Der jüdische Krieg von Lion Feuchtwanger

Buchvorstellungund Rezension

Der jüdische Krieg von Lion Feuchtwanger

Originalausgabe erschienen 1932unter dem Titel „Der jüdische Krieg“,, 463 Seiten.ISBN 3-7466-5602-8.

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Kurzgefasst:

Feuchtwanger erzählt das Leben des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus (37 – 100 n.Chr.), der vom brennenden Ehrgeiz erfüllt ist, beides zu sein: Jude und Römer, Israelit und Weltbürger. Doch die Gegensätze drohen ihn zu zerreißen und zerstören seine Familie. Er verläßt das einst so umworbene Rom und kehrt zurück an seinen Ursprung.

Das meint Histo-Couch.de: „Kampf der Kulturen in der Antike“98Treffer

Rezension von Almut Oetjen

„Der jüdische Krieg“ ist der erste Roman der Josephus-Trilogie Lion Feuchtwangers (1884-1958) und erschien 1932 im Propyläen-Verlag. Die Hauptfigur ist der jüdische Priester, Politiker und Schriftsteller Josef Ben Matthias, der der Nachwelt bekannt ist als Flavius Josephus. Das Buch beginnt mit dem ersten Besuch Josefs in Rom, das nach dem großen Brand unter Kaiser Nero wiederaufgebaut wird. Josef soll drei Widerstandskämpfer freibekommen. Minister Talaß gelingt es, eine Strafexpedition gegen Galiläa durchzusetzen. Feldherr Cestius Gall erzielt anfänglich Erfolge, zieht sich dann jedoch zurück, wird von den Gegnern geschlagen und von Rom abgelöst.

Josef wird Volkskommissar für die Provinz Galiläa. Sein (intellektueller) Freund-Feind Justus hat seinen Sitz als Gouverneur in Tiberias. Später schickt Rom zwei Feldherren in einen Krieg gegen Judäa, die militärische Leitung obliegt Vespasian. Josef leitet die Verteidigung und verliert gegen die Römer. Er wird Gefangener Roms und persönlicher Berater des Kaisersohns Titus. Als Chronist des jüdischen Krieges und Verfasser einer Biografie über Vespasian wird er Zeuge der Zerstörung Jerusalems. Das Buch endet mit Josefs Rückkehr nach Rom, das nunmehr von Kaiser Vespasian beherrscht wird.

Mensch und Politik – Alles hat seinen Preis

Feuchtwanger legt eindeutige Schwerpunkte. Er konzentriert sich auf wenige Figuren. Ihm liegt nichts daran, wichtige politische Ereignisse Revue passieren zu lassen, sie als Ankerpunkte zu verwenden. Manches streift er nur am Rande, so die Ausrufung Vespasians zum Kaiser. Manches erwähnt er gar nicht. Der römischen Ostpolitik widmet er mehr Platz. Schon im Umfang als Hauptereignis erkennbar, ist der Feldzug gegen Jerusalem und die Zerstörung der Stadt. Auf hohem sprachlichem Niveau, dabei gut lesbar und bedrückend, beschreibt er die Belagerung. Manche Dinge gibt er aus wechselnder Perspektive wieder, andere gar nicht, dennoch verdichtet sich diese Belagerung zu einem traumatischen Ereignis, das nicht ohne Wirkung auf die Leser bleibt.

Nach seiner Ankunft in Rom erfährt Josef schnell, dass der Alltag der Menschen durch Geschäfte oder die Suche nach Geschäftsmöglichkeiten bestimmt ist. Sogar der Brand Roms erscheint nur als eine Gelegenheit für Spekulanten und andere Geschäftemacher. Manche Senatoren tätigen illegale Geschäfte, was jedoch niemanden zu stören scheint. Die Welt ist halt so, alles hat seinen Preis.

