Engelsflug von Robert Baur

Buchvorstellungund Rezension

Engelsflug von Robert Baur

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Engelsflug“,, 407 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Berlin, 1927. Während die Hauptstadt ihren Aufschwung feiert, hat sich Exkommissar Grenfeld in einem Dachatelier verschanzt. Er will seine Ruhe. Doch als Zeuge eines brutalen Mordes gerät er unaufhaltsam in einen Strudel von Ereignissen, die ihm alles abverlangen. Sein einziger Verbündeter scheint ein Straßenjunge zu sein. Mit ihm kriecht er durch unterirdische Tunnels und klettert über die Dächer der Stadt. Er ermittelt in Flüchtlingslagern, der ersten Moschee auf deutschem Boden und landet zuletzt im Zirkus – immer auf der Suche nach dem Täter.

Das meint Histo-Couch.de: „Spannung im Zirkusmilieu“85Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Berlin, Januar 1927. Robert Grenfeld, ehemaliger Kommissar der Berliner Polizei und nun als Privatermittler mit eigenem Büro unterwegs, hat mit seiner Frau Helen eine Revue im Ufa-Palast besucht und im abendlichen Getümmel wollen sie sich auf den Heimweg machen. Da beobachtet Grenfeld, wie ein Taxi einen Mann überfährt, wie Grenfeld meint, in voller Absicht. Grenfeld rennt zu ihm hin und stellt fest, dass der Mann nicht mehr zu retten ist und wie automatisch durchsucht er ihn und steckt einen Hotelschlüssel und einen Zettel ein. Ein Hotelpage erscheint und sagt ihm, dass er bereits die Polizei gerufen hätte. So endet der Abend anders als gedacht.

Am nächsten Tag wird Grenfeld von der Galeristin, die ihre Galerie über dem Büro von Grenfeld im selben Haus hat, damit beauftragt, ein Bild zu suchen, eine Lithografie, die aus ihrer Galerie gestohlen worden sein soll. Dafür stellt sie ihm Olja zur Verfügung, die bei ihr arbeitet und die lieber ins Abenteuer möchte als in einem Büro zu versauern. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Bild, doch auch der überfahrene Mann lässt Grenfeld keine Ruhe und er forscht nach und beginnt, Leute zu befragen, die den Vorfall beobachtet haben könnten.

Dabei stellt sich heraus, dass der Page, der den Vorfall ebenfalls gesehen hat, inzwischen aus dem vierten Stock des Hotels gefallen und zu Tode gekommen ist. Grenfeld ermittelt weiter und stösst mithilfe von Olja auf die Geschichte eines Mädchens, das in der Zirkuswelt zu Hause ist und eine Seiltänzerin ist. Mit Unterstützung des obdachlosen Jonny und seinem Affen tauchen Grenfeld und Olja in die Tiefen und Höhen Berlins ab und decken gegen den Willen der Polizei Geheimnisse auf, die besser Geheimnisse geblieben wären und wecken schlafende Hunde, die auch besser liegen geblieben wären. Und zu allem steht die Ehe mit Helen immer noch auf der Kippe …

Berlin in den 1920ern

Wer bereits Mord in Metropolis desselben Autors gelesen hat – was durchaus zu empfehlen ist, zum Verständnis des Romans aber nicht notwendig ist – , wird schmunzeln, dass Robert Baur seinen Namensvettern Robert Grenfeld zu Beginn des Romans aus der Premiere des Film „Metropolis“ kommen lässt, wodurch der eine Roman direkt an den anderen anschliesst. Noch immer steht die Ehe der beiden auf der Kippe, und so ganz glücklich sind die beiden immer noch nicht miteinander, das kennen wir schon aus dem ersten Band, und auch das wir sich nicht unbedingt ändern, auch wenn es vielleicht den Anschein haben mag.

Wie aber bereits im ersten Teil gerät Grenfeld mehr oder weniger zufällig in einen Fall, den er letztlich selbst zu einem erklärt, denn niemand will ihm glauben, dass der Taxifahrer den Passanten aus Versehen, sondern mit Absicht überfahren hat. Viele Menschen vor Ort, keiner hat dasselbe gesehen wie er, und doch macht er mit seinen Ermittlungen ordentlich Wind und ruft damit auch seine Ex-Kollegen auf dem Plan, allen voran die Berliner Legende Ernst Gennat, der Grenfeld wieder in seinem Team haben möchte, ob wegen seiner Intelligenz oder weil er ihn dann besser unter Kontrolle hat und er zumindest Rapport schuldig ist, bleibt offen.

