Lunapark von Volker Kutscher

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Lunapark“,ISBN 3-462-04923-2.

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Kurzgefasst:

Berlin, Ende Mai 1934. Die anfängliche Begeisterung für die Regierung Hitler schwindet, die unberechenbare SA macht vielen Bürgern Angst. Und Gereon Rath gerät bei seinen aktuellen Ermittlungen ausgerechnet mit den Braunhemden aneinander. Unter der Eisenbahnbrücke an der Liesenstraße, unter einer unvollendeten kommunistischen Parole, liegt ein SA-Mann, der scheinbar erschlagen wurde, tatsächlich aber an einem Glasauge erstickt ist. Am Tatort trifft Kommissar Rath auf seinen früheren Kollegen Reinhold Gräf, der nun für die Geheime Staatspolizei arbeitet. Während Gräf von einem politischen Mord ausgeht, ermittelt Rath in eine andere Richtung und entdeckt Verbindungen zum zerschlagenen Ringverein »Nordpiraten«, der seine kriminellen Aktivitäten als SA-Sturm getarnt fortsetzt. Als ein zweiter SA-Mann erschlagen aufgefunden wird, scheint alles auf eine Mordserie zu deuten. Eine Spur führt in den seit Kurzem geschlossenen Lunapark, einstmals Berlins berühmtester Rummel. Und Rath fragt sich, welche Rolle Unterweltboss Johann Marlow, ein Erzfeind der »Nordpiraten«, in diesem Fall spielt. Die politische Lage wird immer brisanter, Raths Frau Charly gerät in SA-Haft, und der Kommissar wird in einen Strudel sich überschlagender Ereignisse gezogen, an deren Ende er sogar einen unmissverständlichen Mordauftrag erhält. Wird er ihn ausführen?

Das meint Histo-Couch.de: „Dem moralischen Untergang entgegen“96Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Berlin, Ende Mai 1934. Die Nationalsozialisten sind an der Macht, doch die Unzufriedenheit wächst. Die SA gewinnt an Einfluß und agiert am Rande der Legalität. Da wird ein Toter unter einer Brücke gefunden, an den Wänden Schmierereien. Gereon Rath von der Kriminalpolizei wird ebenso gerufen wie Reinhold Gräf, sein ehemalig untergebene Kommissar, nun aber für die Geheime Polizei der SA tätig, wobei noch zur Anstellung, aber von der Hierarchie eigentlich über Rath. Früher waren sei fast befreundet, heute können sie sich nicht mehr ausstehen, sind aber durch den Fall zur Zusammenarbeit gezwungen. Während Gräf den Mord sofort auf die Kommunisten schiebt, glaubt Gereon Rath nicht an diese These, sondern ermittelt in alle Richtungen.

Während Gereon den verzwickten Fall lösen und sowohl mit als auch gegen Gräf ermittelt, ist es zuhause auch nicht ruhiger. Seine Frau Charly wird von einer Freundin gebeten, den Bruder einer Freundin ausfindig zu machen. Damit begibt sich Charly auf gefährliches Terrain, zumal sie Gereon nichts davon erzählt, da er ihre Freundin nicht mag. Zu all dem wird ihr neuer Adoptivsohn Fritze Mitglied in der Hitlerjugend und läuft zu Hause in Uniform herum und gerät immer mehr in die Fänge der Nationalsozialisten. Dennoch scheint er der einzige mit einem geregelten Leben zu sein.

Gereon gerät durch seine Recherchen immer mehr in die Fänge der Unterwelt und vermutet einige Verdächtige bald im stillgelegten Vergnügungspark Lunapark. Doch Alleingänge sind immer gefährlich, zumal wenn sie nicht von oben genehmigt sind. Auch Charly gerät bei ihren geheimen Nachforschungen immer mehr in Richtung Unterwelt und bekommt sogar Kontakt zum Unterweltboss Marlow, der schon mit Gereon zusammengearbeitet hat. Während sich die berufliche und private Situation der Raths in Berlin weiter zuspitzt, wird es in Berlin politisch immer brenzliger.

