Unter feindlicher Flagge von Sean Thomas Russell

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Under Enemy Colors“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 656 Seiten.ISBN 3-404-16041-X.Übersetzung ins Deutsche von Dr. Holger Hanowell.

»Unter feindlicher Flagge« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

Kurzgefasst:

1793. Der Konflikt zwischen England und Frankreich spitzt sich zu. Auch der Halbfranzose Charles Hayden, Lieutenant in der Royal Navy, bekommt die wachsende Feindseligkeit gegenüber Frankreich zu spüren, als er den verhassten Posten des Ersten Offiziers auf der Fregatte Themis übernehmen muss. Hier hat Captain Josiah Hart das Kommando, dem der Ruf eines Feiglings und Tyrannen vorauseilt. Zu Recht, wie Hayden am eigenen Leib erfahren muss, als die Fregatte in See sticht, um französische Kriegsschiffe aufzubringen. Trotzdem hält der junge Lieutenant an den militärischen Prinzipien von Pflicht und Gehorsam fest – und gerät so bald zwischen die Fronten einer meuternden Crew und eines brutalen Captains …

Das meint Histo-Couch.de: „Packender Seefahrerroman zur Französischen Revolution“96Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Im Jahr 1793 tobt in Frankreich die Revolution, und auch der Konflikt mit England spitzt sich zu. Charles Hyden, Sohn eines Engländers und einer Französin, hat wenig Kontakte und daher wenig Aufstiegschancen in der Royal Navy. Da kommt ihm ein Angebot gerade recht, als Erster Leutnant an Bord der Themis zu gehen. Dort soll er gewissermaßen als Spion Bericht über den Captain Josiah Hart erstatten.

Captain Hart jedoch ist einerseits ein Tyrann, der seine Männer wegen nichts beschuldigt und beschimpft, auf der anderen Seite ist er ein Feigling, der jeden Feindkontakt scheut, seine Mannschaft nicht trainiert und auch keine Prisen aufbringt, die man dem Feind entreissen kann. Das macht ihn bei der Mannschaft nicht beliebt, doch Handhabe hat man gegen ihn, der über ausreichend Kontakte in der Navy verfügt, nicht.

Als die Themis von Portsmouth aus aufbricht, um französische Schiffe aufzubringen, bekommt Hayden gleich Captain Harts Unmut zu spüren. Doch er hält an seinen Überzeugungen und Prinzipien fest und findet auch den einen oder anderen Offizier, der sich auf seine Seite schlägt. Doch immer wieder hat er Captain Hart gegen sich. Da bietet sich die Gelegenheit, ein französisches Schiff zu entern.

Ein Tyrann und Feigling zugleich

Sean Russell Thomas ist mit Unter feindlicher Flagge ein Start in eine neue Romanreihe aus der Zeit der Französischen Revolution gelungen, in der die Seeleute die tragende Rolle spielen. Er lässt seinen Helden Charles Hayden unter einem tyrannischen Captain dienen und leiden, und doch hat Hayden meist Oberwasser seinem Vorgesetzten gegenüber, immer am Rande der Legalität, und immer im Hinterkopf, wie gut die eine oder andere seiner Aktionen für seinen weiteren Lebenslauf sein wird.

Zwar werden viele Seefahrerbegriffe verwendet, aber auch, wenn man diese nicht versteht, überliest man sie bald und taucht ein in einen spannenden Roman, der den Leser kaum Atmen lässt. Thomas legt ein ungeheures Tempo vor, wenngleich es immer kleine ruhige Momente gibt, in denen der Leser viel über die Sitten und Gebräuche an Bord der Navy-Schiffe erfährt. So gelingen ihm auch kleine Charakterstudien der Offiziere und Seemänner, und zusammen ergeben sie ein buntes und schillerndes Bild der Zeit, wo es auf See rau zuging und man nur überleben konnte, wenn man zusammenhielt.

