Um Reich und Krone von Philippa Gregory

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „The Last Tudor“,deutsche Ausgabe erstmals 2018, 608 Seiten.ISBN 978-3-499-27460-2.Übersetzung ins Deutsche von Anja Schünemann.

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Kurzgefasst:

Jane: Königin von England für neun Tage, wird die junge Jane Grey von der Halbschwester des Königs Mary in den Tower gesperrt und bezahlt für die Machtgier ihres Vaters auf dem Schafott.
Katherine: Lerne zu sterben, schreibt Jane an ihre lebensfreudige Schwester Katherine der die unfruchtbare Königin Mary und dann Königin Elizabeth niemals zugestehen werden, einen Tudor-Sohn zu gebären. Als ihre Schwangerschaft entdeckt wird, steht sie nur noch wenige Schritte von Janes Los entfernt.
Mary: Missachtet zu Hofe, meidet die kleinwüchsige Mary die misstrauischen Blicke der Königin. Nach dem Schicksal ihrer Schwestern wird ihr nur allzu bewusst, in welcher Gefahr sie schwebt. Was wird geschehen, wenn die Letzte aus dem Geschlecht der Tudors der skrupellosen Königin Elizabeth die Stirn bietet?

Das meint Histo-Couch.de: „Ein tödliches Erbe“94Treffer

Rezension von Annette Gloser

England, 1553: Selten findet man wohl Schwestern, die unterschiedlicher sind als die Töchter der Familie Grey. Jane, die Älteste, gilt als Gelehrte und theologisches Licht am Himmel der Reformation. Katherine, die zweite Schwester, kümmert sich nicht um Gelehrsamkeit. Sie liebt das süße Leben, sehnt sich nach Tanz, schönen Kleidern und einem Ehemann, der sie auf Händen trägt. Die kleinwüchsige Mary dagegen nimmt niemand so richtig wahr, denn über die Kleinen schaut man gern hinweg. Doch wenn Mary auch klein ist, so ist sie doch klug und auf ihre ganz eigene Art schön. Und sie hat früh gelernt, sich zu behaupten. Diese drei Mädchen stehen in der Reihe der Tudor-Thronfolger gleich hinter den Töchtern Heinrichs VIII., denn sie sind die Enkelinnen seiner Schwester Mary und im Gegensatz zu Heinrichs Nichte Margaret Douglas in England geboren. Jane wird von Heinrichs Sohn Eduard VI. sogar noch vor seine ältere Schwester Mary in die Thronfolge eingesetzt. Als Jane nach seinem Tod zur Königin ausgerufen wird, geraten die drei Schwestern in einen erbarmungslosen Strudel aus Machtgier, Thronansprüchen und persönlichen Abneigungen, aus dem es für sie kein Entrinnen mehr gibt.

Drei Schwestern, drei Charaktere

In Um Reich und Krone bleibt Philippa Gregory ihrem Prinzip treu, die Hauptfiguren  selbst ihre Geschichte erzählen zu lassen. Die Handlung beginnt mit Jane, wird von Katherine fortgesetzt und von Mary beendet. Dabei entwickeln sich im Verlauf des Romans nicht nur der Charakter und der Lebenslauf der GreySchwestern, sondern es entsteht auch ein psychologisch sehr genaues Bild der ungleichen Halbschwestern Mary und Elisabeth, die nacheinander auf dem englischen Thron sitzen und ihn mit jedem zur Verfügung stehenden Mittel verteidigen. Der Autorin gelingt es, sich sehr intensiv in die drei so verschiedenen Charaktere der jungen Frauen einzufühlen, selbst ihre Sprache unterschiedlich zu gestalten, und doch das gemeinsame Schicksal der Schwestern darzustellen. Allerdings treten auch einige andere Damen in Erscheinung, deren Schicksal dem der GreySchwestern nicht unähnlich ist. Im Roman wird immer von Cousinen gesprochen, allerdings sind diese Frauen, die da miteinander verwandt sind, nicht Cousinen wie wir es heute verstehen. Aber zwischen ihnen besteht eine Familienbindung. Sie alle entstammen in direkter Linie der TudorFamilie und haben berechtigte Thronansprüche. Nicht nur Mary, Katherine und Jane kommen dabei in Konflikt mit den Siegerinnen in diesem Kampf um den Thron. Und sie alle bezahlen die hohe Geburt bitter. Mit ihrem Lebensglück, mit dem Verlust des Lebens, mit dem Leben ihrer Kinder oder der Ehemänner. Und so fällt das Weiterlesen oft schwer, denn es folgt Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag, Ungerechtigkeit auf Ungerechtigkeit, und es gibt einige sehr traurige, tief berührende Szenen, die von der Autorin mit viel Sensibilität geschildert werden.

