Hiobs Brüder

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2009, Titel: 'Hiobs Brüder', Originalausgabe

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Volker Faßnacht
Ein typischer und doch untypischer Gablé-Roman

Buch-Rezension von Volker Faßnacht Sep 2009

Kurzgefasst:

England 1147: Eingesperrt in einer verfallenen Inselfestung, fristen sie ein menschenunwürdiges Dasein, weil sie nicht zu den Kindern Gottes zählen: Simon hat die Fallsucht. Edmund hält sich für einen toten Märtyrerkönig. Regy ist ein Mörder und so gefährlich, dass er an einer Kette gehalten werden muss. Losian hat sein Gedächtnis und seine Vergangenheit verloren. Ausgerechnet Letzterem fällt die Führung dieser sonderbaren Gemeinschaft zu, als eine Laune der Natur ihnen den Weg in die Freiheit öffnet. Er bringt die kleine Schar zurück in die "wirkliche" Welt, wo Hunger, Not und Rechtlosigkeit herrschen. Auf ihrer Reise gelangt er zu erschreckenden Erkenntnissen über den Mann, der er einmal war. Und gerade als er einer Frau begegnet, mit der ein Neuanfang möglich scheint, beginnt Losian zu ahnen, dass er die Schuld an dem furchtbaren Krieg trägt, der England zugrunde zu richten droht...

 

Spinalonga - eine Insel für Leprakranke

Angeregt durch die Strand-Aussicht eines Kretaurlaubs auf die kleine vorgelagerte Insel Spinalonga, die früher das Ghetto für die Leprakranken Griechenlands war, begründet sich die Idee für den Plot des von den Fans lange Zeit erwarteten und nun erschienen neuen Romans von Rebecca Gablé: Hiobs Brüder.

Man muss sich einmal vor Augen führen, wie beklemmend das Gefühl der Kranken gewesen sein muss, wenn sie durch das Tor der Festungsanlage geführt wurden, wohlwissend, dass sie diese Insel lebend nie wieder verlassen würden.
Genauso ergeht es Simon de Clare, der aufgrund seiner Fallsucht von der eigenen Familie verstoßen wurde und von einigen Mönchen auf solch eine Insel verbracht wird. Dort trifft er auf "Menschen ohne Seele" und Menschen, die laut der Lehrmeinung der Kirche im Mittelalter nicht nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden. Beide sind somit von den anderen Menschen fernzuhalten, um diese nicht auch noch zu verderben: Losian, der sein Gedächtnis verloren hat, King Edmund, der sich für den englischen Märtyrerkönig hält, die siamesischen Zwillinge Godric und Wulfric, Oswald mit Downsyndrom, Regy der Serienmörder und der verrückte Luke, der glaubt, eine Schlange lebe in seinem Bauch und noch viele andere - mehr oder weniger - Verrückte und körperlich Missgestaltete, definitiv aber arme Teufel, die ihr Leben gefangen auf dieser Insel verbringen müssen.

Ein Unglück als Glücksfall für die ungewöhnliche Gemeinschaft

Glücklicherweise können einige Überlebende schon bald nach Simons Ankunft auf der Insel flüchten. Manch einer der Protagonisten ist aber schon so lange dort gewesen, dass die plötzlich gewonnene Freiheit gar nicht mehr so erstrebenswert ist. Schließlich muss die Gemeinschaft ab jetzt ihr Leben selbst in die Hand nehmen und fürs Überleben kämpfen, und das ist natürlich schwierig genug, zumal sie auch immer wieder auf Ablehnung durch die Bevölkerung stoßen.

Das ist der ungewöhnliche Teil an dem neuen Gablé-Roman, der erfrischend neue Ideen und für Menschen unseres Zeitalters manch nachdenkenswerte Begebenheit zu erzählen weiß. Nachdenkenswert deshalb, weil viele grotesk anmutende Verhaltensmuster der Menschen im Mittelalter gerade eben auch noch in unserer Gesellschaft Gültigkeit haben bzw. erschreckenderweise bis heute wahrnehmbar sind (Behandlung Behinderter im 3. Reich, Stigmatisierung Behinderter bis zum heutigen Zeitpunkt).

Auch die Behandlung der englischen Unterschicht durch die Autorin ist so noch nicht da gewesen, da ihre Bücher üblicherweise von Königen oder Adeligen handeln.

Auch Gablé-Fans werden ihre Story im Roman wiederfinden

Trotzdem ist Hiobs Brüder auch wieder ein unverkennbarer Roman von Rebecca Gablé. Spätestens ab Mitte des Buches schildert die Autorin wieder ein spannendes Erzählepos, bei dem die Leserschaft jederzeit mit den Protagonisten mitfiebert. Ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, wenn Losian wieder ein Stück seines Lebenspuzzles zusammensetzen kann oder wenn Rebecca Gablé scheinbar eine Weiche stellt, nur um die Handlung wenige Kapitel danach wieder in völlig andere Bahnen zu lenken.
Auf alle Fälle ist der zweite Part wieder politischer und geschichtsträchtiger und handelt einmal mehr von den Adeligen und Herrschern, so wie man es bei den bisherigen Romanen der Autorin ja immer gewohnt war.

Verbindendes Element beider Teile ist die durchgängige Glaubwürdigkeit der Geschichte, bei der es wieder schwer fällt, zielsicher zu erraten, was Fiktion und was Wirklichkeit ist. So ist auch Hiobs Brüder ein toller Roman, bei dem das Kopfkino von Anfang bis zum Schluss zum Einsatz kommen kann, der die englische Geschichte farbenfroh und spannend zu vermitteln weiß und bei dem viele Leserinnen und Leser wieder ein ganzes Wochenende am Stück auf dem Sofa verbringen werden. Gut 900 Seiten dürften in den meisten Fällen dafür ausreichend sein.
Es ist eines der Markenzeichen von Rebecca Gablé: Eintauchen in die Welt des englischen Mittelalters, mitfiebern mit den Protagonisten und freuen, wenn es doch wieder irgendwie versöhnlich ausgeht. Das hat sie bei Hiobs Brüder erneut eingehalten. Und das ist gut so.

