Die Zweifel des Salai von Rita Monaldi & Francesco Sorti

Buchvorstellungund Rezension

Die Zweifel des Salai von Rita Monaldi & Francesco Sorti

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „I dubbi di Salai“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 506 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Annette Kopetzki.

»Die Zweifel des Salai« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

Kurzgefasst:

Rom im Frühjahr 1501: Der schöne Frauenheld Salaì, ein dickköpfiger Dieb und Lügner, trifft mit seinem Stiefvater aus Florenz ein. Was dieser nicht weiß: Salaì hat den Auftrag, ihn auszuspionieren und einen unbekannten Herrn aus Florenz auf dem Laufenden zu halten.Durch den blutigen Mord an einem päpstlichen Skribenten stoßen die beiden auf einen seltsamen Klub deutscher Prälaten, Bankiers und Literaten, der mit allerlei Fälschungen die größte Revolution aller Zeiten vorbereitet. Was Salaì hier aufdeckt, war schon immer für alle sichtbar – aber niemand will davon wissen Eine allzu gefährliche Angelegenheit für den konfusen, unschlüssigen Stiefvater, der seine Zeit mit bizarren Erfindungen verschwendet: ein gewisser Leonardo da Vinci.

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Schelmenroman über die Neutralität von Geschichtsschreibung“84

Rezension von Almut Oetjen

Leonardo da Vinci und sein Ziehsohn Salai gehen im Jahr 1501 nach Rom, wo Leonardo einen Auftrag zu erledigen hat. Dabei erlebt Salai Abenteuer, verbringt seine Zeit mit sexuellen und anderen Ausschweifungen, gerät mit Leonardo in eine Verschwörung gegen den Borgia-Papst Alexander VI., der von Alemannen gestürzt werden soll, und erfährt von der Existenz der „Germania“ des Tacitus, bei der es sich um eine Fälschung aus dem 15. Jahrhundert handeln soll. Salai schreibt während seines Aufenthaltes Briefe an einen Patron, dessen Name erst im letzten Brief genannt wird.

Eine reizvolle Konstruktion

Die Zweifel des Salai besteht aus einem Briefroman und einem Sachtext. Monaldi & Sorti haben insgesamt drei Funktionen inne: sie sind Autoren ihres Buchs und machen sich selbst zu fiktiven Herausgebern und Kommentatoren der als authentisch ausgegebenen, tatsächlich jedoch fiktiven Briefe Salais. Zu Beginn klären sie uns über die „aufsehenerregende Entdeckung der Briefe Salais“ auf, deren künstlerischer und historischer Wert unermesslich sein soll. Sie verschränken bereits hier Fiktion und Realität, indem sie schreiben, die Briefe seien in einem Altersheim in Mailand gefunden worden. Damit behaupten sie deren Echtheit, die sie durch die Bezeichnung ihres Buches als „Roman“ im Vorfeld widerlegen.

Es folgen 68 Briefe, die mit Salais Durchstreichungen und Änderungen, Zeichnungen und Reproduktionen von Materialien wiedergegeben werden. Salai muss ein unermüdlicher Schreiber gewesen sein. Manche seiner Briefe sind um zehn Druckseiten, vier Stück rund 16 Druckseiten lang. Einige Stellen sind mit Fußnoten versehen. Den Briefen folgt ein umfangreicher Sachtext von rund 100 Seiten, überschrieben mit „Ein Apolog“. Monaldi & Sorti lassen sich darin über Aspekte der Briefe, der handelnden Personen und der Zeit aus. Sie begründen, warum sie das Buch geschrieben haben und bezeichnen insbesondere die Kampagne gegen Papst Alexander VI. sowie die „Germania“ als Fälschung, was sie über andere Fälschungen von Büchern und Korrespondenzen zur grundsätzlichen Diskussion der Fälschung von Geschichte bringt.

Ein Schelmenroman und zwei abenteuerliche historische Konstrukte

Die Briefe Salais stellen Leonardo als dumpfen und sich ständig in Geldnot befindenden Betrüger dar, der das antike Erbe Italiens plündert und als sein Werk ausgibt. Salai beschreibt seinen Ziehvater als einen unfähigen Mann, der keins seiner Werke selbst vollenden kann und seine Maschinen aus griechischen Manuskripten verkehrt kopiert, weshalb Geräte nicht funktionieren, die auf dieser Grundlage produziert werden. In diese Erzählung arbeiten die Autoren die beiden verschwörungstheoretischen Konstrukte um die „Germania“ von Tacitus und Papst Alexander VI. ein.

