Pforte der Verdammnis

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Scherz, 2003, Titel: 'Dissolution', Originalausgabe

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90

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Birgit Borloni
Ein spannender, fesselnder Krimi in düsterer, klösterlicher Atmosphäre

Buch-Rezension von Birgit Borloni Jun 2009

Kurzgefasst:

England, im Jahre 1537: Die Reformation ist in vollem Gange, Heinrich VIII. hat sich selbst zum "Oberhaupt der Kirche" ernannt und unter Thomas Cromwells Befehl reisen Kommissare durchs Land, die die Klöster inspizieren sollen. Im Kloster von Scarnsea an der Südküste Englands sind derweil die Dinge gänzlich außer Kontrolle geraten. Einem von Cromwells Kommissaren ist dort mit einem einzigen Säbelhieb der Kopf vom Rumpf abgetrennt worden. In der folgenden Nacht wird ein schwarzer Hahn auf dem Altar geopfert. Wer steckt dahinter? Und warum? Matthew Shardlake, Rechtsanwalt und lange Zeit ein Befürworter der großen Reformation, wird von Cromwell nach Scarnsea beordert, um die Sachlage zu klären.

 

Es ist das Jahr 1537 in England. Heinrich VIII. hat sich selbst zum Oberhaupt der Kirche ernannt und sich vom Papst losgesagt. Thomas Cromwell, Lordsiegelbewahrer und Generalvikar, ist eifrig damit beschäftigt, die Klöster aufzulösen und deren Ländereien und Reichtum der Krone zuzuführen. Nach dem gewalttätigen Aufstand im Norden des Landes versucht er allerdings mit allen Mitteln eine friedliche Auflösung zu erreichen, in dem die Äbte "freiwillig" die entsprechenden Papiere unterzeichnen und der Auflösung zustimmen. Mitten in diesen Ereignissen geschieht in einem Kloster nahe dem Ort Scarnsea an der Südküste Englands ein brutaler Mord. Der von Lord Cromwell entsandte Kommissar Singelton, der einige Unregelmäßigkeiten in den Büchern des Klosters aufdecken und die Auflösung des Klosters herbeiführen soll, wird enthauptet in der Küche des Klosters aufgefunden. Daraufhin wird der Rechtsanwalt Matthew Shardlake, der ebenfalls in den Diensten Cromwells steht, nach Scarnsea entsandt um den Mord aufzuklären und die Arbeit seines Vorgängers weiterzuführen. Diese Aufgabe erweist sich allerdings als nicht ganz leicht, da die Mönche einige Sachen vor ihm zu verbergen scheinen und er es bald nicht mehr nur mit einem Mord zu tun hat.

Kirchliche Strukturen in Auflösung begriffen

C.J. Sansom ist mit seinem ersten Band um den Rechtsanwalt Matthew Shardlake ein spannender und überzeugender historischer Kriminalroman gelungen. Bereits von der ersten Seite an versetzt er seine Leser in das England der damaligen Zeit und schafft eine düstere, faszinierende Atmosphäre, die einen unweigerlich immer tiefer in die Geschichte zieht. Dazu dient ihm einerseits die Umgebung, die er für die Geschichte gewählt hat: Ein verschneites Kloster, umgeben von Sumpfland, die Mönche, die das eine oder andere vor dem Kommissar zu verbergen haben, die klirrende Kälte... Allein damit erschafft Sansom eine düstere und gruselige Stimmung. Doch ebenso geschickt webt er die damaligen politischen Ereignisse mit hinein, um diesen Eindruck noch zu verstärken. Die Klöster leben in der ständigen Angst vor ihrer Auflösung und bemühen sich, sich so unauffällig und gefällig wie möglich zu zeigen. Viele der Abteien verfügen über großen Reichtum, das Leben ist angenehm und sorgenfrei, wenn auch weit entfernt von den Regeln des Heiligen Benedikts, und viele Äbte herrschen fast wie weltliche Grundherren über beträchtlichen Besitz. Verständlich, dass keiner allzu erpicht darauf ist, dieses Leben aufzugeben. Zumal auch viele Mönche gar nicht wüssten, was sie in der weltlichen Welt anfangen sollten. Mühelos wird diese Situation dem Leser näher gebracht. Man kann die Sorge und Hilflosigkeit der Mönche nachvollziehen, die sie angesichts der sich schnell wandelnden Zustände empfinden. Ebenso wird einem das unbarmherzige Vorgehen Cromwells näher gebracht, der die Auflösung der Klöster vorantreibt, heilige Reliquien verbrennen und deren Behältnisse zu Geld machen lässt. Die kirchliche Welt, wie sie bis dahin bestand, befindet sich in Auflösung und daher ist der englische Originaltitel "Dissolution" (dt. Auflösung) treffender gewählt als die deutsche Übersetzung.