 

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Letzte Kommentare:
06.04.2018 00:18:42
Frau Brandt

Hiobs Brüder ist der beste Gablé Roman - und da gibt es viele großartige zur Auswahl.. Fesselnd von Anfang bis Ende, und es gibt immer wieder diese pointierten Dialoge, die Beschreibungen von Mensch & Natur im 12.Jahrhundert. Um Längen besser als „Die Säulen der Erde“ - garantiert. Einzig die Figur des Regy hat mich über kurze Strecken und während kurzer Momente verwirrt und Loisians Nachsicht ihm gegenüber dann doch auch mal gestört. Aber das fällt nicht ins Gewicht und sei nur am Rande erwähnt. Frau Gablé, ich ziehe den Hut... Mein Tipp: Unbedingt lesen! Bitte mehr davon..

04.10.2015 17:49:30
Stefan83

Worin die größte Kunst beim Schreiben eines guten Buches besteht, darüber mag man sicherlich trefflich streiten bzw. hat ein jeder, seine eigene Meinung. Im Falle des historischen Romans begegnen uns – geschuldet unter anderem den geschichtlichen Entwicklungen, welche sich über Jahrzehnte hinweg vollzogen haben – nicht selten Schmöker von bis zu 1000 Seiten. Natürlich spielt in diesen Fällen dann auch der Erzähldrang des Autors eine gewichtige Rolle. Und hiermit kommt man direkt zu dem Punkt, dem ich persönlich größte Wichtigkeit beimesse und der auch letztlich die Qualität und die Kunstfertigkeit der vorliegenden Lektüre maßgeblich beeinflusst: Der Aspekt der Unterhaltung. Ein Wort, das, wie mir scheint bedingt durch die triviale Unterhaltungsliteratur der Jetztzeit, inzwischen enorm an Wert verloren hat und nicht selten gänzlich kritisch beurteilt wird. Kurzum: Ein Buch, das nur unterhält, kann keinerlei tieferen literarischen Wert in sich bergen, hält keinerlei genauerer Betrachtung stand. Inwieweit man damit den Dan Browns, Ken Folletts oder Stieg Larssons dort draußen Unrecht tut, sei dahingestellt. Aber Fakt ist: Ganz von der Hand zu weisen, ist diese (natürlich sehr oberflächliche) Analyse jedenfalls auch nicht. Es gibt allerdings ebenso Fälle, wo es gerade die dauerhafte Kurzweil ist, welche das Werk über die Masse der anderen hebt. Und damit hätte ich dann auch wieder den Bogen zu den dicken Schwarten im Genre des historischen Romans vollzogen, für die hierzulande vor allem die deutsche Autorin Rebecca Gablé verantwortlich zeichnet.

Im Hinblick auf eine wahre Geschichte (aufgearbeitet von „stern“-Autor Jan Christoph Wiechmann) über siebzehn psychisch kranke und drogenabhängige Männer, die zusammen vor dem Hurrikan Katrina aus einem Obdachlosenasyl in New Orleans geflohen waren und während ihrer langen Odyssee so gut aufeinander achtgegeben hatten, wie sie eben konnten, schreibt Gablé im Nachwort des vorliegenden Romans „Hiobs Brüder“: „Ich wünschte, ich könnte so großartige Geschichten in so knapper Form schreiben, aber wie man an diesem Buch hier wieder einmal unschwer erkennen kann, ist es mir einfach nicht gegeben, mich kurzzufassen.“

Ein ehrliches Geständnis, das aus dem Munde eines anderen Schriftstellers vielleicht für Schweißperlen auf der Stirn des Lektors sorgen dürfte – nicht so jedoch bei Rebecca Gablé. Denn so wenig sie in der Lage ist, den Umfang ihrer Geschichten auf weniger Seiten zu begrenzen, so wenig vermag sie es auch – trotz des epischen Ausmaßes – an irgendeiner Stelle zu langweilen. Eine banale Feststellung, der ich aber höchsten Wert beimesse. Besonders im Beispiel von „Hiobs Brüder“, das auf den ersten Blick zwar für mich alle Voraussetzungen mitbringt, um die übliche, hundertfach wiedergekäute Gutmenschen-Helden-Geschichte zu erzählen, dann aber doch mit einer Mischung aus Innovation und altbekannten Gablé-Tugenden einmal mehr auf ganzer Länge überzeugt und von der ersten bis zur letzten Seite unterhält. Eine auch deswegen bemerkenswerte Leistung, weil die Autorin mit einer traumwandlerischen Sicherheit und Selbstverständlichkeit nun bereits seit über zehn Jahren dieses hohe Niveau im Zweijahres-Rhythmus abliefert.

Doch nun näher zum Buch, welches den Leser abermals ins englische Mittelalter entführt, genauer gesagt ins Jahr 1147. Eingesperrt in einer verfallenen Festung auf der Isle of Whitholm vor der Küste von Yorkshire fristen sie ein menschenunwürdiges Dasein, weil sie nicht zu den Kindern Gottes zählen: Simon de Clare hat die Fallsucht. Edmund hält sich selbst für den gleichnamigen toten Märtyrerkönig. Godric und Wulfric sind an der Hüfte zusammengewachsen. Oswald hat das Down-Syndrom. Luke glaubt, eine Schlange in seinem Bauch zu haben. Regy ist ein soziopathischer Mörder und so gefährlich, das er an einer Kette gehalten werden muss. Und Losian hat sein Gedächtnis und seine Vergangenheit verloren. Ausgerechnet Letzteren fällt die Führung dieser sonderbaren Gemeinschaft zu, als eine Laune der Natur ihnen den Weg in die Freiheit öffnet.

Losian bringt die kleine Schar zurück in die „wirkliche“ Welt, wo Hunger, Not und Rechtlosigkeit herrschen. Auf ihrer Reise durch das vom Bürgerkrieg (als „Anarchy“ in die Geschichte eingegangen) gebeutelte England gelangt er zu erschreckenden Erkenntnissen über den Mann, der er einmal war. Und gerade als er einer Frau begegnet, mit der ein Neuanfang möglich scheint, beginnt Losian zu ahnen, dass er die Schuld an dem furchtbaren Krieg trägt, der das Land zugrunde zu richten droht...

