Im Aufruhr jener Tage von Dennis Lehane

Buchvorstellungund Rezension

Im Aufruhr jener Tage von Dennis Lehane

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „The Given Day“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 608 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Sky Nonhoff.

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Kurzgefasst:

Im Jahr 1918, in den Wirren von Revolution und Krieg, Armut und Rassenhass, überleben zwei Männer nur knapp einen Anschlag: Danny Coughlin, Sohn einer angesehenen Bostoner Familie, und Luther Laurence, ein junger Schwarzer. Sie werden Freunde, und plötzlich sieht Danny die himmelschreienden Ungerechtigkeiten seiner Zeit.

Das meint Histo-Couch.de: „Spannend vermittelte Zeitgeschichte“88Treffer

Rezension von jko

Schlechte Zeiten für die Fans des Teams Kenzie & Gennaro. Während Dennis Lehane an seinem Magnum Opus arbeitete, immerhin 758 Seiten in der deutschsprachigen Version, dürfte kaum Zeit geblieben sein, die Serie um das Detektivpaar weiter zu entwickeln. Zudem sich Lehane mit Im Aufruhr jener Tage noch weiter vom Kriminalroman entfernt, als schon mit seinen Stand-Alones Shutter Island und Mystic River.
Zwar spielt die Polizei eine gewichtige Rolle, auch werden schwer wiegende Verbrechen begangen, aber die eigentliche Ermittlungsarbeit steht niemals im Zentrum des voluminösen Buchs.
Stattdessen erzählt Lehane in seinem historischen Roman vom alltäglichen Rassismus, ansteckenden Krankheiten, Hysterie und der Notwendigkeit auf die Straße zu gehen und für seine Rechte zu kämpfen, auch wenn der Preis dafür exorbitant hoch ist.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen der irischstämmige Cop Danny Coughlin, Spross einer einflussreichen Polizistenfamilie, dem eine steile Karriere im Departement vorausgesagt wird, sowie der dunkelhäutige Luther Laurence, ein begnadeter Baseballspieler, dessen Hautfarbe ihm den Weg des Ruhms versperrt, und der halb getrieben, halb gezogen zum Totschläger wider Willen wird. Im Lauf der Handlung freunden sich die beiden Männer an, sind ein gutherziger Gegenentwurf zu einer Welt voller Ressentiments. Hoffnungsträger, die einen Gesinnungswandel möglich erscheinen lassen, dem aber die offizielle Geschichtsschreibung wenig Chancen zugestehen wird.

Den Rahmen des Romans bilden Stationen auf dem Weg der Baseballlegende Babe Ruth, der gleich zu Beginn auf Luther trifft, und von ihm und seinen Mitspielern („allesamt farbige“) düpiert wird. Eine hochspannende Lektion zum Thema Rassismus, die anhand eines „freundschaftlichen“ Baseballspiels aufgerollt wird. Eine Eskalation in Gesten, Blicken und Worten. Lehane gelingt es, die latente und stets gegenwärtige gewaltbereite Überheblichkeit zu entlarven, ohne dass es zum letzten handgreiflichen Eklat kommt. Es müssen keine Kreuze brennen und keine „Nigger“ gelyncht werden, um zu zeigen, welch perfides System von Unterdrückung und Ohnmacht hinter der rassistischen Denkungsart steckt. Luther und seine Freunde verlassen das Spielfeld als abwinkende Sieger. Ihre weißen Gegner bleiben zurück, in tumber Ignoranz, und im Fall Babe Ruths, beschämt bis ins Mark.

Breite Themenpalette

Doch Rassismus ist nicht das einzige Thema des groß angelegten Romans. Lehane ist ein genauer Beobachter der Lebensbedingungen amerikanischer Arbeiter unterschiedlicher Nationalitäten. Während sich der erste Weltkrieg dem Ende zuneigt, macht sich politische und wirtschaftliche Paranoia breit. Erstarkende Gewerkschaften, aufrührerische Splittergruppen und tausende heimkehrender und auf den Arbeitsmarkt strebender Soldaten, machen Politikern und Wirtschaftsbossen zu schaffen. Erstaunliche Parallelen zur Gegenwart tun sich auf. So wird die Angst vor „bolschewistischen“ Terroristen dazu benutzt, ein Spitzelnetzwerk aufzubauen und mit rücksichtslos geschürter Aggressivität gegen Menschen vorzugehen, die eigentlich nur ihre Interessen vertreten sehen wollen.