Keine strahlende Helden und keine abgrundtiefen Bösewichte

Doch nicht nur in der Erschaffung der Rahmenbedingungen erweist sich Sansom als wahrer Meister, auch in der Figurenerschaffung sticht er viele seiner Kollegen aus. Matthew Shardlake ist alles andere als ein gutaussehender, überaus cleverer und schnell kombinierender Detektiv. Von Kindheit an mit einem Buckel geschlagen, leidet er sehr unter seiner Behinderung und ergeht sich auch durchaus in Selbstmitleid darüber. Zudem zieht er des Öfteren die falschen Schlüsse, folgt falschen Fährten und dreht sich hin und wieder im Kreis. Allerdings ist er auch sehr ausdauernd und folgt hartnäckig allen Hinweisen, die ihn zur Wahrheit führen könnten. Außerdem ist er ein fast schon fanatischer Reformer, der mit einer geradezu überraschenden Naivität daran glaubt, dass Cromwell die Besitztümer der aufgelösten Klöster dafür verwenden wird, eine bessere Welt für alle zu erschaffen und in einer erschreckenden Blindheit vor der Realität versucht, sich diesen Glauben auch zu bewahren, was allerdings immer aussichtsloser wird. Doch nicht nur der Rechtsanwalt kann als Figur überzeugen, auch alle weiteren Haupt- bzw. Nebenfiguren, die eine wichtige Rolle spielen, sind sehr gut gelungen. Da ist Mark Poer, der in Shardlakes Haushalt lebt und ihn auf seiner Mission begleitet. Durch ein Techtelmechtel mit einer Kammerzofe am Hof ist er in Ungnade gefallen und von seinem Amt verbannt. Er hat eine sehr viel realistischere Sicht auf die Geschehnisse dieser Zeit und leidet aufgrund seiner ausgeprägten Moral und inneren Stärke sehr darunter. Etwas, das Shardlake zunächst weder verstehen noch wahrhaben will.

Auch die Mönche, vom Abt über den Prior und den Schatzmeister bis hin zum Sakristan und dem Siechenmeister haben ihre Stärken und Schwächen sowie ihre Geheimnisse, die sie nicht ans Licht kommen lassen wollen. Sie alle bereichern das Buch ungemein und geben der Geschichte Würze und Tiefgang.

Nur der Hauch eines Wermutstropfens gegen Ende

Der Kriminalfall an sich wird auch nicht vernachlässigt. Nach einem ruhigen, fast schon zu gemächlichen Anfang wird die Spannung dann bis zum Schluss aufrechterhalten, es sind einige überraschende Wendungen eingebaut und es dauert seine Zeit, bis der Leser schließlich, ebenso wie Shardlake, ahnt, wer der Mörder war. Nur im letzten Teil der Erzählung kann man bemängeln, dass Sansom etwas über das Ziel hinaus schießt und ein paar unglaubwürdig erscheinende Szenen einbaut. In der Gesamtschau fallen diese aber nicht sonderlich ins Gewicht.

Insgesamt gesehen ist C.J. Sansom ein spannender und fesselnder Krimi gelungen, der einige überraschende Wendungen aufweisen kann und es versteht, ein Stück des damaligen Zeitgeistes zu transportieren. Wer sich an einer düsteren, manchmal bedrückenden Atmosphäre nicht stört und wer zudem noch Protagonisten mag, die weder schwarz noch weiß sind, sondern viele verschiedene Eigenschaften in sich vereinen, der kann hier bedenkenlos zugreifen.

