Erfolg. Drei Jahre einer Provinz von Lion Feuchtwanger

Buchvorstellungund Rezension

Erfolg. Drei Jahre einer Provinz von Lion Feuchtwanger

Originalausgabe erschienen 1930unter dem Titel „Erfolg. Drei Jahre einer Provinz“,, 878 Seiten.ISBN 3-351-02392-8.

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Kurzgefasst:

Der Münchner Museumsdirektor Martin Krüger hat sich unbeliebt gemacht. Eine Menge Leute wären ihn gerne los. Die vielfältigen Bemühungen für und gegen Krüger sind Drehpunkt eines grandiosen Zeitromans über die politischen und kulturellen Ereignisse in der Stadt München, im Land Bayern, zur Zeit der Inflation und der ersten Versuche des Nationalsozialismus, an die Macht zu kommen.

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Rezension von Almut Oetjen

Der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Martin Krüger soll im München der frühen 1920er Jahre anstößige Gemälde angeschafft und ausgestellt haben. Er wird angeklagt und aufgrund der Falschaussage des Droschkenfahrers Ratzenberger zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Meineid-Prozess war politisch motiviert, die bayrische Staatsregierung wollte den Linken Krüger aus dem Amt entfernen. Johanna Krain, die Freundin Krügers, versucht seine Begnadigung zu erwirken und kontaktiert deshalb einflussreiche Personen aus Kirche, Politik und Wirtschaft. Auch die abgedankte Monarchenfamilie bittet sie um Hilfe. Johannas übelster Kontrahent ist Justizminister Otto Klenk, ein Vertreter der nackten Gewalt.
In diesen Jahren verzeichnet die politische Bewegung Rupert Kutzners und der Wahrhaft Deutschen Machtgewinne, weil sie breite Unterstützung in der Bevölkerung Bayerns genießt. Hinzu kommt eine sehr nützliche Symbiose aus Kutzners Bewegung und den bayrischen Konservativen, durch die Kutzners Aufstieg unaufhaltsam wird.

Eine neue Form des historischen Romans

In den 1920er Jahren geschrieben und zugleich eine neue Form? Tatsächlich war Feuchtwangers Herangehen an den historischen Roman, wie er es in Erfolg vorgenommen hat, nicht nur zur Entstehungszeit des Buches neu, sondern ist es auch heute noch.

Nachdem Feuchtwanger 1925 von Bayern nach Berlin gezogen war, wollte er einen Bayernroman über „Drei Jahre Geschichte einer Provinz“, so der Untertitel von Erfolg, auf eine Weise schreiben, als wäre er, Feuchtwanger, ein „Autor des Jahres 2000“. In zeitlichen Formulierungen stellt er eine Distanz zu den Geschehnissen her, die den Eindruck erweckt, die noch recht frischen Ereignisse lägen weit in der Vergangenheit. Insofern ist der zeitliche Abstand von Erfolg ähnlich wie bei Irène Némirovsky. Aber konzipiert ist er als historischer Roman, wie Feuchtwanger schreibt: ein aus der Zukunft gedachter Roman über eine Vergangenheit, also historisch nicht – wie üblich – durch den Stoff, sondern durch die Methode.

Fiktionales Personal und reale Vorbilder

Der Roman weist eine Vielzahl an Figuren auf, die es Feuchtwanger ermöglichen, die relativ diffuse Entwicklung des Faschismus im städtischen und provinziellen Bayern in einer Mischung aus Historie und Fiktion zu gestalten. Ein Teil des Personals konnte entschlüsselt und realen Personen der Zeitgeschichte zugeordnet werden. Im sehr lesenswerten Nachwort bietet Gisela Lüttig (auch) hierzu einige Ausführungen. So verbergen sich beispielsweise hinter Jacques Tüverlin und Johanna Krain Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta, hinter Kaspar Pröckl Feuchtwangers Freund Bertold Brecht, hinter Josef Pfisterer Ludwig Ganghofer und hinter Balthasar Hierl Karl Valentin.  Der bayerische Ministerpräsident Gustav von Kahr ist abgebildet in Franz Flaucher, dem Besitzer von Dackel Waldmann.

Menschen erzählen Geschichte

Feuchtwangers Roman ist das, was man heute als charaktergetrieben bezeichnet: die Entwicklung wird weniger durch Ereignisse als durch die Handlungsträger vorangebracht.
Schon die Kapitelüberschriften machen dies deutlich: „Herr Hessreiter demonstriert“, „Die Zeugin Krain und ihr Gedächtnis“, „Der Chauffeur Ratzenberger im Fegefeuer“ und „Rechtsanwalt Geyer schreit“ seien hier beispielhaft genannt.
Die Charaktere sind fest verwurzelt in Bayern, besonders in München, das ebenfalls eine Hauptrolle innehat.
Eingestreut sind Kapitel wie „Kurzer Rückblick auf die Justiz jener Jahre“ oder „Einige historische Daten“, die als Komplemente durchaus erhellend sind, ebenso wie Ausführungen zur Landwirtschaft und zu Suiziden.

In seiner Gesamtheit liest sich Erfolg wie eine profunde und unterhaltsame Satire auf Gesellschaft und Politik der Zeit des aufkommenden Faschismus. Literarisch äußerst gelungen, auch in seiner Mehrstimmigkeit, die changiert zwischen Satire und theoretischem Diskursbeitrag, zwischen Hochsprache und bayrischer Mundart, politisch und historisch hochinstruktiv, ist Erfolg ein Buch, das man nur aus einem Grund nicht lesen sollte: um Lesekilometer zu machen.

 

Ihre Meinung zu »Lion Feuchtwanger: Erfolg. Drei Jahre einer Provinz«

Michael Seitz zu »Lion Feuchtwanger: Erfolg. Drei Jahre einer Provinz«12.03.2008
Das Buch schildert absolut lebendig das Sittenbild im München jener Zeit - als wäre man als Leser dabei! Das Motto "bauen, brauen und sauen", im Roman zitiert ist nur ein Beispiel von Feuchtwangers originellem Sprachgebrauch. Wer die Figur des Rupert Kutzner betrachtet, merkt schnell, wen der Autor da in Wirklichkeit charakterisiert: Der Stilmix aus deutscher Hochsprache und bayrischen Dialektausdrücken tut der ganzen Geschichte auch narrisch gut. Feuchtwanger war ein Zeitzeuge. Dies hinderte ihn nicht, die Geschichte von der Warte eines im Jahr 2000 lebenden Autors zu erzählen. Dieser Kunstgriff zeigt eine brachiale Wirkung.
- Lion Feuchtwanger ist und bleibt für mich der beste Autor deutscher Sprache der jemals gelebt hat. Es ist eine Schande, was die Nationalsozialisten an ihm verbrochen haben.
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