Die Träume der Libussa

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Ullstein, 2008, Titel: 'Die Träume der Libussa', Originalausgabe

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Birgit Borloni
Eine hervorragende Umsetzung eines historischen Mythos

Buch-Rezension von Birgit Borloni Sep 2008

Kurzgefasst:

Mitte des 8. Jahrhunderts, im Land der Behaimen an der Moldau. Als Libussa überraschend zur Herrscherin bestimmt wird, will sie auf ihren Geliebten, den Bauernsohn Premysl, nicht verzichten. Mit einer List erreicht sie, dass die Göttin selbst Premysl zu ihrem vorbestimmten Ehemann erklärt. Gemeinsam gründet das Paar an der Moldau eine neue Stadt, die ihrem Volk Reichtum und Glanz schenken soll und einmal Prag heissen soll. Doch die christlichen Frankenkrieger wollen Libussa und ihre alte Religion gewaltsam vertreiben...

 

Libussa wächst als jüngste Tochter Sharkas, der Fürstin und Hohe Priesterin der Czechen auf. Nach dem unerwarteten Tod ihrer Mutter wird überraschend Libussa zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Obwohl das Mädchen lieber eine Priesterin ihres Volkes geworden wäre, stellt sie sich dieser Herausforderung und einfach ist ihre Aufgabe beileibe nicht: Der Einfluss der christlichen Franken macht sich auch im Land der Behaimen langsam bemerkbar. Es beginnen bereits einige der jungen Männer gegen die Herrschaft einer Frau aufzubegehren, sehen sie sich doch viel lieber selber an dieser Position. Mit einer List gelingt es Libussa, dass ihr Geliebter, der Bauernsohn Premysl, als ihr ausgewählter Gatte bestimmt wird und sie an seiner Seite regieren kann. Gemeinsam gründen sie aufgrund einer Vision Libussas die Siedlung Praha.
Doch der Vormarsch der Franken ist nicht aufzuhalten und schließlich muss Libussa ihren Sohn Lidomir als Geisel an den fränkischen Hof schicken, um die Integrität ihres Volkes zu bewahren.
Neun Jahre später kehrt Lidomir mit seiner fränkischen Gattin zu seinem Volk zurück, doch der Konflikt zwischen den Religionen und Kulturen wird immer stärker.

Das Christentum schreitet fort

Tereza Vanek hat ihren Roman in zwei Teile aufgeteilt, in denen sie nicht nur von der Gründung Prags, sondern vor allem über den Kampf zweier Kulturen, zweier Religionen berichtet. Während in den christlichen Ländern das Patriarchat herrscht, gibt es in Libussas Heimat immer noch das Matriarchat. Im ersten Teil des Buches werden die Herausforderungen geschildert, denen sich Libussa zu stellen hat, denn der christliche bzw. fränkische Einfluss macht sich bereits bemerkbar. Längst sind nicht mehr alle Männer bereit, die Herrschaft einer Frau uneingeschränkt anzuerkennen, sondern würden gerne selber die Macht übernehmen. Somit muss sich die junge Fürstin oft genug gegen Angriffe und Intrigen zur Wehr setzen, was ihr zunehmend schwerer fällt, da die Forderungen nach männlichen Herrschern immer wieder und immer heftiger ausfallen.
Im zweiten Teil kehrt Libussas Sohn Lidomir mit seiner christlichen Frau Radegund zurück zu seiner Familie. Dieser Abschnitt wird zum Großteil aus Radegunds Sicht geschildert. Dadurch wird dem Leser der Unterschied zwischen den beiden Religionen und Herrschaftsformen noch deutlicher vor Augen geführt, vor allem, was die Rolle der Frau angeht. Denn Radegunds Erziehung steht in deutlichem Gegensatz zu der, die Libussa, ihre Schwestern und ihre Tochter erfahren haben und es gibt einige Missverständnisse und Reibungspunkte.

Hervorragende Charakterzeichnung

Fast alle Figuren sind liebevoll und glaubwürdig gezeichnet. Kaum eine Figur lässt den Leser kalt, obwohl nicht alle Protagonisten sympathisch auftreten. Im Gegenteil, bei einigen überwiegt der Unsympathiefaktor deutlich, doch auch diese Charaktere haben Tiefe, haben ihre guten Seiten und handeln im Rahmen ihrer eigenen Logik nachvollziehbar und folgerichtig. Dafür sind vor allem Libussas Schwester Kazi und ihre Schwiegertochter Radegund gute Beispiele. Als Leser weiß man oft nicht, was man von ihnen halten soll. Sind sie einem im einen Augenblick einigermaßen sympathisch, möchte man sie im nächsten Abschnitt am liebsten schütteln und anschreien, weil sie sich so egozentrisch oder unreif verhalten. Doch genau diese Charaktere machen das Buch so lebendig und lassen den Leser mitfiebern. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass Libussa und Premysl gerade im ersten Teil ein wenig zu glatt geraten sind.

