Als das Leben unsere Träume fand von Luca di Fulvio

Buchvorstellungund Rezension

deutsche Ausgabe erstmals 2018, 768 Seiten.ISBN 978-3-404-17600-7.Übersetzung ins Deutsche von Barbara Neeb, Katharina Schmidt.

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Kurzgefasst:

Drei Leben. Zwei Welten. Ein Neuanfang. Es ist das Jahr 1913, und eine Schiffsreise nach Buenos Aires verheißt eine zweite Chance für drei junge Menschen: Der Sizilianer Rocco hat den Zorn der Mafia auf sich gezogen, als er sich weigerte, sein Leben in den Dienst der ehrenwerten Gesellschaft zu stellen. Rosetta hat in einem sizilianischen Dorf dem Don die Stirn geboten und nur knapp eine Vergewaltigung überlebt. Die russische Jüdin Raquel ist die einzige Überlebende eines Pogroms, ihre kostbarste Habe ist die Erinnerung an die Liebe ihrer Eltern. Doch das Leben in der Neuen Welt stellt sie vor schier unüberwindbare Hindernisse ...

Das meint Histo-Couch.de: „Die Suche nach einer besseren Welt“88Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Rocco lehnt sich gegen die Mafia auf. Der junge Sizilianer will nicht in die Fussstapfen seines Vaters treten und Leute unterdrücken oder ermorden. Das trägt ihm den Zorn des Mafiabosses ein, der Roccos verstorbenem Vater allerdings noch einen Gefallen schuldig war. Um Rocco vor der Vernichtung zu retten und dennoch nicht sein Gesicht zu verlieren, schickt der Mafiaboss den jungen Mann 1912 per Schiff nach Buenos Aires, wo er unter den Fittichen von Toni, einem Neffen des Mafiabosses, in Argentinien Fuss fassen soll. Auf dem Schiff begegnet Rocco der jungen Sizilianerin Rosetta. Sie ist auf der Flucht, nachdem sie einen Adligen niedergeschlagen hat, der sie vergewaltigen wollte. Rosetta hatte sich erst nach vielen Demütigungen und heimtückischen Zerstörungen bereit erklärt, dem Adligen ihren Eltern-Hof zu verkaufen, nach dem er so lange schon gierte. Nun bezichtigt der Adlige die junge Frau jedoch, ihn bestohlen zu haben. Auf dem Schiff in Gewahrsam genommen, gelingt Rosetta nach der Ankunft in Buenos Aires dank Rocco die Flucht. Sie kann untertauchen, hält sich aber am Versprechen Roccos fest, dass dieser sie finden werde.

Auch die russische Jüdin Racquel hofft auf ein neues Leben in Buenos Aires. Bei einem Pogrom in ihrem Dorf flüchtet das Mädchen, das eher einem Knaben gleicht und schliesst sich einer Gruppe von jüdischen Mädchen an, die von ein paar Juden angeheuert wurden, sich in Buenos Aires als Dienstmagd zu verdingen oder einen jüdischen Auswanderer zu heiraten. Doch Racquel muss erkennen, dass sich damit in grosse Gefahr gebracht hat. Sie taucht in Buenos Aires ebenfalls unter und begegnet Rocco, der ihr hilft, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Viele Themenkreise angesprochen

Drei starke Protagonisten, drei Schicksale: Luca Di Fulvio schöpft einmal mehr aus dem Vollen. Alle drei Hauptfiguren bringen ein individuelles Schicksal mit, das als solches schon ausgereicht hätte, als Grundlage für einen Roman zu dienen. Dass es dem italienischen Autor gelingt, die drei Charaktere und ihre jeweiligen Schicksale so zu verbinden, dass eine Einheit entsteht, und die Geschichte in sich schlüssig ist, ist daher grosses schriftstellerisches Können. Dennoch ist etwas viel in den Roman hineingepackt: Die Pogrome in Russland, die Mafia, Menschenhandel, geldgierige Adelige auf Sizilien, Auswandererschicksale, Prostitution, Gewalt, bigotte Religionsgemeinschaften, unterdrückte Frauen und Bandenkriege auf den Docks kommen ebenso vor, wie wirtschaftliche Not, ausgebeutete Arbeiter und vieles mehr. Hier wäre manchmal weniger mehr.

Schwarz-Weiss und Klischees

Obwohl es sich um eine packende Geschichte handelt, der man sich kaum entziehen kann, kommt man nicht umhin, das sehr deutliche Schwarz-Weiss-Schema zu bemerken, mit dem Luca Di Fulvio arbeitet. Die drei Hauptfiguren sind in ihrer Gesinnung und Handlung makellos, mutig und erfolgreich. Die Bösen sind wahrhaft Böse und die zwei Bösewichte, die eigentlich gar nicht so böse sind, sind im Grunde von edlem Charakter. Hier dürften ruhig mehr Ecken und Kanten vorkommen, die Protagonisten könnten den einen oder anderen Makel vertragen. Leider nutzt der Autor auch einige Klischees, was dem an sich wunderbar gezeichneten Bild vom Leben in Buenos Aires Anfang des 20. Jahrhunderts ein wenig in die Quere kommt. Trotzdem lohnt es sich, die über 750 Seiten des Romans auf sich wirken zu lassen und in die Abenteuer von Rocco, Rosetta und Raquel einzutauchen. Geboten wird ein ungeschminkter, oft höchst brutaler und blutiger Roman, der dennoch viele Feinheiten aufweist und wunderbar unterhält.

