Wahrscheinlichkeit des Krieges von Stefan Rothbart

Buchvorstellungund Rezension

Wahrscheinlichkeit des Krieges von Stefan Rothbart

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Wahrscheinlichkeit des Krieges“,, 200 Seiten.ISBN 3956452615.

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Kurzgefasst:

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wird ein Wiener Geschichtsprofessor zum Berater des Kaisers und zu seinem engsten Vertrauten. Als Kriegsberichterstatter wird er zu Auge und Ohr des alten Mannes in Wien und schon bald avanciert der trockene Verstand des Historikers zur wichtigsten Waffe in einem Krieg der maßlosen Selbstüberschätzung. Bis sich am Ende der Wiener Hof und mit ihm die gesamte Monarchie in einem Netz aus Intrigen und Verrat auflöst.

Das meint Histo-Couch.de: „So packend kann eine Geschichtsstunde sein“90Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Ein Professor für Geschichte und Philosophie wird nach dem Attentat von Sarajewo 1914 Berater von Kaiser Franz Josef I. und wenige Tage später „strategischer Berater“ in der Hofburg, da der Kaiser von seinen Ministern und Offizieren zunehmend enttäuscht ist.

„Ich hielt ein Attentat immer für sehr wahrscheinlich. Ich saß im Kaffeehaus am Ring und las die ganze Geschichte in der Zeitung. Ich musste lachen.

Neben mir saß ein älterer Herr, der offenbar gerade dieselbe Schlagzeile las und dann zu mir meinte, dass die Scheißserben jetzt aber am Arsch seien.

Ich erwiderte höflich, dass unsere scheiß Thronfolge nun am Arsch sei.“

Dabei stellt sich schnell heraus, dass der Kaiser schon längst nicht mehr selber die Zügel in der Hand hält. So wollte er nie den Krieg, es sei denn, dass Serbien angreifen würde, und da man ihm genau von einem solchen Angriff berichtet, unterschreibt er die Kriegserklärung. Die anfängliche Euphorie über einen schnellen Sieg gegen Serbien schlägt recht schnell in Ernüchterung um, nachdem sich zeigt, welcher Flächenbrand in Europa ausgelöst wurde.

„Da saßen lauter alte Professoren, Denker und Querdenker, Wichtigtuer und schlichtweg Idioten drinnen und ich fragte mich, was ich diesem verheißungsvolllen Publikum nun erzählen sollte. Ich stellte mich hinters Pult und sagte, dass ich es für äußerst unwahrscheinlich halte, dass in Berlin die Bürger durchdrehen werden und Germania halbnackt die Republik ausrufen werde. Vielmehr wäre es wahrscheinlicher, dass der Kaiser durchdrehe und halbnackt die Monarchie an die Wand fahre. Daraufhin hat man mich unter wüsten Beschimpfungen des Landes verwiesen.“

Der Professor reist in der Folgezeit als Berichterstatter des Generalstabes an die Westfront, wo er nicht nur den ebenso sinn-  wie erbarmungslosen Krieg hautnah erlebt, sondern zudem  wenngleich unbeabsichtigt  den Angriff auf Verdun empfiehlt. Mit zunehmendem Kriegsverlauf macht sich Ernüchterung breit und das Ende der Monarchie zeichnet sich ab. So wird der Professor aufgrund seiner Nähe zum Kaiser immer wieder von verschiedenen Seiten angesprochen. Konspirative Kräfte sind am Werk, um ein Kriegsende und sogar den Sturz der Monarchie herbeizuführen. Sogar ein Pattfriede von Österreich-Ungarn wird erwogen, der aber nur möglich scheint, wenn man dem deutschen Bündnispartner in den Rücken fällt. Eine Alternative wäre, dass sich Russland und Deutschland verbünden, was aber einen Sturz des Zaren voraussetzen würde. Mehr als einmal fällt der Name Lenin. Das Ende ist bekannt: Die Monarchie in Österreich-Ungarn zerfällt, die Republik wird ausgerufen und hinterlässt ratlose Menschen auf der Suche nach einer neuen Identität. Doch die wichtigste Frage lautet: Wie wahrscheinlich ist ein dauerhafter Frieden?

Bücher über den Ersten Weltkrieg haben Hochkonjunktur

Rund 100 Jahre nach Kriegsbeginn erscheinen zahlreiche Bücher über den Ersten Weltkrieg. In den Feuilletons der großen Tageszeitungen wurden vor allem die Werke von Christopher Clark Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (896 Seiten, DVA 2013) und Herfried Münkler Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (928 Seiten, Rowohlt 2013) rezensiert und kontrovers diskutiert. Das vorliegende „Büchlein“ von Stefan Rothbart, einem jungen Geschichtsstudenten aus Graz, zeigt, dass man das Thema auch auf knapp 200 Seiten in famoser Weise vorstellen kann. Sicher, Wahrscheinlichkeit des Krieges ist keine wissenschaftliche Ausarbeitung wie die beiden vorgenannten Wälzer, liefert aber dennoch für die interessierte Leserschaft spannende Einblicke auf Ursache und Auswirkung des Ersten Weltkrieges aus „österreichischer Sicht“.

„Jedes Ereignis ist das Resultat einer vorhergehenden Handlung, die ein bestimmtes Ergebnis zur Folge hat. Glück oder Unglück würde aber vom Wissen über die Konsequenzen abhängen. Wissen ist Macht und wer über die Folgen seiner Handlungen Bescheid weiß, der hat auch die Macht, sich auf das Resultat vorzubereiten.