 

Pforte der Verdammnis

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Letzte Kommentare:
29.03.2015 07:47:59
pfeifferin

Der Londoner Rechtsanwalt Matthew Shardlake, Anhänger Cromwells und der englischen Reformationsbewegung, wird als Ermittler in einem Mordfall in ein Benediktinerkloster geschickt. Was er dort erlebt, lässt ihn an der gnadenlosen Reformpolitik und den eigenen Überzeugungen zweifeln.

Die Kriminalgeschichte ist spannend. Darüber hinaus beschreibt der Roman kenntnis- und detailreich eine Zeit, in der mit brutaler Konsequenz in England unter König Heinrich VIII. und fern der höfischen Herrlichkeit die Klöster geschlossen, Vermögen eingezogen und weiterverteilt, Willkür und Angst verbreitet wurden.

Shardlake als Ich-Erzähler ist dabei eine glaubwürdige Hauptfigur: ein buckliger Eigenbrötler mit menschlichen Stärken und Schwächen.

18.12.2013 16:43:09
tassieteufel

In England in der Mitte des 16. Jahrhunderts ist die Reformation in vollem Gange, Heinrich der VIII hat sich selbst zum Oberhaupt der Kirche ernannt und ist erpicht darauf, den Kirchenbesitz in die Finger zu bekommen. Kleinere Klöster wurden bereits geschlossen und Kommissare inspizieren im Auftrag des Königs die bedeutenderen Häuser um dort Mißstände aufzudecken. Im Kloster Scarnsea an der Südküste Englands scheinen die Ereignisse völlig aus dem Ruder zu laufen, dort wurde einem königlichen Kommissar mit einem einzigen Säbelhieb der Kopf abgetrennt und in der Kirche wurde ein schwarzer Hahn auf dem Altar geopfert. Matthew Shardlake, Rechtsanwalt in Cromwells Diensten wird in das Kloster beordert um dort den Mord und andere Machenschaften aufzudecken. Doch die Mönche scheinen einiges vor dem Kommissar zu verbergen zu haben, denn die Ermittlungen kommen nicht so recht voran, bis es zu weiteren Todesfällen kommt.

Von Anfang an ist es dem Autor gelungen, mich mit seiner atmosphärisch dichten Beschreibung über Land, Leute und die schwierige politische Lage Mitte des 16. Jahrhunderts zu fesseln. Mit Matthews Ankunft im Kloster kommt eine düstere, beklemmende Stimmung auf, es ist tiefster Winter, die Temperaturen eiskalt und das Kloster mehr oder weniger eingeschneit, hinzu kommt die unsichere Lage für die Mönche. Das alles ist für den Leser spürbar und wird authentisch vermittelt. Matthew Shardlake, der sich als Buckliger selbst genug Vorurteilen ausgesetzt sieht, ist ein glühender Verehrer der Reformation, doch nach und nach sieht er sich mit unschönen Wahrheiten konfrontiert, vor denen er die Augen nicht verschließen kann. Diese Entwicklung der Hauptfigur ist dem Autor sehr gut gelungen, denn die langsam einsetzende Erkenntnis ist für den begeisterten Reformator nicht leicht zu ertragen. Auch die anderen Figuren hat der Autor mit Ecken und Kanten versehen und schildert ebenso bildhaft die Sorgen und Nöte der einfachen Leute die unter der Unsicherheit der Reformationszeit zu leiden haben, wie auch die Profiteure dieser Epoche, die die vorhandenen Gegebenheiten gnadenlos ausnutzten.
Die Ermittlungen gestalten sich zunächst schwierig, es gibt kaum Hinweise und mehrmals gerät Shardlake auf die falsche Fährte, langweilig wird es trotzdem nie, da es genügend Wendungen und Ereignisse gibt, die die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln. Neben der Frage nach dem Mörder, ist es auch das unklare Schicksal des Klosters und das zunehmend ablehnende Verhalten das Mark Poer, Matthews Schützling, diesem entgegenbringt, das die Vermutungen des Lesers anregt. Auf die Auflösung wäre ich trotzdem nicht gekommen, von allen möglichen Verdächtigen war mir die Person am wenigsten verdächtig und so war das Ende für mich dann doch überraschend!
Hilfreich hätte ich allerdings ein Glossar gefunden, in dem die ganzen klösterlichen Titel wie Bursarius, Infirmarius, etc. erklärt werden. Einiges ergibt sich zwar beim Lesen, aber ein paar Erläuterungen wären hier nicht schlecht gewesen.