Mit „Hiobs Brüder“ vollzieht Autorin Rebecca Gablé bisweilen meisterhaft den Spagat zwischen den an sie gestellten Erwartungen und dem Gehen neuer Wege abseits der bisher von ihr genutzten Routen. So kehren wir auf der einen Seite ins englische Mittelalter zurück, um, wie im Nachwort zu ihrem Roman „Das zweite Königreich“ angekündigt, „die seltsamen Begebenheiten um Henrys Regentschaft und was es mit dem Weißen Todesschiff („White Ship“) auf sich hatte (...)“, näher zu beleuchten. Auf der anderen Seite befinden wir uns diesmal zu Beginn weit weg vom Umfeld der Mächtigen, den Königen und Rittern, um uns stattdessen verstärkt mit den damaligen Verlierern der Gesellschaft zu befassen, welche, separiert von dieser, nicht besser als Tiere behandelt und selbst von kirchlicher Barmherzigkeit gänzlich ausgeschlossen werden. Ein gewagter Schritt seitens Gablé, so zumindest mein erster Gedanke, da ich besonders für den weiteren Verlauf die Gefahr gesehen habe, diese äußerst ungewöhnliche und in ihren Fähigkeiten ja auch limitierte Gemeinschaft als Helden zu installieren, welche größeren Einfluss auf die Geschicke anderer nehmen könnten. Nun, ich hätte es natürlich besser wissen sollen – Gablé meistert auch diese Herausforderung mit Bravour.

Ganz im Stil von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ – nicht zufällig auch Gablés Lieblingsbuch – begibt sich der Leser an der Seite der vermeintlich Schwachen auf die Reise, die, einem mittelalterlichen Roadtrip gleich, nicht nur dazu dient, um die ausweglose Lage der Figuren zu unterstreichen, sondern diese dem Leser gleichzeitig auch näher zu bringen. Auffällig hier ist, dass die Autorin diesmal ein wenig länger dafür braucht, das Profil der Protagonisten, allen voran das von Simon und Losian, zu schärfen. Im Falle des Letzteren ist dies aber natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass dieser seine eigene Vergangenheit und damit seinen ursprünglichen Platz im Gefüge des englischen Adels vergessen hat. Dass er diesem angehört, kann er nur aufgrund der Tatsache schlussfolgern, weil er mit einem Kreuzfahrermantel bekleidet auf der Insel das Bewusstsein erlangt hat. Dennoch – es dauert ein bisschen länger als die übliche Zeit, bis man warm wird mit ihm und seinen merkwürdigen Freunden. Das scheint vielleicht auch Gablé bemerkt zu haben, welche nach dem ersten Drittel nach und nach in die adligen Kreise – und damit auch auf sicheres, weil altbekanntes Terrain – zurückkehrt.

Nach „Die Säulen der Erde“ ist „Hiobs Brüder“ erst der zweite von mir gelesene historische Roman, der sich eingehend mit der vielleicht dunkelsten Zeit im englischen Mittelalter, der „Anarchy“, beschäftigt. Eine Epoche, ausgelöst durch den Untergang des „White Ship“ und den damit verbundenen Tod des rechtmäßigen Thronfolgers William, geprägt vom langjährigen Bürgerkrieg zwischen König Stephen und Kaiserin Maud, von immer wieder wechselnden Bündnissen und anhaltender Gesetzeslosigkeit. Rebecca Gablé gibt diese Zeit eindringlich wieder, ohne sich dabei in drastischen Schilderungen zu verlieren oder allzu übermäßige Brutalität zu zelebrieren. Im Gegenteil: Es sind die ruhigen Momente, die uns inne halten und das Ausmaß des Schreckens erkennen lassen, für die dieser Bürgerkrieg bis heute berüchtigt ist und dem schließlich selbst die Beteiligten irgendwann überdrüssig wurden. Der Glaube eine Entscheidung oder den Sieg in diesem Konflikt herbeizuführen – er war irgendwann auf beiden Seiten ins Wanken geraten. Und es ist diese Hoffnungslosigkeit, welche Gablé, besonders beim Beispiel der Belagerung von Wallingford, haargenau einfängt.

Obwohl Stephen und Maud die wichtigen Rollen in diesem Krieg ohne wirkliche Grenzen verkörpern, nehmen sie jedoch verhältnismäßig wenig Raum im Roman ein. Stattdessen konzentriert sich „Hiobs Brüder“, abgesehen von der ungewöhnlichen Gemeinschaft, vor allem auf den jungen Heißsporn Henry Plantagenet, der nichts unversucht lässt, um den englischen Thron zu erobern und später eine der mächtigsten Herrscherdynastien begründen wird. Gablés besonderes Händchen für historische Figuren – es kommt auch hier wieder hervorragend zum Tragen. Nach William, dem Eroberer („Das zweite Königreich“), John of Gaunt („Das Lächeln der Fortuna“) und Henry Beaufort („Die Hüter der Rose“) ist Henry FitzEmpress die nächste geschichtliche Person, die von Gablé, mit viel Sympathie, Witz, Charme, aber auch historisch belegten Eigenschaften bedacht, zum Leben erweckt wird. Wenn man ihr denn überhaupt hinsichtlich der Figurenzeichnung einen Vorwurf machen will, dann den, dass doch die meisten herrschenden Adligen äußerst gut wegkommen. Einen richtigen Unsympathen gibt es in „Hiobs Brüder“ nicht. Genauso wenig wie einen durchgängigen Antagonisten, der Losian und seinen Freunden das Leben schwer macht. Hier hätte ich mir dann doch manchmal einen William Hamleigh (aus Folletts „Die Säulen der Erde“) gewünscht. Auch weil Losian bzw. seine später wiedergewonnene Identität ein wenig zu stark daherkommt, um glaubhaft zu sein oder ein gewisses Gefahrenmoment zu befeuern.

Stattdessen wird die Gemeinschaft Losians durch die Einschränkungen und Krankheiten der einzelnen immer wieder auf die Probe gestellt, geht die Gefahr eher von gesellschaftlichen Begebenheiten als von feindlichen Rittern aus. Das muss besonders Losian feststellen, der sich in ein jüdisches Mädchen verguckt und das schwere Los ihres Volkes an der eigenen Haut erfahren muss. Die Abschnitte von ihm und dem jüdischen Arzt Josua gehören für mich eindeutig zu den Höhepunkten des Buches, wenngleich mir da manch eine Figur für mittelalterliche Verhältnisse dann doch zu modern und aufgeklärt reagiert. Aber ganz ohne künstlerische Freiheit kann halt auch ein historischer Roman seine Wirkung nicht entfalten.