Wenn die Deutschen nun alles abschießen, was auf den Meeren herumtümpelt, dann ist ihnen hoffentlich auch klar, dass dies andere Staaten provozieren wird. In diesem Fall habe man die USA provoziert, also täte man nun gut daran, sich auch auf die schlimmste Konsequenz, nämlich einen Kriegseintritt der Staaten, vorzubereiten. Es hat noch niemanden geholfen, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen, nur weil diese vielleicht unangenehm sind, sagte ich und hatte damit die Heiterkeit der Runde standgerichtlich erschossen.“

Ein namenloser Professor aus Wien wird unerwartet zum wichtigsten Berater des Kaisers, erlebt in dessen Auftrag zahlreiche Abenteuer, in denen er unter anderem einem jungen Gefreiten namens Adolf Hitler begegnet, und gerät schlussendlich in eine grandiose Intrige des Erzherzogs Karl. Mit viel Sprachwitz erzählt Rothbart von den Anfängen bis zum Ende des Krieges, wobei der Ich-Erzähler (besagter Professor) mit seinem trockenen, zynischen Humor einen immer wieder zum Schmunzeln anregt; trotz der Ernsthaftigkeit der Lage.

„Einer der beiden Herren gab dann zu verstehen, dass sie beide in einer geheimen Sache ermitteln würde. Es gäbe Kräfte, die der Niederlage des Krieges und der Auflösung der Monarchie zustreben würden.

Muss sich wohl um unseren Generalstab handeln, dachte ich mir.“

Wer sich mit dem aktuellen Thema in kurzer Zeit informativ, mitunter gar philosophisch, aber dennoch höchst unterhaltsam beschäftigen möchte, der greift zu diesem Buch, welches für 13,90 Euro in der Edition Octopus erschienen und ohne Einschränkung zu empfehlen ist. So kurzweilig und aufklärend kann Geschichte sein!

Ihre Meinung zu »Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges«

Beobachtung zu »Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges«03.08.2018
Wirklich schade, dass dieses interessante Buch von unserer Büchereien der Stadt Wien bis heute nicht angekauft wurde. Ein österreichischer Autor, der interessante historische Romane schreibt und dazu noch über die österreichische Geschichte - sollten da nicht eigentlich die österreichischen Büchereien zugreifen.

Noch erstaunlicher, wenn ich mir ansehe, wie viele historische Bücher seit dem Erscheinen von diesem Buch angekauft wurden, und vor allem welche Qualität die haben. Aber offensichtlich gibt es so viele schlechte Bücher, die unbedingt (und gleich in mehrfacher Ausgabe) angekauft werden müssen, dass für so ein Buch das österreichische Steuergeld nicht mehr vorhanden ist.
Daniela zu »Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges«20.04.2015
Ich habe das Buch in einer Buchhandlung entdeckt und mir dann gleich mal die Rezessionen auf Amazon angesehen. Danach habe ich auch noch entdeckt, dass das Buch sogar "Buch des Monats" im August wurde. Das heißt die Erwartungen meinerseits waren schon recht weit nach oben geschraubt. Und ich kann nur sagen: Sie wurden alle absolut bestätigt!

Ich Interessiere mich sehr für österreichische Geschichte und finde es dabei spannend, wenn Dinge mal etwas unkonventioneller erzählt werden - beides wird in diesem Buch glanzvoll umgesetzt.

Kurzum meine wärmste Empfehlung für alle Österreich-Liebhaber und jene, die es noch werden wollen.
Martina zu »Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges«09.04.2015
Ein sehr kurzweiliges Buch über den Zerfall der k.u.k Monarchie. In der Manier von "Die Vermessung der Welt" oder "Der 100-jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" entführt der Autor den Leser in die Zeit von 1914-1918 und schlägt dabei immense Brücken zur heutigen Zeit. Das ernste Thema wird locker inszeniert und man muss einfach schmunzeln, wenn man in das historische Wien und Europa entführt wird.

Für mich ganz klarer und nachvollziehbarer Historikus des Monats! Einfach gelungen und liest sich auch beim zweiten Mal sehr gut.
Graukopf zu »Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges«13.01.2015
Wer sich für die Endzeit der k.u.k.-Thematik interessiert, findet hier einen heiteren Abriss. - Das Layout ist allerdings gelinde gesagt für den Liebhaber klassisch gesetzter Texte mehr als gewöhnungsbedürftig, davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. - Im Stile des "Hundertjährigen, der aus dem Fenster sprang..." werden hier locker und flockig Gedanken aneinander gereiht wie auch in der 'guten alten Zeit' Intrigen und Machtspielchen ausgetragen worden sind; alles mit einem zwinkernden Auge vorgetragen und nicht moralinsauer. Ein schönes Buch für Zwischendurch.
Graukopf zu »Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges«12.01.2015
Wer sich für die Endzeit der k.u.k.-Thematik interessiert, findet hier einen heiteren Abriss. - Das Layout ist allerdings gelinde gesagt für den Liebhaber klassisch gesetzter Texte mehr als gewöhnungsbedürftig, davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. - Im Stile des "Hundertjährigen, der aus dem Fenster sprang..." werden hier locker und flockig Gedanken aneinander gereiht wie auch in der 'guten alten Zeit' Intrigen und Machtspielchen ausgetragen worden sind; alles mit einem zwinkernden Auge vorgetragen und nicht moralinsauer. Ein schönes Buch für Zwischendurch.
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