FaziT: für mich ein spannender und kniffliger historischer Krimi, der vor allem durch seine atmosphärisch dichte, wenn auch beklemmende Stimmung und den hervorragend vermittelten Zeitgeist und seine vielschichten Figuren glänzt!

21.12.2012 14:15:13
Marina-Sabine

Was soll ich noch hinzufügen, es ist hier alles in kurzen, oder ausschweifenden Berichten, gesagt. Wer die Reihe um Matthew Shardlake und seinen Gehilfen Barak noch nicht gelesen hat, dem kann ich sie nur empfehlen (wenn man Mittelalterkrimis gerne liest). Nach dem ersten Fall konnte ich es kaum erwarten die anderen Bücher zu lesen und ich wurde in meinen bisher gelesenen 5 Büchern von keinem einzigen enttäuscht. Ich würde sehr gerne weitere Bücher über die Abenteuer der beiden lesen.

26.07.2011 13:28:06
M-L

Dieses Buchreihe hat mir meie Buchhändlerin empfohlen und ich bin ihr sehr dankbar. Das Buch ist spannend geschrieben, bietet viel Historie ohne langweilig zu werden, die eingeführten Charaktere sind sehr lebendig dargestellt mit vielen Ecken und Kanten, Rundum es ist ein Lesevergnügen, natürlich habe ich die weiteren Bücher auch gekauft und gelesen. Ich kann die Geschichte um Rechtsanwalt Shardlake und seinem Mitarbeite Barack nur weiterempfehlen

02.09.2009 11:13:03
Stefan83

Am liebsten würde ich hier die schlechtmöglichste Bewertung abgeben. Allerdings nicht für das Buch selbst, sondern für die (wieder einmal) völlig vernachlässigte Werbung seitens des Fischer Verlags. Dort scheint man sich in den letzten Jahren wirklich nur wenig Mühe zu geben, unbekannte Autoren in Deutschland salonfähig zu machen. Oder, wie im Falle der "Fischer Crime Classics"-Reihe, eine neue Serie entsprechend in Verlagsvorschauen und auf der eigenen Internetseite anzukündigen.

Das mir "Pforte der Verdammnis" doch nicht ergangen ist, habe ich einzig und allein der Mundpropaganda zu verdanken. Und man kann nur sagen: Gottseidank, denn Sansoms erster historischer Kriminalroman um den Rechtsanwalt Matthew Shardlake ist wahrlich eine Entdeckung, die die Nachfolge von "Der Name der Rose" zumindest inhaltlich anzutreten weiß.

Die Geschichte spielt im Jahre des Herrn 1537 in England. Thomas Cromwell (nicht Oliver Cromwell, wie auf dem Klappentext falsch angegeben), der ernannte Generalvikar Heinrich des Achten, ist seit gut einem Jahr damit beschäftigt, die Auflösung der englischen Klöster zu erwirken, um den Widerstand der Papisten endgültig im Keim zu ersticken. Belastendes Material wird zusammengetragen oder erdacht, Kommissare in die entlegensten Winkel des Landes geschickt, was zur Folge hat, dass sich im Norden das Volk bewaffnet und es zum "Pilgrimage of Grace" kommt. Ein gewaltiger Aufstand, der Heinrichs Herrschaft ins Wanken bringt, weshalb dieser sich scheinbar auf Verhandlungen einlässt, in Zwischenzeit aber selbst ein eigenes Heer aufbaut und damit den Aufstand schließlich brutal niederschlägt. In dieser vergifteten Atmosphäre kommt es in den altehrwürdigen Mauern eines Benediktinerklosters im kleinen Dorf Scarnsea an der Südküste Englands zu einem Mord. Ein Inspektor, der die Einhaltung der neuen Regeln der anglikanischen Kirche überprüfen wollte, wurde brutal geköpft. Matthew Shardlake wird daraufhin mit seinem Schüler Mark ausgesandt, um Ermittlungen anzustellen und den Fall aufzuklären. Ein Fall, der nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch seine eigenen moralischen Ansichten stark auf die Probe stellt...

