Der Jasmingarten von Simonetta Agnello Hornby

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Caffè amaro“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 416 Seiten.ISBN 3-442-31466-6.Übersetzung ins Deutsche von Verena von Koskull.

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Kurzgefasst:

Sizilien Anfang des 20. Jahrhunderts: Die bildschöne Maria wächst als Tochter des Anwalts Ignazio Marra in wohlbehüteten Verhältnissen auf. Ihre Eltern sind außergewöhnlich liberal und erziehen Maria zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Doch als der reiche, deutlich ältere Bergwerksbesitzer Pietro Sala um Marias Hand anhält, sagt das lebenslustige Mädchen ja aus einer Mischung aus Neugier und Vernunft heraus. Ihr Herz gehört jedoch Giosué, der als Ziehsohn in ihrer Familie aufwuchs. Zunächst versucht Maria, Pietro eine gute Ehefrau zu sein. Als der Lebemann aber immer mehr seiner Spielsucht anheimfällt, sucht Maria die Nähe von Giosué. Der Beginn einer jahrelangen heimlichen Liebe, die auch vor dem Hintergrund der bewegten Zeit immer gefährlicher wird.

Das meint Histo-Couch.de: „Portrait einer sizilianischen Familie“90Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Maria ist noch kaum dem Mädchenalter entwachsen, als der Blick des reichen Minenbesitzers Pietro Sala auf sie fällt. Pietro gehört zu einer der angesehensten Familien Siziliens und ist trotz seines nicht gerade tadellosen Lebenswandels ein begehrter Junggeselle. Anfang des 20. Jahrhunderts stellt es für ein Mädchen ohne Mitgift eine Ehre dar, von einem wohlhabenden Mann umworben zu werden. Zwar ist Marias Vater Ignazio Marra Anwalt, doch als glühender Anhänger der Sozialisten vertritt er vor allem arme Leute, die kaum Geld für den Anwalt haben. Weder der schon etwas ältere Vater noch die junge Mutter wollen Maria zur Ehe mit Pietro drängen, obwohl sie sich bewusst sind, dass ihre Tochter kaum eine bessere Partie machen könnte. Maria, die Pietros liebenswerte Seite kennen lernt, willigt in die Hochzeit ein, obwohl sie ihren Mann vor allem respektiert, nicht aber liebt. Denn ihr Herz gehört dem Ziehbruder Giosuè, dessen Vater ein guter Freund ihres Vaters gewesen war, aber bei einem Bauernaufstand getötet wurde.

Anfänglich scheint es, als ob Maria mit Pietro tatsächlich das große Los gezogen hätte: Er ist ein aufmerksamer Ehemann und stolz auf seine schöne Frau. Pietros Familie hingegen begegnet Maria mit Gleichgültigkeit bis Abneigung. Sie muss immer wieder kleine Gemeinheiten hinnehmen. Einzig der Schwiegervater sieht in der jungen Frau großes Potenzial. Denn ihm ist bewusst, dass Pietro, Erbe des Familienvermögens, nicht mit Geld umgehen kann. Erst recht, als offenkundig ist, dass Pietro durch seine Spielsucht Unsummen verliert, versucht der Schwiegervater, mit Maria ein Abkommen zu schließen, das den Ruin der Familie verhindern soll. Die junge Frau, die damit auch ihre Kinder Anna und Vito schützen will, befasst sich immer stärker mit den Familiengeschäften. Die zunehmende Feindschaft Pietros, der sich durch die Konstellation gedemütigt fühlt, macht ihr zu schaffen. Als sich Giosuè als Fels in der Brandung erweist, der Maria immer schützend zur Seite steht, gesteht sie sich endlich ihre Liebe zum Ziehbruder ein. Sie sucht bei ihm Trost und Liebe und bringt schließlich ihre Tochter Rita zur Welt. Pietro ist sich bewusst, wessen Kind seine Frau geboren hat.

