Im Lautlosen von Melanie Metzenthin

Buchvorstellungund Rezension

Im Lautlosen von Melanie Metzenthin

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Im Lautlosen“,, 524 Seiten.ISBN 1542045967.

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Kurzgefasst:

Hamburg, 1926: An der noch jungen Universität der Hansestadt gehören Richard und Paula zu den begabtesten Medizinstudenten ihres Jahrgangs. Sie beide verbindet mehr als nur die Leidenschaft für den Arztberuf sie verlieben sich unsterblich ineinander. Als nach ihrer Heirat die Zwillinge Emilia und Georg geboren werden, ist ihr Glück komplett, auch wenn der kleine Georg gehörlos ist. Doch dann ergreifen die Nationalsozialisten die Macht und das Leben der jungen Familie ändert sich von Grund auf. Richard, der inzwischen als Psychiater in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn arbeitet, kann sich mit der menschenverachtenden Gesetzgebung der Nazis nicht arrangieren, von der auch sein gehörloser Sohn betroffenen ist. Um seine Patienten vor der Euthanasie zu bewahren, erstellt er fortan falsche Gutachten. Damit nimmt er ein großes Wagnis auf sich, das nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Familie bedroht ...

Das meint Histo-Couch.de: „Als die grauen Busse kamen“88Treffer

Rezension von Annette Gloser

1926 lernen sich Richard und Paula an der Hamburger Universität kennen. Beide studieren Medizin, wenn auch nicht im gleichen Semester. Richard als Sohn einer gut situierten Handwerkerfamilie wird von vielen Kommilitonen als nicht ebenbürtig angesehen. Die hübsche Paula dagegen, als Tochter eines renommierten Psychiaters, kommt zwar aus der richtigen Familie, hat aber als Frau mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Die beiden merken bald, dass sie offenbar füreinander gemacht sind. Sie lieben sich, sie heiraten, und Richard kann seinen Traum verwirklichen, als Arzt in der Psychiatrie zu arbeiten. Der grausame Tod seines Bruders, der schwer traumatisiert die Schlacht vor Verdun überlebte und dann in einer psychiatrischen Klinik mit folterähnlichen Behandlungsmethoden gequält wurde, hat Richards Berufswahl und seine gesamte Sicht auf die Welt und die Politik beeinflusst. In Paula findet er nicht nur eine geliebte Frau sondern auch eine gleichgesinnte Kollegin. Allerdings bleibt Paula die Möglichkeit verwehrt, ebenfalls in der Psychiatrie zu arbeiten. Als Frau ist sie dort nicht erwünscht. So arbeitet sie bis zur Geburt ihrer Zwillinge in einem Kinderkrankenhaus. Dann aber ändert sich ihr ganzes Leben, denn ihr Sohn Georg wird taub geboren. Richard und Paula setzen alles daran, ihren Sohn bestmöglich zu fördern.

Als die Nazis die Macht übernehmen müssen die jungen Eltern feststellen, dass ihr kleiner Sohn mit seiner Behinderung in das Visier fanatischer Rassehygieniker gerät. Aber nicht nur im Privaten wird Richard mit diesem Problem konfrontiert. Als Arzt in einer psychiatrischen Anstalt soll er Fragebögen über seine Patienten ausfüllen. Und dann berichtet ein ehemaliger Kollege von Morden an Patienten. Richard versucht alles, um seine Patienten zu schützen.

Todesgötter in Weiß

Im Lautlosen ist ein doppeldeutiger Titel. Man könnte ihn auf die Taubheit des kleinen Georg beziehen, der sein Leben im Lautlosen verbringt. Oder man nimmt den Titel als Verweis auf jenes Töten von kranken Menschen, das abgeschottet von der Öffentlichkeit, im Lautlosen sozusagen, vollzogen wurde. Das Euthanasieprogramm der Nazis ist ein Thema, das während des Zwölfjährigen Reiches viele Befürworter fand und nach 1945 sehr schnell unter den Teppich gekehrt wurde. Weil nicht sein kann was nicht sein darf? So mancher wollte wohl gerne möglichst schnell die grauen Busse vergessen, in denen die zum Tode verurteilten Patienten abgeholt und später auch mit Abgasen ermordet wurden. Melanie Metzenthin setzt mit ihrem Roman jenen Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern ein Denkmal, die sich gegen die Tötung ihrer Patienten wehrten und versuchten, sie zu schützen. Allerdings vermag auch dieser Roman nicht, das ganze Grauen, die ganze Grausamkeit der „Aktion T4“, wie die gezielte Auslöschung „lebensunwerten“ Lebens genannt wurde, aufzuzeigen. Es gelingt der Autorin jedoch, auch die Geschichte der Euthanasie aufzuzeigen, deren Vordenker bereits lange vor Hitlers Machtergreifung ihre Ideen publizierten. Als Leser kann man mitverfolgen, wie sich das Programm entwickelte, von der Sterilisation hin zum Mord. Dabei wird auch aufgezeigt, wie ambivalent Ärzte und Pflegepersonal sich oft verhielten, in welche Entscheidungszwänge sie geraten konnten, welcher Druck auf sie ausgeübt wurde. Viele Ärzte jedoch wurden aus Überzeugung zu Todesgöttern, und auch mit solchen wird man in diesem Roman konfrontiert.

