Ruhrpiraten von Mike Steinhausen

Buchvorstellungund Rezension

Ruhrpiraten von Mike Steinhausen

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Ruhrpiraten“,, 406 Seiten.ISBN 3839222524.

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Kurzgefasst:

Ruhrgebiet 1942. Während Deutschland im Gleichschritt marschiert, träumen der 16-jährige Egon Siepmann und sein Freund Fritz Gärtner von Freiheit und Abenteuer. Hin und her gerissen zwischen dem Kampf ums Überleben, den Schikanen der Hitlerjugend und der Verfolgung durch die Gestapo, suchen sie nach ihrer Identität. Doch wer sich in dieser Zeit auflehnt, wird bestraft. Und die Schergen des NS-Regimes kennen keine Gnade.

Das meint Histo-Couch.de: „Erschütterndes Werk über die Verrohung einer Generation“90Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

1942. Egon Siepmann, sechzehn Jahre jung, ist Hauerlehrling auf einer Zeche in Essen. Die Arbeit unter Tage ist schwer, aber nachdem der Vater an der Ostfront fiel, ist sein Lohn für die Familie, bestehend aus Mutter Martha und der kleinen Schwester Annemarie, überlebenswichtig. Zumal es seit einigen Tagen eine weitere Person zu ernähren gilt. Erich Balzer, Marthas Bruder, ist aus dem Krieg mit steifem Bein zurückgekehrt. Er trinkt, schlägt Martha und Egon und trägt vor allem nichts zum Einkommen bei. Egon hasst ihn, doch ist es ausgerechnet der Jugendliche, der Balzer nach einem Wundbrand das Leben rettet. 

In der Zeche lernt Egon den deutlich kräftigeren Fritz Gärtner kennen. Schon bald freunden sich die beiden an, zumal Egon von Fritz ablehnender Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus angetan ist. Seinen Dienst in der Hitlerjugend hat Egon schon wiederholt geschwänzt, ernsthafte Konsequenzen blieben bislang jedoch aus. Fritz gehört zu einer Gruppe Jugendlicher, die sich dem System wiedersetzen, sich später Ruhrpiraten nennen werden und bis dahin nur ungern einer Schlägerei mit HJ-Streifen aus dem Weg gehen. Bei einem dieser Vorfälle wird Paul Schrader, aufstrebender HJ-ler und Sohn des Ortsgruppenleiters der NSDAP, derart übel verprügelt, dass seine Nase fortan sichtlich entstellt ist. Dies ruft den karrieresüchtigen Kriminalassistenten Müller auf den Plan, der einen verstärkten Kampf gegen die verwahrlosten Jugendlichen fordert. Heinrich Stahlschmied von der Gestapo sieht zunächst zu, führt das Verhalten der jungen Leute auf fehlende Erziehung zurück, da die Väter im Krieg gefallen sind. Doch dann eskaliert die Lage zunehmend&

Detaillierte Schilderung der Verhältnisse und über den Verlust der Jugend

Mike Steinhausen hat mit seinem Roman Ruhrpiraten den Versuch gestartet, den sogenannten Edelweißpiraten ein literarisches Denkmal zu setzen. Um es vorwegzunehmen, es ist ihm mehr als gelungen. Am Beispiel des sechzehnjährigen Egon Siemann zeigt Steinhausen exemplarisch auf, wie ein Jugendlicher im Jahr 1942 den Fängen des politischen Systems zu entkommen versucht und letztlich dennoch „scheitert“. Es ist ein aufwühlendes Werk, das in seinen schonungslosen Details nichts für schwache Nerven ist. Immer wieder kommt es zu Gewalteruptionen, nicht nur im Jugendschutzlager, wo Egon später einsitzen wird.