Ein Höhepunkt des Konflikts wird erreicht, als Bostoner Polizeikräfte auf die Barrikaden gehen und um bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen kämpfen. Verheizt, während die spanische Grippe tödlich wütet, eingesetzt als brutale Streikbrecher, untergebracht in Revieren, deren sanitäre Bedingungen bestenfalls Ratten und Kakerlaken zum Jauchzen bringen, wird den Polizisten vorgegaukelt, dass gerechte Entlohnung ihr Dienst für den Staat und am Bürger ist. Doch der Widerstand wächst und so beginnt man sich gewerkschaftlich zu organisieren, bzw. den Anschluss an eine der großen bestehenden Gewerkschaften zu suchen. Mittendrin der charismatische Danny Coughlin, der diverse Funktionen – vom Undercover-Spitzel zuliebe von (erweiterter) Familie und Karriere, bis zum Job riskierenden Gewerkschaftler – ausfüllt.

Im Aufruhr jener Tage vereint vieles unter den weit auseinander liegenden Buchdeckeln: Es ist spannend vermittelte Zeitgeschichte, ist Familien- und Entwicklungsroman, politischer Thriller; streift an den Rändern den Kriminalroman und hat auch in punkto Liebeshändel einiges aufzubieten. Dabei gelingt es Lehane geschickt, sein Werk, dank der Fokussierung auf Danny und Luther, und der Menschen, die sie umgeben und beeinflussen, nicht zerfasern zu lassen. Zwar hat der Roman Schwächen; so ist Dannys Mutter ein blasses Anhängsel, was allerdings ihrer Rolle in der Familie Coughlin entspricht, und auch Luthers große Liebe zu seiner Frau bleibt eher Behauptung als ergreifende Illustration einer wachsenden Beziehung. Aber das sind Marginalien.

Dennis Lehanes Sprache ist nicht unbedingt kunstvoll, aber äußerst stilsicher und effektiv. Zudem – soweit dies ohne Kenntnis des Originals möglich ist – scheint Übersetzer Sky Nonhoff sehr gute Arbeit geleistet zu haben.

Obwohl weit früher angesiedelt, und nicht nur dank der kurzen, aber einprägsamen Auftritte eines jungen FBI-Agenten namens John Hoover, liegt ein Vergleich mit den groß angelegten „historic novels“ von Lehanes Schriftstellerkollegen James Ellroy nahe. Mag man leichtfertig Ellroy aufgrund der überbordenden Komplexität und sprachlichen Wucht den Vorzug geben, und Im Aufruhr jener Tage als schlichteres kleines Geschwisterchen hinstellen; so gewinnt Lehanes Buch in einem entscheidenden Punkt. Während in Ellroys faszinierenden Kaleidoskopen Missstände und das Scheitern seiner Figuren individualpsychologische Gründe besitzen, macht Lehane keinen Hehl daraus, dass in einem maroden System keine soziale Gerechtigkeit herrschen kann. Und solange Paranoia, Kalkül und gewissenloses Gewinnstreben Maximen des sozialen Handelns sind, werden umwälzende Veränderungen nicht eintreten. Zwar kann durch den beherzten Kampf Einzelner und größer angelegter Interessensvertretungen Linderung geschaffen werden; doch verlieren diese Verbesserungen nie den Ruch, gnädige Zugeständnisse herrschender Mächte zu sein.
So wird der Lohn der Polizisten angehoben, die Reviere werden saniert und Uniformen müssen nicht mehr eigenfinanziert werden, doch die Prohibition steht vor der Tür, und damit eine neue Qualität der Kriminalität. Ganz zu schweigen von den Entwicklungen, die im Kalten Krieg und der Kommunistenhatz der Ära McCarthys gipfeln.

