Vor dem Abgrund von Tom Finnek

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „Vor dem Abgrund“,, 592 Seiten.ISBN 3-7857-2478-0.

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Kurzgefasst:

Im Herbst 1888 kommen zwei junge Menschen ins Londoner East End, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die verarmte Celia Brooks versucht verzweifelt, ihren Vater zu finden. Der Hotelierssohn Rupert Ingram will hingegen seine Pflichten im sündigen Treiben vergessen. Doch im East End hat alles seinen Preis, Antworten ebenso wie das Vergessen. Und während die Huren ihre Dienste feilbieten und ein Mörder namens Jack the Ripper in den Schatten lauert, stoßen Celia und Rupert auf Geheimnisse, die ihr Leben für immer verändern …

Das meint Histo-Couch.de: „Das East End lebt und stirbt, denn Jack the Ripper geht um“92Treffer

Rezension von Daniela Loisl

London 1888. Nach dem Tod ihrer Mutter kommt die junge Celia Brooks in die Stadt, um der dunklen Ahnung eines Vaters auf die Spur zu kommen. Sie ist nahezu mittellos und daher bleiben wenig Orte, um unterzukommen. Sie findet einen Schlafplatz in dem Frauenheim der Heilsarmee, mitten im verrufenen East End. Dort bieten Huren ihre Dienste an, Opiumhäuser warten auf Kunden, die Kneipen und Spelunken sind schließlich Auffangbecken für alle. Die Heilsarmee tut ihr möglichstes, um dem sündigen Treiben Einhalt zu gebieten, um Gottes Weg zu rühmen und die verlorenen Seelen zu retten. Dies ruft die Skleleton Army auf den Plan, da die Schankwirte und Brauereien um ihren Gewinn fürchten. Die Stimmung ist aufgeheizt und gefährlich.

Diese berüchtigte Gegend ist auch Anziehungspunkt für Rupert Ingram, den jüngsten Sohn eines wohlhabenden Hoteliers, der hier Vergessen und Zuflucht vor den ungeliebten Plänen seines Vaters sucht. Er soll heiraten, eine gute Partie machen und somit die Zukunft des Familienunternehmens sichern. Er hat eigene Pläne, setzt diese aber nicht durch, sondern lässt sich treiben und genießt das harte Leben im East End als netten Zeitvertreib. Erst als er auf Celia und ihre Geschichte trifft, beginnt er umzudenken und Verantwortung zu übernehmen. Und dann ist da auch noch der berühmt-berüchtigte Jack the Ripper, der im East End umgeht und Angst und Schrecken verbreitet.

Mutiges, naives Mädchen trifft auf verwöhnten Sohn

Die facettenreich gezeichneten Charaktere bilden die Grundlage für eine faszinierende Geschichte. Celia kommt als mutiges, aber recht naives Mädchen in London an, um sich auf die Suche nach ihrem Vater zu machen. Sie ist praktisch veranlagt und bereit, zu arbeiten. Schnell wird sie mit den harten Tatsachen des Lebens in London konfrontiert und sie muss zügig erwachsen werden und einen Weg für sich finden. So auch bei Rupert, er leidet keine finanzielle Sorgen und hat ein sicheres Dach über dem Kopf. Doch ihn beherrschen die Zwänge der Familie und ihre vorgefassten Pläne, die ihm so gar nicht entsprechen. So muss auch er sich lösen und einen Weg für sich finden. Die beiden dabei zu begleiten, ist spannend zu lesen und garantiert ein Abtauchen in die Vergangenheit, in der sich Wahrheit und Fiktion verbinden. Dem Autor gelingt es auch in diesem Roman wieder, der Stadt London ein Denkmal zu setzen, in dem er das Aussehen, die Atmosphäre und die Zustände in der Stadt auf ganz besondere Weise fühlen, riechen und schmecken läßt. Er versteht es wunderbar, die unheilvolle Stimmung nach den Ereignissen im East End einzufangen. Diese üben auf alle eine eigenartig anziehende und gleichermaßen abschreckende Faszination aus. Dieser können sich weder die Protagonisten noch der Lesende entziehen.