Spannender neuer Fall

Wer sich bislang mit der Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher beschäftigt hat, durfte miterleben, wie aus dem Berlin Ende der Zwanziger Jahre ganz allmählich eine Stadt wurde, in der sich die Nationalsozialisten breitmachen. Erst allmählich, dann immer mehr, und nun, in Band 6 und im Jahr 1934, zeigt die neue Regierung allmählich ihr wahres Gesicht. Die politischen Hintergründe bilden die Basis für die Reihe, und in Gereon Rath neuem Fall bleibt er seiner Linie treu und ist ein verlässlicher Ermittler, wenn auch nicht für seine Kollegen, weil er einfach kein Teamplayer ist und viel für sich allein ermittelt. Dass er der Geheimen Polizei der SA unter seinem ehemaligen Kollegen Reinhold Gräf Rede und Antwort stehen muss und mit ihnen zusammenarbeiten muss, ist mit das Schlimmste, was Gereon passieren kann, und wie schon seine eigenen Kollegen, behandelt er auch die anderen: Nicht mehr als nötig, möglichst nicht, und nicht immer gleich alle neuen Erkenntnisse verraten.

Der Fall selbst entwickelt sich spannend. Man durchleuchtet das Leben des Toten und findet zudem heraus, dass er nicht an seinen Misshandlungen starb, sondern an einem Glasauge in seiner Luftröhre erstickt ist. Das ist natürlich seltsam und Rath macht sich auf, Berlin nach Herstellern von Glasaugen abzusuchen, die ihn auch letztlich auf eine Spur führen. Derweil versteift sich Gräf auf die Suche nach Kommunisten, das ist seine Aufgabe und wird auch entsprechend verfolgt, wobei Gereon natürlich Zweifel an der Generalschuld von Kommunisten hat.

Großartige Atmosphäre

Volker Kutscher schafft es wie kein zweiter, die damalige Atmosphäre einzufangen, die den Leser von der ersten Seite an an die Lektüre fesselt. Man trifft seine gewohnten und liebgewonnenen Protagonisten wieder, die sich aber immer im Wandel befinden, wenngleich manche Gewohnheiten die gleichen bleiben. Das einzig stete ist der Wandel, wie man so schön sagt, und das ist auch der rote Faden der Reihe. Das ist spannend, fesselnd und wird durch Kutscher geschickt konstruierten Fall eine lohnenswerte Geschichtsstunde, die in Berlins abgelegendste und verruchteste Ecken führt. Zugleich merkt man aber auch, wie erschreckend aktuell die Geschichte ist.

Geschickt wird auch Fritze eingebunden, der Junge, den die beiden Raths am Ende der vorherigen Bandes Märzgefallene bei sich aufgenommen haben. Inzwischen offiziell adoptiert, sind sie nun Eltern eines Zwölfjährigen, der der einzige in seiner Schulklasse ist, der nicht in der Hitlerjugend ist, und schließlich gibt ausgerechnet Gereon nach und lässt ihn dort mitmachen, während Charly darüber entsetzt ist. Fritze scheint die HJ allerdings gut zu tun, er findet Freunde, kümmert sich um den Hund Kirie, schafft auf einmal zu Hause Ordnung und nimmt eigentlich die Position in der Familie ein, die eigentlich die Eltern einnehmen sollten. Hier ist alles anders herum: Die Eltern treiben sich (wenn auch berufsbedingt) in den verruchten Milieus herum, während der Sohn, der in der eigentlich organisierten Verbrecherorganisation sichtbar mitmacht, ein geregeltes, glückliches und sortiertes Leben hat. Aber so war es wohl damals, so versteht man, warum aus Deutschland später das wurde, was daraus wurde. Die Moral und die Ethik wurde umgedreht und man hat es nicht oder erst zu spät gemerkt. Anschaulich dargestellt an Familie Rath.

