man dieses Wunderwerk einer Gebetshalle aus schier unendlich erscheinenden Hufeisenbögen, die einen so starken Eindruck einer Entgrenzung nach oben erzeugen, dass man fast meint, der Himmel öffne sich über einem – und dann wendet man den Kopf und sieht, wie “die„ Christen diese Moschee mit ihren eigenen schweren Altären …ja …beschwert haben. Es ist wirklich ein ganz eigenartiger Eindruck, der sich da ergibt. Die leichte, die sich nach oben öffnende, die elegante Moschee, in der das Auge durch nichts von der eigenen Andacht abgelenkt wird – und daneben, nein, mittendrin die schweren, prunkvollen christlichen Altäre. Und so ist es nicht nur in dieser Moschee ...
Die Christen haben sich nach dem Ende der Reconquista redliche Mühe gegeben, alles, was sie an die Mauren erinnere, auszuradieren, was bis hin zu Bücherverbrennungen in unglaublichem Ausmaß ging. Und genau dies habe ich auch bei den Recherchen zu meinem Buch gespürt: So vieles aus dieser Zeit weiß man heute einfach nicht mehr, weil die Christen es vernichtet haben.

Histo-Couch: Ihre beiden Bücher, “Die Nonne mit dem Schwert„ und “Die Maurin„ spielen in Spanien. Wie nahe steht Ihnen dieses Land?

Lea Korte: Ich lebe seit fast zwanzig Jahren in Spanien, und ich lebe dort mitten unten Katalanen, Valencianos, Basken, Andalusen und aus welchen Ecken Spaniens sie noch alle kommen mögen, und meine Kinder sind dort geboren und wachsen dort auf: Ich mag diese Menschen sehr und habe dort Freunde gefunden, die ich nicht mehr missen möchte – und schon allein aus diesem Grund steht mir dieses Land sehr nah. Da ich überdies die Sprache spreche und viele Bauwerke, Bibliotheken und Fachleute hier vor Ort habe, lag es dann nahe, dass ich mich bei meinen historischen Romanen auf die spanische Geschichte konzentriere.

Histo-Couch: Hatten Sie keine Bedenken, dass es vielleicht nicht gelingen könnte, die deutsche Leserschaft für Ereignisse zu gewinnen, die sich im fernen Spanien zugetragen haben?

Lea Korte: No risk, no fun – könnte ich jetzt sagen. “Die Nonne mit dem Schwert„ hat sich erfreulich gut verkauft, und das, was ich zu “Die Maurin„ bisher an Rezensionen gelesen und in den online-Leserunden gehört habe, die ich gemacht habe, war so positiv, dass ich auch für diesen Roman, der mir weit mehr am Herzen liegt, schon voller Hoffnungen bin. Ich denke, Spanien an sich interessiert die Leute weniger, aber es geht ja um Kastilien, Andalusien, Al-Andalus – das ist schon noch einmal etwas anderes. Und es ist eine so reiche, wundervolle Zeit, dass ich schon hoffe, dass ich andere mit meiner Begeisterung für diese Zeit und diese Region anstecken kann.

Histo-Couch: Frau Korte, lesen Sie? Wenn Ja, was?

Lea Korte: Und wie ich lese! Seit ich angefangen habe, historische Romane zu schreiben, kann ich nicht mehr wirklich lesen, was ich will, weil meine Tage von Rechercheaufgaben geprägt sind. Fachbücher über den Islam, das Christen- und das Judentum, spanische Geschichte, Biografien wichtiger historischer Persönlichkeiten und vieles mehr muss ich lesen – und habe das Glück, dass mir das zugleich auch großen Spaß macht. Außerdem lese ich auch die historischen Romane meiner Kollegen. Rebecca Gablé ist meine Lieblingsautorin, zumal sie genau die Mischung von fact und fiction schreibt, die ich mag. Auch Andrea Schacht, Charlotte Lyne, Titus Müller und viele andere mehr lese ich – und ich lese gern Thriller, angefangen von Minette Walters über Petra Hammesfahr bis hin zu – wem? Klar: Sebastian Fitzek!

Histo-Couch: Sie haben in einem Gespräch erklärt, das Schreiben sei ein Traum ihrer Kindheit. Hat sich dieser Traum erfüllt? Oder sieht die Realität anders aus? Ist das Schreiben weiterhin Ihr Traumberuf?

Lea Korte: Das Schreiben von Romanen war mein Traum – und ich würde diese Arbeit gegen keine andere Arbeit der Welt eintauschen wollen. Genaue Vorstellungen, was Bücher schreiben eigentlich heißt, habe ich mir damals sicher keine gemacht. Und es ist harte Arbeit, die strikte Disziplin von einem fordert, die Fähigkeit, sich immer wieder in Frage zu stellen und (vor allem beim historischen Roman) Berge von Informationen so verarbeiten zu können, dass man sie dann, wenn man sie braucht, auch wiederfinden kann. Und all das liebe ich heiß und innig!

Histo-Couch: Welche historische Figur begleitet Sie derzeit in Gedanken?

Lea Korte: Die Reconquista und ihre Folgen haben mich noch nicht losgelassen; je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr will ich darüber wissen; es hat schon fast etwas von einer Sucht. ;-) Derzeit beschäftige ich mich gleich mit einem ganzen “Rudel„ historischer Figuren: Drei Inquisitoren sind dabei (Torquemada, Cisneros und Deza), weiter die Katholischen Könige, ihr Sohn Juan und ihre Tochter Juana la loca (Johanna die Wahnsinnige) samt ihres Gemahl Felipe el hermoso, und auch Gonzalo de Cordoba tanzt weiter in meinen Gedanken herum – und etliche andere noch dazu.

Histo-Couch: Ist sie Mittelpunkt in Ihrem nächsten Roman?

Lea Korte: Es ist noch nicht sicher, aber ich würde es mir wünschen, mit diesen Figuren weitermachen zu können, wobei ich aber sicher wie bei “Die Maurin„ eher fiktive Personen als Hauptfiguren nehmen werde, weil ich mich bei “Die Nonne mit dem Schwert„ durch die Vorgaben, die ich durch Catalina de Erausos Autobiografie hatte, doch ein bisschen “eingeengt„ gefühlt habe. Da sind mir die starren Rahmenbedingungen der Historie lieber.

Histo-Couch: Wann dürfen die Leserinnen und Leser den nächsten “Lea Korte-Roman" erwarten?

Lea Korte: Wenn alles gut geht in gut zwei Jahren …

Das Interview führte Rita Dell’Agnese.