München von Robert Harris

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Munich“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 432 Seiten.ISBN 3-453-27143-2.Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Müller.

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Kurzgefasst:

September 1938 – in München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. Der Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Den Zugang zur Delegation hat er sich erschlichen. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler. Legat und von Hartmann verbindet eine Freundschaft, seit sie in Oxford gemeinsam studiert haben. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder. Wie weit müssen sie gehen, wenn sie den drohenden Krieg verhindern wollen?

Das meint Histo-Couch.de: „Packende Zeitgeschichte“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Der neue Roman München von Bestsellerautor Robert Harris spielt in der Zeit vom 27. bis 30. September 1938 und beleuchtet die dramatischen Geschehnisse rund um das Zustandekommen des „Münchner Abkommens“, welches in der Nacht vom 29. auf den 30. September unterzeichnet wurde. Wegen der Sudetenkrise taumelte die Welt irrlichternd auf einen neuen Krieg zu, der so eben noch verhindert werden konnte. Es war der Höhepunkt der sogenannten Appeasement-Politik der Briten gegenüber dem Deutschen Reich, ein Begriff, der seit Ende des Zweiten Weltkrieges durchweg negativ besetzt ist und das Nachgeben um jeden Preis gegenüber Diktatoren meint.

„Die Wahrheit über Hitler ist, und das habe ich im Laufe des Sommers begriffen, dass er den Krieg mit der Tschechoslowakei unter allen Umständen will. Er unterliegt der Illusion, ein genialer Feldherr zu sein, obwohl er es nur bis zum Gefreiten gebracht hat. Wenn man das nicht versteht, dann versteht man den ganzen Mann nicht.“

Der Abschluss des Abkommens wurde von der deutschen Propaganda als großer Erfolg gefeiert, denn schließlich konnten drei Millionen Deutsche durch die Abtretung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei heim ins Reich geholt werden, ohne dass ein einziger Schuss fiel. Ein weiterer vermeintlicher Geniestreich des Führers, der in Wirklichkeit viel lieber Krieg geführt hätte. Das befürchtet zumindest Paul von Hartmann, der im Außenministerium als Dolmetscher arbeitet und einer kleinen Widerstandsgruppe angehört. Offenbar ist ein Teil des Heeres bereit, Hitler festzunehmen, sollte dieser gewaltsam in die Tschechoslowakei einmarschieren. Dies geschieht jedoch nicht aus moralischen Gründen, sondern ist allein der Tatsache geschuldet, dass man davon ausgeht, im Falle eines Krieges mit Frankreich und England zu unterliegen. Von Hartmann gelingt es, sich unter die Teilnehmer der Münchner Konferenz zu mogeln, wo er seinem alten Studienfreund aus Oxford, Hugh Legat, geheime Dokumente übergeben möchte, die den britischen Premierminister (PM) Neville Chamberlain von Hitlers Kriegsplänen in Kenntnis setzen soll.

Einblicke in die Zentren der Macht und deren Mechanismen

Hugh Legat, dritter Privatsekretär des PM, erlebt derweil in Downing Street 10 die letzten Stunden vor Ablauf des Ultimatums und einem vermeintlichen neuen Krieg mitten in Europa. Anders als Außenminister Halifax, der gegenüber Hitler Härte zeigen möchte, ist Chamberlain zu Zugeständnissen bereit. Für ihn gilt es den Frieden zu retten, egal zu welchem Preis. So wird im vorliegenden Buch nicht Hitler zum gefeierten Mann, der seine Landsleute friedlich ins Reich holte, sondern aus Sicht von Harris der britische PM, der den Weltfrieden rettete (wenngleich bekanntlich nur für ein weiteres Jahr).

„Werden Sie das Kabinett informieren?“

„Nein.“

„Ist das verfassungskonform?“

„Das weiß ich nicht. Aber offen gesagt, was spielt das in diesem Stadium noch für eine Rolle? Entweder es klappt, dann sind alle so erleichtert, dass keiner mehr groß herumnörgelt, oder es klappt nicht, dann haben wir alle Hände voll zu tun, unsere Gasmasken anzuprobieren.“

Robert Harris Protagonisten sind die beiden ehemaligen Oxford-Studenten Paul von Hartmann und Hugh Legat, die abwechselnd im Fokus der Ereignisse stehen. Durch sie erlebt der Leser die Geschehnisse, aber auch die technischen Abläufe der großen Politik. Umfangreiche, oft hektische Büroarbeit wird detailliert geschildert, was folgt ist ein berauschender Einblick in die Zentren der Macht. Dabei müssen sich von Hartmann und Legat ständig vorsehen. Von Hartmann steht unter Beobachtung eines SS-Mannes, während Legat mit dem misstrauischen Ersten Privatsekretär des PM zu kämpfen hat. Intrigen und hausinterne Machtspiele treffen auf Verrat in unterschiedlichster Form. Moral und Loyalität findet sich eher selten. Wem kann man trauen, wenn sich schon die höchsten Staatschefs mit gegenseitigem Misstrauen und Abscheu begegnen? Die beklemmende Atmosphäre und detaillierte Einblicke in die große Welt der Politik machen den Reiz des Romans aus, dessen Ausgang allerdings bekannt ist. Über die Bewertung von Chamberlains Appeasement-Politik streiten bis heute die Historiker. Robert Harris liefert neben einem packenden Plot Argumente für beide Seiten.

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