So bleibt am Ende wieder mal die Erkenntnis: Selbst eine in einer gewissen Routine verfangene Rebecca Gablé thront immer noch weit über der im Genre ansässigen Konkurrenz. Wie keine andere vermag sie Geschichte – und in dem Zusammenhang natürlich dann auch geschichtsträchtige Figuren und Momente – lebendig zu machen und gleichzeitig einen Plot zu zimmern, dem man nur mit größten Unwillen den Rücken kehren will. „Hiobs Brüder“ ist ein über die volle Distanz mitreißendes Epos, das trotz des düsteren Kontextes den Wert von Freundschaften über alle Einschränkungen hinaus überaus warmherzig vor Augen führt und ein Loblied auf die Treue singt, welches vor allem auf den letzten Seiten den Leser durchaus zu ergreifen weiß. Denn wie Gimli schon einst sagte: „Treulos ist, wer Lebewohl sagt, wenn die Straße dunkel wird.“

Meine Lektüre beende ich äußerst zufrieden und mit der Hoffnung, dass die darauffolgende Epoche noch eines Tages von Rebecca Gablé in Angriff genommen wird. Zwischen 1154 und 1330 ist jedenfalls noch eine Menge Platz für ein oder zwei Romane. Wenn sie also so freundlich wären ...

16.04.2015 18:41:12
Catie

Auch bei Helmsby habe ich es so gemacht, wie bei Waringham: Ich habe von hinten angefangen. Schon von Anfang an haben mir Simon und die Zwillinge es mir total angetan, den für die Zwillinge kann man sich sofort begeistern, weil sie so unglaublich lebensfroh sind. Simon ist zunächst das verlorene Lamm, dass sich nur langsam an die Herde gewöhnt, in der es von nun an leben muss. Sein Schicksal geht einem besonders zu Herzen, weil er noch so jung ist und so sehr damit hadert.
Dagegen bin ich zu Losian erst mal auf Distanz geblieben. Warum? Weil er das gleiche auch tut. Dabei ist ER in wirklichkeit das verlorene Lamm (na ja, eher Schaf, kein Lamm, aber Schaf klingt irgendwie so negativ). Ohne Namen und Vergangenheit geradewegs auf einer Insel voller vermeindlicher Verrückter zu stranden, stelle ich mir grausam vor. Aber mit der Zeit nähert man sich dann doch an.
King Edmund ist ein manchmal recht drolliger Kunde, bei dem man nicht weiß, was man jetzt von seiner Geschichte halten soll. Die Ereignisse sprechen dafür, die pure Vernunft (nicht zuletzt die Biologie) dagegen. Luke fing irgendwann an, mir mit seiner Schlange im Bauch auf die Nerven zu gehen, aber eigentlich tat er mir hauptsächlich leid. Oswald auch, aber anders. Ich finde Oswald besticht ganz einfach durch seine Kindlichkeit, Naivität und Fröhlichkeit, dann wieder kommt er einem vor wie ein Kleinkind, wenn er Losian grollt.
Henry Plantagenet ist (wie RG so gerne sagt) einfach eine "Naturgewalt". Ebenso einer meiner Favoriten. Dann, da ich eine Schwäche für wehrhafte Frauen habe, Philippa, die Kommandantin von Wallingford. Obwohl sie nur eine Nebenfigur ist. Irgendjemand muss den armen Simon doch mal von seiner ewigen Düsternis und Melancholie erlösen, hab ich mir gedacht. Und siehe da- sie hat das Wunder vollbracht.
Und dann noch Regy. Natürlich ist er gruselig, aber irgendwo hat er auch etwas ganz und gar unwiderstehlich faszinierendes. Ich würde vielleicht nicht gerade sagen, ich bewundere seine kühle und doch leidenschaftliche Präzision, mit der er seine Opfer qualvoll ins Jenseits befördert, aber irgendwie fällt mir gerade kein anderes Wort ein.
Ich finde auch diesen Roman äußerst gelungen und kann und werde ihm jeden nur empfehlen. Vielleicht ermutigt er ja doch den einen oder anderen, wie Hiobs Brüder, einfach weiterzumachen, egal, wie's gerade kommt.

25.03.2015 10:47:24
Yannis

Da melde ich mich auch mal, als absoluter Neuling bei Rebecca Gable. Hiobs Brüder ist so ziemlich mit das Beste, was ich je gelesen habe. Und es wäre wirklich genial, wenn es eine Fortsetzung gäbe, so wie bei den Warringhams.
Mein absoluter Favorit in diesem Buch ist Simon, wie er es mit Hilfe seiner Freunde geschafft hat zu begreifen, dass Fallsucht nicht zwangsläufig bedeutet dass man schwachsinnig ist.
Und auch die anderen... vielleicht sollte man sich das auch in der heutigen Zeit vor Augen führen....

20.07.2014 18:51:44
Jana

Dieser Roman ist nun bereits der vierte, den ich von Rebecca Gable gelesen bzw. gehört habe. Zufällig hatte ich unmittelbar zuvor "Das zweite Königreich" gehört, was sich als absoluter Glücksfall erwiesen hat, da "Hiobs Brüder" sozusagen eine Art Nachfolgeoman davon ist. Gefallen hat mir als blinde und somit behinderte Person ganz besonders, dass in diesem Buch endlich auch mal Menschen mit Handicap eine nicht unwesentliche Rolle spielen dürfen. Schließlich sind nicht alle Menschen schlau, schön, gesund und mutig, wie es sonst die meisten Protagonisten sind! Eine sehr anrürende Geschichte mit Tiefgang.

06.04.2012 10:15:29
Susannah

England, mitten im 12. Jahrhundert. Auf einer Insel vor der englischen Küste sind die eingesperrt, denen manche eine Seele absprechen. Die von Gott Ausgestoßenen. Einer von Ihnen hält sich für einen toten Märtyrerkönig. Einer hat die Fallsucht. Zwei sind siamesische Zwillinge. Und einer von ihnen - Losian - hat sein Gedächtnis verloren. Ein Sturm eröffent ihnen den Weg in die Freiheit. Doch das von der Anarchy geplagte England ist rechtlos, und für Menschen die Losian und seine Freunde besonders gefährlich. Doch langsam findet Losian zu seiner Erinnerung zurück - und stellt fest, dass er im großen Krieg, der England zu zerreißen droht, eine wichtige Rolle gespielt hat ...