Aktuelle Bezüge

Mögen die Lauteren am Ende ein wenig Hoffnung spendiert bekommen, so werden Rassismus, politisches Taktieren auf Kosten von Menschenleben, Paranoia und Klassenkampf nicht überwunden. Und mag auch Babe Ruth einer der größten Baseballspieler aller Zeiten sein, ein wahrer All-American-Hero, wird er doch die Empfindung nicht los, die sich an einem sonnigen Nachmittag, während eines beiläufigen Freizeitspiels auf einem Acker in einem kleinen Kaff namens Summerford einstellte: ein rückgratloser Loser zu sein, dessen Geschicke in anderer Leute Hände liegen.

In einer Zeit, in der reaktionäre Querdenker für Furore sorgen und besinnungslose Spannungsliteratur mit Genuss abgefeiert wird, tut ein Buch, das sich einen klaren Standpunkt leistet, und zudem noch sauber durchkomponiert ist, einfach gut. Dass John Steinbeck, William Faulkner, Upton Sinclair u.a. ähnliche Geschichten schon weit früher erzählten, lässt Im Aufruhr jener Tage nicht in schlechterem Licht erscheinen. Macht stattdessen deutlich, wie wenig sich, vor allem beim Thema soziale Gerechtigkeit, in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

 

Frieden. Aufrichtigkeit. Miteinander.

Du lieber Gott, war so etwas überhaupt möglich?

 

 

Ihre Meinung zu »Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage«

koepper zu »Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage«09.10.2010
Was hab ich mich auf dieses Buch gefreut. Lehanes Krimis gehören für mich zum Besten derzeit.
Der Roman umfasst ca. 750 Seiten und liest sich wirklich gut. Lehane zeigt sich als großer Erzähler - und er hat was zu erzählen. Er baut dei Geschichte um Danny und Luther geschickt auf, und entwickelt sie ruhig bis zum Ende des Buches. Lehane wäre nicht Lehane, hätte sein Buch nicht eine Menge krasser Episoden, die sehr gewalttätig sind. Und hier setzt auch die einzige Kritik an dem Werk an. Manches schildert er für meinen Geschmack etws zu ausführlich und ausufernd. Hier wäre weniger mehr gewesen.
Im letzten Drittel der Geschichte um Rassismus, soziale Verhältnisse, Kampf gegen die Ungerchtigkeit des Systems ist im Prinzip klar, wie das Ganze enden wird, dennoch bleibt "Im Aufruhr jener Tage " spannend bis zum Schluss. Ein wirklich tolles Buch, trotz kleiner Schwächen. Unbedingte Empfehlung für Herbst und Winterabende.
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Michael Schröder zu »Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage«21.07.2010
Ein neuer Dennis Lehane! Vom wohl aufregendsten Krimiautor unserer Tage zum Erzähler. Teilweise taucht der "alte" Lehane noch auf, so sind die Schurken wirklich sehr, sehr böse und einige Episoden sind schlicht krass. Aber diesmal hat er sich wirklich Zeit gelassen-die Konflikte und vor allen Dingen die Bedrohung eines der beiden Hauptpersonen entwickeln sich ganz langsam, jede Verschärfung erschreckt daher aufs neue.
Ein grandioses Zeitporträt einer Epoche, die erstaunliche Parallelen zur jetztigen Situation in den USA aufweist:
Paranoider staatlicher Aktionismus gegen jedwede - auch angenommene - Bedrohung.
Latenter oder offen geäusserter Rassismus.
Ein immer mehr unter die Räder geratender Mittelstand.
Eine unglaubliche Gewaltbereitschaft in der gesamten Gesellschaft.
"Opium für das Volk" durch Baseball und weitere Sportarten sowie Alkohol.
Ein immer spannender Roman mit den für Lehane typischen Akteuren, teils krass, teils zutiefst menschlich und voller Empathie. Für mich ein ganz grosser Wurf eines der jetzt schon ganz grossen zeitgenössischen Romanciers.
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