„Wir zahlen die höchsten Preise für Tugend und für Laster.“ (S.17)

Das Denken und Handeln ist bestimmt durch persönliche Nutzenkalküle. Alles Handeln, auch das des Kaisers und der Militärführer, folgt persönlichen Nutzenüberlegungen. Dies wird schon früh deutlich am Beispiel der drei Gefangenen, deren Freilassung Josef bewirken soll. Ob die Männer unschuldig sind, ist nachrangig, falls überhaupt von Interesse. Josef und der beliebte Schauspieler Demetrius Liban gehen einen Handel mit der Kaiserin ein, der zur Freilassung der drei Häftlinge führt. Minister Talaß, ein Falke in der römischen Orientpolitik, nutzt diesen Handel für seine persönlichen Zwecke, die auch die des Volkes sein sollen.

Eine ambivalente Hauptfigur

Josef ist anfangs ein eitler Mensch, der sich den Römern überlegen fühlt und Wert darauf legt, angemessene Plätze angeboten zu bekommen. Er arbeitet an einer Monographie über die Großtaten Vespasians und den Krieg in Galiläa. Damit er nicht auf Informationen anderer Menschen angewiesen ist, will er die Zerstörung Jerusalems persönlich erleben. Zur Verfolgung seiner Ziele ist er viele Dinge zu tun bereit. Auf seinem Weg macht er eine starke Wandlung durch.

Josef und die Frauen

In Josefs Selbstbild hat einen hohen Stellenwert, dass er römischen Frauen gefällt. Soweit es um potenzielle Ehefrauen geht, ist er durch Begehren und Machtüberlegungen bestimmt. Anfangs in Irene verliebt, lässt er sie als nicht mehr seiner Situation angemessen fallen, nachdem er Günstling der Kaiserin geworden ist. Vespasian macht die Jüdin Mara zu seiner Hure und bringt Josef später dazu, sie zu heiraten. Er behandelt Mara schlecht, nicht zuletzt, um in das Priesteramt zurückkehren zu können, das er wieder verlässt, als er Dorion kennen lernt, die er körperlich begehrt und unter Abschluss eines interessanten Vertrages heiratet. Josefs Handlungen folgen einem Zweck, aber er verliert zunehmend die Kontrolle über dieses Handeln.

Zwei politische Seelen streiten in seiner Brust

Ein wichtiges Thema in Feuchtwangers Buch ist der Widerspruch zwischen Nationalismus und Internationalismus. Diesen Widerspruch trägt mit Josef eine Hauptfigur aus, die vor rund 2.000 Jahren gelebt hat und dem Autor somit eine Distanz ermöglicht, die ein ständiges Hinterfragen geradezu abfordert. Josef schließt in diesem Buch seine Wandlung vom nationalen Chauvinisten zum Weltenbürger und zum Schriftsteller Flavius Josephus ab.

Josef und Justus

Die historischen Personen Flavius Josephus und Justus von Tiberias sind Autoren je einer Geschichte des Jüdischen Krieges (66-70). Beide Bücher existieren nur noch als Fragmente. In Feuchtwangers Roman kreuzen sich ihre Lebenswege oft. Zwischen Justus und Josef besteht eine unklare Beziehung, die mal durch Achtung, mal durch Ablehnung bestimmt ist. Josef mag Justus nicht, den er für den besseren und aufrichtigeren Schriftsteller hält. Josef wird durch sein Buch berühmt. Der historische Justus polemisiert in seinem Buch gegen Josephus.

Historische Romane
für das Verständnis der Gegenwart

„Der jüdische Krieg“ bezeichnet den Versuch Feuchtwangers, dem historischen Roman Bedeutung für das Verständnis zeitgenössischer Verhältnisse und Entwicklungen zuzuweisen. Der ernsthafte Autor historischer Romane, der Feuchtwanger ist, verfährt ähnlich dem ernsthaften Historiker, der sich von der Vorstellung verabschiedet hat, eindeutige Wahrheiten gefunden zu haben. Beide liefern Repräsentationen eines gegebenen historischen Kenntnisstands.