Aufrecht in dunkler Zeit

Richard und Paula sind ein sympathisches und liebenswertes Paar. Insbesondere Richard verkörpert unbeirrbar hohe ethische und moralische Werte. Vielleicht ist das manchmal schon fast zu geradlinig. Paula dagegen wird von der Autorin der eine oder andere kleine Irrweg gestattet. Vieles läuft bei den beiden erstaunlich komplikationslos. So wird es natürlich als Schock für die jungen Eltern geschildert, als sie feststellen, dass ihr kleiner Sohn taub ist. Aber insbesondere Paula steht sofort auf, geht los und sucht nach Lösungen für das Problem. Und findet sie auch ganz schnell und komplikationslos. Auch die Entwicklung des kleinen Georg, unterstützt durch seine hörende Zwillingsschwester, verläuft so gut, dass es jahrelang gelingt, Ärzte und andere böswillige Menschen zu täuschen. Da mag jeder Leser für sich selbst entscheiden, ob das für ihn glaubhaft erscheint. Auch manche andere glückliche Wendung in diesem Roman muss man einfach glauben wollen. Dennoch verfolgt man das Schicksal von Richard und Paula und ihrer gesamten Familie mit großer Anteilnahme. Viele Protagonisten kann man ins Herz schließen und darauf hoffen, dass sie alles gut überstehen. Das betrifft übrigens auch Richards erfindungsreiche Handwerkerfamilie mit ihrem herzerwärmenden Mutterwitz und ihrem Pragmatismus. Melanie Metzenthin erzählt ihre Geschichte nicht mit großen Gesten und überzogener Dramatik. Eine ganz normale deutsche Familie, zwei Ärzte, zwei Menschen, die sich entscheiden, das Richtige zu tun und dafür viel aufs Spiel setzen. Man folgt ihnen gerne durch den Roman, man hofft und bangt mit ihnen.

Ein Schlaglicht

Im Lautlosen kommt nicht spektakulär daher, eher sachte, fast ein wenig alltäglich. Und dennoch hat dieser Roman eine spektakuläre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die wie ein Schlaglicht einen Teil des ganz normalen Bösen beleuchtet, das zwölf Jahre lang Deutschland beherrschte. Das Nachwort der Autorin geht noch einmal auf die Fakten und die Vorgeschichte zur „Aktion T4“ ein und bietet wertvolle Informationen. Wer sich für die Zeit des Nationalsozialismus interessiert, hat hier ein wichtiges Buch über eines der großen Verbrechen dieser Zeit, vor allem aber über Menschen, die in dieser Zeit nicht bereit waren, ihre eigenen Werte aufzugeben.

Ihre Meinung zu »Melanie Metzenthin: Im Lautlosen«

Jana68 zu »Melanie Metzenthin: Im Lautlosen«06.08.2017
In ihrem Roman "Im Lautlosen" stellt sich die Autorin Melanie Metzenthin dem Thema der Rassenhygiene und der Rolle von medizinischem Fachpersonal während der Zeit des Nationalsozialismus.
In klarer und realistischer, manchmal fast distanzierter Erzählweise gelingt es der Autorin, beim Leser tiefe Emotionen zu wecken, sich mit den Protagonisten zu identifizieren und eine deutliche Botschaft zu vermitteln.
Dabei kommt der Roman ohne jede Effekthascherei aus und stellt den Alltag der Protagonisten in den Mittelpunkt.

Paula und Richard sind Eltern eines gehörlosen Sohnes. Beide sind Ärzte und verstehen es, diese Behinderung als Herausforderung anzunehmen und ihren Sohn sowie dessen Schwester, die diese Behinderung nicht hat, so auszubilden und zu erziehen, dass dem kleinen Georg ein im Wesentlichen normales Leben möglich ist.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umgang der Familie mit der Gebärdensprache, die sie sich genauso aneignen, als würden sie eine Fremdsprache erlernen. Die Integration von Georg als ganz normales Kind mit einer Behinderung ist beispielhaft bis heute.
Die Familie führt mit Freunden und Verwandten ein normales Leben. Doch es zieht eine Gefahr auf, die nicht nur ihren üblichen Alltag zunehmend beeinflusst. Durch den aufkommenden Nationalsozialismus ist plötzlich Georg's Zukunft, ja sein Leben gefährdet.
Und nicht nur das, wir müssen uns mit Themen wie Zwangssterilisation und Säuberung der Rasse auseinander setzen, wir müssen die Bombardierung Hamburgs durchleben, den Kriegsalltag im Lazarett an der Front verkraften und die schweren Monate nach Kriegsende. Nicht alle der lieb gewonnenen Menschen überleben diese dunkle Zeit.
Aber wir dürfen auch miterleben, wie Überzeugung zu stillem aber wirkungsvollem Widerstand führt, wie Liebe und Freundschaft helfen, Menschenleben zu retten.