Zwei Erzählstränge verbinden sich zu einem Ganzen

Die Erlebnisse von Celia und Rupert werden immer abwechselnd erzählt, sodass der Leser die Geschehnisse aus verschiedenen Sichtweisen erzählt bekommt und sich damit auch ein eigenes Bild machen kann. Dabei treffen Celia und Rupert immer wieder aufeinander, aber ihre Geschichten laufen zunächst nebeneinander her. Hierbei entsteht ein sehr unterschiedliches Bild des Lebens im East End: Celia, die um ihre Existenz und das tägliche Überleben kämpfen muss, während Rupert in den dunklen Kneipen Vergessen und Amüsement sucht. Zwei Menschen im East End, die unterschiedlicher nicht sein könnten und erst im Laufe der Zeit, wenn die Geschichten miteinander verwoben werden und aus den einzelnen Teilen sich ein wunderbares Ganzes ergibt, ihre Gemeinsamkeiten entdecken.

Insgesamt ist dies ein hervorragend gelungener Roman, der den Leser nach London ins 19. Jahrhundert entführt, in dem die Elendsviertel wie eh und je wachsen und gedeihen, in denen Alkohol, Armut und Verbrechen regieren und Jack the Ripper durchs East End streift. Auch in diesem Abschluss der London-Trilogie gelingt es dem Autor auf fabelhafte Weise zu zeigen, dass noch immer Menschlichkeit, Liebe, Vertrauen und Freundschaft ihren Platz haben. Der Roman unterhält fabelhaft und weckt Vorfreude auf weitere Bücher des Autors.

Ihre Meinung zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«

-Ginger- zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«13.07.2018
Da ich die beiden anderen London-Bücher von Tom Finnek (Unter der Asche und Gegen alle Zeit) nahezu verschlungen habe, habe ich mich auch auf dieses Buch sehr gefreut.

Wie üblich begeben wir uns wieder ins alte London, dieses Mal ins Jahr 1888, und erleben die Geschichte von zwei Personen (Celia und Rupert), die auf den ersten Blick nichts gemein haben, aber durch bestimmte Umstände doch zueinander finden. Auch andere Personen lernen wir kennen, wie üblich sind dies wieder eher die Huren, Gauner und andere zwielichte Gestalten.

Wie auch bei den anderen Büchern steht dem Leser hier ebenfalls ein Stadtplan, ein Personenregister und ein Anhang mit (Begriffs-)Erklärungen zur Verfügung, was mir sehr gut gefällt.

Trotzdem hat mich "Vor dem Abgrund" icht so gepackt und begesitert, wie die anderen beiden Bücher, im Vergleich dazu fand ich es sehr schwach, konnte mich nicht richtig in die Geschichte reinfinden und mit dem Personen identifizieren. Schade. Trotz allem ist es lesenwert und hat mir meinen Urlaub versüßt ;)
Blackfairy71 zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«23.10.2015
London, 1888. Zwei Menschen stehen im Mittelpunkt der Ereignisse, die diese Geschichte erzählt. Die sechzehnjährige Celia Brooks kommt nach dem Tod der Mutter von Brightlingsea in die Hauptstadt, ihren Vater zu suchen. Ein Hinweis führt sie ins Armenviertel White Chapel im East End. Nicht ungefährlich, denn hier treibt seit einiger Zeit der Frauenmörder Jack the Ripper sein Unwesen. Drei Frauen fielen ihm bereits zum Opfer.
Der junge Hotelierssohn Rupert Ingram dagegen vertreibt sich seine Zeit bis zur von seinem Vater arrangierten Hochzeit mit der Nichte eines Brauunternehmers mit Ausflügen ins East End, verbringt dort die Nächte mit Alkohol und Huren. Hier ist er einer von vielen und kann sein, was er will. Hier trifft er auch auf Eva Booth, den Captain der Heilsarmee sowie Künstler Simeon Solomon.
Ruperts und Celias Wege kreuzen sich und nach und nach zeigt sich, dass beide mehr verbindet, als sie vermutet hätten. Celia erfährt Dinge über ihren Vater, die sie lieber nicht gewusst hätte. Und Rupert muss erkennen, dass seine Handlungen in jüngster Vergangenheit nicht ohne Konsequenzen bleiben. Ihm wird klar, dass er sein Leben ändern muss.