Zwischen der historischen Wirklichkeit und den historischen Fakten besteht eine Kluft. Feuchtwanger versucht sein Bild der Wirklichkeit vor 2.000 Jahren wiederzugeben und zu verstehen, sowie ein besseres Verständnis für seine aktuelle Lebenswirklichkeit zu erlangen. Dabei ist die Frage nachrangig, ob er die Fakten korrekt dargestellt hat. Historische Quellen sind zumeist unvollständig und weisen Widersprüche auf. Fakten werden organisiert und interpretiert. Menschen haben die Neigung, das Bild der Geschichte, auch der persönlichen, den Anforderungen ihrer Lebenswirklichkeit gemäß zu formen. Geschichte wird im Nachhinein immer konstruiert. Ein Verdienst des Buches von Feuchtwanger besteht darin, uns, gleichsam neben der eigentlichen Erzählung herlaufend, auf anspruchsvolle Weise hiermit zu konfrontieren.

Ein beeindruckender historischer Roman

Feuchtwanger gelingt es in „Der jüdische Krieg“ auf beeindruckende Weise – sprachlich, in der Strukturierung der Erzählung und im Umgang mit historischen Fakten – eine Welt zu beschreiben und Menschen zu charakterisieren, die beiden Handlungsextremen ausgesetzt sind.

Ihre Meinung zu »Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg«

Beverly zu »Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg«13.05.2012
In der Josephus-Trilogie behandelt Feuchtwanger das Leben des antiken Geschichtsschreibers Flavius Josephus. Sie besteht aus diesen Romanen:

Der jüdische Krieg
Die Söhne
Der Tag wird kommen

Ich fand die Lektüre nicht so kurzweilig wie bei anderen Romanen von Feuchtwanger, aber trotzdem gibt Feuchtwanger hier alles, was er als Autor hat und geben kann. Warum sich mein Lesevergnügen in Grenzen hielt, hat einen literarischen und einen ernsten Grund.

Der literarische Grund liegt in den drei flavischen Kaisern, die eine wichtige Rolle spielen. Feuchtwanger schildert Vespasian, Titus und auch den in der Geschichtsschreibung oft verrissenen Domitian fair, ja bei Domitian sogar mit etwas Sympathie. Aber trotzdem kommen die drei Flavier nicht über Mittelmaß hinaus - andere Figuren von Feuchtwanger waren opulenter, böser, besser, ausschweifender, verrückter, klüger.

Der ernste Grund ist, das Feuchtwanger in der Josephus-Trilogie den Untergang des antiken Israel schildert. Er vermeidet dabei Schuldzuweisungen und prangert die Dummheit und politische Unbedarftheit der Zeloten ebenso an wie die Brutalität und Erbarmungslosigkeit der römischen Militärmaschinerie. Trotzdem bleibt es ein zutiefst deprimierendes Thema und der "Jüdische Krieg" erweist sich als Krieg, in dem es nur Verlierer gab.
Die Zeloten hätten mit Sit-ins vor dem Palatin vermutlich mehr erreicht und weniger erlitten als mit ihrem Aufstand gegen eine Supermacht, der sie "nur" 20 zu 1 unterlegen waren. Für die Römer war es ein weiteres Mal so bequem, politischen, wirtschaftliche und administrative Probleme mit Gewalt zu lösen und die Problemmacher massenahft ans Kreuz zu nageln.

Bezeichnenderweise kommt in der Trilogie eine Passage vor, in der der Senat den Einsatz von Maschinen im Bauwesen ablehnt. Schließlich hat man ja genug Sklaven, die man hundert Jahre vor den Juden abgeschlachtet und ans Kreuz genagelt hatte, als sie revoltierten.
So schildert die Josephus-Trilogie nicht nur den Untergang des antiken Israels, sondern auch den Anfang vom Ende des römischen Reiches, das letzendlich an seiner Erstarrung zugrunde ging.
Almut zu »Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg«09.08.2009
Korrektur zur Rezension:

Im letzten Absatz (wegen der 150 Zeichen ganz zitiert):

"Feuchtwanger gelingt es in „Der jüdische Krieg“ auf beeindruckende Weise – sprachlich, in der Strukturierung der Erzählung und im Umgang mit historischen Fakten – eine Welt zu beschreiben und Menschen zu charakterisieren, die beiden Handlungsextremen ausgesetzt sind."

muss es statt:

"die beiden Handlungsextremen ausgesetzt sind"

heißen:

"die beide Handlungsextremen ausgesetzt sind"
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