Hitlers Prophet von Paul Kohl

Buchvorstellungund Rezension

Hitlers Prophet von Paul Kohl

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Hitlers Prophet“,, 320 Seiten.ISBN 3740801891.

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Kurzgefasst:

Berlin 1933: Der berühmt-berüchtigte Hellseher Erik Jan Hanussen ist ein Sympathisant der SA und glühender Unterstützer Hitlers. Doch der Trickbetrüger hat zwei Geheimnisse: Er ist Jude, und er weiß, dass die SA den Reichstag in Flammen aufgehen ließ – Fakten, die niemals an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Eines Tages verschwindet Hanussen spurlos. Als der Journalist Stemmer Hanussens Leiche in einem abgelegenen Waldstück findet, gerät er selbst in das tödliche Netz der Nationalsozialisten.

Das meint Histo-Couch.de: „In Hitlers Berlin stolpert ein Journalist durch die Geschichte“65

Rezension von Birgit Borloni

Der Journalist Ludwig Lechner verschwindet Anfang 1933 als Auslandskorrespondent der Wiener „Arbeiter Zeitung“ in Berlin. Als auch nach zehn Tagen niemand etwas von ihm gehört hat, wird sein Kollege und Freund Martin Stemmer gebeten, nach Berlin zu reisen und dort Nachforschungen anzustellen. Nebenbei soll er auch die Aufgaben eines Auslandskorrespondenten übernehmen und weiterhin für die „Arbeiter Zeitung“ berichten. Kaum in Berlin angekommen, merkt er schnell, wie rau das politische Klima geworden ist. Zunächst wohnt er im Volkshaus der SPD, nach einem Überfall der SA muss er sich aber eine neue Bleibe suchen und kommt bei der Jüdin Judith unter. Von hier aus stellt er seine weiteren Nachforschungen an.

Demontage eines Idols

Der namensgebende Hellseher Erik Jan Hanussen spielt natürlich auch eine Rolle, allerdings keine so große wie Titel und Klappentext vermuten lassen. Vielmehr zeichnet der Roman das politische Geschehen und Klima kurz vor, während und nach Hitlers Machtergreifung in Berlin nach. Leser, die sich in dieser Zeit bereits auskennen, dürften nicht viel Neues erfahren, doch Kohls Darstellungen sind sehr eindringlich, so dass sie trotzdem in den Bann zu schlagen verstehen. Da der Hellseher Hanussen in Romanen aus dieser Zeit bisher nicht allzu häufig präsent ist, fügt er dem Ganzen eine interessante, neue Komponente hinzu. Stemmer verehrt ihn zunächst und freut sich, ihn bei einer seiner Vorstellungen endlich einmal live zu sehen. Allerdings erfährt er zunehmend Dinge, die den Glanz von seinem Idol rasch abblättern lassen. Denn Hanussen ist längst kein Saubermann, sondern hütet ganz im Gegenteil einige unschöne und vor allem gefährliche Geheimnisse.

Viele Handlungsstränge mit schwachem rotem Faden

Es gibt viele gute Handlungsansätze, die Spannung versprechen: Zum einen die schon erwähnten politischen Ereignisse, aber auch die Geschichte um Lechner. Vor seinem Verschwinden hatte er nämlich brisante Details über einige Berliner Nazigrößen und deren Machenschaften herausgefunden. Und dann erfährt man auch noch einiges über das Leben des schillernden Hellsehers. Allerdings fehlt bei dem Ganzen der durchgehende rote Faden. Manchmal hat man das Gefühl, als habe der Autor selbst Mühe gehabt den Überblick zu behalten und sich schwer getan, sich nicht zu verzetteln.