Ein fesselnder, gut recherchierter und gut durchdachter historischer Roman aus einer finsteren Zeit Londons. Wie schon in "Unter der Asche" führt Tom Finnek die verschiedenen Handlungsstränge zu einem logischen Ende zusammen, verwebt geschickt historische Figuren und Begebenheiten und Fiktion miteinander, so dass der Leser am Ende denkt: Ja, genauso könnte es gewesen sein.
Durch die anschauliche, bildhafte Sprache ist man immer mittendrin im Geschehen. Man begleitet Celia und Rupert durch die dunklen, dreckigen Straßen und Gassen von White Chapel, sieht die Hinterhöfe und Pubs direkt vor sich und meint sogar den Unrat zu riechen und Nebel zu fühlen.
Die Kapitel von Rupert werden aus der Ich-Perspektive erzählt, was einem noch bessere Einblicke in seine Figur und sein Handeln ermöglicht und ihn dadurch direkt sympathischer erscheinen lässt.
Aber auch Celia mochte ich gleich. Sie hat viel durchgemacht in ihrem jungen Leben und beweist viel Mut, indem sie einfach in die Großstadt reist, um ihren Vater zu suchen.
Auch die Nebenfiguren sind interessant: Eva Booth und Simeon Solomon zum Beispiel, die, wie man aus dem Nachwort erfährt, tatsächlich lebten.
Die Geschichte von Jack the Ripper wird gekonnt mit der Handlung verwoben, steht aber nie im Vordergrund. Aber wer sich für die Rippermorde interessiert, dem fällt der wahre Name der Prostituierten Ginger natürlich direkt auf.
wampy zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«12.07.2015
Buchmeinung zu Tom Finnek – Vor dem Abgrund
„Vor dem Abgrund“ ist ein historischer Roman von Tom Finnek, der 2013 im Bastei Lübbe Verlag erschienen ist. Das Taschenbuch ist 2015 erschienen.

Klappentext:

Im Herbst 1888 kommen zwei junge Menschen ins Londoner East End, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die verarmte Celia Brooks versucht verzweifelt, ihren Vater zu finden. Der Hotelierssohn Rupert Ingram will hingegen seine Pflichten im sündigen Treiben vergessen. Doch im East End hat alles seinen Preis, Antworten ebenso wie das Vergessen.
Und während die Huren ihre Dienste feilbieten und ein Mörder namens Jack the Ripper in den Schatten lauert, stoßen Celia und Rupert auf Geheimnisse, die ihr Leben für immer verändern ...

Meine Meinung:
Ich habe diesen letzten Teil der London-Trilogie ohne Kenntnis der ersten beiden Bände gelesen und hatte keinerlei Verständnisprobleme.
Schon das Titelbild macht Lust, sich mit dem London dieser Zeit zu befassen.
Die sechszehnjährige Celia Brooks macht sich nach dem Tod ihrer Mutter auf nach London, um ihren Vater zu suchen. Dies ist im London von 1888 eine schwierige und gefährliche Aufgabe. Auf ihrem Weg lernt sie einige zum Teil skurrile Personen kennen. Sie lernt das harte und trostlose Leben verarmter Bevölkerungsteile kennen. Mit Unterstützung der sich gerade etablierenden Heilsarmee gelingt es ihr, die ersten Tage in London zu überstehen. Die andere Hauptfigur ist der Hotelierssohn Rupert Ingram, der ohne rechtes Lebensziel ein ungewöhnliches Doppelleben führt. Etliche Nächte schlägt er sich als verkleiderter Rabauke im East End um die Ohren. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Geschichte ist die Story der Überlebenden der Mignonette, die ihr Überleben nur durch Kannibalismus sichern konnten. Zusammen mit der Entwicklung der beiden Hauptfiguren nimmt eine spannende Geschichte ihren Lauf, die jede Menge Ansatzpunkte zum Nachdenken bietet. Die Hauptfiguren sind nicht sonderlich sympathisch dargestellt. Trotzdem fiebert man irgendwie mit. Man erlebt ihre Entwicklung mit und erhält zusätzlich einen umfassenden Eindruck vom Leben in dieser Zeit, das der Autor in schnörkelloser Form darstellt. In Teilen ist es eher ein Sittengemälde als ein Roman.
Eine Karte des East End, ein Personenregister und umfangreiche Anmerkungen des Autors runden das Buch ab.