Sympathischer Held

Eingerahmt in ein nettes Privatleben, in dem Freunde ihn mit der charmanten Miss Henrietta verkuppeln möchten und er auch nicht abgeneigt ist, ist Charles Hayden auf dem besten Wege, sich einerseits beim Captain unbeliebt zu machen, durch seine Erfolge aber findet er auch anderen Schiffen andererseits schnell Befürworter, was ihn in Captain Harts Augen noch angreifbarer macht. Sämtliche Charaktere auf allen Schiffen sind gut beschrieben und ausgeleuchtet, und auch Haydens britisch-französische Herkunft tut dabei ihr übriges. Immerhin spricht er fliessend und akzentfrei französisch, so dass er prädestiniert ist für Landgänge, um fremde Häfen auszuspionieren. Dass solch ein Landausflug nicht nur glatt abläuft, zumal wenn Captain Hart weiterhin das Kommando hat, versteht sich von selbst. Hayden meistert die Situation und kann sich dabei bereits auf neue Freunde verlassen, die er durch sein Verhalten gewonnen hat. Es ist ein interessanter Prozess, der sich hier abspielt, die ganze Crew betreffend.

Spannende Dramaturgie

Dem Autor ist eine spannenden Handlung gelungen, die nichts zu wünschen übrig lässt. Da werden Schiffe geentert und Prisen gemacht, man liefert sich Schlachten und übernimmt feindliche Schiffe, die später wiederum angegriffen werden. Als Hayden nicht an Bord ist, meutert ein Teil der Mannschaft und setzt Captain Hart samt der halben Crew in Booten aus, die ausgerechnet von Haydens Prise eingefangen werden. Hayden will die Themis zurückerobern, als Captain der französischen Prise, und es kommt ihm unerwartet ein „echtes“ französisches Schiff zu Hilfe. Das ist packend und spannend und birgt in sich genügend Sprengstoff, der im übrigen auch reichlich genutzt wird.

Hat man sich erholt von den Begebenheiten auf See, geht die Verhandlung über die Vorfälle los, und auch das ist immer noch spannend. Wenngleich Hayden immer mehr der Überzeugung ist, in der Royal Navy keine Zukunft mehr zu haben und es für ihn tatsächlich nicht gut aussieht, spinnen sich weitere Intrigen, und es wird wirklich knapp. Captain Hart ist nicht nur auf See ein Tyrann.

Rundum gelungen

Ein Nachwort über Geschichte und Fiktion und ein Glossar ergänzen den hervorragend gelungenen Roman, der Appetit auf mehr macht. Warum kann Geschichte nicht immer so spannend sein? In jedem Fall hat man den Roman in Rekordzeit gelesen, trotz seiner immerhin 650 Seiten, und das kommt beileibe nicht oft vor.

Sean Thomas Russell beweist mit Unter feindlicher Flagge, dass maritime Romane nichts an Spannung verloren haben. Er braucht den Vergleich mit der Hornblower-Reihe von C. S. Forester oder den Master and Commander-Büchern von Patrick O’Brian nicht zu scheuen, im Gegenteil, er erweist sich als würdiger Nachfolger in diesem Genre. Mögen diesem Roman noch viele weitere um Charles Hayden folgen und den Leser genauso fesseln und unterhalten wie dieser.