„Edelweißpirat? Ich dachte, Piraten gibt’s nur auf dem Meer. Nie gehört. Was soll das sein?“

„Na, wir machen nicht, was die wollen. Wir leben unser Leben.“

„Was macht ihr denn?“

„Nichts. Wir tun keinem was. Wir scheißen auf die HJ. Gehen wandern. Singen unsere Lieder. Und manchmal hauen wir den Braunhemden was aufs Maul.“

Langsam baut sich die Geschichte auf. Im ersten Viertel mit dem Titel „Frühjahr“ geht es noch verhältnismäßig beschaulich zu. Das schwere Arbeiten in der Zeche Bonifacius wird genauestens beschrieben, ebenso wie die unerträgliche Situation daheim mit dem saufenden und prügelnden Onkel (Balzer). Danach lernt Egon die Freunde von Fritz Gärtner kennen, die ihn vorbehaltlos in ihrer Mitte aufnehmen. Sie träumen, wie wohl die meisten Jugendlichen normalerweise, von einem selbstbestimmten Leben. Doch im Jahr 1942 ist nichts normal, wie man nicht zuletzt an der Figur des Paul Schrader erkennen kann. Mit blindem Eifer folgt er dem Führer, obwohl die Stadt Essen zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend in Trümmern liegt. Die britischen Fliegerangriffe, die vor allem die Kruppwerke treffen sollen, finden nahezu in jeder Nacht statt und treffen vor allem die Zivilbevölkerung. Während Schrader vom Nationalsozialismus schwärmt, ist Egon und Fritz längst klar, dass etwas nicht stimmen kann. Sonst gäbe es nicht so viele Jugendliche, die ihre Väter im Krieg verloren haben und sich – auch deshalb – gegen das System auflehnen.

„Egon fühlte nichts anderes als Hass und er spürte, wenn es ihnen gelang, ihn zu brechen, von seinen Prinzipien abzubringen, wäre sein künftiges Leben sinnlos.“

Auch die Gespräche zwischen Ortsgruppenleiter Schrader, Kriminalassistent Müller und Gestapo-Mann Stahlschmied sind bemerkenswert. Zeigen diese doch das ganze Desaster innerhalb des Systems. Es gibt keine klaren Zuständigkeiten, jeder drückt sich vor seinen Aufgaben und sucht dennoch den eigenen Vorteil, sprich seine Karrierechancen. Die drei Figuren mögen etwas stereotyp wirken, sind aber dennoch typisch für totalitäre Systeme. Der aufbrausende, zur Gewalt neigende Schrader, der nach Aufmerksamkeit um jeden Preis heischende Paragraphenreiter Müller und der skrupellose Stahlschmied, dem keine Intrige und Abartigkeit fremd ist. 

„Widerstand fängt im Kopf an. Man kann sich auch durch sein Denken schuldig machen. Darum geht es. Natürlich kannst du dieses System nicht alleine stürzen. Eine Schneeflocke bewirkt nichts. Aber viele können eine Lawine bilden. Nichts und niemand kann eine Lawine aufhalten.“

Ist Widerstand gegen ein totalitäres System möglich? Kann der Einzelne etwas bewirken statt einfach in der Masse mitzulaufen? In Bezug auf den Protagonisten Egon Siepmann, ist die Frage nur teilweise zu beantworten. Er hat sich nicht angepasst, Widerstand geleistet und gibt dem Leser somit das Gefühl sagen zu können, es seien damals eben doch nicht alle dabei gewesen. Tatsächlich gab es zeitweise in einigen Gegenden bis zu fünfzig Prozent der Jugendlichen, die den Jugendpflichtdienst in der HJ verweigerten. Den Preis, den Egon dafür zahlen muss, ist unbeschreiblich hoch. Die Fragen, ob es das wert war und ob was es letztlich konkret bewirkt hat, laden zum Nachdenken nach Beendigung der Lektüre ein. Moralisch hingegen ist die Sachlage klar: Charakter ist eine Einstellungssache, Widerstand fängt im Kopf an. Ruhrpiraten ist pure Geschichtsstunde. „Live dabei“ mit allen Konsequenzen.

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