Fazit:
Dieses Buch ist spannend und faszinierend, aber zum ganz großen Wurf fehlt doch etwas. Es kann jedem empfohlen werden, der sich für die Geschichte Londons interessiert.
leseratte1310 zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«24.06.2015
Nach dem Tod der Mutter macht sich die 16jährige Celia Brooks auf den Weg nach London, um ihren Vater zu finden, obwohl ihre Mutter sie immer vor dem Vater gewarnt hat. In London begegnet sie dem Hotelierssohn Rupert Ingram, den sein privilegiertes Leben langweilt und der sein Abenteuer nachts in den dunklen Straßen von London sucht. Immer wieder laufen sich die beiden über den Weg.
Die Geschichte erzählt sehr bildhaft über das schwierige Leben der armen Leute und man fühlt sich in das London im Jahre 1988 versetzt, wo es dreckig ist und stinkt und raucht. London zeigt sich dort von seiner schlimmsten Seite. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft sehr auseinander, viele Menschen suchen Arbeit, um ihr Auskommen zu sichern. Aber da das so hoffnungslos schwierig ist, wird geraubt, gemordet und prostituiert. Das Elend ist oft nur im Alkoholrausch zu ertragen. Die Heilsarmee versucht in diesem Elend zu helfen, was ihr nicht nur Anerkennung bringt. Es ist auch die Zeit, in der der Serienmörders Jack the Ripper sein Unwesen treibt.
Die Personen sind glaubhaft und detailliert beschrieben, so dass man ihre Handlungsweisen sehr gut nachvollziehen kann. Viele Menschen sind ohne Hoffnung, sie wollen nur eins: überleben. Um das zu erreichen, können sie sich keine Skrupel leisten. Celia ist jung und unerfahren. Doch zielstrebig verfolgt sie ihren Plan, den Vater zu finden. Sie gewinnt Freunde, die sie unterstützen. Dabei erfährt sie auch Neues über ihre Mutter. Rupert soll im Geschäftsinteresse verheiratet werden, seine Gefühle tun dabei nichts zur Sache. Er versucht dem Zwang der Gesellschaft zu entfliehen, indem er im East End ein ganz anderes Leben führt. Aber mit der Zeit, erkennt er, was wirklich wichtig ist im Leben. Diese beiden jungen Menschen versuchen ihren Weg zu gehen und ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen.
Immer wieder wird der Leser überrascht, denn es gibt unverhoffte Wendungen und Charaktere, die anders sind als man zunächst vermutet hat. Historische Ereignisse werden gekonnt mir fiktiven Handlungen verwoben. Der Spannungsbogen steigert sich bis zum Schluss und der Epilog rundet das Geschehen ab.
Ein wunderbarer historischer Roman, der uns London von der finstersten Seite zeigt. Sehr empfehlenswert!
allegra zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«29.05.2015
Wir sind im London des ausgehenden 19. Jahrhundert zur Zeit der blutigen Verbrechen von Jack the Ripper. Die junge Celia Brooks kommt nach dem Tod ihrer Mutter Mary aus einer Kleinstadt ins Londoner East End, um ihren Vater zu suchen, der die Familie vor vielen Jahren verlassen hat. Im East End herrscht Prostitution, Alkohol und Armut.
Auch Rupert Ingram treibt es in den armen Londoner Osten. Er stammt aus einer reichen und vornehmen Hoteliersfamilie und sucht Zerstreuung vor der Langeweile seiner Repräsentationspflichten in den väterlichen Hotels. Er schließt sich einer Gruppe von Grobianen an, die finanziell unterstützt durch Brauereinen gewaltsam gegen Heilsarmisten vorgehen, weil diese Abstinenz predigen und sich aktiv gegen Alkoholmissbrauch engagieren.

Die Handlung wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, so dass man die gleichen Erlebnisse jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln erleben kann. Die verschiedenen Handlungsstränge ergänzen sich im Laufe der Geschichte immer mehr und erzählen anhand von fiktiven Figuren, das Schicksal des historisch verbürgten Matrosen Ned Brooks nach, was dem Buch einen sehr eindrücklichen Rahmen verleiht.