Ein ausgesprochen schwacher Kriminalteil

Das Buch wird auf dem Cover als Historischer Kriminalroman bezeichnet, aber der Kriminalteil hat erhebliche Schwächen. Stemmer zeichnet sich nicht gerade durch übermäßige Aktivität aus. Er verfolgt zwar brav jede Spur, die sich ihm auftut, aber das Kombinieren ist nicht gerade seine Stärke, daher lassen ihn manchmal die Hinweise ratlos zurück. So stolpert er ein bisschen durch die Geschichte und manchmal auch buchstäblich über Leichen oder andere Anhaltspunkte und bemüht sich dann, von dort aus das Schicksal Lechners zu klären. Dadurch wirkt die Erzählweise häufig zerfahren, und der Spannungsbogen bricht immer wieder ein. Der historische Teil weiß hingegen über große Strecken zu überzeugen. Sehr eindringlich lässt Kohl die Bilder aus der Vergangenheit vor dem Leser erstehen und setzt mosaikartig den damaligen Zeitgeist zusammen.

Hitlers Prophet kann somit eingefleischten Krimifans nur stark eingeschränkt und den Fans historischer Romane nur unter dem Vorbehalt, dass sie sich nicht an der teilweise unstrukturierten Erzählweise und dem immer wieder unterbrochenen Spannungsbogen stören, empfohlen werden.

Ihre Meinung zu »Paul Kohl: Hitlers Prophet«

Renate Stierling zu »Paul Kohl: Hitlers Prophet«19.07.2018
In meinem obigen Kommentar ist mir leider ein Tippfehler unterlaufen.
Ich möchte mich dafür entschuldigen und ihn korrigieren:
Ich meine natürlich den 31. Januar 1933 und nicht 1931.
Um auf die für die Veröffentlichung meiner Berichtigung erforderlichen 300 Zeichen zu kommen - eine nicht sehr glückliche Idee der Gestalter dieser Internetseite - schiebe ich eine weitere persönliche Meinung über den Roman von Paul Kohl nach:
Als Kölner ist ihm das Berlinern seiner entsprechenden Romanfiguren nicht ganz gelungen. Möglicherweise hätte er es deshalb ganz lassen sollen.
Somit verabschiede ich mich an dieser Stelle und erwarte neugierig die Meinungen weiterer Leser.
Renate Stierling zu »Paul Kohl: Hitlers Prophet«19.07.2018
Es sind dem Autor leider einige historische Unstimmigkeiten unterlaufen: Z. B. "unterbringt" er noch vor der Bestellung Hitlers zum Reichskanzler das Auslandspresseamt der NSDAP im Außenministerium und schreibt ihm und seinem Leiter Hanfstaengel die Zuständigkeit für die Prüfung der Akkreditierungen ausländischer Korrespondenten in Deutschland zu. Des weiteren "befähigt" der Autor zur gleichen Zeit die SA zur Verhängung von Verboten über die Tätigkeit von für die Nazis mißliebigen Theatergruppen. Zwar hat die SA zur konkreten Zeit mißliebige Theatervorstellungen durch Randale zu stören versucht. Verbieten konnte sie jedoch noch nichts. Das hat sie sich erst nach dem 31. Januar 1931 anmaßen können.
Auch die Sprache der damaligen Zeit hat der Autor nicht überzeugend wiedergeben können: Für Ausdrücke wie "okay" und "Hobby" ist es 1933 in Deutschland noch sehr früh gewesen. Die deutschen Begriffe "einverstanden" und "Steckenspferd" wären glaubwürdiger gewesen. Das hätte der Buchautor als studierter Germanist wissen oder mindestens spüren müssen.
Flüßigseife und Duschgel gab es übrigens im deutschen und europäischen Alltag auch viel später. Auch die Autovermietung zum Selbstfahren gab es am Bahnhof Zoo - noch dazu zum für einen unbekannten Journalisten erschwinglichen Preis - kaum. Die öffentlichen Verkehrsmittel und gelegentliche Droschken- (also Taxi-)Fahrten hätten für den Haupthelden des Romans völlig ausgereicht. Der Besitz eines Führerscheins ist zur damaligen Zeit ohnehin weit weniger verbreitet als heute gewesen.
Die "Zuteilung" eines uniformierten SA-Sturmführers (SA-"Leutnants") dem "Hellseher" Hanussen als personlichen Kraftfahrer wirkt auch sehr übertrieben.
Überhaupt hätte der Romanautor als Nichthistoriker sich vor dem Schreiben etwas genauer mit den 30-er Jahren befassen müssen.
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