Das Buch überzeugt auf ganzer Linie. Nichts ist schwarz-weiß gemalt. Pauschalurteile gibt es nicht. Es gibt Themen, die durchaus Kontroversen zulassen, bei denen Grenzen verschwimmen und es auf sehr viel mehr ankommt, als nur medizinische Bildung.
In jedem Fall ist dieser Roman ein klares Bekenntnis zum Humanismus.

Der Titel des Romans hätte nicht besser gewählt werden können, denn er steht zum einen für die Lage des kleinen Georgs und bezeichnet zum anderen gerade den mutigen und so wichtigen Widerstand, den Richard und Paula gemeinsam mit anderen Gefährten im Lautlosen leisten.
Danke und großen Respekt an die Autorin Melanie Metzenthin dafür, dass sie sich an dieses Thema gewagt hat und einen berührenden, zum Nachdenken anregenden und sehr gut recherchierten Roman darüber geschrieben hat.

Soweit ich weiß, wird es eine Fortsetzung geben, auf die ich mich sehr freue, denn mich interessiert es sehr, wie es mit Paula, Richard, Fritz, ihren Kindern und den Menschen in ihrem Umfeld weitergeht. Und es steht auch noch ein Urteil aus...
Orange zu »Melanie Metzenthin: Im Lautlosen«03.08.2017
Hamburg 1926: Paula und Richard studieren Medizin, verlieben sich ineinander, malen sich eine gemeinsame Zukunft aus und gründen eine Familie. Das Glück scheint perfekt zu sein. Als sich herausstellt, dass ihr Sohn Georg gehörlos ist, versuchen Paula und Richard alles, ihn eine normale Kindheit zu ermöglichen.
Doch in Deutschland haben die Nazis die Macht ergriffen und haben eine menschenverachtende Ideologie.
Richard, der mittlerweile als Psychiater in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn arbeitet, kann und will sich mit den Euthanasiegesetzen der Nazis nicht arrangieren. Er erstellt falsche Gutachten und versucht so viele Menschen wie möglich vor den sicheren Tod zu retten. Doch als er auffliegt, ändern sich sein Leben und das seiner Familie, denn plötzlich ist auch Georg in Gefahr.
Ohne Effekthascherei und ohne mit erhobenen Zeigefinger daherkommend, erzählt Melanie Metzenthin ihre fiktive Geschichte, die jedoch auf vielen historischen Ereignissen und Begebenheiten aufbaut. Dabei greift sie auch auf private Erzählungen und berufliche Erfahrungen zurück, da sie selbst als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet.
Trotz des schwierigen Themas hat mir „im Lautlosen“ sehr gut gefallen. Alle Figuren sind Menschen mit Ecken und Kanten. Sie müssen teilweise schwere Entscheidungen treffen und mit Verlusten kämpfen, bleiben dabei aber eben menschlich. Als Leser identifiziert man sich gern mit ihnen. Man freut, hofft und bangt mit ihnen und wünscht ihnen alles Gute. Dabei macht es das Schicksal der Protagonisten den Leser schwer, dass Buch aus der Hand zu legen, auch wenn manche Szenen dies erfordern und man erstmal tief durchatmen muss. Dabei ist „Im Lautlosen“ trotz des Themas durchaus kein schwermütiges Buch, denn, wie im wahren Leben, kommt auch in schwierigen Situationen der Humor nicht zu kurz.
Ich wünsche den Roman viele begeisterte LeserInnen und empfehle ihn sehr gern weiter.
-LENA- zu »Melanie Metzenthin: Im Lautlosen«30.07.2017
Hamburg in den zwanziger Jahren: Richard und Paula, beide Medizinstudenten, lernen sich an der Uni kennen, heiraten, gründen eine Familie und sind ein Paar von vielen in dieser Zeit. Alles scheint perfekt zu sein, bis sie feststellen , dass eines ihrer Zwillinge gehörlos ist. Wie gehen die beiden damit um ? Gleichzeitig beginnt der Aufstieg der Nationalsozialisten. Diese schleichende Entwicklung , die das berufliche und private Umfeld der Protagonisten betrifft, verfolgt der Leser gespannt.
Man erlebt Schicksalsschläge, die die Familie und Freunde treffen, aber auch erfreuliche Ereignisse.
In diesen Roman steht das Geschehen in der Psychiatrie im Mittelpunkt, denn Richard arbeitet als Psychiater. Welche Entscheidungen trifft er, als der Druck immer größer wird?

Eine Familiengeschichte mit dramatischen und ruhigen Szenen, die realistisch ohne große Effekthascherei erzählt wird. Melanie Metzenthin hat in diesen Roman viele private Erlebnisse von Zivilisten verarbeitet, sowie durch ihren beruflichen Hintergrund detaillierte Einblicke in die Psychiatrie gegeben.
Ein Spiegelbild der Zeit zwischen den zwanziger Jahren und Ende des zweiten Weltkrieges , das man auf viele Städte und Familien übertragen könnte.
Ein Roman, den man gerne weiter empfiehlt.
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