Ganz anders als vermutet

Cover und Klappentext lassen zunächst darauf schließen, mit Der Jasmingarten vor allem eine etwas umfangreiche Liebesgeschichte in Händen zu halten. Doch weit gefehlt. Der Inhalt des Romans ist ganz anders, als zunächst vermutet. Er bietet unglaublichen Tiefgang und einen intensiven Blick auf eine Gesellschaft, die sich in den Wirren des Krieges nur teilweise neu definiert, teilweise jedoch einem sehr starren und gewalttätigen patronalem Gesellschaftsbild nachlebt. Die Autorin Simonetta Agnello Hornby macht keinen Halt vor klaren Worten. Sie zeichnet mafiöse Strukturen auf, die das Machtgefüge in Sizilien stark beeinflussen. Korruption und Vetternwirtschaft schlagen die sozialistischen Gedanken nieder, die Arbeiter bleiben auf der Strecke. Das wird durch die Kriege nicht besser. Besonders während des Zweiten Weltkriegs fühlen sich die Sizilianer von der Welt vergessen. Weder die von Mussolini eingeführten Neuerungen noch die generelle Entwicklung scheinen bis Sizilien durchzudringen. Da Simonetta Agnello Hornby ihren Protagonisten Giosuè zu einem wichtigen Mann im Staatsdienst macht, kann sie die Geschichte wunderbar aus seiner Sicht präsentieren. So kommen die Leserinnen und Leser also vielmehr zu einem eingehenden Blick auf die politische Entwicklung Siziliens als zu einer schmelzenden Liebesgeschichte.

Spannende Charaktere

Ganz so einfach ist es nicht, den Überblick über die vielen Figuren zu behalten. Das Personenregister zum Schluss des Buches gibt hier nur eine halbherzige Hilfestellung. Dennoch lohnt es sich, nötigenfalls auch mal ein paar Seiten zurück zu blättern, um sich den neuen Charakter und seine Verbindung nochmals genau anzusehen. Denn Simonetta Agnello Hornby hat äußerst interessante und stimmige Charaktere geschaffen, die in einem optimalen Zusammenspiel ein wichtiges Stück der italienischen Geschichte repräsentieren und dennoch den Leser ganz nahe an die menschliche Seite herankommen lassen. Maria ist nicht unfehlbar, Giosuè ist es auch nicht aber beide Figuren wachsen dem Leser unvermittelt ans Herz. Selbst der spielsüchtige Pietro wird nicht so unsympathisch dargestellt, dass es einem Schwarz-weiß-Bild gleich kommt. Er hat seine liebenswerten Seiten ebenso abbekommen, wie die anderen ihre schwierigen.

Eine ruhige Familiengeschichte

Der Jasmingarten bietet zwar eine Fülle von Informationen, doch sind diese so geschickt aufgebarbeitet, dass sie die Leser nicht erschlagen. Allerdings darf nicht von einer temporeichen Story ausgegangen werden, die ständig mit neuen Aspekten aufwartet. Es ist vielmehr eine ruhige Familiengeschichte, die sehr stark in die Tiefe geht und unglaublich viele Facetten aufweist. Der Jasmingarten ist ein Buch, das sich lohnt, im Bücherregal zu bleiben und später nochmals in die Hand genommen zu werden. Denn auch beim zweiten Lesen wird der Leser spannende Details entdecken, die ihm beim ersten Mal ob der opulenten Präsentation möglicherweise untergegangen sind.

Ihre Meinung zu »Simonetta Agnello Hornby: Der Jasmingarten«

Sagota zu »Simonetta Agnello Hornby: Der Jasmingarten«09.10.2017
Sizilien, Anfang des 20. Jahrhunderts:

Ignazio Marra, Anwalt und Anhänger der Sozialisten, war befreundet mit dem Vater von Giosuè, der bei einem Aufstand und hinterhältigen brutalen Niederschlag der Regierung sein Leben verlor und Giosuè hinterließ: Ignazio kümmerte sich nach dem Tod des Freundes um den Jungen und so wuchsen Maria, die Tochter des Anwalts und Giosuè zusammen auf. Sie verband eine enge Freundschaft, die ein Leben lang halten sollte...
Pietro Sala, der aus einer mächtigen Familie Siziliens stammt, ein Lebemann mit Sinn für alles Schöne, verliebt sich in die noch sehr junge Maria, hält um ihre Hand an - und heiratet sie schließlich.
Der Kontakt zu Giosuè, der Maria helfen möchte, sich für die Lehrerinnenprüfung vorzubereiten, reißt jedoch nicht ab und Giosuè ist fortan ein enger Freund der Familie....

So beginnt dieser Roman, der ein Gesellschaftsporträt der sizilianischen Gesellschaft ist, deren normale Bürger von Armut geprägt war und es ein großes Gefälle zwischen Aristokraten, Minenbesitzern wie den Salas und der armen Bevölkerung gab, die ob der schlechten Arbeitsbedingungen in jungen Jahren nicht selten auswanderten. Frauen wie Maria, die "nach oben" heirateten, waren dennoch oftmals schlecht gestellt und ohne Absicherung durch den Ehemann. In diesem Falle jedoch war der Schwiegervater Vito Sala gut beraten, die tatkräftige und kluge Maria trotz ihres jungen Alters in die Geschäfte einzuweihen und sie ob der Glücksspielsucht Pietros in die Verwaltung einzuführen: Sie sollte später diese leiten, um das Vermögen ihrer Kinder Anna, Vito und - viel später Rita - zu sichern, während Pietro eine Leibrente zustand.