Ein nicht immer sympathischer Ermittler

Grenfeld ist ein Einzelgänger, ermittelt allein und nur widerwillig mit Hilfe, in diesem Fall ist es Olja aus der Galerie über Grenfelds Büro, man kennt sich vom sehen, aber da Grenfeld noch nie Kundschaft als Privatermittler hatte, darf er nun im Auftrag der Galeristin ran und eine Lithografie wiederfinden, die gestohlen worden ist. Dass der Diebstahl mit dem vermeintlichen Unfall in Zusammenhang stehen, zeigt sich alsbald, zumal der beim Opfer gefundene Zettel eine Zeichnung der Lithografie ist. Die Ermittlungen bringen Grenfeld zunächst irgendwie nicht weiter, auch wenn er sich eigentlich nicht ungeschickt anstellt und versucht, seine Quellen zu nutzen, wie es auch Olja macht. Durch den betreffenden Taxifahrer namens Alexander Kaleko, der in seiner russischen Heimat ein Professor für bestimme slawische Sprachen war, kommt er der Sache allmählich näher, wenngleich dieser einen Mord abstreitet.

Das Bild, das Grenfeld wiederbeschaffen soll, zeigt eine Szene aus einem Zirkus, und so finden sich schnell einige Veranstalter, die derzeit in Berlin gastieren. Hier beschreibt der Autor das Zirkuswesen der Zeit, mit seinen Wanderzirkussen und ihren Problemen, viele stehen vor dem Bankrott, da es in den glänzenden Revuen und in den neuen Kinosälen neue Konkurrenz gibt, gegen die die Zirkusse wohl dauerhaft keine Existenzchancen haben werden. Wer sich nicht von den anderen mit etwas besonderen abhebt, wird vielleicht eine Chance haben, und so findet sich ein Zirkus, der ein kleines Mädchen namens Amina beschäftigt, die in eben der Enklave groß geworden ist, in der man den Dialekt spricht, über den der Taxifahrer habilitiert hat. Die Verbindung ist hergestellt, und es stellt sich heraus, dass das Mädchen aus einer Gegend stammt, aus der aus irgendwelchen Gründen viele talentierte Hochseilartisten stammen. So konstruieren sie eine waghalsige Nummer mit dem Titel „Engelsflug“, in dem das Mädchen auf dem Seil aus dem oberen Loch in der Mitte des Zelts spazieren und mit einem Ballon davonfliegen soll, das Ganze im Engelskostüm.

Autor Robert Baur hat einen vielschichtigen Kriminalfall mit mehreren Geschichten und Erzählebenen konstruiert, bei dem man leicht den Überblick verlieren kann und wo man sich fragt, ob es ihm jemals gelingen wird, das alles zu entwirren und zu einem sinnvollen Ende zu bringen. Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, wo der Roman zu Ende sein könnte, weil eigentlich alles erledigt ist, aber Grenfeld findet noch ein Haar in der Suppe und die Probleme werden größer statt kleiner. Da müssen Versprechen gehalten und Menschen vor sich selbst gerettet werden, und Grenfeld stemmt zusammen mit Olja und dem Affenbesitzer Jonny, den er von der Straße holt und beim Zirkus unterbringt, jede brenzlige Situation. Auch als Amina entführt wird, gibt er nicht auf und holt seinen alten Bekannten Machowski aus der Berliner Unterwelt zu Hilfe.

Gut eingefangene Atmosphäre

Überhaupt kennt sich Robert Baur aus im Berlin der Zwanziger Jahre. Das hat alles Hand und Fuß, und er beschreibt trefflich die Stadt und ihren Flair, der zu der Zeit herrschte. Es war eine spannende Zeit, man war im Aufbruch und gleichzeitig spürt man, dass es unter der Decke bereits brodelt und es irgendwann zur Katastrophe kommen muss. Dies alles verfolgt der Autor wortgewandt und spannend und schafft für den Leser eine Atmosphäre, die in mitten hinein entführt in die Hauptstadt des Deutschen Reiches.

Auch die Personenzeichnung ist gelungen und es gibt nicht nur Charaktere, sondern auch Typen, die die Stadt und den Roman ausmachen. Neben verschrobenen Zirkusleuten sind das die Männer von Gennats Inspektion und natürlich Olja, Amina und Jonny, der Hauptverdächtige Kaleko und viele weitere bunt gewürfelte Menschen aus der damaligen Welt. Baur malt seine Figuren nicht schwarz-weiß, sondern gibt jedem individuelle Züge, und das macht den Roman aus und macht ihn lebendig und zieht den Leser mit hinein ins Geschehen.

Den Leser erwartet ein spannender Roman mit vielen Wendungen, teilweise überraschend, einigen Toten und einem besonders gut beobachtetem Flair der Zeit. Die Handlung überholt sich gelegentlich selbst, da muss man genau lesen und am Ball bleiben und sollte nicht zu lange Lesepausen machen. Ein Nachwort erklärt die historischen Ereignisse und Personen und sei daher wärmstens empfohlen. Wer bereits den Vorgänger gelesen hat, was ebenfalls zu empfehlen ist, wird einige Parallelen entdecken, was aber nicht stört, im Gegenteil. Und bereits das Buchcover mit seinem originellen Schwarzweißfoto aus dem Zirkusleben der damaligen Zeit. Man darf gespannt sein auf die nächsten Ermittlungen des Hauptdarstellers, die bereits für Herbst diesen Jahres angekündigt sind. Freunde von Krimis aus der Zeit und dem Umfeld sollten das nicht verpassen!

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