Nicht nur Histo, sondern auch Fantasy-Anteile

Libussa gilt der Sage nach als große Seherin, so dass es einen nicht verwundern darf, wenn sie des öfteren Visionen oder prophetische Träume hat. Meistens zeigen sie ihr die Zukunft voraus, doch nicht immer behalten sie recht und manchmal verwirren sie die Herrscherin auch mehr, als dass sie ihr helfen. Wer gar keine Fantasy-Elemente in historischen Romanen mag, der wird sich mit diesen Passagen schwer tun, doch insgesamt hat Tereza Vanek sie sehr gut in die Geschichte eingefügt. Einzig eine Prophezeiung wirkt etwas übertrieben, kommt sie doch genau in dem Augenblick, in dem Libussa sie dringend braucht. Doch es gibt auch vergnügliche Prophezeiungen, zum Beispiel über die weitere Entwicklung Prags, die Libussa vor Gründung der Siedlung hat, die den Leser erheitern.

Wenig blutige Details

Dankenswerterweise gelingt es der Autorin, fast ohne Beschreibungen von Gräueltaten auszukommen. Es wird durchaus eine Schlacht beschrieben und auch das Blutgericht von Verden, das den grausigen Höhepunkt der Sachsenkriege Karls des Großen bildete, hat seinen Platz. Doch es sind keine seitenlangen Beschreibungen aller möglichen blutigen Schandtaten notwendig, um den Schrecken einer Schlacht, mit ihren Triumphen und Niederlagen, zu beschreiben. Ebenso verhält es sich mit den Szenen aus dem Liebesleben der Protagonisten. Tereza Vanek deutet eher nur an, sie geht in ihren Beschreibungen nur so weit, dass jeder weiß, was passieren wird, die Details überlässt sie aber der Fantasie ihrer Leser. Dieser Stil hebt sich wohltuend von so manch anderen historischen Romanen ab. Insgesamt bedient sie sich einer eher schlichten, schnörkellosen Sprache, die es dem Leser aber ermöglicht, sich ganz auf die Geschichte und ihre Figuren einzulassen.

Wenige Fakten, viel Kreativität

Wie die Autorin in ihrem Nachwort erläutert, ist die Geschichte um Libussa und die Gründung Prags eine Sage, die in Tschechien zwar fast jeder kennt, die aber trotzdem durch wenige Fakten bestätigt wird. Generell ist über diese Zeit in diesem Landstrich wenig bekannt und die Historiker sind sich über die Quellenlage häufig uneins. Somit hatte auch Tereza Vanek nur wenig Konkretes, auf dass sie sich stützen konnte, doch das tut diesem Roman keinen Abbruch. Es soll auch kein Buch sein, das erzählt, wie es war, sondern wie es gewesen sein könnte und diesem Anspruch ist die Autorin in jeder Hinsicht gerecht geworden. Wir werden wahrscheinlich nie wissen, wie genau Prag gegründet wurde und was für eine Rolle Libussa und ihre Familie gespielt haben, doch wenn man das Buch zu Ende gelesen hat, hält man es für durchaus möglich, dass es genauso so war, wie in diesem Roman beschrieben.
Das einzige, was diesem Buch fehlt, ist eine Karte, auf der die einzelnen Stammesgebiete verzeichnet sind und ein Personenregister. Doch das ist ein Kritikpunkt, der in der Gesamtschau kaum ins Gewicht fällt, dafür ist der Rest viel zu gelungen.

 

Die Träume der Libussa

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Letzte Kommentare:
03.05.2011 07:54:55
Zabou1964

Auch in ihrem zweiten Buch (nach „Schwarze Seide“) entführt Tereza Vanek den Leser in die Vergangenheit. Diesmal geht die Reise ins 8. Jahrhundert des heutigen Tschechien. Grundlage für diesen Roman ist der Libussa-Mythos, der im 10. Jahrhundert entstand. Eine Seherin, jüngste Tochter der Herrscherin der Behaimen, gründete die Stadt Prag und mit ihrem Gemahl die Dynastie der Premysliden.

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wird das Leben der jungen Libussa beschrieben, wie sie Premysl, einen klugen Bauern, kennen lernt und trotz aller widriger Umstände zu ihrem Gefährten nimmt.

Der zweite Teil handelt von Libussas Sohn Lidomir und der wachsenden Christianisierung Europas. Auch das Reich der Behaimen soll missioniert werden. Gelingt es Libussa, die alten Sitten und Riten ihres Volkes zu bewahren?