"Der Jasmingarten" liest sich wie ein Einblick in die Welt einer wohlhabenden sizilianischen Familie, die ihr Erbe sichern will und trotz unruhiger Zeiten (der erste wie auch der zweite Weltkrieg stehen noch bevor) ein relativ gutes Leben führt; in Palazzi wohnt und durch den Besitz der Schwefelminen reich wurde. Allerdings zahlen die "Carusi", halbwüchsige Kinder, die den Hauern unterstehen und meist keine 30 Jahre alt werden, da sie unter erbärmlichen Bedingungen unter Tage arbeiten, einen hohen Preis für diese Art von Reichtum und Wohlstand.

Der Autorin gelingt es anhand von gut recherchierten politischen Fakten, das Sizilien - und Italien von etwa 1900 bis 1950 vor den Augen des Lesers wiederauferstehen zu lassen, indem sie ein facettenreiches und farbiges wie auch politisches Bild Italiens malt, das sowohl das Erstarken der Mafia, das Elend des Südens und der Reichtum des Nordens wie auch die Zeit Mussolinis beschreibt.

In all diese Beschreibungen und politischen Umbrüche spielt die Beziehung und die große Liebe zwischen Maria und Giosuè jedoch die bedeutendste Rolle - sie besteht selbst in Kriegswirren und ist unbezwingbar, teils auch sehr sinnlich beschrieben. Maria war durch ihre Klugheit, ihr soziales Engagement und ihre starke Empathie eine Sympathieträgerin für mich, Giosuè empfand ich als widersprüchlich - da er anfangs, in einem sozialistischen Haushalt aufgewachsen, ebenfalls sozialistische Meinungen vertrat, später jedoch "mit dem Faschismus (Mussolinis) zufrieden war" (Zitat), dieser Gesinnungswandel passte nicht, zumal er jüdischer Herkunft war und es in Italien niemanden entgehen konnte, was sich in Deutschland in diesen Jahren ereignete. So wird der aufkeimende Antisemitismus, der auch in Italien jüdische Familien zur Emigration bewegt, nicht ausgespart. Auch mit innerfamiliären Streitigkeiten seitens der Schwägerinnen, die Maria ihr Erbe des Schwiegervaters nicht gönnen, fließen immer wieder thematisch mit ein, ein sicher sehr realer Hintergrund.

Wer diesen Gesellschafts- und Liebesroman interessiert liest, kann eine ganze Menge über die italienische Geschichte lernen: Die Expansionspolitik Mussolinis, die dem Faschismus in Deutschland nicht nachstand, z..B. In den Kriegswirren wird es jedoch für die Liebenden zunehmend schwieriger, sich zu sehen, wenn Maria auch inzwischen Witwe ist. Der Roman endet in den späten 1940er Jahren und die Liebe zwischen Maria und Giosuè, wie auch zu den inzwischen erwachsenen Kindern besteht fort...

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, atmosphärisch und gut zu lesen; die 49 Romankapitel sind angenehm kurz gehalten und die Sinnlichkeit und Farbenpracht, der Ausdruck von Freude und Schmerz haben ihren angestammten Platz, der den Leser in die Palazzi des beginnenden 20. Jahrhunderts zu entführen vermag, leider fiel es mir dennoch etwas schwer, eine Beziehung zu den Hauptprotagonisten aufzubauen: Ich nahm sie recht distanziert wahr, mit Ausnahme von Maria.

Fazit:

Ich schließe mich gerne der Aussage an, dass dieser Roman der in Italien sehr bekannten Autorin "ein farbiges Gesellschaftsepos und (gleichzeitig) die Geschichte einer unbezwingbaren Liebe" zwischen Maria und Giosuè ist, die in all' ihren Facetten, sinnlich, voller Freude und auch Schmerzen beschrieben wird. Jedoch steht diese große Liebe für mich zu sehr im Vordergrund und ich hätte mir mehr historische und auch soziologische Einblicke in andere Gesellschaftsschichten Italiens gewünscht; hier liegt der Blickwinkel sehr in der Perspektive der "Palazzi", dem Hause Sala u.a., deren Reichtum auf den Besitz und der Unterhaltung der Schwefelminen zurückzuführen ist. Meine Wertung: 3,5 * und 87° auf der "Histo-Couch"
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