Ein Panorama der Boshaftigkeiten

Der Blick auf die Politik erfolgt hier durch die Augen dreier junger Frauen. Für den Leser wird deutlich, warum Jane lieber den Weg auf das Schafott wählt als ihrem Glauben abzuschwören. Man spürt Katherines Leichtlebigkeit und kann mit der lebensklugen Mary fühlen, die letztendlich doch ihrem Herzen folgt und für ihr Glück kämpft. Durch diese Augen sieht man jedoch auch die Königinnen Mary und Elisabeth und dabei hat man einen entlarvenden Blick auf die Persönlichkeit dieser beiden Damen. Dabei stehen eben nicht politische Verdienste im Vordergrund sondern menschliche Qualitäten und da fällt vor allem bei Elisabeth die Bilanz ausgesprochen negativ aus. Das Leben der GreySchwestern spiegelt ein Panorama von Boshaftigkeiten wider, entstanden aus dem Gerangel um den Thron, aus Eifersucht und Machtmissbrauch. Man darf davon ausgehen, dass Philippa Gregory auch diesen Roman akribisch recherchiert hat. Darauf deuten viele detaillierte Schilderungen. Und auch wenn es sich um eine fiktionale Darstellung handelt, so vermittelt die Autorin ihren Lesern eine große Nähe zu den Protagonistinnen und das Gefühl, dass alles genau so gewesen sein könnte.

Abschied von den Tudors?

In ihrem Nachwort schreibt Philippa Gregory, dass Um Reich und Krone wahrscheinlich der letzte Roman ist, den sie über die Tudor-Frauen geschrieben hat, denn sie wolle sich jetzt anderen Projekten zuwenden. Natürlich ist es verständlich, dass man als Schriftstellerin auch andere Ideen und Pläne hat. Dennoch: Philippa Gregorys Romane über die TudorFrauen sind eine enorme Bereicherung der historischen Romanwelt! Kaum jemand hat so gerecht und mit so viel Fingerspitzengefühl jeder einzelnen Frau ihren gebührenden Platz gegeben, hat sie in das Licht der Öffentlichkeit gestellt und ihr die Möglichkeit gegeben, ihre Geschichte aus ganz eigener Sicht zu erzählen. Wahrscheinlich braucht man als Autorin auch einfach eine Atempause von so viel Leid und Tragik. Und doch bleibt da die Hoffnung, dass Philippa Gregory doch noch einmal in diese Zeit und zu dieser Familie zurückkehrt. Aber erst einmal: Vielen Dank, Mrs. Gregory, für diese grandiose RomanReihe! Jedes einzelne dieser Bücher kann man uneingeschränkt weiter empfehlen.

Ihre Meinung zu »Philippa Gregory: Um Reich und Krone«

Theres zu »Philippa Gregory: Um Reich und Krone«21.12.2018
Kommentar von Teresa, 21. Dez. 2018
"In ihrem Nachwort schreibt Philippa Gregory, dass Um Reich und Krone wahrscheinlich der letzte Roman ist, den sie über die Tudor-Frauen geschrieben hat, denn sie wolle sich jetzt anderen Projekten zuwenden."