Die Autorin versteht es auf außergewöhnliche Weise, dem Leser jede Figur des Romans so zu beschreiben, als sei man ihnen selbst begegnet. Auch bei den unsympathischsten Personen kann man verstehen, aus welchem Antrieb sie handeln.. So war mir Radegund, eine strenggläubige Christin, z.B. zu Anfang sehr unsympathisch. Der Autorin ist es jedoch gelungen, dass ich mich in Radegunds Psyche und ihr Denken einfühlen konnte.

Diese Zeit und dieses Thema sind sehr außergewöhnlich und deshalb besonders interessant für dieses Genre. Ohne dass jemals Langeweile aufkommt, beschreibt die Autorin sehr genau die Riten und Landschaften. Ich habe mit großem Interesse alles über die Zeit der Behaimen gelesen.

Das einzige, was mir mal wieder gefehlt hat, war ein Glossar. Bei der Vielzahl der fremdartigen Namen wäre dieses manchmal hilfreich gewesen.

Dafür findet sich am Ende des Buches ein Nachwort der Autorin, worin sie den Libussa-Mythos und die Entstehung des Romans beschreibt. Ein großer Teil der Geschichte ist natürlich dichterische Freiheit, aber einige Figuren (z.B. Libussa, ihr Onkel Krok und ihre Schwestern Kazi und Thetka) haben wirklich gelebt.

Fazit: Das Buch ist spannend, hervorragend recherchiert und hebt sich vom Einheitsbrei der historischen Romane ab. Unbedingt lesen!

14.12.2010 14:54:34
Silke

Bevor ich dieses Buch begann, las ich im Internet erstmal die Sage um Libussa, denn mir war sie nicht bekannt. Als ich das Buch dann beendete wollte ich nicht glauben das es "nur" eine Sage war. Genauso hätte es sein können. Tereza Vanek beschreibt die Protagonisten so toll das ich mir jeden bildlich vorstellen konnte.
Es ist ein tolles Buch mit viel Gefühl geschrieben. Ich hätte gerne einige Figuren kennengelernt. Ein Buch zum Eintauchen in eine andere Welt.

27.10.2010 13:37:47
anath

Die Sage von Libussa und Przemysl hat schon immer zu meinen Prager Lieblingssagen gehört. Bevor ich dieses Buch las habe ich sie noch mal aus dem Regal geholt und nachgelesen. Dabei fragte ich mich, wie diese Sage in einem Buch umgesetzt werden kann. Und ich habe ein Faible für Romane, die auf der Grundlage einer Sage eine neue, vielleicht sogar ganz andere Sicht entstehen lassen. So war ich gepannt auf dieses Buch und ich wurde nicht enttäuscht.
Wenig spektakulär, dafür aber mit viel Sensibilität und auf der Basis archäologischer Forschung entsteht ein bunter Bilderbogen. Dabei versucht die Autorin, den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat darzustellen und auch die Gründe dafür verstehbar zu machen.
Dies ist nicht immer gelungen, denn leider ist nicht bei allen Protagonisten nachvollziehbar, warum sie sich so und nicht anders verhalten. Tereza Vanek beschreibt eine Gesellschaft, die so tatsächlich existiert haben könnte,keineswegs ideal und paradisisch, durchaus nicht immer gerecht, mit einfachen Strukturen und faszinierenden Traditionen. Dabei wird von Anfang an deutlich, wie brüchig diese Strukturen bereits geworden sind.
Während es die Autorin schafft, einige vielschichtige Protagonisten zu schildern, bleiben andere eher blaß. Leider sind einige von ihnen genau die, die den gesellschaftlichen Umbruch voran treiben. Auch der Einfluß der (patriarchalischen) Außenwelt wird immer wieder erwähnt, es wird jedoch nur wenig geschildert, wie tatsächlich auf Libusas Volk und seine Lebensweise wirkt. Letztendlich kann ich mich der Theorie der Autorin,nämlich daß das Handeln einiger weniger Personen und eine Erkrankung Libussas zur entscheidenden Veränderung führten, nicht anschließen. Aber es würde in diesem Kommentar zu weit führen, das darzulegen.

