Gründerjahr von Michael Gerwien

Buchvorstellungund Rezension

Gründerjahr von Michael Gerwien

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Gründerjahr“,, 343 Seiten.ISBN 3839222141.

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Kurzgefasst:

Freitag, 8. November, 1918. Kurt Eisner ruft den Freistaat Bayern aus. Nur wenig später nimmt eine grausame Mordserie ihren Lauf. Junge blonde Frauen fallen einem bestialischen Täter zum Opfer. Oberinspektor Weinberger und seine Kollegen von der Münchner Kriminalpolizei stehen vor einem Rätsel. Der Mörder ist ihnen immer einen Schritt voraus. 30 Jahre später beginnt das Morden erneut. Wird es der Polizei diesmal gelingen, den Täter zu fassen?

Das meint Histo-Couch.de: „1918, 1948, 2017. Täglich grüßt der Serienmörder.“55

Rezension von Jörg Kijanski

November 1918: Kriminaloberinspektor Karl Weinberger steht vor einem Rätsel. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in München. Die Opfer gleichen immer demselben Typ: Jung, blond, klein, weiblich. Vor allem das Ausmaß der Morde treibt den Ermittler um. Den Frauen wurden ihre inneren Organe entfernt, dafür findet sich in deren Leichnam eine kleine Holzfigur. Weinberger und sein Assistent Hubert Ratgeber erhalten Verstärkung durch einen Kollegen, doch dieser verschwindet wenig später spurlos …

Sommer 1948: Oberinspektor Hans Weinberger ermittelt mit dem Leiter der US-Militärpolizei, Major Joe Singer, in einer erschütternden Mordserie. Schnell werden Erinnerungen an seinen Großvater Karl wach, denn auch bei den aktuellen Fällen sind Opfertypus und Verbrechensart mit den Taten von vor dreißig Jahren nahezu identisch. Der Täter scheint allerdings ein Mitglied der US-Armee zu sein …

Sommer 2017: In München werden junge, blonde Frauen ermordet und ausgeweidet. Die querschnittsgelähmte Journalistin Julia Weinberger erinnert dies sehr an die Erzählungen ihres Großvaters Hans, der nach Kriegsende ähnliche Mordfälle untersucht hat, ebenso wie schon dreißig Jahre zuvor dessen Großvater. Wenig später ist Julia spurlos verschwunden …

Kurzweilig, aber oberflächlich erzählt

Die Idee, dass verschiedene Generationen einer Familie mit vergleichbaren Verbrechen befasst sind, soll an dieser Stelle nicht bewertet werden. Sie mag originell oder unglaubwürdig erscheinen; seis drum, ein Roman darf das. Die drei Erzählstränge (1918, 1948 und 2017) nehmen in etwa gleich viel Raum ein und da wir hier auf der Histo-Couch sind, werfen wir zunächst einen Blick auf den „Historischen Roman“. Was könnte man nicht alles über die Zeit nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg berichten? Die Stadt zerstört, Hungersnot und vieles mehr. Wer in die damalige Zeit „entführt“ werden möchte, wird jedoch enttäuscht, denn die geschichtlichen Begleitumstände werden nur sehr oberflächlich angerissen. Sommer 1948, die Währungsreform greift noch nicht richtig, die Lebensmittel sind knapp und sehr teuer. Viel mehr kommt leider nicht.

„Und wie heißen Sie?“

„Heribert Staubberger, Herr Kriminaloberinspektor.“

„Guter Mann.“

„Danke untertänigst, Herr Kriminaloberinspektor.“

„Ach was. Halblang, Staubberger. Ich bin der Herr Weinberger, nicht der geflohene König.“

Wer sich über die Epoche der Weltkriege unterhaltsam informieren möchte, der findet in diesem Sujet deutlich anspruchsvollere Werke. Man denke an die Hamburg-Trilogie von Cay Rademacher (Der Trümmermörder, Der Schieber, Der Fälscher) oder den noch recht unbekannten Frank Goldammer (Der Angstmann, Tausend Teufel), deren Romane nach dem Zweiten Weltkrieg spielen. Wer wissen möchte, wie man auf wenigen Seiten kompakte, atmosphärisch dichte historische Romane schreibt , der greife außerdem gerne zu Tom Wolf, Boris Meyn oder Gunnar Kunz (selbstredend nur eine kleine Auswahl der Histo-Couch-Empfehlungen).

Schwache Polizeiarbeit

Michael Gerwien treibt den Plot mit einem kurzweiligen Schreibstil voran, man mag das Buch trotz einiger Schwächen kaum zur Seite legen, wenngleich die Banalitäten des Alltags in einigen Dialogen nerven. Die Perspektiven wechseln durchgehend zwischen Ermittlern, Tätern und anderen Beteiligten. Der Spannungsbogen verläuft durchschnittlich, die Darstellung der Verbrechen wohltuend harmlos, da man nicht mit der konkreten Tat, sondern nur mit ihrem Ergebnis konfrontiert wird. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit bleibt jedoch arg überschaubar, wobei dies im ersten Teil noch entschuldbar ist, denn die kriminologische Arbeit erhielt erst Mitte der 1920er-Jahre dank des legendären Ernst Gennat ihren ersten, großen Durchbruch (Buchtipp: Regina Stürickow Kommissar Gennat ermittelt). Dennoch macht Hubert Ratgeber (1918) seinem Nachnamen keine Ehre, sondern ist eher ein einfältiger und selbstgefälliger Trottel, der auf andere politische Zeiten hofft, die Leute wie ihn nach oben spülen. 2017 wird es nicht viel besser, dem Assistenten sind seine Joghurt-Rationen mitunter wichtiger als die laufenden Ermittlungen. Die Ergreifung der Täter ist jeweils enttäuschend (in einem Fall sitzt dieser in einem öffentlichen Biergarten – trotz laufender Großfahndung), allerdings gibt es noch einen kleinen Coup im Fall des Jahres 2017. Kurzum: Für die Bahnfahrt als „leichte Kost“ geeignet, wer die Zeit und Muße für tiefergehende Lektüre hat, findet bessere Alternativen.

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