Die Malerin von Mary Basson

Buchvorstellungund Rezension

Die Malerin von Mary Basson

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Saving Kandinsky“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 448 Seiten.ISBN 978-3-7466-3338-1.Übersetzung ins Deutsche von Gabriele Weber-Jaric.

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Kurzgefasst:

München, 1902: Gegen alle Widerstände will die junge Gabriele Münter, genannt Ella, Malerin werden. Sie nimmt Unterricht bei Wassily Kandinsky und verliebt sich in ihn, sie wird seine Muse ebenso wie seine Gefährtin auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Doch während Kandinsky schon bald als Meister der Abstraktion und Begründer des Blauen Reiters zu Weltruhm gelangt, ringt Ella zeitlebens mit ihrer Rolle als Frau in der Kunst. Und dann bricht Krieg aus, und ihre Liebe droht tragisch zu scheitern ...

Das meint Histo-Couch.de: „Der tiefe Schmerz der verschmähten Gefährtin“92Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Sie war schön, talentiert und unsterblich verliebt: Die junge Malerin Gabriele Münter kommt kurz nach der Jahrhundertwende in Kontakt mit Wassily Kandinsky. Die Mittzwanzigerin erliegt schnell dem Charme ihres Kunstlehrers und glaubt an eine Zukunft mit ihm. Doch da taucht plötzlich eine Ehefrau auf. Für Ella, wie Gabriele Münter im Freundeskreis genannt wird, bricht eine Welt zusammen. Sie flüchtet sich zu ihrer älteren Schwester und deren Familie, um Kandinsky zu vergessen. Doch damit erteilt sie auch der Kunst eine Absage. Nach grossem inneren Kampf kehrt Ella an die Kunstschule Kandinskys zurück – und damit in seine Arme. Er verspricht ihr, sich von seiner russischen Frau scheiden zu lassen und die Geliebte zur ehrbaren Frau an seiner Seite zu machen. Ella kauft ein Haus auf dem Lande – der kleinen bayrischen Gemeinde Murnau -, in dem sie mit Kandinsky in wilder Ehe zusammenlebt. Sehr zum Unwillen der einheimischen Bevölkerung, die der unmoralischen Lebensgemeinschaft mit Vorurteilen begegnet. Sowohl Ella als auch Kandindsky entwickeln sich in ihrer Kunst und beflügeln sich gegenseitig. Doch Ella spürt mehr und mehr, wie Kandinsky ihr entgleitet.

Die Gründung der Künstlergemeinschaft «Der blaue Reiter», ohne seine Geliebte, zeigt erste Risse auf. Als Kandinsky in den Jahren des Ersten Weltkriegs nach Russland zurückkehrt, versucht Ella sich in Skandinavien über Wasser zu halten. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass Kandinsky in Russland den Tod gefunden hat. Als der Künstler nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrt – und eine neue Ehefrau an seiner Seite hat, bricht für Ella eine Welt zusammen. Sie verfällt in tiefe Depressionen und kann sich erst nach langer Zeit wieder ein wenig für die Menschen öffnen. Erst der Kunsthistoriker Johannes Eichner kann die tief unglückliche Frau aus ihrer Isolation befreien. Ella schöpft neuen Mut und findet den Glauben an sich zurück. Mit Sorge beobachtet sie die Machtergreifung der Nazis, die schliesslich Kandinskys Werk als entartete Kunst klassifizeren. Ella, die noch eine ganze Menge Bilder von Kandinsky und anderen Künstlern der Organisation «Der blaue Reiter» im Fundus hat, will die Werke zusammen mit Johannes Eichner retten. Ihre Aktion macht die Nazis auf sie aufmerksam.

Gut gewählte Erzählperspektive

Die Autorin Mary Basson erzählt die Geschichte der Geliebten und Muse Kandinskys aus der Perspektive von Gabriele Münter selber. Dabei nutzt sie die sehr persönliche Erzählform der Betroffenen, um sie den Leserinnen und Lesern näher zu bringen. Basson zeichnet dabei das Portrait einer höchst verletzlichen Künstlerin, die ihr eigenes Glück weitgehend hinter dasjenige ihres Geliebten stellt. Ihre Kunst, die sich in eine andere Richtung als jene Kandinskys entwickelt, ist dem erfolgsverwöhnten und ichbezogenen Künstler Wassily Kandinsky doch immer mehr ein Dorn im Auge. Er nutzt die tiefe Liebe seiner Muse, um sich selber weiterzuentwickeln, ihre Kunst jedoch je länger desto mehr in Grenzen zu halten. Als es deswegen zu Streitereien zwischen dem Paar kommt, bleibt Gabriele Münter zurück. Jeder dieser Schritte lassen sich durch das feinfühlige Portrait von Mary Basson nachvollziehen. Die Autorin scheut auch nicht davor zurück, die psychischen Tiefs Münters sichtbar zu machen und ihrer selbstzerstörerischen Ader Raum zu geben. Damit lässt sie die Künstlerin zu einem greifbaren Menschen werden, der den Leserinnen und Lesern in ihrem Schmerz wie in ihrem Triumph sehr nahekommt.

Eindrückliches Bild der Nazi-Herrschaft

Es sind nicht nur die persönlichen Erlebnisse des ungewöhnlichen Künstlerpaares, die diesem Roman Tiefe verleihen. Zum einen bildet Mary Basson in ihrem Roman die Kluft zwischen der russischen Seele und dem Leben in Deutschland ab. Kandinsky macht sich beide Welten zunutze und hält damit die Geliebte in Grenzen. Zum anderen erzählt die Autorin auch vom Schrecken, den die Nazi-Herrschaft nach und nach verbreitet. Von den Gedanken der Künstlerinnen und Künstler, die sich plötzlich einer unerwartet starken Anfeindung gegenübersehen und vom verzweifelten Versuch, der Nazi-Herrschaft zu trotzen und das Schaffen vieler namhafter Künstler vor der Vernichtung zu bewahren.

Der tiefe Einblick ins Leben von Gabriele Münter ist ein Geschenk an alle Leserinnen und Leser, die sich für die Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts interessieren und auch bereit sind, sich mit den dunklen Seelen der betroffenen Persönlichkeiten auseinander zu setzen. Mary Basson nimmt kein Blatt vor den Mund, zeigt keinerlei falschen Respekt vor einem der grössten Künstler des 20. Jahrhunderts, sondern skizziert Menschen mit ihren Stärken und Schwächen. Sie macht mit ihrem Buch neugierig, wer noch nie zuvor von Gabriele Münter gehört hat, wird spätestens nach diesem Roman auf Spurensuche gehen. Damit schafft die Autorin aussergewöhnliches: Ihr Roman beschäftigt die Leser auch lange nach der letzten Zeile noch und der Wunsch, sich mit den Werken der ungewöhnlichen Frau auseinanderzusetzen, bleibt. Dazu kommt, dass Mary Basson eine angenehme Schreibweise pflegt und damit zusätzlich ein reizvolles Leseerlebnis bietet.

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