Ich habe von Rebecca Gablé schon viele Romane gelesen. In gewisser Weise ist dieser Roman anders, als seine Vorgänger - und doch erkennt man Frau Gablé vor allem auf den zweiten etwa 450 Seiten wieder.

Anders deshalb, weil ihre Helden zunächst weit entfernt von der Welt der Ritter und Könige sind. Eine Gruppe armer Teufel, die von der Gesellschaft verbannt ein menschenunwürdiges Dasein fristen. Die in einer grausamen Welt zurecht kommen müssen. Doch die Gemeinschaft hält zusammen.

Im zweiten Teil des Buches führt uns die Autorin dann wieder zurück in die Welt der Adligen: der Krieg zwischen Stephen und Maud, die Anarchy, wie sie heißt, wird eindringlich dargestellt, vor allem in ihren Folgen für die Allgemeinheit: marodierende Räuberbanden, Rechtlosigkeit an allen Ecken und Enden. Wie eine Erlösung erscheint den Figuren und auch dem Leser da Henry Plantagenet. Der junge Heißsporn, der einmal über 30 Jahre auf Englands Thron sitzen wird, ist wieder ein hervorragendes Beispiel für Frau Gablés Kunst, historische Figuren lebendig werden zu lassen. Auch Alienor von Aquitanien und Kaiserin Maud sind sehr gelungen. Besonders gefreut habe ich mich persönlich über die leider nur seltenen Auftritte von Thomas Becket.

Besonders einfühlsam beschreibt die Autorin das Verhältnis zwischen Christen und Juden. Auf Unwissen und Vorurteilen beruhend scheinen diese Gruppen unversöhnlich verfeindet. Doch die Wege der Zusammenführung sind da, man muss sie nur beschreiten wollen. Die Beschreibung der Menschen, egal welcher Klasse, egal welchen Alters, egal ob historisch oder fiktiv - es ist die große Stärke der Autorin.

Und nicht nur deswegen hoffe ich, dass Frau Gablé auch ein Buch über die nachfolgende Zeit schreibt.

Wie auch die anderen Gablé-Bücher ohne wenn und aber empfehlenswert!

19.02.2012 13:04:49
Entchen

Nachdem ich "Hiobs Brüder", mein erstes Rebecca Gablé-Buch, heute Morgen fertig gelesen auf die Seite gelegt habe kann ich nun sagen, dies ist nicht mein erster historischer Roman, aber einer der Besten, den ich bisher gelesen habe.
Zunächst einmal ist es schon angenehm, dass Gablé sich mehr mit den Männern des Mittelalters befasst (viele andere Autoren ziehen ja eher die Geschichten leidender Damen bzw. Hexenverfolgungen dieser Zeit vor). Dabei wird man zunächst anschaulich an die jeweiligen Leiden der Hauptdarsteller und deren persönliche Probleme damit herangeführt. Dies bildet für mich eine wichtige Grundlage, die sich durch den ganzen Roman hindurchzieht, und man kann die Entwicklungen der einzelnen Charaktere (insbesondere bei Simon de Clare und Oswald) sehr gut verfolgen. Für meinen Geschmack war der Weg, auf dem Losian/Alan of Helmsby seine Vergangenheit wiederfindet etwas zu fantasievoll von der Autorin, aber das mag Ansichtssache sein. Etwas schwierig gestaltet es sich auch die Verwandtschaftsverhältnisse von Alan of Helmsby bzw. Simon de Clare mit den anderen Charakteren nachzuvollziehen (zumindest wenn es für jemanden wie mich einer der ersten Romane zum Thema Großbritannien im Mittelalter bzw. von Gablé ist). Hier wäre eventuell ein Stammbaum am Ende des Romans als Übersicht angebracht gewesen.
Insgesamt ist es aber ein sehr gelungenes Buch, dass neue Einsichten in das Leben der damaligen Zeit und deren Machtverhältnisse gibt.

14.12.2011 09:35:27
Klaus-Günther Beck-Ewerhardy

In den Figuren der Brüder Hiobswird deutlich, dass eine augenfällige oder auch nur periodisch augenfällige Behinderung einen Menschen nicht notwendigerweise zur Verzweiflung treiben muss und dass er viele Einschränkungen überwinden kann, selbst wenn seine Umwelt ihm nicht wirklich dabei hilft. Der Aspekt der Selbstwirksamkeit spielt dabei eine große Rolle und die siamesischen Zwillinge leben dies ständig vor, während andere, wie Oswald oder Simon de Clare dies erst im Laufe dieses Romans lernen müssen. Gleichzeitig zeigt sich hier auch an anderen Figuren, dass Vorurteile gegenüber anderen eine Form der Behinderung sein können. Neben der gelungenen Darstellung der damligen Verhältnisse hat mir dieser Aspekt des Buchs neben der Charakterezeichnung eigentlich mit am Besten gefallen.
Auch gefielen mir die zur Abwechslung mal wirklich nachvollziehbar dargestellten Schwertkämpfe. Hier zeigt sich der Wert einer guten Beratung. Sehr zu empfehlen in meinen Augen.

12.04.2011 17:33:13
Historia

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich war sehr überrascht, als sich herrausstellte, dass Louisan ein Nachfahre von dem Helden aus "Das zweite Königreich" ist. Die Geschicht war mal etwas anderes. Gefallen hat mir auch die Figur des Regy. Ich habe eine kleine Schwäche für Bösewichte in Büchern. Etwas genervt hat mich King Edmund mit seinen Heiligen.