Die „Germania“, eines der bedeutendsten historisch-literarischen Werke der Antike, ist laut Die Zweifel des Salai im 15. Jahrhundert in einer Absicht entstanden, die Salai so formuliert:

 

Diese Entdeckung war unglaublich wichtig, nemlich so kriegten die armen Teutschen die keine Geschichte von ihrem Volk hatten endlich auch eine edle und rühmliche Vergangenheit als wie die Italiener (...).

 

In der Erzählung um den Borgia-Papst Alexander VI. berufen sich die Autoren auf die Tagebücher des päpstlichen Zeremonienmeisters Johannes Burkard (gelebt um 1450-1506). Die historische Sicht, die Alexander als einen Papst hinstellt, der sexuelle Exzesse gelebt hat, Giftmörder und Vater seines Enkels gewesen ist, bezeichnen sie als Propaganda. Manches aus dem wüsten Leben des Papstes Alexander VI. hat Burkhard gemäß Monaldi & Sorti aus Boccaccios Das Dekameron entnommen. Im Anhang liefern sie eine Textstelle aus Boccaccios Werk und ein Plagiat dieses Textes von Burkard.

Ein Vorschlag zum Lesen des Romans

Natürlich kann man die beiden Teile des Buches unabhängig voneinander lesen. Aber sie gehören zwingend zusammen, inhaltlich wie formal, was bereits die Konstruktion andeutet, in der die Autoren eine Rahmung als Herausgeber vornehmen und als Kommentatoren in den Briefteil eingreifen.
Wer nur die Briefe liest, wird weitgehend gut unterhalten, in Abhängigkeit davon, wie groß die Bereitschaft ist, rund 400 Seiten das Schwadronieren des Briefschreibers in bedenkenswerter Rechtschreibung und Grammatik zu ertragen.

Die Briefe sind amüsant, und es macht Spaß, dem frechen und vorlauten, ständig an sein Vergnügen denkenden Salai auf seinen Streifzügen durch das Intrigantenstadl Rom und die vielfältigen Liebeslager zu folgen.

 

Ihre Meinung zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«

Ralf Hesse zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«14.01.2013
Man merkt, daß hier einiges an Recherche im Hintergrund verborgen ist. Indes wird für feiner emfpindende Zeitgenossen der künstlich grob-dümmliche Schreibstil zur echten Belastung - es tut schon weh und es war dann ein Grund für mich von diesem Buch ab Seite 93 nur noch die wissenschaftlichen Anmerkungen zu lesen. Ich hätte mir eine etwas intelligentere Story gewünscht, die schon vom Schreibstil her erträglicher gewesen wäre. So stellen die Autoren sich mit Ihrem Stil quasi auf das Podest eines "Dummen-Einpeitschers" der den renitent ignoranten Fachkollegen "mit dümmlicher Gewalt" die "Wahrheit" einprügeln will. Das entspricht imho nicht so ganz dem christlichen Ideal...

Mit großem Bedauern

Ralf Hesse
Menseken zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«27.04.2012
Nachdem ich gerade das letzte Buch von Monald&Sorti gelesen habe (Das Mysterium der Zeit), fand ich doch deren "aufklärerische" Arbeit so faszinierend, dass ich auch das vor längerer Zeit gelesene Salai-Buch wieder zur Hand genommen habe.

Erst einmal:
M&S sagen sehr klar, dass die Salai-Korrespondenz frei erfunden ist, belegen aber, dass dieser sehr wohl für einige Potentaten "Berichte" schrieb, also die fiktiven Informationen nicht unrealistisch sein müssen.

Zweitens:
Der Plot um den Borgia-Papst Alex.VI scheint nach der Hauptquelle (der belgische Pater De Roo) absolut wahr, die vielen Schauergeschichten/märchen um ihn wiederrum eine postume Fälschung zu sein!
(Siehe Link auf der M&S-Seite zu eingescannten Büchern.)
Aus welchen Motiven auch immer... (nach dem Tod seines Papst-Onkels Calixtus wurden Paläste der spanischen Familie in Rom geplündert und verwüstet: die Orsini und Colonna waren wohl "feindlich gesinnt"...).