Mich hat dieses Buch völlig in seinen Bann gezogen. Ich konnte wunderbar in das London von Dickens und Conan Doyle eintauchen und habe richtig Lust bekommen, noch mehr davon zu lesen.
Die Figuren sind sehr liebevoll und glaubhaft charakterisiert. Es ist dem Autor sehr schön gelungen Celia, als junges Mädchen noch nicht so ausgereift wirken zu lassen, während man sehr nahe am schon etwas reiferen Rupert Ingram dran ist und sein Hadern mit seiner persönlichen Situation sehr gut nachempfinden kann. Mir hat auch sehr gut gefallen, dass Tom Finnek sehr viele historische Informationen ganz natürlich einfließen lässt. Wenn man mehr wissen möchte, kann man sich in einem ausführlichen Glossar hinten im Buch informieren, das auch durch einen zeitgenössischen Stadtplan ergänzt wird.

Von mir erhält dieses Buch seltene 5 Sterne und eine Empfehlung für London Fans und Liebhaber spannender und gut recherchierter historischer Romane.
LizzyCurse zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«04.05.2015
Vor dem Abgrund von Tom Finnek

Jack the Ripper geht um! Ein Schreckgespenst, welches jedoch die junge Celia Brooks kaltlässt. Als sie in London ankommt, hat sie nur eines im Sinn. Nach dem Tod ihrer Mutter will sie ihren Vater, Ned Brooks, ausspüren, den sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Vor dem Bahnhof stößt sie mit einem eleganten jungen Herrn zusammen, der ihr im Gedächtnis haftet, aufgrund seines ungewöhnlichen Muttermals. Sie soll nicht zum letzten Mal mit dem jungen Rupert Ingram zusammen gekommen sein...

Mit „Vor dem Abgrund“ tauchte ich vollkommen in das aufgewühlte, laute und dreckige London des späten 19. Jahrhunderts ein. Tom Finnek gelingt es famos, diesen verruchten Zeitgeist, bunt und dreckig, mit Abgründen, so tief wie die Hölle selbst, einzufangen und mit lebendigen Charakteren zu untermalen. So düster London zu dieser Zeit auch war, so erhellende Einblicke in das Leben von damals liefert uns der Autor mit seinen Ausführungen über die Heilsarmee, über Jack the Ripper und über die verruchten Viertel der pulsierenden Metropole.
Über die Heilsarmee wusste ich bis dato noch nichts. Wie sie mit der Geschichte zusammenhängt, liest am besten jeder selbst. Aber ich wäre noch nicht mal im Traum darauf gekommen, mich über diese Armee zu informieren, und dabei ist sie doch nur allzu faszinierend. Tom Finnek versteht es also nicht nur schon oft verwendeten Stoff interessant neu aufzubereiten, sondern auch andere Einflüsse mit zu verarbeiten. Ich habe jedenfalls noch nichts über die Heilsarmee (von unterschiedlichen Seiten beleuchtet!) in historischen Romanen gelesen!
Die Hauptakteure, Celia Brooks und Rupert Ingramm, gestaltet der Autor recht ambivalent. Celia hatte mein Herz im Sturm erobert, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, dass sich nach dem Tod der Mutter impulsiv auf die Suche nach ihrem Vater macht. Auch hinter Ned Brooks steckt ein Geheimnis, dass es zu lüften gilt. Dass sie dabei auf einige Schwierigkeiten stößt, scheint natürlich. Rupert Ingramm ist der Erbe eines reichen Hoteliers, verlobt, und gar nicht glücklich mit seiner momentanen Situation, weshalb er sich auf kleinen Ausflügen in die dreckigeren Stadtviertel begibt. Rupert hat meine Gunst nur langsam gewonnen, doch es war wie mit einer Orange. Wenn man sie schält, kommt das saftig süße Innere zum Vorschein. Zum Schluss habe ich regelrecht mit ihm mitfiebern müssen.
Tom Finnek beschreibt recht schonungslos die Verhältnisse in London und legt dabei ein Gespür für historische Details an den Tag, wofür eine exzellente Recherche wohl unabdingbar ist. Ich zum Beispiel konnte mich nicht zurückhalten und musste einige Personen, die in diesem Buch erblühen, googeln, um mehr über ihr Schaffen zu erfahren.
Trotzdem hatte man nicht das Gefühl, man liest in einem Geschichtsbuch, sondern einen düsteren, wunderbaren historischen Roman, für den ich sehr gerne die volle Punktzahl vergebe.
venatrix zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«28.04.2015
Tom Finnek entführt die Leserschaft in das London um 1888. Im Stadtteil dominiert das Elend und die Trunksucht. Die Arbeiter schuften bis zum Umfallen und können ihre Lebensumstände doch nicht verbessern. Sie finden trügerischen Trost im Alkohol. Die Heilsarmee versucht mit ihrem Slogan „Suppe, Seife, Seelenheil“ dagegen anzukämpfen. Vereinzelt hat sie sogar Erfolg.
Gleichzeitig triebt in dieser Zeit Jack the Ripper sein Unwesen. Er schwebt gleichsam als „schwarzer Dämon“ über der Geschichte. Die Gefahr für Frauen und Mädchen, die als letzten Ausweg ihren Körper verkaufen, auf den Mörder zu treffen ist groß.
In diesem Umfeld – dem schwarzen Herzen von London - trifft die verarmte Celia Brooks in der Stadt ein, um mehr über ihren Vater und dessen Verbleib zu erfahren.
Sie begegnet Rupert Ingram, dem gelangweilten Sohn des reichen Hotelbesitzers Harvey Ingram, der tagsüber auf Befehl seines Vaters die „Visitenkarte“ der Familie spielt und nächtens die Straßen des Viertels in Verkleidung unsicher macht..
Die beiden treffen mehrmals aufeinander und haben mehr gemeinsam als auf den ersten Blick ersichtlich scheint. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich – nach anfänglichem Widerstreben – doch ihrem zugedachten Schicksal widersetzen. Allerdings jeder auf seine Art.

