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Annette Gloser
Was ist eigentlich Glück?

Buch-Rezension von Annette Gloser Feb 2020

London. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brechen für die Londoner Seidenweber schlechte Zeiten an. Billige Importware findet auf dem Markt reißenden Absatz, bunt bedruckte Baumwollstoffe ebenso wie Seide aus Frankreich und China. In den großen Werkstätten werden die Löhne gedrückt, sehr zum Unmut der Gesellen, die sowieso schon am Existenzminimum leben und sich bald gegen ihre Arbeitgeber zusammenrotten. In dieser schwierigen Zeit träumt Esther Thorel davon, eigene Seidenmuster zu entwerfen. Ihr Ehemann hat keinen Blick dafür. Seine Frau soll sich um ihren Weiberkram kümmern und sich nicht in die Angelegenheiten der Männer einmischen. Esther jedoch lässt nicht locker und sucht heimlich nach Wegen, sich ihren großen Wunsch zu erfüllen. Zu ihrem Verbündeten wird Bisby Lambert, ein Weber, der im Haus der Thorels sein Meisterstück anfertigen soll. Esthers Kammermädchen Sara merkt schnell, dass im Hause Thorel nicht alles zum Besten steht. Der Hausherr hat eine Geliebte und die Frau Gemahlin verschwindet stundenlang in der Mansarde. Doch Sara hat ihre eigenen Wünsche und Träume, was soll sie sich da einmischen?                                                                                              

Von Männern und Frauen

Sonia Velton zeichnet in ihrem Roman das Genrebild einer sehr speziellen Gemeinschaft, der Londoner Seidenweber. Viele von ihnen sind, wie Elias Thorel, die Nachkommen eingewanderter Hugenotten und haben einen ganz eigenen Moralkodex. Das bekommt Thorel auch wirtschaftlich zu spüren, als er die falsche Frau heiratet, eine Engländerin, die nicht aus der hugenottischen Gemeinde stammt. Fortan achtet er umso strenger auf Regeln und Normen. Esther findet sich in einer Welt wieder, in der sich Ehegatten mit Mr. und Mrs. ansprechen und in der genau festgelegt ist, wer was zu tun oder zu lassen hat.

Aber nicht nur in die enge Welt der Familie bekommt der Leser einen guten Einblick. Auch die Strukturen innerhalb der Seidenherstellung und des Absatzes werden im Rahmen der Romanhandlung deutlich, ebenso, mit welchen großen wirtschaftlichen Problemen die Seidenproduzenten durch den Import von preiswerten Baumwollstoffen aus Übersee zu kämpfen hatten und wie es zu den Revolten der Londoner Webergesellen kam. Sonia Velton hat selbst eine Zeit lang in Spitalfields gelebt, jenem Stadtteil, in dem dieser Roman spielt, und sie hat sich umfassend mit der Historie beschäftigt. So ist zum Beispiel Esther Thorel keine reine Erfindung der Autorin. Es gibt ein historisches Vorbild für sie, Maria Garthwaite, der es gelang, in einer von Männern dominierten Arbeitswelt zur führenden Designerin aufzusteigen. Zwar hat es weder die Familie Thorel noch die anderen Protagonisten tatsächlich gegeben, aber Esthers Weg zeigt deutlich auf, mit welchen Schwierigkeiten eine Frau zu kämpfen hatte, die versuchte, aus der ihr zugewiesenen Rolle der sittsamen Gemahlin und braven Haushälterin zu befreien.

Wildrosen und Brombeeren

So heißt das Muster, das Esther entwirft. Sonia Velton beschreibt es ebenso feinsinnig, wie sie an die Darstellung ihrer Protagonisten herangeht. Dabei sind tiefgehende Charaktere entstanden, selbst in den Nebenrollen. Der Haushalt der Thorels bietet hier eine ebenso vielseitige  Auswahl an interessanten Akteuren wie die Gemeinschaft der Webergesellen. Esther und das Kammermädchen Sara erzählen die Geschichte abwechselnd, jede aus ihrer eigenen Perspektive. Zwei Frauen, die sich nicht einmal sonderlich mögen, die jedoch vom Schicksal zusammengeführt wurden und nun, jede auf ihre eigene Weise, das Glück suchen und dramatische Ereignisse heraufbeschwören. Glaubt man anfangs, hier gehe es lediglich um die Emanzipationsgeschichte zweier Frauen, so stellt man in der zweiten Hälfte des Romans fest, dass man es mit einem handfesten Justizfall zu tun bekommt und dass hier althergebrachte Vorstellungen von Ehre und Moral dem skrupellosen Erhalt des schönen Scheins geopfert werden. Aus dem Familiendrama wird ein gesellschaftliches und das Genrebild wird zum Krimi. Und das alles wegen eines wunderschönen Seidenstoffes, in den Wildrosen und Brombeeren auf sahneweißem Grund eingewebt wurden. 

Fazit:

Ein lesenswertes Buch! Allem Anschein nach gut recherchiert, mit spannenden Protagonisten und einer hochinteressanten Story! Das empfiehlt man gerne.