Bedrückend treffend

Mit Lunapark hat Volker Kutscher wieder einen spannenden Roman vorgelegt, der dem Leser kaum Zeit zum Durchatmen lässt und eine perfekte Fortsetzung der Reihe ist. Wer keine Lust zu lesen hat, kann sich die Hörbücher anhören und es andere machen lassen, oder einen Blick in die hochgelobte und preisgekrönte Serie Babylon Berlin riskieren. Dort ist nicht alles wie in den Büchern, aber die Atmosphäre ist ideal getroffen. Eine Besprechung wird beizeiten auf der Histo-Couch an anderer Stelle erfolgen. Wer keine Lust auf die Fernsehserie hat, ist mit dem Original in Roman immer gut bedient. Man darf im wahrsten Wortsinn auf die weiteren Bände gespannt sein.

Ihre Meinung zu »Volker Kutscher: Lunapark«

walli007 zu »Volker Kutscher: Lunapark«18.11.2017
Berlin 1934

Gereon Rath bekommt so langsam den Eindruck, dass er der dienstälteste Kommissar bei der Kriminalpolizei ist. Karriere macht man wohl nur noch bei den Politischen. Trotzdem will er die Mordkommission nicht verlassen. Sogar sein ehemaliger Assistent Gräf, der nun bei der Gestapo ist, ist schon Kommissar. Nun hat man die Leiche eines SA-Mannes gefunden und Rath und Gräf müssen zusammenarbeiten. Charlie Rath will indessen wieder arbeiten gehen. Während ihr Pflegesohn Fritz unbedingt zur HJ will, schließlich sind inzwischen alle da. Charlie möchte dies am liebsten verbieten. Gereon dagegen meint, es werde schon nicht so schlimm sein, schließlich sei Hitlers Stern am Sinken.

Ein ungleiches Ermittlerduo sind Rath und Gräf. Während Gereon Rath versucht herauszufinden, wer den Toten so übel zugerichtet hat, scheint Gräf nur das Ziel zu verfolgen, die Schuld den Kommunisten in die Schuhe schieben zu können, die man sowieso auf dem Kieker hat. Schnell lernen die Ermittler, dass der Tote keineswegs so unbescholten war, wie es Gräf gerne hätte. Es gibt Verbindungen zu den ehemaligen Ringvereinen, die eigentlich aufgelöst sein sollten. Indessen versucht Charlie einer alten Bekannten zu helfen, die nach ihrem Bruder sucht. Kein so harmloses Unterfangen wie man denken könnte.

Mehr gegeneinander als miteinander arbeiten Gräf und Rath und dennoch ringen beide um die Lösung des Falles. So aufrecht Rath dabei die ehrliche Polizeiarbeit verfolgt, so geradeaus würde man sich seine Meinung zu der politischen Lage wünschen. Doch er verhält sich eher opportunistisch und bringt seine Frau zu recht gegen sich auf. Natürlich ist es in der Rückschau leicht zu sagen, man hätte das drohende oder eigentlich schon eingetretene Unheil sehen müssen. Doch gerade die heutige Zeit lehrt mal wieder, dass manche Menschen dazu neigen alle positiven Errungenschaften einer Gesellschaft mit Füßen zu treten und andere dann meinen, es könne nicht so arg werden. Allerdings kommt es dann schlimmer. Und so möchte man Gereon Rath nicht zum ersten Mal durchschütteln, um ihm Vernunft und Weitsicht einzugeben. Doch sogar Gereon ist schließlich befremdet und besorgt über die Entwicklung seines Ziehsohnes. Und so wie nach und nach einige Teile der Hintergründe des ersten Mordes zu tage treten, so wird dieser Krimi immer spannender bis zu seinem bedrückenden Finale, das für die Zukunft nichts Gutes erwarten lässt.