16.11.2010 11:16:33
Silke

Super! Super! Super!
In diesem Buch konnte man wieder einmal erfahren wie "barmherzig" Priester im Mittelalter waren. Wie die Kirche, alle die nicht dem Ebenbild Gottes entsprachen, entfernen ließ. Kein Wunder das die "normale" Bevölkerung diesen Menschen ihre Ablehnung spüren ließ, es wurde ihnen ja gepredigt.
Die Protagonisten wurden toll beschrieben. Ich ließ mich von der guten Laune der Zwillinge anstecken und konnte mir Oswald Ritte auf seiner Stute vorstellen. Habe mit Simon gelitten und mit Losian gezittert.
Aber auch die geschichtlichen Aspekte waren super eingeflochten. Rebecca Gable vermittelt einem Wissen ohne Langeweile zu verbreiten. Ihr Schreibstil ist voller Wärme und doch spannend.Total gefreut hat es mich von "alten Bekannten" zu hören. Freue mich jetzt schon auf das nächste Buch.

12.01.2010 17:43:22
anath

Am Anfang las ich das Buch mit Spannung und Spaß. Dann kam der Moment, in dem es für mich schwierig wurde, der Autorin die Handlung abzunehmen. Ich habe mich dann entschlossen, das Buch als realhistorisch orientiertes Märchen aufzufassen und weiter zu lesen - und das war gut so, denn sonst wäre ich um einen wunderbaren Lesegenuß gekommen.

Der schwierige Punkt kam, als ich mir vorstellte, wie die arme Miriam die von jahrelanger Verarbeitung von Schweinefleisch und Blut verunreinigte Burgküche kaschert (und aus leidvoller Erfahrung nach diversen Umzügen weiß ich, was das für eine Arbeit ist!),als ich mir vorstellte, wie sie unkundige Mägde davon abhält, ihr milchiges und fleischiges Geschirr anzufassen oder gar zusammen zu stellen. Oder wie läuft das zu Pessach, wenn das dritte obligatorische Geschirr hervorgeholt wird, vorher aber muß alles Mehl und was aus Mehl hergestellt und/oder gesäuert ist aus der Küche verschwunden sein ? Wie mag Alan von Helmsby also mit Klein Aron durch die einzelnen Räume der Burg gestapft sein, mit Feder und Holzlöffel bewaffnet, um zur Freude seines Sohne kleine Bröckchen Gesäuertes (extra ausgelegt von Miriam damit das Kind seinen Spaß hat) mit der Feder auf den Holzlöffel zu fegen um alles zusammen dann im Burghof zu verbrennen ? Und alles ohne Mikweh - die doch unerläßlich ist ,schon alleine ,um Geschirr und Besteck zu kaschern, aber auch für das Tauchbad nach der Menstruation...
Wie gesagt, das war der Punkt an dem mir bewußt wurde, warum Rebecca bei Ivanhoe nie eine Chance hatte und an dem ich die Realo-Schiene verließ.

Und trotzdem war es ein tolles Buch, so zum Wegschmökern an kalten Dezemberabenden. Interesanteste Figur war für mich der offenbar mit einer eher leichten Epilepsie geschlagene Simon de Clare.Leicht deshalb , weil er nur eher selten Grand-mals und praktisch gar keine Petit-mals(Absencen) hat. Aber das ist wohl auch die Grundvoraussetzung dafür, das er seinen Weg gehen kann. Bei ihm wird eine wirkliche Entwicklung deutlich, vom jammerigen Teenie zum gewieften Diplomaten. Und dank Rebecca Gablés Erzähltalent habe ich doch eine Seite überschlagen. Simons Weg durch den Tunnel in die Burg konnte ich mir nicht antun, ich kriegte klaustrophobische Zustände, es kam einfach zu echt bei mir an. Kompliment an die Autorin.
Insgesamt als ein Buch, an dem ich ziemlich zu arbeiten hatte. Ich habe es trotzdem mit viel Spaß gelesen und es war eines der besten, die ich im vergangenen Jahr in die Hand bekam.

10.01.2010 16:33:34
spielpfeife

"Hiobs Brüder" war mein erstes Buch von Rebecca Gable, wird aber keinesfall das einzige bleiben. Es hat mich total gefesselt, weil es - was in Mittelaler-Romanen nicht allzu häufig vorkommt - richtiggehend Wissen vermittelt, und das auf eine sehr angenehme Art. Ohne schulmeisterliches Gehabe und ohne Besserwisserei. Ich finde auch, dass die Figuren sehr schwarz-weiß angelegt sind, aber das hat mich nicht gestört. Für mich ist ein Buch dann gut, wenn ich friere, wenn "kalte" Szenen beschrieben werde und wenn ich mir die Protagonisten bildlich vorstellen kann (und sie dann evtl. sogar anders aussehen, als sie die Autorin beschreibt: mein Losian ist z.B. schwarzhaarig). Der einizge Makel, den das Buch hat, ist gleichzeitig ein großer Vorteil: die Sprache. Rebecca Gable ist mit Sicherheit keine große Wortakrobatin, aber sie beschreibt Dialoge und Sachverhalte mit viel Gefühl und menschlicher Wärme. Die Sprache ist zu "modern" für das Mittelalter, aber so gestelzte pesudo-mittelalterliches Gesülze mag ich eben nicht in Romanen. Da lese ich dann lieber den Parzival im Original...

19.12.2009 16:24:04
Nomadenseele

Ich kann stolz vermelden, bis Seite 470 durchgehalten zu haben.
Dabei bedient das Buch alle Mittelalter-Roman-Klischees, aber einfach zuviel des Guten: Der hochgebildete, jüdische Arzt samt hübscher Tochter, die Guten sind gut und die Bösen richtig schlecht – genau da beginnt bei Rebecca Gablé wie üblich das Problem: Die Figuren sind Karikaturen ihrer Rolle, weil sie keine weitere Dimensionen aufweisen. Da gibt es eine Gruppe schwacher Menschen, die wie eine Wagenburg der Umwelt gegenübersteht – fertig. Auch aus Losians Selbstfindungsprozess, um den es ohnehin im ganzen Buch geht, hätte man etwas rausholen könnem, aber dazu fehlt der Autorin das Format. Es ist einfach langweilig ihn zu begleiten und damit ist das Buch selbst als Mittelalter-Schmöcker verfehlt.

Fazit:

300-400 Seiten weniger und dafür dichterer Stoff hätten daraus ein gutes Buch werden lassen können.