Fazit:

Ein durch und durch penibel recherchierter historischer Roman, der seine Leser nicht kalt lässt. Die Leser tauchen gleich in den ersten Seiten in das, von Gestank und Rauch, verpestete London ein. Die Geschichte hält einen bis zum Schluss eng umschlungen. Sie lässt keine Langeweile aufkommen, da sie mit der einen oder anderen Überraschung aufwartet.
€nigma zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«10.03.2015
Zum Inhalt
Nachdem die sechzehnjährige Celia Brooks ihre Mutter Mary an den Typhus verloren hat, begibt sie sich auf die Suche nach ihrem vor Jahren "verschollenen" Vater Ned, einem Seemann, der die Familie im Stich gelassen hat und sich Gerüchten zufolge in London aufhalten soll. Dem naiven Mädchen, das nur einen Koffer und wenig Geld sein Eigen nennt, drohen in London viele Gefahren, zu ihrem großen Glück wird sie von einem jungen Soldaten der Heilsarmee aus einer brenzligen Situation gerettet und findet im Frauenheim der Heilsarmee zunächst Unterschlupf.
In einer gänzlich anderen, aber auf ihre Art ebenso bedrückenden Situation befindet sich Rupert Ingram, der jüngste Sohn des wohlhabenden Hoteliers Harvey Ingram. Er soll mit der Nichte eines reichen Brauereibesitzers verheiratet werden und in dessen Brauerei eine leitende Position übernehmen. Rupert ist in keiner Weise an dem ihm vorgegebenen Weg interessiert und verkehrt lieber inkognito in den Spelunken Whitechapels.
Während sich Celia im Londoner East End beharrlich auf die Suche nach ihrem Vater macht, kreuzen sich ihre Wege mit denen von Rupert Ingram...