Eine tolle Reihe von Kriminalromanen, die eine Zeit nahebringt, aus der man am besten die Lehre ziehen sollte, dass Demokratie, Toleranz und Freiheit doch sehr erstrebenswert sind. Teile der Reihe wurden inzwischen auch für das Fernsehen verfilmt.
PMelittaM zu »Volker Kutscher: Lunapark«07.04.2017
Berlin 1934: Gereon Rath bekommt den Fall eines ermordeten SA-Mannes zugewiesen, zu seinem Leidwesen muss er die Ermittlungen zusammen mit seinem ehemaligen Kollegen Reinhold Gräf, der jetzt bei der Gestapo arbeitet, leiten. Nicht nur, dass er es nicht gut findet, wie die Gestapo ermittelt, vor allem, dass diese direkt einen bestimmten Personenkreis in Verdacht hat, er hat auch persönliche Ressentiments gegenüber Gräf . Aber Gereon wäre nicht Gereon, wenn er nicht trotzdem seine eigenen Wege ginge.

Auch privat steht im Hause Rath nicht alles zum Besten. Charlie, Gereons Ehefrau, möchte unbedingt wieder arbeiten gehen und hat auch schon einen möglichen Arbeitsplatz. Gereon hat ihr zwar versprochen, dass er nichts dagegen haben würde, würde sie wieder arbeiten gehen, aber so ganz recht ist es ihm nicht. Zur Familie gehört mittlerweile auch das Pflegekind Fritz, das sich nichts mehr wünscht, als in die Hitlerjugend eintreten zu können. Sehr zu Charlies Verdruss, die den Nazis absolut nichts abgewinnen kann.

Der mittlerweile sechste Fall des recht eigenwilligen und nicht immer gesetzestreuen Ermittlers Gereon Rath führt den Leser mitten hinein in eine Zeit, in der der Adolf Hitlers Partei immer mehr Macht erlangte, viele Menschen aber noch davon ausgingen, dass es nur eine Frage der Zeit sein könne, bis der Spuk wieder vorbei sei. Wieder baut der Autor seine Geschichte um ein historisches Ereignis herum, dem „Röhm-Putsch“ der seine Auswirkungen auch auf das Geschehen hat. Mir gefällt es gut, dass und wie der Autor Tatsachen und Fiktion vermischt und man so nicht nur einen spannenden Kriminalroman erhält, sondern auch ein Stück Geschichtsunterricht.

Volker Kutscher erzählt, wie gehabt, aus mehreren Perspektiven, neben Gereons und Charlies erleben wir das Geschehen auch aus Sicht Fritzes und Reinhold Gräfs sowie eines weiteren Charakters. Die Perspektivewechsel tragen dabei nicht nur zum Spannungsaufbau bei, da durch sie Cliffhanger möglich sind, sondern geben dem Leser die Möglichkeit das Geschehen umfassender zu erfahren.

Gereon Rath ist kein einfacher Charakter, und mehr als einmal schüttelt man als Leser den Kopf über ihn. Aber gerade das macht ihn aus, er ist ein Charakter mit vielen Schattierungen, und man weiß nie, in welche Richtung er letztlich abdriften wird. Er ist ein spannender Charakter, der dem Leser hoffentlich noch lange erhalten bleibt. In diesem Band habe ich auch über Charlie sehr oft den Kopf geschüttelt, die nicht immer durchdacht handelt und sich auch schon einmal in große Gefahr begibt. Auch darauf, wie es mit ihr, und ihrer Beziehung zu Gereon,weitergeht, kann man gespannt sein. Am interessantesten könnte sich die Entwicklung Fritzens, des neuen Familienmitglieds, entpuppen. Ich finde es recht schlau von Volker Kutscher, diesen Charakter einzuführen, um zeigen zu können, wie sich das Regime auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Reinhold Gräf hat mich in diesem Band überrascht, er war sicher nicht das letzte Mal dabei.

Für mich ist die Reihe gerade durch ihre Verquickung von Fiktion und Fakten, aber auch wegen ihrer interessanten, facettenreichen Charaktere sehr lesenswert. 88 °und eine Leseempfehlung für die gesamte Reihe, die man am besten in der richtigen Reihenfolge lesen sollte.
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