Kieler Morgenrot von Kay Jacobs

Buchvorstellungund Rezension

Kieler Morgenrot von Kay Jacobs

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Kieler Morgenrot“,, 312 Seiten.ISBN 3839222273.

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Kurzgefasst:

Kiel, Anfang November 1918. Kurz vor dem Ende des Weltkrieges weigern sich deutsche Matrosen, ihr Leben in einer aussichtslosen letzten Schlacht zu opfern. Der Staat versucht, seine Ordnung aufrechtzuerhalten. Als in einem Waldstück am Kaiser-Wilhelm-Kanal die Leichen von drei Werftarbeitern gefunden werden, übernimmt Kommissar Rosenbaum den Fall. Handelt es sich bei den Toten um politische Aufrührer? Und warum behindern die Politische Polizei und das Militär Rosenbaum bei seiner Arbeit?

Das meint Histo-Couch.de: „Mordermittlungen während der Novemberrevolution“80

Rezension von Jörg Kijanski

In einem Waldstück in der Nähe des Kaiser-Wilhelm-Kanals werden Anfang November 1918 drei Leichen gefunden. Die Obduktion ergibt, dass die Männer bereits seit sechs bis zwölf Monaten tot sind. Kommissar Rosenbaum und seine Assistentin Hedi blicken folglich ein Jahr zurück. Im Sommer 1917 gab es die Matrosenrebellion auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal, im Januar 1918 folgte ein Streik der Werftmitarbeiter. Zwei der drei Ehefrauen der Ermordeten leben noch in Kiel, doch sie können oder wollen den Ermittlern nicht helfen.

„Chef, es geht hier nicht mehr nur um Kaffeeschmuggel; es geht um Meuterei und Defätismus, um Politik auf höchster Ebene, mitten im Krieg: Es geht um alles.“

Eine erste Spur führt zum Gewerkschaftshaus, wo die Männer nach einer Versammlung Ende Januar 1918 für immer verschwanden. Bald wird es ungemütlich für Rosenbaum und Hedi, denn offenbar ist die Marinestation Ostsee involviert und auch Rosenbaums alter Widersacher Iago Schulz, Chef der Preußischen Geheimen Politischen Polizei (PP), mischt sich ein. Rosenbaum wird der Fall entzogen, doch damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig an. Derweil droht die Stadt zu implodieren, denn nicht nur die Matrosen rufen zum Aufstand …

Kurz vor Kriegsende greift der Defätismus um sich

Fast zehn Jahre arbeitet Josef Rosenbaum als einziger jüdischer Kommissar Deutschlands bereits in Kiel, nachdem er 1909 die Stadt Berlin unfreiwillig verlassen musste. Am Tod eines befreundeten Kollegen war er nicht ganz unschuldig, seine Frau und die beiden Kinder liess er zurück. Anschließend entdeckte er seine leicht homosexuelle Neigung, was immer wieder zu Spannungen mit seiner Assistentin führt, die ihm gerne näher kommen würde. Nun schreiben wir im bereits vierten Fall dieser lesenswerten Reihe das Jahr 1918; das Kriegsende steht unmittelbar bevor und Rosenbaum ist unlängst sogar in die SPD eingetreten. Ein undenkbarer Vorgang zur Kaiserzeit für einen preußischen Beamten.

„Sie meinen, Scheer [Chef der Seekriegsleitung] wollte hier eine Rebellion provozieren, um dann die restliche Flotte hinterherzuschicken, damit sich zum Schluss alle gegenseitig versenken?“

„Er wollte die Hochseeflotte in den Entscheidungskampf gegen die Grand Fleet führen und wird gewusst haben, dass sie dabei untergehen würde. Der Gedanke, die Schiffe besser zu versenken, als den Briten auszuliefern...“

„Das ist absurd! Seien sie still!“

Der Kriminalplot gerät früh ein wenig in den Hintergrund des Romans, die politischen Ereignisse bestimmen zunehmend das Geschehen. So wechselt die Handlung zwischen Rosenbaums Ermittlungen und strategischen Besprechungen auf der höchsten politischen Ebene, wie mit den Aufständigen umzugehen ist. Am Ende der Geschichte haben sich die ersten Arbeiter- und Soldatenräte gebildet und Philipp Scheidemann die Demokratische Republik ausgerufen.

„Das Stück, das gegeben wurde, hieß “Weltenbrand„, der letzte Akt hatte begonnen. Sozialdarwinismus und Nationalismus waren die Hybris, der Krieg die Nemesis. Jetzt blieb nur noch die Hoffnung, dass die Revolution zur Läuterung führen würde.“

Wer sich für die politische Situation zum Ende des Ersten Weltkrieges interessiert, darf hier ohne Zögern zugreifen. Die Spaltung der SPD in MSPD und USPD, das Treiben der Spartakisten sowie die Ereignisse rund um den 9. November 1918 werden anschaulich beschrieben. Zahlreiche historische Figuren spielen eine Rolle, das abschließende Personenregister umfasst stolze fünf Seiten. Hundert Jahre nach Kriegsende gibt es etliche Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen. Wer dies mit einem Kriminalfall verbinden möchte, ist bei Kieler Morgenrot gut aufgehoben. Hierzu passend wäre Schwarze Reichswehr von Gunnar Kunz (ebenfalls bei Gmeiner erschienen), das zwar eigentlich 1929 spielt, aber gut zur Hälfte des Romans auf die Ereignisse in den Jahren 1918/19 zurück blickt.

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