Vielleicht tut sie es aber auch nur, weil sie inzwischen zu viel und durchaus für sie problematische Konkurrenz bekommen hat. Als sie mit ihren "Tudor-Romanen" begonnen hat, ihr erster Roman "The Other Boleyn Girl" erschien in England 2001, waren die Erfolgsbedingungen für sie günstig. Anne Boleyn war damals attraktiv, ihr Roman "The Other Boleyn Girl" wurde gleich zweimal verfilmt, wobei die etwas spätere Verfilmung für den internationalen Filmmarkt bestimmt war und Stars aufbot. Mit Büchern wie „Das Erbe der Königin“ konnte sie dann eine Nische füllen, zu der es damals nicht viele und fast keine bekannten Büchern gab. 2007 begann dann die Fernsehserie "Die Tudors", die "Tudors" und in der Folge ihre „Vorgeschichte“ mit den Rosenkriegen entwickelten sich zum Erfolgsschlager. (Es ist sicher sehr aufschlussreich, dass eine Lesergruppe im deutschen Forum Büchereule für die historischen Romane ein neues Einordnungsraster geschaffen hat, welches die früheren Einteilung für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit nicht mehr nach der "deutschen", sondern nach der englischen Geschichte gliedert.)

Ein weiterer Vorteil für Gregory war, dass die englischsprachige Autorin Eleanor Alice Urform (1906-1993) ("Jean Plaidy" / "Victoria Holt" etc.), die im 20. Jahrhundert zu den Tudors einige erfolgreiche Romane publiziert hat, darunter einen ersten Roman, wo Catharine Howard eine Hauptfigur ist, und auf dem deutschen Buchmarkt reüssiert hatte, längst verstorben war. Der deutsche Buchmarkt beziehungsweise deutschsprachige Autorenschaft, gerade die, welche zurzeit den Buchmarkt dominiert, konnten Gregory (beziehungsweise ihren deutschsprachigen Übesetzungen) zumindest mit Blick auf Erzähltechnik und sprachliches Können im Bereich des Trivial- und Unterhaltungsroman nichts Gleichwertiges entgegensetzen. Hinzu kam, dass Autorinnen wie eine Rebecca Gablé allerdings begonnen hatten, den deutschsprachigen Buchmarkt für Autorinnen wie Philippa Gregory thematisch zu erschließen.

Inzwischen ist mit Elizabeth Fremantle tatsächlich Autorin auf dem englischen Buchmarkt vertreten, von der einige Bücher nun ebenfalls im deutschen Sprachraum als Übersetzungen zu finden sind und die eindeutig eine ernsthafte Konkurrentin für Philippa Gregory sein dürfte. Nicht nur, dass die drei Bücher, die ich bisher von Fremantle gelesen habe, erzähltechnisch und sprachlich (zumindest in der deutschsprachigen Übersetzung) tatsächlich das Niveau der gediegenen Unterhaltungsliteratur erreichen (was für Gregory leider trotz ihrer Meriten nicht zutrifft), Fremantle hat zudem ihre Bücher über die sechste Ehefrau von Henry VI. und die Grey-Schwestern etwas früher publiziert als Gregory.

Zum Vergleich:
- 2015 publizierte Philippa Gregory mit "The Taming of the Queen“ (Die letzte Gemahlin des Königs) einen Roman um Catherine Parr, die letzte Ehefrau von Henry VIII.
- 2017 publizierte sie nun "The last Tudor" (Um Reich und Krone) um die Schwestern Jane, Catherine und Mary Grey.

"„Queen's Gambit" (Das Spiel der Königin), der Roman über Catherine Parr, von Elizabeth Fremantle wurde 2014 publiziert, "Sisters of Treason" (Im Schatten der Königin), der Roman um die Grey-Schwestern, im selben Jahr.

Ich halte es für durchaus vorstellbar, dass die Bücher zeitgleich entstanden sind und Philippa Gregory nur das Pech hatte, dass ihre Bücher später publiziert wurden. Aber für Philippa Gregory ist das nicht günstig, zudem in unserer Zeit sicher bald nur mehr die Jahreszahlen der Publikationen wahrgenommen werden.

Vielleicht handelt Gregory nur als kluge Geschäftsfrau, die den für sie durch ernst zu nehmende Konkurrenz bedrohlichen Buchmarkt zeitig verlässt, solange ein Rückzug noch unbeschadet möglich ist.
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