Ihre Meinung zu »Luca di Fulvio: Als das Leben unsere Träume fand«

Gina1627 zu »Luca di Fulvio: Als das Leben unsere Träume fand«11.10.2018
Bildgewaltig, schockierend, ergreifend und überaus fesselnd! Eine absolute Leseempfehlung!
Luca di Fulvio ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Mit seinem neuesten Werk „ Als das Leben unsere Träume fand“ ist ihm ein imposanter historischer Roman gelungen. Die Dramaturgie der drei Schicksalswege und seine fesselnde Erzählweise haben mich begeistert!

Seine Geschichte spielt um 1913, einer Zeit, in der viele Menschen hoffnungsvoll in die neue Welt reisten, um dort ihr Glück zu machen und ein besseres Leben führen zu können. Für Rosetta Tricarico ist es der letzte Ausweg. Sie flüchtet vor einem gewalttätigen Baron aus dem kleinen Ort Alcamo auf ein Schiff, dass Richtung Buenos Aires fährt und trifft dort durch Zufall auf Rocco Bonfiglio, der sich dem Zorn und den Machenschaften der Cosa Nostra entziehen will. Auch Raechel/Raquel Bücherbaum, ein 13-jähriges jüdisches Mädchen, ist mit ihnen auf dem Weg nach Argentinien, um dort mit vielen weiteren jungen Frauen aus Russland eine Anstellung bei gutsituierten Familien zu finden. Doch der sehnsuchtsvolle Traum entwickelt sich zu einem dornigen und leidvollen Weg, der ihnen viel abverlangt. Werden sie ihr Glück finden?

Als Fan der Bücher von Luca di Fulvio war sein neuer Roman ein Lesemuss für mich. Von der ersten Seite an hat er einen sofort wieder mit seiner überaus fesselnden und bildgewaltigen Erzählweise in den Bann der Geschichte gezogen. Sehr authentisch kommt die damalige Zeit rüber und erzeugt ein unglaubliches Kopfkino. Die Atmosphäre im Buch ist oft düster, steckt stellenweise voll von gewalttätigen und grausamen Szenen und fasziniert einen immer wieder durch hoffnungsvolle und wunderschöne Momente, in denen Menschen zusammenhalten, sich gegenseitig helfen, achten und lieben. Durch seine drei sich abwechselnden Erzählstränge von Rosetta, Rocco und Raquel bekommt die Geschichte ihre eigenen Dynamik. Der Autor schwenkt natürlich immer in entscheidenden und sehr spannenden Momenten vom einen zum anderen um und man fiebert auf den Fortlauf der jeweiligen Lebens- und Leidensgeschichte hin. Betroffenheit stellt sich ein und ich habe ständig zwischen Hoffen und Bangen geschwebt.

Luca di Fulvio hat wieder ein sehr gutes Händchen für seine Charaktere gehabt. An die Seite von Rocco, Rosetta und Raquel hat er einerseits grausame, korrupte, machtbesessene und durchgeknallte Personen gestellt, aber auch viele wunderbare Menschen, die einem das Herz öffnen. Überaus fiese Charaktere sind hier Amos, ein führendes Mitglied der Sociedad israelita und der Baron, die den drei Auswanderern immer wieder das Leben schwer machen.

Rosetta ist eine wunderschöne und nach außen hin starke, mutige und selbstbewusste junge Frau, innerlich jedoch steckt sie voller Ängste und leidet unter Albträumen. Immer wieder muss sie sich gegen die Gewalt und Macht von Männern wehren bis Rocco den Weg in ihr Herz findet. Er ist ein ehrlicher, gerechter und weitsichtiger junger Mann, der ein Herz für Menschen in Not hat, aber zwischendurch seine Verbindung zur Mafia nicht leugnen kann. Mit Raquel fiebert man vielleicht am meisten mit, da sie die Jüngste von ihnen ist. Sie hat eine unglaubliche Beobachtungsgabe und wird aus dem Verborgenen heraus das Auge für die Menschen, die Missstände nicht sehen können oder wollen. Auf ihre unnachahmliche Weise zeigt sie ihnen diese auf.
Mit einem wunderschönen Fest hat der Autor einen versöhnlichen Abschluss für seine nervenaufreibende und spannende Geschichte gefunden.

Mein Fazit:

Mit „Als das Leben unsere Träume fand“ hat Luca di Fulvio mich total begeistert. Man liebt, kämpft und leidet mit seinen Charakteren mit und ist voll im Bann des Buches. Hoffnung liegt für alle Beteiligten in der Luft und man spürt die Veränderung, die sich in der neuen Welt entwickelt.
Für diesen faszinierenden Roman kann ich nur eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen und hochverdiente 5 Sterne vergeben.
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