Um es gleich zu sagen: Nach Beginn dieses Buches sollte man sich erstmal in nächster Zeit nicht mehr viel vornehmen, denn schon der Auftakt liest sich derart stimmungsvoll, dass sich der Leser bereits nach wenigen Seiten geistig im 16. Jahrhundert wieder findet. Sansom scheint ein Naturtalent zu sein, denn die Art und Weise wie er mit seinen Beschreibungen eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, ist schon meisterhaft. Ein eiskalter Winter. Ein eingeschneites, altes Kloster samt Sumpf außerhalb der Mauern. Düstere Figuren, die durch den Hof und die Kreuzgänge huschen. Unwillkürlich muss man hier ein wenig an Ecos Werk und dessen Verfilmung denken, und der Autor hat sich wohl auch das eine oder andere dort abgeguckt. Allerdings nur was den gestalterischen Aufbau betrifft, denn inhaltlich überzeugt das Buch mit einer kreativen Eigenständigkeit. Shardlake ist keineswegs der schlaue Detektiv, sondern vielmehr ein langsamer Denker, der aufgrund seines körperlichen Gebrechens Scham empfindet und mehr als einmal der falschen Fährte folgt.

Für den Leser sind es besonders diese Stellen zur Mitte des Buches, die den Plot in die Länge ziehen und den Lesespaß bremsen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Mit Entdeckung der ersten Indizien, zieht dann aber die Spannung an. Nicht nur die Frage, wer denn wohl den Mord begangen hat, auch das Schicksal des Klosters fesselt, was nicht zuletzt an der großartigen Beschreibung der einzelnen Figuren liegt. Es ist mitreißend zu sehen, wie sich Shardlake im Verlauf des Falls von seinen Illusionen einer besseren und gerechten Welt verabschieden muss, was uns den Charakter vielleicht nicht sympathisch (dafür fand ich ihn zu anstrengend), aber sehr nachvollziehbar macht. Das Ende überrascht, nicht nur aufgrund der tollen Auflösung, und wird mich wohl allzu bald zum nachfolgenden Band "Feuer der Vergeltung" greifen lassen.

Insgesamt ist "Pforte der Verdammnis" (noch) ein absoluter Geheimtipp im Genre des historischen Kriminalromans, der uns Geschichte miterleben lässt und für mich ohne Frage zu den Entdeckungen des Jahres gehört. Auf eine geplante Verfilmung mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle darf ebenfalls gespannt gewartet werden.

18.08.2009 22:03:39
Lexa

Sansom gelingt es ausgezeichnet, den Leser durch einen Krimi zu führen, in dem es nie langweilig wird. Bis zuletzt rätselt man, wer könnte es denn gewesen sein. Die Charaktere sind gut gezeichnet, allen voran Matthew Shardlake, Rechtsanwalt, Anhänger Cromwells, Zweifler und Neider, Befürworter der Reformation. Man erfährt viel Wissenswertes über diese Reformation und am Ende ist sich Shardlake nicht mehr so sicher über deren Richtigkeit.

Bursarius, Infirmarius, Dormitorium, etc. - hier wäre eine Übersetzungsliste hilfreich gewesen, nicht jeder ist des Lateinischen mächtig.
Deshalb und der einfachen Sprache wegen nur 90 Punkte.