14.12.2009 20:30:22
Krimi-Tina

Der junge Simon de Clare wird aufgrund seiner Epilepsie auf einer Insel eingesperrt, die als Gefängnis für Schwachsinnige und Verrückte dient.
Es gelingt den Bewohnern., u.a. dem Kreuzritter Losian, der sein Gedächtnis verloren hat, dem am Down Syndrom leidenden Oswald, King Edmund, der sich für die Reinkarnation des heiligen Edmund hält, den Siamesischen Zwillingen Godric und Wulfric und dem gemeingefährlichen Reginald (der leider ein wenig zu sehr Hannibal Lecter nachempfunden ist), nach einer verheerenden Sturmflut zu entfliehen und sie starten ihre Odyssee durch England.
Das historische Umfeld ist wieder schön getroffen, das Buch schließt mit etwas Abstand an „Die zwei Königreiche“ an, wir befinden uns in der anarchischen Zeit des Thronkrieges zwischen König Stephen und Kaiserin Maud, die erst durch die Krönung Heinrich Plantagenets ein Ende fand. Zu dessen Triumph in dieser Geschichte unsere Freunde nicht unwesentlich beitragen
Ich habe dennoch mich anfänglich schwer getan mit dem Buch. Nicht so sehr wegen dem Szenario. Die Idee ein Häuflein Leute, von denen jeder den einen oder anderen Defekt hat, steht einander durch alle möglichen Gefahren bei, ist sehr bestechend. Aber irgendwie kommt genau das am Anfang des Buches nicht zum Tragen, die Autorin konzentriert sich zu sehr auf die Figur des Losian. Auch kommt die Handlung trotz aller Fährnisse nicht recht in Schwung.
Erst als Losian sein Problem gelöst hatte, schlug der Gable-Virus wieder zu und ich habe den Rest des Buches in einem Rutsch gelesen. Und ab da funktioniert plötzlich auch das obige Konzept. Ja, natürlich passieren wieder ganz ähnliche Dinge wie in den bisherigen Romanen von Gablé, aber die Schilderungen sind so lebendig und spannend, dass ich das gerne verzeihe.
Leider geriet der Teil um die Throneroberung Heinrich Plantagenets dann im Vergleich etwas zu kurz.
Fazit: Schön, aber Fr. Gablé hat einfach schon bessere Bücher geschrieben.

28.11.2009 14:41:22
Franny Hartmann

Hiobs Brüder habe ich sehnsüchtig erwartet, nachdem ich bereits alle vorher erschienenen Bücher der Autorin verschlungen hatte.
Die Geschichte erscheint weniger vielschichtig verglichen mit den vorherigen Romanen dieser wunderbaren Autorin, jedoch deshalb nicht weniger spannend.
Persönlich finde ich es schade, dass es keine weitere Fortsetzung der Warringham-Saga gab und dass dieses Buch "nur" etwas mehr als 600 Seiten umfasste.
Rebecca Gablé hat einen außergewöhnlich mitreißenden und warmherzigen Erzählstil, der wie ich glaube, besonders bei weiblichen Lesern sehr gut ankommt. Ken Follett kann sich meiner Meinung nach in keinster Weise mit ihr messen, den emotionalen "Tiefgang" hat er in seinen bisherigen Büchern aus meiner Sicht noch nicht bewiesen.
Ich selbst arbeite mit multipel psychisch erkrankten Menschen und fand es lobenswert gut gelungen, wie die Autorin diese Charaktere ins Mittelalter und die politischen Verhältnisse der Zeit platzieren konnte. Die Gablés´sche "Schwarz-Weiß-Malerei", wie sie in vorherigen Kritiken geäußert wurde, stört mich beim Mitfiebern wenig, da die Autorin dem Leser stets den Raum gibt, selbst zu bewerten, ob sich die Protagonisten "richtig" oder "falsch" verhalten, soweit wir das heutzutage überhaupt noch bewerten können .
Frau Gablé, haben Sie herzlichen Dank für ein weiteres wunderbares Machwerk!

15.11.2009 18:30:17
Sophie

Das Buch war natürlich wieder toll und ein neuer bLickwinkel auf das Mittelalter war sehr interessant.
Jedoch hat etwas gefehlt, etwas wie das richtige Einfühlen in die Hauptperson und ich habe mir schwer gtan die selbe Begeisterung aufleben zu lassen wie bei den anderer Gable büchern.
Dennoch ist das eni tolles Buch ds man lesen sollte, da Frau Gable einfach die Beste auf Ihrem Gebiet ist, wenn das auch nicht Ihre bestes Buch ist.

15.11.2009 16:09:12
Klaus Kröger

Auch "Hiobs Brüder" haben mir gefallen. Als Schwerbehindertenvertretung hat mich besonders das Thema "Menschen mit Gebrechen im Mittelalter" fasziniert. Frau Gable hat den Stoff mit viel Einfühlungsvermögen behandelt. Der Anfang des Romans bot viel Neues, als eine der Hauptfiguren geheilt wird, verläuft das Buch aber wieder in den üblichen Bahnen. Dies schadet dem Lesevergnügen aber nicht. Spannung und historische Infos entschädigen für manche Schleife.

Nur eine Kritik kann ich mir nicht sparen: Bestimmte Formulierungen sollte sich die Autorin verkneifen. So kommt die Floskel "sei so gut" dauernd vor, auf S. 185 gleich zweimal. Dies ist schade und sollte von Lektoren korrigiert werden.

04.11.2009 08:17:41
maupe

Wer die Autorin schon gelesen hat und ihre vorherigen Bücher mag, der wird auch dieses Buch lieben. Bei mir ist es auf jeden Fall so. Bei Gable erwarten einen geschichtliche Ereignisse hervorragend vor einem ausgebreitet, ohne das man vor den vielen Namen zurück schrecken muss. Denn sie versteht es einfach, die Personen und Ereignisse mit ihrem/ihren Helden zu verbinden.

Sehr schön auch, dass es ein Treffen mit altbekannten Namen und Orten gibt für all jene, die "Das zweite Königreich" gelesen haben. Das Buch ist zwar zur Verständnis nicht zwingend erforderlich aber ich nahm diese ´Fortsetzung` sehr gerne auf.

Und ich muss olympia zustimmen, Regy ist der faszinierendste Charakter in diesem Buch.

Alles in allem ein sehr schöner Roman, er hat mir Spaß gemacht.