Ihre Meinung zu »Sean Thomas Russell: Unter feindlicher Flagge«

Hagane-Kotetsu zu »Sean Thomas Russell: Unter feindlicher Flagge«28.05.2014
1793, mitten im Krieg zwischen England und Frankreich hofft der halbfranzösische junge Leutnant Charles Hayden sehnsüchtig auf sein erstes Kommando in der Royal Navy. Stattdessen bekommt er die undankbare Aufgabe, Kapitän Josiah Hart von der "Themis" als Erster Offizier und Babysitter zu dienen. Hart gilt unter der Hand als Feigling und Tyrann, doch leider hat er durch seine Frau Freunde in den höchsten Kreisen und Hayden muss nun versuchen, quasi gegen den Willen seines Kapitäns, der keine Gelegenheit auslässt, ihn zu demütigen, das höchst unglückliche Schiff in den Krieg zu führen. Nicht hilfreich dabei ist, dass Hayden zwar der Krone treu dient, seine französische Seite aber auch nie vergessen kann.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Hayden ist ein interessanter und sympathischer Held, bei dem die doppelte Nationalität, die ihm oft schwer zu schaffen macht, durchaus mehr ist als ein exotisches Merkmal, um ihn auffälliger zu machen. Es ist hübsch gemacht, wie er zwischendurch, nicht zuletzt wenn er sich im Zug einer Kriegslist als Franzose "ausgeben" muss, heftige innere Konflikte auszustehen hat. Die Nebenfiguren, wie z.B. der Midshipman Wickham, der bald zu Hayden engstem Vertrauten wird, der Kommandant der Seesoldaten oder der Schiffsarzt, etc. sind auch recht schön lebendig. Ein wenig blass bleiben die Kontrahenten, wie der feige Kapitän und der speichelleckerische zweite Leutnant, was aber nicht so sehr ins Gewicht fällt, weil sie einfach ihre Rollen erfüllen. Auch die Mannschaft bleibt ein bisschen schattenhaft, aber da der Fokus auf den Offizieren liegt, ist das auch nicht wirklich ein Problem.
Es mangelt auch nicht an Spannung, da Hayden in eine Menge Gefechte verwickelt ist, die nicht einfacher gemacht werden durch die Haltung seines Kapitäns zu ihm. Gekrönt wird das Ganze am Ende durch eine Kriegsgerichtsverhandlung, die tatsächlich nicht minder spannend war, als die Kampfhandlungen.
Das einzige, worauf ich hätte verzichten können, war die Quasi-Liebesgeschichte, da die entsprechende Dame die Worte "Love interest" schon beim ersten Auftritt auf die Stirn tätowiert hatte. Nicht, dass es gestört hätte oder dass ich Hayden sein Liebesglück nicht gönnen würde, es hat nur zwischendurch ein wenig die Spannung herausgenommen und wirkte auf mich ein bisschen aufgesetzt.
Am meisten gefallen hat mir hier, dass Hayden zwar ein guter Mensch ist, aber weit entfernt ist von den politisch korrekten historischen Helden, die mir so zum Halse heraushängen.
Was den Vergleich mit den großen Namen C.S. Forester und Patrick O'Brian betrifft, so muss den wohl fast jeder scheuen, da diese beiden Herren meiner Ansicht nach in jeder Hinsicht in einer anderen Liga geschrieben haben. Aber trotzdem sticht Russell doch aus der Masse an marinehistorischen Autoren hervor. Sehr schön fand ich persönlich, dass ich hier - vielleicht positiv paranoid - Spuren nicht nur von O'Brian und Forester, sondern auch von meinem guilty pleasure, Dudley Popes "Ramage" gefunden habe, denn keiner der marinehistorischen Autoren hat Kriegsgerichtsverhandlungen so hingebungsvoll begeistert beschrieben wie Pope, weshalb mich dieser Teil des Buches wiederum an ihn erinnert hat.

Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort des Autors, wo er die historischen Hintergründe und seine Abweichungen davon erklärt. Sehr löblich finde ich, dass er auch erklärt, warum seine "Themis" eigentlich nicht ganz in ihre Zeit passt. Für jemanden wie mich, die ich dieses Genre rein erzählerisch mag, ohne mich besonders gut bei den technischen Aspekten auszukennnen, ist es beruhigend zu wissen, dass er sich echt Gedanken darüber gemacht hat.

Den Namen Sean Thomas Russell werde ich mir sehr gerne merken und auf Band 2, "Die letzte Eskorte", bin ich jetzt schon gespannt. "Unter feindlicher Flagge" bewerte ich mit sehr guten 90 Grad.
Ihr Kommentar zu Unter feindlicher Flagge

Hinweis:Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen.Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre.Werbung ist nicht gestattet.Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.