13.08.2009 14:21:09
anath

Ein tolles Buch ! Sansom erzählt (be-)greifbar und teilweise drastisch seinen Krimi. Schillernde Charaktere tauchen auf. Kaum jemand ist einfach nur gut oder nur böse und der Detektiv Matthew Shardlake ist keineswegs ein strahlender Held. Shardlake gewinnt die Sympathien des Lesers z.T. durch seine Abgeklärtheit in Bezug auf die eigene Person, z.T. aber auch durch seinen Idealismus, seinen Traum von einer besseren,gerechteren Welt - von dem er sich im Verlauf dieses Buches langsam aber sicher verabschieden muß. Dieses Erkennen der brutalen Realität ist für den Leser nacherlebbar - auch wenn man als Mensch des 20.JH.s natürlich schon vorher weiß, welchen Illusionen Shardlake da nachhängt . Das ganze Buch atmet regelrecht die Unsicherheit der Reformationszeit unter Heinrich VIII., ganz klar wird aufgezeigt, mit welchen Sorgen und Nöten die einfachen Menschen konfontiert wurden und wer seinen Reibach machte.
Der Kriminalfall ist verzwickt,ich hatte meinen Spaß daran, den Knoten aufzudröseln. Und wenn da auch relativ schnell ein Verdacht war : DIESE Lösung (mit dieser Motivlage) hatte ich nicht erwartet!
Ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte und bei dem ich mich frage, wie es meiner Aufmerksamkeit so lange entgehen konnte! Der Verlag kriegt 0 Punkte für die Werbung !

12.08.2009 18:06:46
ElRascalito

Ein interessanter Kriminalroman vor fesselndem historischem Hintergrund. Mit dem Rechtsanwalt Shardlake ist Sansom eine Figur gelungen, die nicht gerade unfehlbar ist, aber trotzdem einen gewissen Charme versprüht. Gelungen sind aber gerade im Zuge der kirchlichen Geschehnisse dieser Zeit seine Ansichten (und natürlich die der anderen Akteure). Dem Autor gelingt es diese Zeit des englischen 16. Jahrhunderts sehr schön darzustellen mit all seinen Umbrüchen in der Gesellschaft. Atmosphärisch kann man hierbei wenig beklagen, auch wenn mich das Klosterszenario anfänglich ein wenig an Umberto Ecos "Der Name der Rose" erinnerte. Empfehlenswert und spannend bis zum Ende.

25.07.2009 19:32:05
Krimi-Tina

Wir haben das Jahr 1537. Oliver Cromwell, der ernannte Generalvikar Heinrichs des Achten schickt seine Inspektoren in die Klöster Englands um die Einhaltung der neuen Regeln der anglikanischen Kirche zu überprüfen. Und es geschieht etwas Unerhörtes, einer der Inspektoren wird ermordet. Matthew Shardlake, Anwalt und ebenfalls unter dem Befehl Cromwells stehend, wird entsandt den Fall aufklären.
Der Auftakt des Krimis ist großartig. Tiefer Winter, ein eingeschneites Kloster, Mönche die durch die Nacht zum Gebet wandeln…ungeheure, stimmungsvolle Bilder. Auch der Fall lässt sich sehr spannend an, wer könnte Gelegenheit, Entschlossenheit und Kraft gehabt haben den Mord zu begehen, wie er begangen wurde. Die Benediktiner des Klosters sind nur unwillig bereit die Ermittlung zu unterstützen und mauern wo sie können. Shardlake, der keineswegs der überschlaue Detektiv ist, und oft genug die Dinge vor seiner Nase nicht sieht, kommt lange Zeit kaum vom Fleck mit der Ermittlung. An dieser Stelle zieht sich das Buch ein wenig in die Länge. Aber sobald die ersten Hinweise auftauchen, entwickelt sich ein ungeheuer dichter und sehr spannender Fall. In den die emotionalen Probleme und Verwicklungen Shardlakes, der auch gerne irrt und ein ums andere Mal den falschen verdächtigt, so geschickt hineingewoben sind, dass sie vollständig mit der Geschichte harmonisieren.
Humor kommt auch nicht zu kurz , auch Shardlake, der trotz eines gewissen Standesdünkel,recht sympathisch ist, legt gerne eine gewissen trockenen Witz an den Tag.
Gelungener historischer Serienauftakt, der aufgrund seiner Atmosphäre geradezu nach einer Verfilmung schreit