101, rue Condorcet, Clamart von Simon-Pierre Hamelin

Buchvorstellungund Rezension

101, rue Condorcet, Clamart von Simon-Pierre Hamelin

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „101, rue Condorcet, Clamart“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 90 Seiten.ISBN 3955101436.Übersetzung ins Deutsche von Regina Keil-Sagawe.

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Kurzgefasst:

101, rue Condorcet, Clamart – an der Pariser Peripherie. In den 30er Jahren, in einer engen Küche, an einem winzigen Tisch beugt sich die große russische Dichterin Marina Zwetajewa (1892-1941) über ihr blaues Heft. Draußen der graue, wolkenverhangene Himmel von Clamart, in ihr die Sehnsucht nach der fernen Heimat. Und vor dem Haus, in dem Marina Zwetajewa mit ihrer Familie im Exil lebt – ein Gerichtsvollzieher. Aber wo leben, wenn es die alte Heimat nicht mehr gibt, die Revolution sie bis zur Unkenntlichkeit verändert hat? Zwetajewas Mann Sergej Efron und ihre zwei Kinder, Alia und Mour, sind ihren Existenzängsten ganz ausgeliefert. Sich in den »geheimen Garten« des Schreibens zurückzuziehen und zumindest dort eine neue Welt zu erschaffen, ist ihnen nicht vergönnt.
Dasselbe Haus, achtzig Jahre später: Ein junger Schriftsteller besucht seine Familie in Paris. Und er entdeckt, dass sie die gleiche Adresse mit einer der wichtigsten Autorinnen der russischen Sprache teilen. Er entscheidet sich, im Namen von Marina Zwetajewa eine literarische Vergeltung an den Kleingeistern der Vororte zu üben.

Das meint Histo-Couch.de: „Russische Emigranten im Paris der 1930er Jahre“75

Rezension von Jörg Kijanski

1932: In einer kleinen Behelfswohnung leben die russische Dichterin Marina Zwetajewa, ihr Mann Sergej Efron sowie die beiden Kinder Mur und Alja. An einem kleinen Holztisch schreibt Marina in ihre blauen Heftchen Gedichte, jedoch ausschließlich in ihrer Muttersprache, was den Verkauf drastisch einschränkt. Ohnehin ist die wirtschaftliche Lage miserabel. Sergej geht, gesundheitlich stark eingeschränkt, nur Gelegenheitsjobs nach, die schlecht bezahlt sind. So bleibt es meist dem siebenjährigen Sohn Mur vorbehalten, bei einem älteren Nachbarn um Kohlen zu bitten, damit die karge Behausung wenigstens beheizt werden kann.

Teedämpfe, Kohlgeruch und Tabakrauch prägen die Geruchsempfindungen. Zudem ist das Haus in der rue Condorcet sehr voll. Fünfzehn Familien wohnen oder hausen hier, je nach Sichtweise. Paris gilt als größter Zufluchtsort für russische Emigranten. Nach Ende des Bürgerkrieges im November 1920 sind die meisten auf der Flucht und hier am Rande der Großstadt gestrandet. Von den einheimischen Nachbarn werden sie bestenfalls nicht beachtet. So träumt Marina wie viele ihrer Landsleute von einer Heimat, die es längst nicht mehr gibt und flüchtet vollends in ihre Lyrik.

„Haben Eure Helden mit dem selbstsicheren Lächeln denn nicht das harte Zeichen des Alphabets ausradiert, meine Muttersprache ihres Safts und ihrer Kraft beraubt? Es gibt kein Russland mehr, es klingt nicht nach Russland. Es gibt nur Buchstaben: SSSR, nichts als stimmlose Konsonanten, ohne Vokale, ohne jede Würze. Der bloße Gedanke daran schnürt mir die Kehle zu.“

Marina geht es schlecht, sie sorgt sich um die Zukunft ihrer Familie und um ihren Mann, der unbedingt zurück will: nach Russland. Doch dort herrschen Stalin und Berija, Marina selbst gilt als persona non grata, eine Rückkehr für sie ist undenkbar. Doch die neunzehnjährige Tochter Alja ist von der Idee ihres Vaters begeistert, will endlich raus aus dem Pariser Gefängnis.

In wortgewaltigen Beschreibungen stellt Simon-Pierre Hamelin die damalige Situation der Familie dar, beschreibt Ängste, Wünsche und Sehnsüchte in deren Mikrokosmos. Die Sorgen scheinen unlösbar als eines Tages der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Doch dieser hadert mit seinem eigenen Schicksal und sieht keinen Sinn mehr in einem Beruf, der offenbar nur dazu dient, den Ärmsten ihr letztes Hemd wegzunehmen.

„Das ist doch die reinste Klamurke, in die er hier kommt, was soll er hier schon groß beschlagnahmen? Unsere mottenzerfressenen Kleider, die zusammengerollt in den Kisten liegen, Ihre düstere Ikone dort im klapprigen Buffet, oder gleich das ganze minderwertige Möbel, oder Ihre Berge von Heften, oder meine zerstaubten Zeitungsstapel, an denen Mur sich delektiert und die Sie so entsetzlich finden; oder warum nicht gleich die Brösel unserer Erinnerung, unsere verflossenen Ruhmesblätter und Niederlagen, die wir endlos beschönigen?“

 101, rue Condorcet, Clamart. Ein aktuelles Buch zur Flüchtlingskrise? Nicht ganz, denn die Situation damals wie heute ist nur bedingt vergleichbar. Auch geht es dem Autor darum, der berühmten Dichterin ein kleines literarisches Denkmal zu setzen und stellvertretend für sie, dem (geistigen) Kleinbürgertum den Spiegel vorzuhalten. Da die „Erzählung“ aber nur rund achtzig Seiten umfasst, ist die Bezeichnung „Roman“ dann doch arg irreführend, zumal die aufgezählten Figuren jeweils nur wenige Seiten lang aus ihrer Sicht die Lage der Dinge darstellen. Gleichwohl ist das im Osburg Verlag erschiene Werk eine Betrachtung wert; für Leserinnen und Leser mit Beziehung zu Russland und zu anspruchsvoller Literatur auf jeden Fall.

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