23.10.2009 22:08:28
Lexa

Ich war auch sehr gespannt auf das neue Gablé-Buch.
Der Einstieg war hervorragend und über weite Strecken hatte ich großes Lesevergnügen, spritzig geschrieben, interessante und liebenswerte Gestalten mit individuellen Charakteren, spannende Geschichte.
Bis gut nach der Hälfte des Buches einer der Protagonisten eine Heilung seiner Krankheit erfuhr. Von nun an gings bergab. Der Geheilte begab sich mit seinen Gefährten blaß und farblos durch die Seiten, die Begebenheiten vorhersehbar, einige Handlungen unglaubwürdig und an den Haaren herbeigezogen. Einzig die geschichtlichen Ereignisse informativ und wie immer gut recherchiert. Auf den letzten 100 Seiten erfährt die Handlung nochmal eine leichte Steigung, bis dann endlich Schluß ist.
Mein Fazit: Das Buch hätte gerne nach ungefähr 500 Seiten enden können. Dann wäre es ein gutes Buch.

08.10.2009 14:06:51
olympia

Das neue Buch von Rebecca Gablé befasst sich mit einem sehr ungewöhnlichen Thema. Es handelt von Menschen, die entweder ein körperliches oder geistiges Manko haben. Auf eine Insel werden alle Kreaturen gebracht, die vor Gott nicht einwandfrei geschaffen sind. Mönche bringen diesen Mensch, oder Krüppel, einmal in der Woche das Allernötigste zum Leben vorbei, ansonsten sind ganz auf sich alleine gestellt. Unter ihnen befinden sich Losian, der sein Gedächtnis verloren hat und Simon, der an epileptischen Anfällen leidet.
Als nach einem gewaltigen Sturm ihr Gefängnis auf der Insel zerstört wird, bietet sich einigen von ihnen die Chance zur Flucht...

Ich war äußerst gespannt auf das neue Buch von Rebecca Gablé und begann sofort zu lesen als ich es erhielt.
Das Thema ist ungewöhnlich, aber schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass die Autorin es hervorragend verstanden hat, dieses doch nicht so einfache Thema mit dem entsprechenden Feingefühl so aufzubereiten, dass eine spannende und vielschichtige Geschichte entsteht.
Die Protagonisten sind Losian und der junge Simon. Weitere äußerst wichtige Figuren sind Oskar, ein Junge mit Down Syndrom, Lukas, der meint, dass eine Schlange in seinem Bauch wohne, Wulfric und Godric, die siamesischen Zwillinge, King Edmund, der sich für einen Heiligen hält und letztendlich noch Regy, ein bestialischer Massenmörder.
Alleine die unterschiedlichen Figuren verheißen eine interessante Geschichte und Rebecca Gablé enttäuscht den Leser auch nicht. Vielschichtig, bunt und in einem rasanten Tempo nimmt die Geschichte einem von Beginn an mit in diese eigentümliche Welt mit den sonderbaren Gestalten. Simon kommt sich minderwertig vor, da er immer damit rechnen muss, einen Anfall zu bekommen. Eigentlich wäre er der Erbe des großen Gutes seines Vaters, der bereits verstorben ist, aber sein Onkel hat ihn verraten und wegen der Fallsucht verstoßen. Losian kann sich an nichts mehr erinnern. Er weiß nur, dass er einen Mantel der Kreuzfahrer trug, als man ihn verletzt fand und da er jede Nacht von schrecklichen Albträumen heimgesucht wird, ist er sich sicher, dass er in der Vergangenheit Schreckliches getan haben muss.

Man kann das Buch kaum aus der Hand legen, weil man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht und was die doch etwas sonderbar anmutende Gruppe alles erlebt Ich war wirklich begeistert, da ich von der Autorin auch die Trilogie über die "Waringhams" las, die mir zwar sehr gut gefiel, aber als großes Manko die sehr schwarz/weiß gezeichneten Figuren auffielen. Sehr positive überraschte mich nun dieses Buch. Aber leider nur so lange, bis Losian sein Gedächtnis wieder findet und aus ihn ein nicht unbedeutender Mann wird...
Ab diesem Zeitpunkt wird das Buch wieder ein "typischer Gablé". Typisch dahingehend, dass die Autorin eine selten feine Begabung hat, den Leser so an ihre Erzählung zu binden, dass er sich in einem richtigen Sog befindet und einfach weiter lesen muss. Typisch weiters, dass die politischen Hintergründe nicht nur perfekt und akribisch recherchiert sind, sondern auch wunderbar mit der Erzählung verwoben sind.
Aber leider auch typisch dahingehend, dass die Figuren sehr stark abgegrenzt in Gut und Böse sind. Gablé ist zwar bemüht ihrem Protagonisten einen vielschichtigen Charakter zu vermitteln, aber man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie trotzdem nicht an seinem perfekten Lack kratzen möchte und so lässt sie all die "schlimmen Dinge" seinem ersten "Ich" tun und jetzt, nach dem er sein Gedächtnis wieder gefunden hat, tritt die wundersame Wandlung ein und er wird wieder ein perfekter Held.
Die einzig wirklich herausragende Figur ist die von Regy. Regy (eigentlich Reginald de Warenne) erinnert einen unweigerlich an "Hannibal Lecter" vom "Das Schweigen der Lämmer". Äußerst intelligent, aber unberechenbar. Meines Erachtens die beste Figur aller Bücher die ich bis jetzt von der Autorin las.
Auch auf die sehr ausgeschmückten und detailliert beschriebenen Sexszenen hätte ich gut und gerne verzichten können.

Fazit:
Ein kurzweiliges Lesevergnügen mit äußerst interessanten Einblicken in die Politik des 12. Jahrhunderts. Wer sich nicht daran stört, dass die Protagonisten die Guten sind ohne Fehl und Tadel und die Bösen so richtig böse, wird mit diesem Roman ein wunderbares Buch in den Händen halten. Wer jedoch auf anspruchsvolle Kost mit vielschichtigen Figuren hofft, wird enttäuscht werden.
Letztendlich ist ausschlaggebend was man sich erwartet und was man lesen möchte. Unbestritten ist, dass Gablé eine begnadete Erzählerin ist (obwohl die Sprache nicht außergewöhnlich ist), die es versteht, den Leser so zu fesseln, dass er das Buch unbedingt zu Ende lesen möchte.