Die Geschwister Oppermann von Lion Feuchtwanger

Buchvorstellungund Rezension

Die Geschwister Oppermann von Lion Feuchtwanger

Originalausgabe erschienen 1933unter dem Titel „Die Geschwister Oppermann“,, 381 Seiten.ISBN 3-7466-5607-9.

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Kurzgefasst:

Die großangelegte Fortsetzung zu „Erfolg“, mit der Feuchtwanger seine Wartesaal-Trilogie weiterführt.

Das meint Histo-Couch.de: „Integration, Assimilation, Verfolgung“100Treffer

Rezension von Almut Oetjen

Die vier Geschwister Gustav, Martin, Edgar und Klara Oppermann sind gemeinsame Besitzer des traditionsreichen Möbelhauses Oppermann in Berlin. Gustav, 50, ist Seniorchef und ein Privatgelehrter, der über Lessing forscht. Martin, 48, ist Geschäftsführer und mit der Tochter eines hohen preußischen Ministerialbeamten verheiratet. Beider Sohn Berthold ist siebzehn Jahre alt und Gymnasiast.

Der wachsende Antisemitismus um 1932/33 und dessen Wirkung auf das Familiengeschäft führt zu der Überlegung, mit einem arischen Konkurrenten zu fusionieren. Das Vorhaben misslingt jedoch. Als Bertholds Lieblingslehrer Dr. Heinzius stirbt und durch den Nazi Bernd Vogelsang ersetzt wird, lässt dieser Berthold zum Thema „Was bedeutet uns Heutigen Hermann der Deutsche?“ einen Vortrag vorbereiten und lockt ihn in eine Falle. Zwar steht der Rektor Francoir auf Bertholds Seite, wagt aber nicht, öffentlich Position zu beziehen. Die folgende Hetze gegen Berthold führt dazu, dass er seine Freunde verliert und in eine ausweglose Lage gerät.

Der Arzt Edgar ist Chef der laryngologischen Station der Städtischen Kliniken und arbeitet an einer neuen Behandlung für Kehlkopferkrankungen. Einige der als unheilbar geltenden Patienten kann er retten. Die gestorbenen Patienten werden von den Medien als arische Opfer bezeichnet. Edgar wird aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Tochter Ruth ist Zionistin, lernt hebräisch und will nach Palästina auswandern.

Klara ist mit dem osteuropäischen Juden Jacques Lavendel verheiratet. Die Brüder mögen den „geschäftstüchtigen Ostjuden“ und amerikanischen Staatsbürger nicht besonders. Das Ehepaar hat einen Sohn, Heinrich, der ein Schulkamerad Bertholds ist. Markus Wolfssohn ist Familienvater und Verkäufer bei den Oppermanns. Nachbar Zarnke will Markus’ Wohnung für seinen Schwager. Damit dieses Vorhaben gelingt, denunziert er den gesetzestreuen Bürger als einen der Urheber des Reichstagsbrands.

Fünf Blicke auf das faschistische Deutschland

Die Geschwister Oppermann, der zuerst Die Geschwister Oppenheim hieß, erschien 1933 als zweiter Roman des Zyklus „Der Wartesaal“ in Amsterdam. Der Zeitraum der Romanhandlung reicht von November 1932 bis zum jüdischen Passahfest 1933.

Die Oppermanns sehen die drohenden Gefahren, jedoch eher allgemein und nicht für sich persönlich, weil sie sich gut integriert und assimiliert fühlen. Gustav ist reich und zufrieden, kümmert sich nur am Rande um das Geschäft und um die gesellschaftliche Entwicklung. Anders als Ruth und ihr Mann, unterschätzt Gustav anfangs den Einfluss der Nazis und ihrer Propaganda. Für ihn sind sie nur ein temporäres Phänomen. Als Hitler Reichskanzler wird, unterschreibt Gustav ein Manifest, gerät in den Fokus der Nazis, beginnt aber erst mit dem Brand des Reichstags nachzudenken. Er flieht in die Schweiz. Sein Haus wird beschlagnahmt. Ab einem bestimmten Punkt will er die Deutschen über die Nazis aufklären und geht mit einem gefälschten Pass zurück nach Deutschland.

Die Situation jüdischer Geschäftsleute wird am Beispiel von Martin entwickelt. Nachdem der Fusionskandidat Wels Parteifunktionär geworden ist, übernimmt er den Familienbetrieb und lässt Martin für ein Jahr nur noch die Berliner Stammfiliale. Darin bringt Martin jüdische Angestellte unter. Ein arischer Angestellter denunziert ihn, als Martin nicht alle Juden entlässt.

Die Geschichte Bertholds thematisiert die Entwicklung im Bildungssektor nach der Machtergreifung, die Geschichte Edgars die in Medizin und Forschung. Berthold ist wahrheitsliebend und bekommt deshalb große Probleme. Sein Freund rät ihm einzulenken und zu lügen, glaubt, es sei besser, sich seinen Teil zu denken, statt immer seine Meinung zu sagen. Gymnasialrektor Francoir und Edgars Chef, Geheimrat Lorenz, knicken unter dem Druck der Nazis ein. Sie distanzieren sich von den Oppermanns, um ihre Existenz und Karriere nicht zu gefährden.

Der fünfte Erzählstrang greift die Situation des Kleinbürgers auf. Markus ist ein Freund von Ritualen, besucht zum Lesen seiner Zeitung täglich sein Cafe und ist Vereinsmitglied.

Ein Mikrokosmos

Feuchtwanger konstruiert einen Mikrokosmos exemplarischer Menschen, an deren Beispiel er die Entwicklung Nazideutschlands gestaltet. Er zeigt plausibel, wie verschiedene Denk- und Verhaltensmuster das Leben bestimmen. Die zunehmende Ausgrenzung der Juden, die Anpassung und die Vorteilsnahmen nichtjüdischer Deutscher, Denunziation, Verrat, Lüge, den Weg in die Katastrophe.

Integration, Assimilation bei Verlust der eigenen Identität – dies führt nicht zur Akzeptanz, sondern allenfalls zur temporären Toleranz, die in wachsende Ressentiments mündet und einen gesteigerten Antisemitismus hervorbringt.

Sprachlich elegant entwickelt Feuchtwanger in seinem Roman ausdifferenzierte und psychologisch ausgefeilte Charaktere sowie ein präzises Zeitbild.

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