Beurteilung
Schon das äußerst schöne Cover mit einer Aufnahme einer Londoner Straße im 19.Jahrhundert und der Stadtplan des East Ends im vorderen und hinteren Einband wecken große Erwartungen hinsichtlich des Romans, die nicht enttäuscht werden. Die Geschichte der jungen, naiven Celia, ihres verantwortungslosen Vaters Ned und des zunächst ebenso oberflächlichen wie vergnügungssüchtigen Rupert ist in einen ausgezeichnet recherchierten Hintergrund eingebettet. Der Leser fühlt sich durch die abwechselnden Erzählstränge über die drei Hauptfiguren nicht nur sehr fesselnd unterhalten, sondern taucht geradezu in die Atmosphäre Londons im ausgehenden 19.Jahrhundert ein. Alkoholismus, Perspektivlosigkeit und Verkommenheit im Armenviertel stehen den Aktivitäten der Salutisten der Heilsarmee gegenüber. Die Mitglieder der Heilsarmee versuchen nicht nur penetrant zu missionieren, was die erbitterte Gegenwehr der sogenannten Skeleton Army (von Brauern und Schankwirten angeheuerte Pöbler) provoziert, sondern bieten auch tätige Hilfe für die Unterprivilegierten, die sie von der Straße holen und zu sinnvollen Beschäftigungen verleiten wollen. Besonders werden hier die Tätigkeiten von Florence Soper Booth (1861 - 1957, Zweiter General der Heilsarmee) und ihrer Schwägerin Captain Eva(ngeline) Booth (1865 - 1950) geschildert.
Auch andere historisch verbürgte Romanfiguren treten auf: der Dichter Algernon Swinburne und der skandalträchtige Maler Simeon Solomon, dem eine wichtige Rolle im Roman zukommt. Auch die Untaten des Frauenmörders Jack the Ripper werden thematisiert, stehen jedoch nicht im Zentrum des Geschehens. Aufgrund der Komplexität des Romans wäre es hilfreich gewesen, im Personenverzeichnis historische und fiktive Figuren eindeutig zu kennzeichnen. Auch der Epilog ist in seiner Mischung aus "historischem Nachwort" (Fakten) und dem weiteren Schicksal der Protagonisten (Fiktion) ein wenig verwirrend, allerdings auch sehr originell.
Der Erzählstil ist anschaulich und verrät in den Beschreibungen der Wege seiner Protagonisten die gute Ortskenntnis des Autors.
Bei "Vor dem Abgrund" handelt es sich bereits Tom Finneks dritten Roman zur Londoner Geschichte, alle drei Romane drehen sich um Mitglieder der Familie Ingram, sind aber nur so lose verknüpft, dass sie einzeln gelesen werden können.

Fazit
Ein ausgesprochen empfehlenswerter Roman für Leser, die etwas mehr als nur gute Unterhaltung erwarten!
win_fried zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«16.06.2014
Ein mehr als würdiger Abschluss der London-Trilogie von Tom Finnek. Nach dem 17. Jahrhundert (Unter der Asche) und dem 18. Jahrhundert (Gegen alle Zeit) geht es nun ins Londoner East End des 19. Jahrhunderts, das voller bizarrer, schräger, interessanter Gestalten und Geschehnisse ist, die zunächst noch scheinbar zusammenhangslos sind und sich am Ende zu einem fulminanten Ganzen verbinden. Ein wunderbarer Roman!
marianna zu »Tom Finnek: Vor dem Abgrund«30.12.2013
Zitat/Klappentext:
"Wenn ich mich in den Kneipen an der Bankside, den Hurenhäusern von Whitechapel oder den Opiumkellern von Limehouse herumtrieb, dann machte ich mir keine Sorgen, sondern ließ mich wie willenlos treiben und mitreißen. Es war wie ein erregender Schwindel, der mich erfasste und taumeln ließ. Als stünde ich vor einem Abgrund und schaute fasziniert, wenn auch mit zittrigen Knien, in die Tiefe."

Ein atmosphärisch dichter und spannender Roman über zwei junge, sehr gegensätzliche Leute, die auf der Suche nach einem Platz im Leben sind. Und ein beinahe unheimliches Buch über das Londoner East End des Jahres 1888, in dem nicht nur Jack the Ripper die Straßen unsicher macht. Es ist faszinierend, wie Tom Finnek die historischen Fakten mit Fiktion verbindet und zu einem prallen und packenden Drama verknüpft. Eine wunderbare Mischung aus Krimispannung, leisem Witz, Emotion und unheilvoller Stimmung. Ein Lesegenuss!
Ihr Kommentar zu Vor dem Abgrund

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