Die Frau im Seidenkleid

Die Frau im Seidenkleid

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Letzte Kommentare:
19.02.2020 00:47:04
Sagota

"Die Frau im Seidenkleid" von Sonia Velton erschien (HC, gebunden) 2019 im Goldmann-Verlag und hat 410 Seiten, die sich zu lesen lohnen:

Inhalt:

"London im 18. Jhd.: Esther, Ehefrau eines hugenottischen Seidenwebers, führt ein privilegiertes und doch sehr eingeschränktes Leben, das von rigiden Moralvorstellungen beherrscht wird. Heimlich rebelliert sie, sucht sich kleine Freiheiten: Gegen den Willen ihres Mannes entwirft sie eigene Seidenmuster; setzt sich sogar selbst an den Webstuhl. Zudem hat sie die junge Sara ins Haus geholt, die sie aus dem Hurenhaus gerettet hat und von deren Vergangenheit niemand wissen darf. Als sich die Situation im Haus des Seidenwebers dramatisch zuspitzt, sind die beiden Frauen über alle Standesgrenzen hinweg aufeinander angewiesen..." (Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:

In diesem wunderschönen, durch kurze Kapitel geprägte und in der jeweiligen Ich-Form geschriebenen historischen Roman geht es um Esther Thorel, der Frau eines hugenottischen Seidenwebers, die an einem regnerischen Tag zufällig Sara kennenlernt, die nach ihrer Ankunft in London im Wig & Feathers zuerst unter Opium gesetzt und dann zur Prostitution gezwungen wird. Eines Tages schickt Esther dem jungen Mädchen eine Bibel, die nach vielen Wochen ohne Beachtung eines Tages aufgeschlagen wird: Sara möchte Mrs. Swann, die sie wie eine Leibeigene hält (ebenso wie ihre anderen "Töchter") entfliehen und fragt bei Esther Thorel nach einer Stelle als Dienstmädchen nach....

Ab diesem Zeitpunkt verweben sich die Schicksale der beiden unterschiedlichen Frauen, die aus zwei verschiedenen Welten kommen: Während es Esther an nichts fehlt, da ihr "gottesfürchtiger" Ehemann zu den besten Seidenwebern Londons zählt, hat Sara eine Welt des Elends ,der Armut und der Abhängigkeit kennengelernt. Sie entpuppt sich jedoch als intelligent und ihr entgeht nicht, dass auch im Hause Thorel nicht alles so ist, wie es sein sollte. Besonders Elias Thorel ist nicht so gottesfürchtig, wie er es vorgibt, zu sein.... Als Sara Esther die Augen öffnet, entwickelt sie ohne Absicht einen Flächenbrand im Hause Thorel; auch ist Sara nicht entgangen, dass die Dienstherrin viel Zeit in der Mansarde verbringt, wo der Geselle Bisby Lambert sein Meisterstück an einem Webstuhl der Thorels weben darf: Als er das Talent von Esther entdeckt, weiht er sie in die Kunst ein, Muster und Farben auf die Sprache des Webstuhl übertragen zu helfen - und hilft ihr dabei, im Gegensatz zu ihrem Mann Elias, ihren Herzenswunsch zu erfüllen: Eigene Entwürfe aus Seide zu weben!

Mit großer Sensibilität und sprachlich einfachen Formulierungen schildert die Autorin die Welten, aber auch die Gefühlswelten der beiden Protagonistinnen, die Stärken und auch Verletztheiten, die beide ausmachen. Auch Charaktere wie Elias Thorel und der Geselle Bisby Lambert werden sehr fein gezeichnet wie auch die harte Welt der Mittellosen dargestellt wird, die in dieser Zeit schnell in Abhängigkeiten geraten können, aus denen es kaum einen Ausweg gibt. Die Aufstände der Webergesellen, die zu kargen Löhnen viele Stunden für die Meister schuften mussten, Armut und Elend sowie Kinderarbeit im ausgehenden 18. Jahrhundert werden ebenfalls gut recherchiert und thematisiert. Durch einen Verrat Sara's entsteht ein Flächenbrand im Hause Thorel, der sich in einer Nacht dramatisch zuspitzt, in der Sara selbst Hilfe benötigt....

Stilistisch und inhaltlich fand ich den Roman sehr stimmig; durch die kurzen Kapitel und einfache Sprache würde er sich auch durchaus als historischer Roman für Jugendliche ab ca. 16 Jahren eignen, die sich für historische Begebenheiten und die Seidenweberei interessieren.

Fazit:

Ein berührender, spannender und fesselnd-unterhaltsam geschriebener historischer Roman, dessen Hauptprotagonistin Esther Thorel eng an die historische Person Anna Maria Garthwaite angelehnt ist, die als führende Seidendessinateurin im 18. Jahrhundert in Spitalfields/London lebte. Ein Roman um Standesunterschiede, Weberaufstände und sensibel angelegten Figuren, deren Schicksal man fiebernd begleitet. Ein überzeugendes Début von Sonia Velton, das von mir die volle Punktzahl und 5* erhält!