Wer das Nachwort liest, wird z.B. hören, dass Borgia (noch als Kardinal vor der Abfahrt der Kreuzfahrer in Ancona) fast einer Pestepidemie zum Opfer gefallen wäre, von den Ärzten schon aufgegeben, mit dem Kommentar, er "hätte mit anderen in einem Bett geschlafen".
Die Stadt war etwa 20fach überbelegt (Ritter...), selbst der Papst hatte nur ein Zimmer in einem kleinen Haus, und die Betten waren zu der Zeit so groß, dass oft mehrere Reisende in einem schliefen - spätere Historiker deuteten das so um, er "habe selbst vor der Kreuzfahrt mit Huren geschlafen und offensichtlich die Syphilis gehabt".

(Das Buch von De Roo ist auf englisch geschrieben und leicht verständlich, wenn auch etwas sehr umfangreich...)
Dipl.-Ing. Helunt Steiner zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«18.06.2011
Immerhin hat das ungewöhnliche Werk eine gewisse Nachdenklichkeit zu Leonardo in mir ausgelöst. Der diebische, geile und in den Tag lebende Hauptheld in seiner verräterischen Zuträgerei ist immerhin ein wunderbarer Spiegel nicht nur der damaligen Gesellschaft. Ich bin aber leider noch nicht ganz durch mit dieser schwierigen Lektüre, wurde von anderen Geschichteschreibern wohl unterbrochen. Wann kommt die wundersame Wendung?
Sana zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«22.09.2010
Man liebt diesen Roman oder man hasst ihn - bei mir blieb es irgendwo dazwischen. Grobianistischer Lesegenuss trifft es sehr gut - aber eben mit dem derben Stil hatte ich meine Probleme. Weniger mit der Story, die wirklich klasse ist, und trotz wohlbekannter Figuren einiges an Spannung und Überraschungen zu bieten hat. Ich habe den Roman zu Ende gelesen, weil er gut konstruiert ist aber so richtig warm wurde ich nicht mit den Charakteren. Imprimatur und Secretum habe ich verschlungen, aber hier fiel es mir schwer, dran zu bleiben. Schade eigentlich. Ich warte auf Neues von diesem bemerkenswerten Autorenduo.
Elisabeth zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«22.01.2009
Ich kenne kaum ein Buch, das die Leser derart polarisiert, wie dieses. Entweder man liebt das Buch, und erkennt es als richtiges Meisterwerk, oder man versteht es gar nicht und hasst es! Ich LIEBE es! Es hat mich von Anfang an fasziniert, wie die immer tollen Monaldi & Sorti sich mit Salai deftig amüsieren und dabei die vorreformatorischen Fälschungen gegen die römische Kirche vor uns ausbreiten. Hinzu kommt, dass das Buch Wendungen nimmt, die absolut erstaunlich sind. Ob ich das Buch empfehlen kann? Unbedingt!
Michael zu »Rita Monaldi & Francesco Sorti: Die Zweifel des Salai«07.11.2008
"Die Zweifel des Salaì" ist in seiner stilistischen Meisterschaft und der genau kalkulierten Komik ein grobianistisches Lesevergnügen.
Dieses Buch mischt die deutsche Frühgeschichte der Renaissance gewaltig auf und nimmt die geifernde Papstkritik der Luther-Zeit wie eine große Büttenrede auf den Arm.
Das Genre des historischen Thrillers bedienen Monaldi/Sorti dabei mit Grandezza: Sie lassen Leonardo da Vinci im päpstlichen Rom des sittenlosen Borgia-Papstes ermitteln, lassen polternde alemannische Intriganten am Papstthron sägen und einen toskanischen Straßenjungen, Leonardos Ziehsohn Salaì eben, die erotischen und kulinarischen Genüsse Roms durchkosten.
Diese Konstellation macht "Die Zweifel des Salaì" nicht nur zu einem Historienkrimi auf dem Niveau von Ecos "Name der Rose", sondern auch zu einem grobianistischen Lesegenuss.
Ihr Kommentar zu Die Zweifel des Salai

Hinweis:Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen.Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre.Werbung ist nicht gestattet.Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.