Insgesamt muß ich jedoch einschätzen, daß ich ein interessantes und gut geschriebenes Buch gelesen habe. Es bietet Einblicke in eine Gesellschaft, die wir wohl so nicht in unserer Vergangenheit vermutet hätten und es bringt uns eine sagenhafte Frau näher, über die es keine zeitgenössischen Berichte gibt, die aber genau so, wie Tereza Vanek es schildert, an den Ufern der Moldau gelebt haben könnte.
Ein schönes Buch für alle, die schon immer mal nach Prag fahren wollten oder diese Stadt so ins Herz geschlossen haben wie ich. Und alle anderen dürfen es natürlich auch lesen. ;-)

20.05.2009 21:31:19
Claudia M., Münster

Ein einfach nur wundervoller Roman! Ein wunderschönes, spannendes, farbiges Buch voller Leben, in dem ich mitfiebern, leiden, fühlen und staunen konnte. Vanek schaffte es, atmosphärisch zu erzählen und Personen auch über lange Zeiträume so lebensnah darzustellen, dass man mit ihnen lebt und altert. Ein Buch zum Hineintauchen für lange Lesenächte oder ein langes Wochenende in einer anderen Welt! Sehr empfehlenswert!

20.05.2009 10:39:46
MariaAmalia

Endlich mal wieder ein historischer Roman, der ausgetretene Plotpfade verlässt. Die Autorin verarbeitet in ihrer Geschichte den Libussa-Mythos (mit dem jedes Kind in Tschechien aufwächst), die Gründung Prags und die unaufhaltsame Christianisierung der Slawen und der damit einhergehende Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat.

Leider wurde die Hauptthematik dieses Buches, die Christianisierung der Slawen und das Verdrängen deren alter Kulturen und was das für die Menschen bedeutet und zu welchen Konflikten dies letztendlich geführt hat, hier teilweise zu oberflächlich und manchmal auch viel zu stereotyp behandelt. Auch sind einige Charaktere dieses Romans etwas zu schablonenhaft geraten. Die Figur der Libussa z. B. hätte ich mir mit ein paar mehr Ecken und Kanten gewünscht und warum sich Premysl vom klugen charakterstarken Bauern am Beginn des Romans zum kleingeistigen Spötter am Ende des Buches entwickelt, ist meiner Meinung nach nicht nachvollziehbar genug dargestellt. Die Figur des Slavonik z. B. ist dann wieder auf den typischen klischeehaften Bösewicht reduziert.

Libussas Sohn Lidomir kommt im Kindesalter als Geisel zu den Franken. Wie es dem kleinen „Heidenkind“ in einer ihm völlig fremden Welt ergangen ist, wird mir als Leser allerdings durch einen unangebrachten Zeitsprung komplett vorenthalten. Man erfährt später eigentlich nur, dass er bei einem wohl gutherzigen Pater aufwuchs, der ihm auch Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Welche Erlebnisse und Erfahrungen ihn in diesen Jahren geprägt haben, bleibt allerdings völlig außen vor. Lidomir begegnet dem Leser erst wieder als erwachsener Mann, der eine Christin heiratet und mit ihr in die so völlig andere Welt seiner Mutter und ihres Clans zurückkehrt. Die Konflikte des durch zwei Religionen geprägten Lidomir und auch der Kulturschock, den seine Frau Radegund zwangsläufig erleidet, bleiben viel zu sehr an der Oberfläche. Hier hat die Autorin meiner Meinung nach einiges an Potential verschenkt, denn gerade an Lidomir und seiner Frau Radegund hätte man das Aufeinanderprallen zweier völlig unterschiedlicher Kulturen tiefsinnig und nachvollziehbar darstellen können. So wusste ich bis zum Ende des Buches nicht, was ich von diesen beiden Charakteren letztendlich halten soll.

Ich stufe dieses Buch als „gehobene Mittelklasse“ ein und es bekommt von mir 70 Grad. Es hat durchaus seine Höhen, denn es gibt einige sehr kluge Textpassagen, aber leider hat es auch gewisse Längen, die es einem manchmal schwer machen, "bei der Stange zu bleiben".
Die Sprache ist einfach und der Erzählstil nüchtern und völlig unaufgeregt, was für mich ein großer Pluspunkt dieses Romans ist. Es gibt keine ausufernden Liebesgeschichten und keine übertriebene Effekthascherei durch billige Action. Das Blutgericht von Verden durch Karl den Großen wird von der Autorin z. B. ganz geschickt in eine von Libussas Visionen eingebaut, was das Grauen erahnen lässt, dem Leser aber seitenlange Blutrünstigkeiten erspart.

Das Buch ist entspannt zu lesen, man muss dabei nicht groß nachdenken. Auch nach längeren Pausen ist man schnell wieder in der Handlung drin.

Im Nachwort geht die Autorin auch nochmals auf den Libussa-Mythos ein. Gefehlt hat mir allerdings ein Personenverzeichnis, das vor allem zu Beginn des Romans sehr hilfreich gewesen wäre, um die vielen Figuren und deren Clanzugehörigkeit auseinander zu halten.