Die Engelmacherin von St. Pauli von Kathrin Hanke

Buchvorstellungund Rezension

Die Engelmacherin von St. Pauli von Kathrin Hanke

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Die Engelmacherin von St. Pauli“,, 242 Seiten.ISBN 978-3839223000.

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Kurzgefasst:

2. Februar 1905, 8.00 Uhr: In Sekundenschnelle saust das Fallbeil hinab und trennt Elisabeth Wieses Kopf vom Rumpf. Die Engelmacherin von St. Pauli, wie sie die Öffentlichkeit bereits nennt, ist für den Mord an mindestens fünf Babys vom Hamburger Schwurgericht schuldig gesprochen worden. Doch hat die Frau, deren Aussehen an die Hexe im Märchen erinnert, die Kinder wirklich im Ofen verbrannt? Sie leugnet es bis zum Schluss. Kathrin Hanke ist tief in den wahren Fall eingestiegen und damit in die Abgründe der Geschichte Hamburgs Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das meint Histo-Couch.de: „Auf Spurensuche zu Beginn des 20. Jahrhunderts“75

Rezension von Jörg Kijanski

Mitte der 1890er Jahre ziehen Paula Berkefeld sowie deren Mutter Elisabeth und Stiefvater Heinrich Wiese von Hannover nach St. Pauli. Zuvor hatte Elisabeth wegen Urkundenfälschung, Hehlerei und Betrugs einige Zeit im Gefängnis gesessen. Auch einige Abtreibungen waren dabei, so dass die gelernte Hebamme ihren Beruf nicht mehr ausüben darf. Stattdessen treibt sie die eigene Tochter in die Prostitution, greift deren Geld ab und hofft auf die Ersparnisse ihres Ehemannes, der jedoch sein Sparbuch mit Argusaugen hütet, sofern er nicht sein Geld versäuft. Eine seltsame Ehe beschreibt die Autorin Kathrin Hanke, die ihre Gemeinsamkeit darin hat, dass sie hinter seinem Geld her ist und er froh darüber, dass er – meist nach besoffener Heimkehr – eine Wohnung und ein warmes Bett vorfindet. Und zu essen gibt es, wobei nicht nur der Kaffee manchmal verdächtig bitter schmeckt, auch der ständige Kohlgeruch gibt Heinrich zu denken. Nicht zum ersten Mal verdächtigt er seine Frau, ihn umbringen zu wollen.

Paula hat von alldem genug, von den Freiern und der Prügel der Mutter. Sie schafft es, ein paar Münzen vor der geldgierigen Mutter zu verstecken und eine Schiffspassage nach England zu kaufen. Allerdings kehrt sie von dort bald wieder nach Hause zurück. Sie hat Heimweh und ist zudem schwanger. Die Mutter soll bei der Geburt helfen, jedoch will diese, dass Paula ihren Sohn unmittelbar nach der Geburt umbringt. Paula weigert sich, schläft kurz nach der Geburt ein und wird nie erfahren, was aus ihrem Sohn geworden ist. Angeblich starb er. Paula bricht nun endgültig mit der Mutter, geht zurück nach England, während Elisabeth mehr und mehr eigenes Geld verdient. Viele Mädchen aus einfachen Verhältnissen bekommen ungewollt Kinder, die sie nicht behalten dürfen. Elisabeth vermittelt diese an reiche Familien, die selber keine Kinder bekommen können. Oder so ähnlich, denn als eine der Frauen ihren Sohn wiederhaben will, stellt sich heraus, dass dieser scheinbar spurlos verschwunden ist. Als eine zweite Frau bei der Polizei Anzeige erstattet, nimmt diese die Ermittlungen auf. Weitere Kinder werden vermisst, zudem verstrickt sich Elisabeth Wiese immer mehr in Wiedersprüche. Es kommt zum Prozess, sie beteuert weiterhin ihre Unschuld und letztlich bleiben mehrere Kinder unauffindbar. Gleichwohl fällt am 2. Februar des Jahres 1905 um 8 Uhr das Fallbeil …

Intensive Einblicke in die damaligen Gesellschaftsverhältnisse

Viele Unterlagen gibt es über den Fall Elisabeth Wiese nicht, etliche dürften im Zweiten Weltkrieg verbrannt sein. Dennoch gelingt es Kathrin Hanke, die bereits ein Buch über die Giftmörderin Grete Beier (Gmeiner 2017) vorgelegt hat, eine spannende Geschichte zu erzählen, deren Ausgang im Ungewissen endet. Allerdings gibt der Handlungsablauf sowie das Wesen der Elisabeth Wiese, die aus Geldgier ihre zwielichtigen Geschäfte praktizierte, Anlass zu der Vermutung, dass es wohl kein Fehlurteil gewesen sein dürfte, dem eine Anklage unter anderem auf fünffachen Kindsmord zugrunde lag.

„Der letzte Hexenprozess in Hamburg war zwar über 300 Jahre her, dennoch scheuten gerade die einfachen Leute auch heutzutage nicht davor zurück, Menschen, die ihnen unheimlich waren oder die sie schlicht nicht mochten, Untaten anzudichten. Und wenn es sich dabei um Frauen handelte, wurden sie gern der Engelmacherei oder des Kindsmords bezichtigt, vor allem, wenn sie deshalb schon einmal vor Gericht gestanden hatten. Dieses Stigma wurde kaum mehr eine los. War es so im Fall Wiese? War es überhaupt ein Fall?“

Der Fall wird vielschichtig erzählt, beginnend mit der Tortur von Paula, die für ihr Geld anschaffen muss; von der eigenen Mutter zur Prostitution gezwungen. Daneben werden mehrere junge Frauen aus einfachen Verhältnissen und ihre jeweiligen Lebenssituationen vorgestellt, die es ihnen nicht möglich machen, ihren Kindern eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen und sie deswegen in fremde Hände geben. Das letzte Drittel beschreibt dann die Untersuchungen der Polizei und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die in einem Prozess enden, dessen Ausgang bekannt ist. Abschließend erläutert die Autorin, welche Figuren erdacht, welche real sind und was sie über den Fall herausgefunden hat. Wer sich für wahre Kriminalfälle interessiert, findet hier eine interessante und zudem weitgehend unbekannte Geschichte, die aus den üblichen Mustern herausfällt.

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